Holt ihn raus

Türkei Deniz Yücel ist so etwas wie die personifizierte Pressefreiheit. Gerade seine Grenzgänge sind es, die unserem Beruf erst Sinn geben
Holt ihn raus
Bleibt weiter in Haft: Deniz Yücel

Foto: Müller-Stauffenberg/Imago

Eine ziemliche Krawallschachtel ist Deniz Yücel. Der Welt-Journalist brachte es fertig, den Papst in einem kurzen Kommentar gefühlte 1.000-mal unflätig zu beschimpfen; wie er mit Thilo Sarrazin umgesprungen ist, war ebenfalls nicht zimperlich, manche sagen sogar: menschenverachtend. Jürgen Trittin hat ihn wegen seiner provokanten Texte als „Schweinejournalisten“ geschmäht – und ihn damit auch geadelt.

Nun sitzt Yücel, der seit einiger Zeit in der Türkei als Korrespondent arbeitet, dort in Polizeigewahrsam. Ohne Anklage. Die Staatsanwaltschaft hat gerade mitgeteilt, dass sie ihn weitere sieben Tage festhalten will. Erneut ohne Anklage. Das ist Mittelalter. Yücel muss raus aus der türkischen Zelle. Sofort. Aus menschlichen Gründen – und aus politischen.

Deniz Yücel ist so etwas wie die personifizierte Pressefreiheit. Gerade seine Grenzgänge sind es, die unserem Beruf erst Sinn geben. Die besonderen Rechte und der Schutz für Journalisten sind für mutige, manchmal durchgeknallte Kollegen wie Deniz Yücel gemacht. Pressemitteilungen nachplappern kann jeder, Tweets schicken auch. Politik mutig und respektlos zu begleiten und so zuzuspitzen, dass einem beim Lesen der Kopf schmerzt, dazu braucht es Kollegen wie Deniz Yücel. Und übrigens auch Menschen wie ihn. Ich kenne wenige, bei denen Person und Profession so in eins fallen.

Wie so viele scharf denkende und frech überziehende Zeitgenossen ist Deniz ein feiner und verletzlicher Geist. Seit Wochen schon hielt er sich versteckt, er schrieb und twitterte nicht mehr. Kein gutes Zeichen. Wer austeilt, muss auch einstecken können – dieser Satz mag als Redensart seine Bedeutung haben. Unter Bedingungen, wie sie zurzeit in der Türkei herrschen, gilt dies nicht. Weil es dort einem Todesurteil gleichkommen kann.

Was geschieht gerade mit unserem 43- jährigen Freund und Kollegen im türkischen Gewahrsam? Wird ihm „nur“ Angst gemacht? Oder werden ihm die Finger gebrochen? Gar das Rückgrat? Es ist überlebenswichtig für Yücel, dass es die Meinungsfreiheit gibt. Aber das gilt umgekehrt genauso: Kollegen vom Schlage eines Deniz Yücel erfüllen die Meinungsfreiheit erst mit Leben. Niemand tut mehr für die Meinungsfreiheit in der Türkei als Journalisten wie er.

Rund um den Fall Yücel finden ein paar Merkwürdigkeiten statt, nein, nennen wir es beim Namen: Skandale. Es ist schwer auszuhalten, dass ein Kollege, der in Deutschland geboren ist und einen deutschen Pass besitzt, unter Terrorismusverdacht in einem türkischen Gefängnis einsitzen muss – nur weil er kritisch berichtet und zufällig auch einen türkischen Pass hat. Das Konzept des Doppelpasses wird durch die türkischen Behörden ad absurdum geführt. Sie entziehen Yücel seine Rechte als Bürger.

Leider kann man absurdes Verhalten auch deutschen Behörden vorwerfen. Dass der türkische Ministerpräsident Yildirim zeitgleich in Deutschland Wahlkampf machen darf, ist ungeheuerlich. Yücel sitzt ohne Rechte in einer Zelle, er ist dort nicht sicher. Aber der Ministerpräsident dieses Regimes wirbt auf deutschem Boden für die endgültige Transformation der Türkei in eine präsidiale Autokratie. Es wäre eine Selbstverständlichkeit gewesen, dem türkischen Regierungschef zu bedeuten, dass er hierzulande eine unerwünschte Person ist – so lange, bis Deniz Yücel sein Recht bekommt. Also, holt ihn raus. Jede Sekunde in der Zelle ist eine zu viel.

12:51 22.02.2017
Geschrieben von

Christian Füller

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