Merkwürdiges Merton

Online Das neue Netzmagazin des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft „Merton“ besticht nicht gerade durch journalistische Qualität
Christian Füller | Ausgabe 07/2016

Aufregend ist dieser Club nicht gerade. Und so war es bisher auch mit dem Mitgliederheft des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft. Das Magazin namens Wirtschaft & Wissenschaft landete auf den Schreibtischen von BMW, Degussa, Eon und so weiter, denn der Stifterverband besteht quasi aus forschungsinteressierten Dax-Unternehmen. Wahrscheinlich verschwand es fix in den Schubladen der Vorstände.

Aber jetzt wird alles anders. Und zwar wegen online und Netz und so. Der sonst sehr ausgeruhte Stifterverband hat ein aufregendes Netzmagazin namens Merton aus der Taufe gehoben. „Möglichst gute Geschichten“ wollen die Stifter erzählen, junge Wissenschaftler porträtieren, überhaupt alles, was mit Bildung und Erkenntnis zu tun hat, auf eine ganz neue Art visualisieren. „Personalisiertes Storytelling“, fabulieren die Stifter, „ruft geradezu nach Bilderstrecken, nach Audio- und Videoinhalten, die das geschriebene Wort ergänzen und vertiefen.“

Das ist das übliche Phrasenfeuerwerk, das im Online-Treibsand versinkende Printtitel abschießen, wenn sie ankündigen, sich an den eigenen Haaren aus dem Schlamassel ziehen zu wollen. Im Unterschied aber zu den Blättern, bei denen es um ihr und das nackte Überleben einer ganzen Zeitungskultur geht, ist merton-magazin.de auf Rosen gebettet. Denn das üppige Magazin – das übrigens so gut wie kein multimediales Storytelling betreibt – ist billiger als die langweilige Printausgabe. Obendrein hat Merton ja den halben Dax hinter sich. Die eingekauften Kolumnisten – unter anderem die Tech-Schriftstellerin Kathrin Passig und der Netz-Lern-Darling Gunter Dueck – berichten von ordentlichen Honoraren.

Wo man sich allerdings Sorgen machen muss, ist die journalistische Qualität. Die ersten Strecken im Magazin 2.0 sind, freundlich gesagt, irritierend. Da wird die Lobbyistin des Computerspielverbands Game gerade so interviewt, als wäre der Gesprächspartner ein Mikrofonständer. Linda Breitlauch kann ungestört von Zwischenfragen ausbreiten, wie fantastisch Computerspiele fürs Lernen sind. Der Hinweis, dass Breitlauch Interessenvertreterin ist, fehlt. (update 2.3. Inzwischen hat der Stifterverband den Lobbyisten-Hinweis eingefügt. Vorher sah Breiltauchs Bio so aus) Auch ein Interview mit Bahnchef Rüdiger Grube findet sich – es dürfte der Auftakt einer Reihe sein, die den Namen tragen könnte: Ältere Herren aus der Stifterverbandsriege erzählen Dönekes.

Den Vogel aber schießt jemand ab, der „sich seit vielen Jahren autodidaktisch mit Soziologie, Philosophie, Wirtschaft und Politik“ befasst. Der Mann widmet sich den Professoren-Watch-Blogs. Diese Blogs gibt es praktisch nur in einer Erscheinungsform – als Kritik- und Diffamierungskolumnen, und zwar anonym. Studierende, die im Seminar nicht die Traute haben, ihre dissenting votes abzugeben, laden zu Hause vor dem Rechner ihren Frust ins Netz. Aber, staun, bei Merton liest sich das nun ganz anders. Hier ist das anonyme Anprangern plötzlich der „Ort der Habermas’schen herrschaftsfreien kritischen Auseinandersetzung“. Und das Seminar, in dem sich die Studierenden nicht äußern „ein Ort der einseitigen frontalen Ausbildung, der gekränkten Eitelkeiten, der unterschwelligen Angst aufgrund von Leistungsdruck und der Machtspiele um Deutungshoheiten“. Interessante Meinung. Aber primär ist es ein Zeichen bevorstehender Spaltung: Der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft hat sich mit Merton ein Ei ins Nest gelegt, das seine Corporate Identity bald gründlich in ihre Bestandtteile zerlegen könnte.

06:00 02.03.2016
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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