„Kasernieren hilft nicht“

Interview Massenunterkünfte sind ungeeignet für Flüchtlinge, erklärt Hermann Anselstetter, der Bürgermeister aus dem bayrischen Wirsberg
Christian Füller | Ausgabe 34/2015 2
„Kasernieren hilft nicht“
Ob das hilft? Bundesinnenminister de Maizière besucht eine Flüchtlings-Erstaufnahmestelle in Deggendorf

Foto: Joerg Koch/AFP/Getty Images

der Freitag: Herr Anselstetter, viele Kommunen wehren sich gegen Flüchtlinge. Aber Sie wollen mehr, was ist Ihr Trick?

Wir lehnen Massenunterkünfte und Kasernierung ab. Das schreckt die Menschen nur ab. Einmal wollte man – ohne unser Wissen – in einem kleinen bäuerlichen Ortsteil, der kilometerweit entfernt lag, 60 Asylbewerber unterbringen. Aber da gab es nur 90 Einwohner. Das kann nicht gut gehen.

Und was geht gut?

Wenn wir die Menschen in Wohnungen aufnehmen, entweder in kommunalen oder privaten. Das klappt. Wir haben als Gemeinde extra ein Haus gekauft und aktiv bei den Wirsbergern darum geworben, Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Wir haben dafür richtig kämpfen müssen.

Gegen wen?

Gegen die Behörden. Das Sozialministerium in München war gegen unseren Wirsberger Weg, die Asylstellen wollten es nicht haben und auch der Landkreis nicht. Das sei nicht wirtschaftlich, lautete das Argument. Dabei hat unser Weg viele Vorteile.

Welche sind das?

Hermann Anselstetter, 68, ist pensionierter Lehrer und seit 1978 Bürgermeister im bayrischen Wirsberg Foto: Presse

Die Menschen lernen sich anders kennen. Der private Vermieter zum Beispiel verpflichtet sich, mit seinen Gästen zum Arzt zu fahren oder Einkäufe mit ihnen zu erledigen. Das führt die Menschen zusammen. Eine tschetschenische Familie hat gerade mich und die Nachbarn zum Ende des Ramadans eingeladen – ein berührender Moment. Uns gelingt es besser, die Menschen zu integrieren, wenn wir nicht vor Massenunterkünften auf das Fremde starren.

Was heißt das konkret?

In Wirsberg öffnen sich die Vereine für die Menschen in Not. Bei TSV Wirsberg spielen Jungs Fußball, andere gehen zur DLRG ins Bad zum Schwimmtraining. Wenn man erst mal im engeren Kontakt ist, kommt eins zum anderen. Weil die Leute wissen, dass wir uns engagieren, werden wir immer wieder um Hilfe gerufen.

Worum geht es dabei?

Meistens um sehr konkrete Einzelschicksale. Zum Beispiel hat mich die Schule gebeten, im Fall von zwei tschetschenischen Schülern etwas zu unternehmen ...

… weil sie Blödsinn gemacht haben?

Nein, sie gehören zur Leistungsspitze ihrer Schule, obwohl sie vor kurzem noch kein Wort Deutsch konnten. Die Schule stellte fest, dass die Leistungen der Jungs rapide abfielen, weil es in der Massenunterkunft Mobbing gab. Also haben wir uns bemüht, diese Familie in eine Einzelunterkunft zu holen. Der Erfolg ist der, dass einer der beiden bereits von der Haupt- in die Realschule aufgestiegen ist.

Gibt es ein Rezept für erfolgreiche Aufnahmen von Flüchtlingen?

Eher Grundregeln: Erstens muss der Bürgermeister vorangehen, um Massenunterkünfte zu vermeiden. Das heißt, die Landwirte ansprechen, Hoteliers und Privatleute. Zweitens ist es wichtig, mit den Asylsuchenden in ihrer Sprache Kontakt aufzunehmen. Dann kann man den Leuten direkt helfen, in unserem Fall den Familien die Schulen und Kitas zeigen, auch mal ein Windelpaket kaufen. Wichtig ist es auch, die Vereine einzubeziehen. Das Wichtigste aber wäre Arbeit, Arbeit, Arbeit – aber da sind uns die Hände leider gebunden.

Warum ist Arbeit wichtig?

Weil die Flüchtlinge arbeiten wollen. Die wollen ein besseres Leben führen. Wir versuchen alles, was geht. Aber man kann die Menschen nicht ausbeuten. Ich kann ja nicht immer nur Pralinen schenken.

Was würde Ihnen helfen?

Wir als Bürgermeister brauchen mehr Möglichkeiten. Etwa um ein faires Taschengeld zu bezahlen oder Einkaufsgutscheine auszugeben. Wenn das erlaubt wäre, dann gäbe es viele Probleme nicht.

Das Gespräch führte Christian Füller

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06:00 02.09.2015
Geschrieben von

Christian Füller

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