Kinder gegen Social Bots

Meinungsroboter Bots könnten die Wahl zum Bundestag beeinflussen. 16 Gutachter ließ das Parlament zum Thema aufmarschieren – aber Twitter, Facebook & Co schwänzten
Kinder gegen Social Bots
Mehr Medienbildung soll Manipulationen durch Social Bots vorbeugen

Foto: Sabine Gudath/Imago

Entscheidend an einer Sitzung ist immer, wer nicht da ist. Also fehlten bei der Anhörung des Ausschusses für Technikfolgenabschätzung am Donnerstag (hier der Mitschnitt) die Vertreter der sozialen Netzwerke Twitter und Facebook – obwohl sie eingeladen waren. Sie sollten das Phänomen der so genannten Social Bots aufklären helfen. Das sind Meinungsroboter, die in den Netzwerken vortäuschen, sie seien menschliche Nutzer. In Wahrheit poppen sie Politikerprofile auf und vergrößern die Reichweite von Hass- und Falschmeldungen durch automatisierte massenhafte Retweets. Ein Drittel der Pro-Trump-Tweets im US-Wahlkampf kamen von Social Bots. Ist also auch die Bundestagswahl unter Manipulationsgefahr?

Insgesamt 16 Gutachter äußerten sich zu dem Phänomen, und sie waren sich nur in zwei Punkten wirklich einig: Erstens, sollte die Medienbildung in den Schulen verbessert werden. Dann könnten Schüler bereits früh erkennen, ob sie in einem Netzwerk mit einem echten Menschen oder einem Social Bot kommunizieren. Mit anderen Worten: Die Kinder sollen´s richten. Sie sollen helfen, die Beeinflussung der Bundestagswahl durch Bot-Netwerke zu verhindern, hinter denen anonyme, nicht identifizierbare Interessengruppen stehen.

Zweitens sei es nötig, um Social Bots und ihren Einfluss auf die politische Meinungsbildung zu erforschen, dass Netzwerke wie Twitter, Instagram oder Facebook die Nutzerdaten von Tarnprofilen für die Wissenschaftler frei geben. „Die Daten auf diesen Plattformen müssen auch für die Detektion oder Enttarnung von Social Bots geöffnet werden,“ sagte Markus Bernhard Strohmaier vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften der Universität Koblenz-Landau. Er forderte den Bundestag auf, in dieser Frage "gestalterisch tätig zu werden", sprich: die Plattformen dazu zu zwingen, die Erforschung möglich zu machen.

Inzwischen ist eine eigene Disziplin entstanden, die „Social media Forensik“, bestehend aus Politik- und Sozialwissenschaftlern sowie Informatikern. Sie versuchen, Social Bots zu identifizieren, ihre Mechanismen zu erforschen und ihre Effekte. „Es würde zu weit gehen zu sagen, dieses Phänomen untergräbt unsere Gesellschaft und gefährdet die Demokratie“, sagte der bekannteste unter ihnen, der Politikwissenschaftler Simon Hegelich von der TU München. Aber: „Es gibt eine umfassende empirische Grundlage, dass Social Bots auftauchen. Jeder politische Diskurs in den sozialen Netzwerken ist beeinflusst durch Bots“. Die entscheidende Frage sei, „beeinflussen sie wirklich die politische Willensbildung?“ Es sei freilich wissenschaftlich schwer nachzuweisen, ob jemand durch ein Flugblatt oder eine Bot-Message seine politische Meinung ändert.

„Die Idee, dass mit Social Bots Wahlen beeinflusst werden könnten, übersteht den Lachtest nicht“

Zum Streit kam es, als der Gutachter des Chaos Computer Clubs, Linus Neumann, sich über das Thema lustig machte. Politische Meinungsbeeinflussung gebe es schon immer – etwa durch die Bild-Zeitung. Er bestritt die empirische Grundlage des Problems Social Bots und warnte vor Panikmache. „Allein die Idee, dass mit Social Bots Wahlen beeinflusst werden könnten, übersteht den Lachtest nicht“. Neumann sprach direkt den Hauptgutachter Simon Hegelich an und forderte ihn auf, mehr Big Data-Science zu machen. „Wir haben seit 60 Jahren die Bild-Zeitung – und jetzt sollen plötzlich Social Bots das Problem sein und Wahlen beeinflussen?“

"Man kann sich nicht auf den technischen Stand von 1994 zurückziehen, als ich meinen ersten Atari hatte. Wir stehen vor einem disruptiven Wandel der kompletten Öffentlichkeit.“

Hegelich antwortete, es gebe keinen Zweifel, „dass wir vor einem disruptiven Wandel der kompletten Öffentlichkeit stehen“. Es gehe nicht um Dinge, die seit 60 Jahren existieren, sondern es sei eine Massenwirkung in der Kommunikation festzustellen. „Die Art, wie wir diskutieren, ändert sich radikal. Da kann man sich nicht auf den technischen Stand von 1994 zurückziehen, als ich meinen ersten Atari hatte. Das ist nicht der Punkt.“

Am selben Abend durfte das Publikum Zeuge von Meinungsverzerrung ganz ohne Bots werden. Der Staatssender ZDF veröffentlichte in seiner Spätnachrichtensendung heuteplus ein Interview – mit Linus Neumann, der unter den 16 Sachverständigen ein Sondervotum abgab, das man als isoliert bezeichnen kann.

Der Freitag hat an einem Fallbeispiel gezeigt, dass und wie Social Bots auf die politische Meinungsbildung wirken.

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Ihre Freitag-Redaktion

12:54 27.01.2017
Geschrieben von

Christian Füller

http://christianfueller.com
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Christian Füller

Ausgabe 33/2020

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