Krieg der Köpfe

Gesellschaft Die gute Nachricht: Immer mehr machen Abitur. Die schlechte: Das Bildungssystem gerät aus den Fugen
Christian Füller | Ausgabe 34/2016 6
Krieg der Köpfe
Die Republik wird immer schlauer. Aber wer gewinnt, und wer verliert?

Illustration: der Freitag

Helmut Kohl hatte immer eine feine Nase für Probleme. Und Talent für zugespitzte Darstellungen. „Unsere jungen Leute“, sagte er einmal, wollen „möglichst lange auf dem bequemen Sofa des Umhegtseins sitzen bleiben.“

Das war 1993. Der Kanzler der geistig-moralischen Wende machte sich damals Sorgen. Anfang der 1990er hatte nämlich die Gesamtzahl der Studierenden erstmals die der Lehrlinge überschritten. Das nervte Kohl, der nie einen Hehl daraus machte, dass ihm Studierende irgendwie suspekt waren. Er hielt die „duale Berufsausbildung für das Fundament unseres Ausbildungssystems“.

Heute sind wir alle wie der Altkanzler. Die Zahl der Abiturienten boomt wie nie zuvor in Deutschland. Trotzdem ist der Jammer groß: Die Abiturienten werden immer mehr und immer dümmer! Woher kommt die Schwemme der Einser-Abiture? So oder so ähnlich lautet das Geschrei. Es reicht vom konservativen Lehrerverbandsvorsitzenden Josef Kraus bis zu aufgeklärten Liberalen wie Julian Nida-Rümelin, der das Wort vom „Akademisierungswahn“ erfunden hat. Auf den ersten Blick sind das nachvollziehbare Ängste. Freilich geht es längst nicht nur um die Abiturienten. Die Umwälzungen sind tiefgreifend. Sie bringen ein hoch differenziertes und exzellentes Bildungssystem aus dem Gleichgewicht.

Kampf um die Besten

Betroffen ist, erstens, das Abitur, der Deutschen liebster Bildungsfetisch, seit es 1834 durch Friedrich Willhelm II. in Preußen als allgemeine Maturitätsprüfung eingeführt wurde. In Mitleidenschaft gezogen wird, zweitens, die duale Berufsausbildung in Meisterbetrieb und Berufsschule. Damit wird das Rückgrat des einstigen deutschen Wirtschaftswunders geschwächt: der Facharbeiter. Und drittens erwischt es die Hochschulen. Sie, die schon die Expansion der 1970er Jahre kaum verkraftet haben, sollen bald drei Millionen Studierende „ausbilden“.

„Ausbilden“ – das ist das Schlüsselwort. Denn Ausbildung, das hat die Kulturnation seit Wilhelm von Humboldt stets nur mit einem Anflug von Ekel hingenommen. Die Krone der Schöpfung setzte man sich in Deutschland von jeher durch „Bildung“ auf. Den Begriff mit seiner elitären Aufladung gibt es in anderen Sprachen gar nicht. Bildung, das war daher von jeher nur für einen sehr kleinen Teil der Deutschen vorgesehen. Das Abitur ist gewissermaßen der Beleg dafür, das zentrale Zertifikat. Der gemeine Volks- oder Hauptschüler oder gar der Sonder- oder Hilfsschüler sollte an dieser Art von Bildung nicht teilhaben. Für den praktisch Begabten war der Weg zur Berufslehre vorgesehen. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ ist in Wahrheit kein Song von Franz Josef Degenhardt, sondern eine deutsche Haltung, und zwar eine arrogante und undemokratische.

Genau damit aber ist nun Schluss. Denn im Jahr 2016 haben fast 60 Prozent des Altersjahrgangs ihr Abitur geschafft. Diese Quote wird erstmals im Normalbetrieb erreicht, also ganz ohne den Sondereffekt der doppelten Abi-Jahrgänge seit 2011. Damit ist die Humboldt’sche Lebenslüge endgültig passé. Zum ersten Mal muss Deutschland praktisch alle seine Kinder als gleichberechtigte Lernende wertschätzen – weil das Gymnasium de facto zur Hauptschule der Nation geworden ist. Das bedeutet Umdenken. Denn die erfreuliche Entwicklung, dass mehr Menschen in Deutschland Zugang zu besserer Bildung haben, löst Wachstums- und Phantomschmerzen aus.

Die duale Ausbildung, ein – zusammen mit Österreich und der Schweiz – weltweit einzigartiges System, leidet wegen des Abiturbooms an akuter Schwindsucht. Dieses Jahr könnte die Zahl der frisch abgeschlossenen Lehrverträge erstmals unter die symbolisch wichtige Marke von 500.000 rutschen. Für den Mittelstand ist das eine kleine Katastrophe. In der vom Zunftwesen kommenden Ausbildung ist das ganze Berufs- und Materialwissen der Nation gespeichert. Ohne Azubis keine Gesellen, keine Facharbeiter, keine Meister. Im war for talents, dem Kampf um die besten Köpfe, ziehen die Ausbildungsbetriebe gerade eindeutig den Kürzeren.

Gleichzeitig weisen die Lehrherren in großer Zahl Bildungsverlierer, schlechte Schüler und Nachzügler ab. Das führt zu einer paradoxen Situation. Bei der letzten Zählung Ende Juli waren noch 172.000 Lehrstellen unbesetzt – aber es suchten auch noch 149.000 Jugendliche. Der überraschende Zuzug Hunderttausender jugendlicher Flüchtlinge ist aus dieser Perspektive ein historisches Glück. Sie tragen dazu bei, dass viele Handwerker ihre Lehrstellen endlich wieder besetzen können. Allein die Flüchtlinge werden den Niedergang der Berufsausbildung allerdings nicht verhindern.

In den Gymnasien löst der Run aufs Abitur einen regelrechten Kulturkampf aus. Studienräte stellen fest, dass unter den Pennälern plötzlich auch Schmuddelkinder sitzen. Nun können die Lehrer nicht mehr nach dem Motto verfahren: „Wer nicht mitkommt, wird abgeschult.“ Oberstudiendirektoren müssen ihren auf Akademiker- und Beamtenkinder gemünzten sokratischen Dialog beenden. Es breitet sich reformpädagogischer Kümmersprech aus. Sechser und Sitzenbleiben sind auf einmal verpönt. Das schockiert Bildungsbürger und alte Eliten. Sie träumen insgeheim noch von Dr. Pfeiffer und der kleinen, feinen Oberprima aus der Feuerzangenbowle.

Das dritte Sorgenkind neben Lehre und Gymnasium ist die Hochschule. Sie wird geradezu überrannt. 2,8 Millionen Studenten sind derzeit eingeschrieben – Tendenz steigend. Grundsätzlich sind die Universitäten von ihrer Studienstruktur her auf den Ansturm der Arbeiterkinder gut vorbereitet. In den neuen verschulten Bachelor-Kurzstudien gilt nicht mehr das faustische Studienmotto: „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie studiert.“ Der Bachelor ist kein Trial-and-Error-Programm. Hier wird gebüffelt und gepaukt. Nach sechs Semestern kann Schluss sein. Ideal, um vielen Studierenden einen ersten wissenschaftlichen Abschluss zu geben.

Expansion auf Pump

Dennoch rumpelt es in den Unis. Schon macht sich dort wieder eine Spezies breit, die es – angesichts der kurzen Bachelorstudiengänge – eigentlich nicht mehr geben dürfte: der Langzeitstudent. Das Problem der Universitäten ist der unverschämte Geiz der Bundesländer. Sie weigern sich, genügend Hochschullehrer einzustellen. So kommt es zu einem fatalen Zusammenprall; einerseits dem Geschenk so vieler Studienberechtigter und -williger wie nie zuvor; andererseits der Entstehung eines neuen universitären Prekariats: Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiter, die schlecht bezahlt und ausgebeutet werden. Bildungsexpansion auf Pump.

Das Ergebnis ist eine verrückte Situation. Die Qualifikationsanforderungen im Beruf steigen rasant. Heute muss ein Tischlerlehrling Apps programmieren können und in der Lage sein, 3-D-Drucker und Holzbearbeitungsrobotor zu bedienen. Der Abi-Boom ist darauf die richtige Antwort zum richtigen Zeitpunkt. Die Bevölkerung ist bereit, massenhaft mehr zu lernen, sich zu bilden und höher zu qualifizieren. Ein regelrechter Bildungsschub ist zu beobachten. Das traditionell elitäre deutsche Bildungssystem wird demokratisiert. Die Öffnung der 1970er Jahre war dagegen allenfalls ein Klacks.

Gleichzeitig ist das Land aber nicht bereit, diesen wünschenswerten Prozess aktiv zu stützen. Nur, wer die Proportionen innerhalb eines Systems so grundlegend ändert, der sollte die Bildungsinstitutionen auch in die Lage versetzen, sie zu bewältigen. Und er sollte die in großer Zahl Richtung Abitur umgelenkten Bildungsteilnehmer auch informieren und beraten.

Während die Ewiggestrigen – und neuerdings auch Linke – die Inflation des Abiturs beklagen, sind sich die Experten weitgehend einig, wie man mit dem Boom der Qualifikationen umgehen muss.

Auch in den Gymnasien muss es endlich eine echte Berufsberatung geben. Das heißt, nicht mehr nur in die Oberstufen zu gehen und über 17.352 Studiengänge zu informieren, sondern Berufsberater in die Schulen zu schicken. Die Abiturienten wissen gar nicht, wie weit verzweigt das Berufswesen ist – und wie lukrativ. Freilich ist für die jungen Leute nicht eine schmalspurige Berufsberatung im engeren Sinne gefragt. Das würde den Träumen und dem Aufstiegsversprechen nicht gerecht. Viele der neuen Abiturienten sagen: „Ich bin der Erste in meiner Familie, der das Abitur hat, ich muss studieren, sonst sind meine Eltern enttäuscht.“ Der Abitur-Boom verstärkt sich gewissermaßen selbst. In Zukunft muss es nach dem Abitur aber öfter heißen: Gehe nicht über Universität, gehe direkt in die Ausbildung.

Schwarm der vielen

Wenn die Abiturienten nicht zur dualen Ausbildung kommen, dann kommt die Lehre halt zu den Studierwilligen – als dualer Studiengang. Vor einigen Jahren gab es nur eine Handvoll dieser akademischen Schwestern der Berufsausbildung, meist an Berufsakademien. Inzwischen finden sich 900 solcher Studiengänge, die – im Prinzip – die Idee des dualen Lernens aufgreifen: In den Semesterferien arbeiten die Studenten im Betrieb und verdienen ein Gehalt als Azubi. Und in der Studienzeit absolvieren sie ein Studium – und werden ebenfalls voll bezahlt.

Das vielleicht größte Problem sind die Hochschulen. Sie sind abhängig davon, dass die Bundesländer sie auskömmlich finanzieren. Davon aber sind sie weit entfernt. Zwar pumpt der Bund in Form von Sonderfinanzierungen für Elite-Universitäten, Spitzenforschung sowie über den Hochschulpakt viel Geld in die Hochschulen. Gleichzeitig nimmt aber die Grundfinanzierung durch die Länder kontinuierlich ab. Man hat das Gefühl, dass die Länder ihre Zuschüsse für die Unis mit jedem Elite-Euro vom Bund herunterfahren. Besonders filigran ist die Antwort auf diese Frage daher nicht. Sie heißt: mehr Geld für die Hochschulen! Sonst geht die zweite Bildungsexpansion seit den 1970er Jahren in die Hose.

Hier setzen die Akademisierungswahnsinnigen im Kassandrachor ein: Immer mehr Abiturienten und Studenten, jammern sie, so kann es doch nicht weitergehen!

Doch, so geht es weiter. Und das ist auch gut so. Denn die Bildungsrepublik hat sich verändert, weil wir das alle wollen. Die OECD will es, die mit den Pisa-Studien das High-Potential-Rennen zu Beginn der 2000er Jahre eingeleitet hat. Die Konservativen wollen es, deren Frontmann Edmund Stoiber den Abitur-Boom mit der Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre erst auslöste. SPD und Grüne wollen es und die Eltern übrigens auch. Kein Politiker kann es sich heute leisten, den Flaschenhals zur Allgemeinen Hochschulreife wieder zu verengen – er würde sofort abgewählt.

Freilich sollte sich niemand Illusionen machen. Mehr Bildung bedeutet mehr Chancen. Aber mehr Bildung für mehr Teilnehmer heißt vor allem mehr und härtere Konkurrenz. Früher bedeutete das Abitur in der Tasche, dass Beruf, Einkommen, Leben praktisch geordnet waren. Heute heißt es, im Schwarm der vielen um die besten Plätze zu buhlen. Erhöhte Chancengleichheit hat insofern ein zutiefst kompetitives Element.

„Es war das erklärte Ziel, auch Nichtakademiker-Familien die Tür zu den Hochschulen zu öffnen“, sagt Heike Solga, Bildungs- und Arbeitsforscherin am Wissenschaftszentrum Berlin. „Hat irgendjemand erwartet, dass die Akademiker ihre Kinder dann vom Abi fernhalten?“

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 21.09.2016
Geschrieben von

Christian Füller

http://christianfueller.com
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Christian Füller

Ausgabe 32/2020

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