Setzen, sechs!

Bildung Den Schulen fehlen bei der Integration von Flüchtlingskindern Geld und Lehrer. Dem Unterricht droht das Chaos
Christian Füller | Ausgabe 37/2015 7

Zum Beispiel Mustafa. Der Junge ist zwölf Jahre alt, und wenn er redet, muss man sehr gut aufpassen. Denn er ist schnell. Für Integration sei die Schule hier die richtige, fachsimpelt der Knirps. Klar möchte man gleich bei den deutschen Schülern mitmachen. Aber erst brauche man ein bisschen Deutsch. Inzwischen ist er aus der Einsteigerklasse raus und in seiner Regelklasse angekommen. Jetzt kann Mustafa Gas geben. Was er mal werden will? „Professor, das wäre cool.“

Wenn die Leiterin der Gesamtschule Saarn in Mülheim Mustafa sieht, dann glänzen ihre Augen. Für Gerhild Brinkmann ist er ein Beweis dafür, wie mühelos aus einem chancenlosen Flüchtlingsjungen ein Bildungsaufsteiger mit höchsten Ansprüchen werden kann. Vor zwei Jahren kam er aus Syrien, inzwischen kann Mustafa Deutsch, in Windeseile hat er es gelernt.

Die Schulen in Deutschland waren im vergangenen Jahr ein großes Vorbild dafür, wie man mit Flüchtlingen gut umgehen kann. Es fehlte zwar hinten und vorne an ausgebildeten Lehrern für Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache. Aber die meisten Schulgemeinden reagierten unkompliziert. Sie organisierten Helfer aus der eigenen Elternschaft, stellten eigene Integrationsklassen auf und fädelten die Kinder ein, sobald sie genügend Deutsch konnten. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich so ein erstes kleines Flüchtlingswunder an den Schulen vollzogen. Aber die Zahlen der Flüchtlingskinder vervielfachen sich gerade. Beispiel Bayern: Vergangenes Schuljahr begannen die Schulen mit 250 Übergangsklassen, nun sind es 471, in denen Kinder unterrichtet werden, die kein Deutsch sprechen.

Es fehlen 11.000 Lehrer

Eine Umfrage der Agentur Reuters zeigt, dass rechnerisch über 11.000 neue Lehrer gebraucht würden, wollte man die schulpflichtigen Flüchtlinge adäquat unterrichten. Die Zahl der geplanten Neueinstellungen in den Ländern liegt derzeit bei nur 3.000 Pädagogen. Zudem gibt es massive Klagen aus den Aufnahmeklassen. Da nämlich heißt es, dass die Deutschlehrer oft sehr schlecht bezahlt sind. Sie bekommen oft nur um die 2.000 Euro, normale Lehrer aber zwischen 3.200 und 6.200 Euro.

Was Schule bei Flüchtlingen leisten soll, ist von außen leicht gesagt: Deutsch lehren, am besten vom ersten Tag an. Aber innen sieht die Sache ein bisschen komplizierter aus. Viele Kinder sind noch nicht alphabetisiert. „Wenn die Kinder wegen des Krieges nicht Arabisch lesen und schreiben gelernt haben, dann fällt ihnen das Deutschlernen noch schwerer“, sagt eine syrische Lehrerin, die in Saarn mitarbeitet.

In der Gesamtschule Saarn sitzt eine Lerngruppe zusammen. Die Schüler kommen aus allen möglichen Ländern, aus Ägypten, Syrien, dem Irak, es sind Roma aus Serbien und anderen Balkanländern dabei. Es wird viel mit Piktogrammen gearbeitet, weil noch nicht sehr viel Deutsch da ist. Eine syrische Mutter hilft mit, und wenn sie anfängt zu erzählen, was sie in der Stadt Jarmuk alles erlebt hat, dann werden alle Erwachsenen still. Es wird deutlich, wie schnell man überfordert sein kann.

So schön Erfolgsgeschichten wie die von Mustafa klingen, die Überforderung ist mit Händen zu greifen. Alle machen einen großen Bogen um die Gruppe von Flüchtlingen, die Furchtbares erlebt haben, die auf der Flucht Eltern oder Geschwister verloren haben. Wer in Schulen geht, sieht das Spiegelbild einer Gesellschaft, die bereit ist, die Arme zu öffnen: Die Menschen gehen voran, die Politik trottet hinterher. Sogar die sonst so allgegenwärtigen Stiftungen sind platt. Die Vodafone-Stiftung etwa zeichnet jedes Jahr die besten Lehrer aus – auf die Idee, ein Blitz-Fortbildungsprogramm für Deutschlehrer aufzulegen, ist keiner gekommen. „Wir sind mitten in der Konzeptionsphase“, sagt ein Sprecher, „aber darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht.“ Beim Marktführer in Sachen Bildung, der Bosch-Stiftung, wird nach guten Beispielen gesucht. Zu diesem Zweck sollen sich im November Praktiker aus Deutschland in der neu gegründeten Deutschen Schulakademie austauschen. Programm: Gibt es noch keines.

Auf den Weg gemacht haben sich kleine Organisationen, die sich mit Migrationspädagogik schon beschäftigten, als nur 200.000 Flüchtlinge erwartet wurden und nicht, wie jetzt, 800.000. Teach First zum Beispiel, eine Organisation, die sogenannte Fellows als Lehrer in Schulen entsendet. Lange taten sich Schulen schwer, Teach- First-Leute einzustellen – seit es Flüchtlingsklassen gibt, werden sie plötzlich stark nachgefragt. Bald bietet Teach First einen vierwöchigen Kurs für Lehrer an, die in Integrationsklassen unterrichten sollen. Geschäftsführer Ulf Matysiak kritisiert den verbreiteten Ansatz. „Die Schüler sollen halt gut genug Deutsch können“, nennt er das bisherige Ziel. „Dabei ist, bei Kindern wie bei Teenagern, der soziale Aspekt von Integration das Entscheidende.“ Aber dafür gibt es kein Geld. Matysiak versteht nicht, wieso es noch kein großes Schulprogramm für Flüchtlinge gibt. Wer verhindern will, dass die zigtausend hereinkommenden Schüler zu den tausenden Benachteiligten im Land hinzukommen, der müsse jetzt viel Geld in die Hand nehmen. Dann ist die Zuwanderung eine Chance, um die deutsche Gerechtigkeitslücke an der Schule zu schließen – und nicht neu aufzureißen.

Guckt man sich die Verhandlungen auf politischer Ebene an, dann muss man Matysiak Recht geben. Sechs Milliarden Euro hat die Große Koalition beschlossen, um die Flüchtlingskrise zu meistern. Ab 2016 soll das Geld fließen, drei Milliarden sollen an die Länder gehen. Selbstverständlich spielt Deutschlernen eine Rolle in dem Beschluss. Aber die Orte, die das möglich machen können, werden ausgespart. Von den sechs Milliarden gibt es für die Schulen bislang keinen Cent. Die Bildungsministerin von NRW, Sylvia Löhrmann, sagt: „Flüchtlinge in der Schule sind eine nationale Aufgabe.“ Das könnten die Länder alleine nicht stemmen. „NRW fordert grundsätzlich strukturelle Entlastung. Das bedeutet eine Pauschale pro Flüchtling. Alles andere wird der Entwicklung nicht gerecht.“

Kein Geld für Psychologen

„Besonders die Kinder und Jugendlichen aus den Kriegsgebieten wie Syrien, Afghanistan, Irak, die oft schwierigste Fluchtgeschichten hinter sich haben und traumatisiert sein können, erfordern intensive pädagogische Aufmerksamkeit“, schreibt die Expertin des Kultusministeriums Niedersachsen, Claudia Schanz. Doch genau für diese Fälle sind die Schulen am wenigsten gerüstet. Es gibt dafür keine zusätzlichen Mittel und kein neues Personal. Alle angefragten Bundesländer verweisen auf den schulpsychologischen Dienst – der einer der am schlechtesten ausgestatteten Fachbereiche überhaupt ist. Ein Schulpsychologe ist, je nach Bundesland, für bis zu 26.000 Schüler zuständig. Wie gehen Schulen dann mit Traumata um? „Wir sind da sehr vorsichtig“, sagte die pädagogische Leiterin der Gesamtschule Saarn. „Wenn wir merken, dass ein Kind traumatisiert ist, dann können wir als Schule nichts machen.“

Mustafa geht es gut. Wahrscheinlich auch deshalb, weil seine Eltern rechtzeitig geflohen sind. Sie kamen aus Al-Hasaka im Norden Syriens. Um die Stadt wird gerade wieder gekämpft, der Islamische Staat versucht die Reste der syrischen Armee und kurdische Einheiten dort zu besiegen. Um den Willen der Verteidiger Al-Hasakas zu brechen, haben sie einen der Kurden-Kommandeure enthauptet. Die Bilder von dort sind abscheulich. Hoffentlich kommt Mustafa nicht auf die Idee, seinen Geburtsort mal zu googeln.

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06:00 23.09.2015
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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