Misere der Bequemen

Berlin Der schlechte Zustand der Schulen ist sprichwörtlich. Neue Ideen werden einfach blockiert
Christian Füller | Ausgabe 36/2016

Die Lernergebnisse in manchen Berliner Kiezen sind empörend. In einigen Weddinger Schulsprengeln etwa können sechs von zehn Drittklässlern kaum lesen und schreiben, in Neukölln und Kreuzberg sieht es ähnlich aus. Weil es Berlins Regierungen seit Jahrzehnten nicht gelingt, diesen Zustand zu ändern, kommt nun Hilfe von überraschender Seite: von Privatschulen.

Es scheint eine neue Subspezies zu entstehen – Privatschulen für Arme. Nach der Quinoa-Privatschule im Bezirk Wedding hat sich nun eine weitere Freie Schule mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet, Bildungsarmut zu bekämpfen: die Freudberg-Schule von Nizar Rokbani. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat ebenfalls ein Konzept für eine freie „Bürgerschule“ in der Schublade. Das Problem der neuen Schulen: Berlins Verwaltung hintertreibt ihr Entstehen, wo sie nur kann. Die Bürgerschule des Paritätischen wollte eine staatliche Schule übernehmen, die ohnehin vor der Schließung stand. Schulgebäude in Berlin zu suchen ist für Privatschulen stets ein Spießrutenlauf.

Die Schule Quinoa im Wedding hat das bereits hinter sich. Dort geht es um das neue, anspruchsvolle Ziel, das Privatschulen in Armutskiezen erreichen wollen. „Wir wollen es nicht zulassen, dass in Bezirken wie Wedding jedes Jahr eine Generation junger Menschen praktisch weggeschmissen wird.“ Die das sagt, heißt Fiona Brunk und ist die Gründerin von der Quinoa-Schule, die vor zwei Jahren entstand. Bei Quinoa werden erst die Schüler ausgesucht, dann wird festgestellt, wer das Schulgeld überhaupt zahlen kann. Der Clou von Quinoa ist, dass sich dort Sponsoren zusammenfinden, die das Schulgeld für Arme übernehmen. 81 Prozent der Schüler dort lernen gratis. Brunk meint, dass sich inzwischen auch die Haltung der Behörden ihrer Schule gegenüber geändert hat. "Wir haben seit ungefähr eineinhalb Jahren eine hervorragende Schulaufsicht für freie Schulen", sagt sie.

Der Ansatz Nizar Rokbanis, der zum neuen Schuljahr die private Freudberg-Schule eröffnet, ist ähnlich. Rokbani, der von der Hotel-Hilfskraft zum erfolgreichen Hotelier aufgestiegen ist, hält etwa ein Drittel der Plätze seiner Schule für Kinder offen, wie er eines war: Migrantenkinder und Bildungsarme, die – so Rokbani – „das gleiche Recht haben müssen, gute Lehrer zu treffen, die an sie glauben“. Der Unternehmer will freilich eine Berliner Mischung in seiner Schule haben. Auch die Kinder der Schönen und Reichen sind bei Freudberg willkommen.

Beide Schulen sind bei der Montessori Stiftung untergeschlüpft – obwohl sie mit der reinen Lehre von Maria Montessori wenig zu tun haben. Der erfahrene Träger ermöglicht es, dass die beiden Schulen sofort Zuschüsse des Staates bekommen. Normalerweise muss eine neue Privatschule darauf Jahre warten. Montessori-Vorstand Christian Grune betreut sieben Freie Schulen in Berlin, er kann wenig mit dem Vorwurf anfangen, die Privaten seien elitäre Schulen für wenige. „Wir sind öffentliche Schulen in freier Trägerschaft, wir erfüllen die gleiche Aufgabe wie staatliche Schulen, sagt er. „Nur dass wir an der Schulplanung nicht beteiligt werden.“

Auf die bevorstehende rot-grüne-rote Regierung blicken die Privatschulen für Arme mit Spannung. Denn in dieser Konstellation verstecken sich die härtesten Gegner Freier Schulen. Rot-Grün-Rot in Kreuzberg blockiert seit Jahren die Ansiedlung privater Schulen – auch Nizar Rokbani wurde zu Beginn des Jahres dort abgewiesen; er wich in einen anderen Bezirk aus. Anführerin der Privatschulgegner ist Kreuzbergs Grüne Bürgermeisterin Monika Herrmann. Sie hat als Bildungsstadträtin einst veranlasst, dass Privatschulen erst dann ein Gebäude bekommen, wenn Chancengleichheit herrscht – also nie. Ausgerechnet Herrmann könnte unter Rot-Grün-Rot Bildungssenatorin werden.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 21.09.2016
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

Ausgabe 33/2020

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