Christian Füller
01.07.2015 | 16:21 22

„Täterorganisationen neigen zur Vertuschung“

Missbrauch Der Linken-Abgeordnete Norbert Müller findet die neue Aufarbeitungskommission gegen sexuelle Gewalt zu schwach. Wer aufarbeiten will, brauche echte Ermittlungsinstrumente

der Freitag: Herr Müller, der Bundestag will am Donnerstag eine nationale Kommission einsetzen, die sexuelle Gewalt aufklären soll. Seit 2010 wird doch überall aufgeklärt, reicht das nicht?

Norbert Müller: Nein, ein Schlussstrich bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt wäre völlig falsch. Der droht aber meines Erachtens gerade dadurch, dass Berichte aus Institutionen wie der Kirche, den Reformschulen oder bei den Grünen vorliegen und das öffentliche Interesse langsam abnimmt. 

Wie das?

Die Tatsache, dass es Berichte gibt, beruhigt erst einmal die Öffentlichkeit. Dabei wird in diesen internen Gutachten oft nur an der Oberfläche gekratzt. Es muss aber jetzt darum gehen, Vorfälle gründlich wissenschaftlich aufzuklären und aufzuzeigen, welche Strukturen von Tätern oder Gelegenheiten dazu führen, dass es zu hundertfachem Missbrauch kommen kann. Nur so können wir aus den Fällen etwas lernen – jenseits der Skandalisierung.

Aber wozu eine nationale Kommission?

Wir brauchen Überparteilichkeit und Unabhängigkeit. Das ist essenziell. Institutionen, die sich als Täterorganisationen der Wahrheit stellen müssen, stoßen bei der Aufklärung von innen heraus selbst bei gutem Willen schnell an ihre Grenzen – sie neigen zu Verzögerung und Vertuschung. Das haben wir bei den Kirchen gesehen, die mehrere Anläufe gebraucht haben und bei der Odenwaldschule. Das heißt, Aufklärung muss ab einem bestimmten Härtegrad unabhängig geschehen – das geht nur von außen.

Ist die deutsche Variante einer solchen Kommission nicht viel zu pompös und gleichzeitig zu zahnlos? In Großbritannien haben kleinere Aufklärungsgruppen die Fälle um den unheimlichen Sexualverbrecher, den Radiomoderator Sir Jimmy Savile, innerhalb von Monaten ausgeleuchtet.

Deswegen werden wir uns als Linke bei dem Antrag der schwarz-roten Koalition enthalten. Eigentlich wollten wir die Aufklärungskommission, wie die große Koalition sie plant, ganz ablehnen – aber das können wir aus Respekt vor den Betroffenen nicht machen. Die Koalition hat die Angebote von Linken und Grünen ausgeschlagen – deswegen bringen wir einen Alternativantrag ein. Wir haben Zweifel, ob CDU/CSU und SPD es wirklich ehrlich meinen mit ihrem Aufklärungswillen.

Was muss eine Kommission haben, damit sie nicht wie ein zahnloser Tiger dasteht?

Sie muss auf gesetzlicher Grundlage agieren und sie muss unbefristet arbeiten können. Sonst wird sie womöglich von politischen Mehrheiten und finanziellen Zusagen von Fall zu Fall abhängig sein. Wir wollen den Aufklärern der Kommission auch echte Ermittlungsinstrumente an die Hand geben – Akteneinsicht und das Recht zur Vorladung von Zeugen. Wir sehen, dass viele Mitglieder von Täterorganisationen sich der internen Anhörung verweigern. Mit einer quasi-amtlichen Kommission könnten sich Zeugen nicht mehr so leicht entziehen.

Wer blockiert eigentlich die Etablierung einer wirklich arbeitsfähigen und kompetenten Kommission?

Die Koalition. Sie wollte eine billige Variante der Aufklärung, die leicht wieder ausgeknipst werden kann. Eine Aufarbeitungskommission darf aber auf keinen Fall unter Zeit- und Legitimationsdruck gestellt werden, gerade wenn der Politik nahestehende Institutionen wie Parteien betroffen sind. Aufklärung geht immer nur umfassend – sonst hat sie den Namen nicht verdient. Der Umgang der Koalition mit uns war aber ein unfreundlicher Akt. Wir wurden an einem Mittwochabend mit einem Antrag überfallen, der schon tags darauf verhandelt werden sollte. So etwas tut man nicht bei so einem wichtigen Thema. Ich halte das für einen Affront gegenüber den Opfern.

Bei den Grünen verläuft der Aufklärungsprozess sexualisierter Gewalt schleppend: Wichtige Zeugen und Betroffene wurden lange nicht angehört, den Verdacht auf Kinderprostitution bei der Alternativen Liste in Berlin in den 1980er/90ern haben die grünen Aufarbeiter glatt unter den Tisch fallen lassen. Könnte der Sumpf von Berlin-Kreuzberg ein Fall für eine nationale Kommission sein?

Ich finde positiv, dass die Grünen relativ schnell eine eigene Aufklärung in Gang gebracht haben. Der Fall der Grünen zeigt aber auch, wie schnell eine Organisation überfordert sein kann – wenn sie Täter in ihren Reihen entdeckt. Mit einer wirklich konsequenten Benennung von Missbrauchstaten gewinnt man keine Wahlen. Und es ist unglaublich schmerzhaft, so schwere Verbrechen restlos aufzudecken, wie sie jetzt beispielsweise in Berlin bei der ehemaligen Alternativen Liste im Raum stehen. Aber es gibt auch jenseits der Grünen noch viele andere Fälle, bei denen es nach einer belastbaren und geschichtsfesten Aufklärung schreit.

Welche meinen Sie damit?

Ich finde es zum Beispiel falsch, die Kommission auf die Vergangenheit zu konzentrieren. Die Fälle der Brandenburger Hasenburg-Heime haben uns gezeigt, wie leicht man die verzweifelten Hilferufe gequälter und missbrauchter Jugendlicher in der so genannten „Fürsorge“ überhört. Wir dürfen den Auftrag der Kommission nicht auf die Nordkirche oder die Reforminternate wie die Odenwaldschule beschränken. Die Situation der Heimkinder Ost zum Beispiel ist nicht umfassend aufgeklärt. Grundsätzlich geht es darum, die Bedingungen für Missbrauch in autoritären Strukturen wie geschlossenen Kinderheimen oder Behinderteneinrichtungen zu erforschen. Es gibt viel zu tun.

Die Kommission ist beim Unabhängigen Beauftragen für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs angesiedelt. Ist Herr Rörig eigentlich noch unabhängig?

In meinen Augen arbeitet Herr Rörig äusserst engagiert und kreativ. Aber wir sehen eben, dass sein Einfluss Grenzen hat: Er ist ein Beauftragter mit eingeschränkter Unabhängigkeit – wie die Installation der Aufarbeitungskommission durch die Koalition zeigt. Er hat sich jedoch bei Betroffenen hohes Ansehen erkämpft. Die neue Kommission wird ihn weiter stärken – wenn sie Zähne zeigen kann.

Immer wenn Parteien verwickelt sind, agiert der Beauftragte seltsam zurückhaltend. Beim Fall Edathy hat man Herrn Rörigs Stimme schmerzlich vermisst. Die Grünen berät er als Institution – aber die von der Partei abgewiesenen Betroffenen und Zeitzeugen hat er nicht empfangen.

Ich finde, dass es die wichtigste Aufgabe des Unabhängigen Beauftragten ist, den Opfern eine Stimme zu geben. Die erste Kampagne seiner Vorgängerin Christine Bergmann hieß nicht umsonst „Schweigen brechen“. Deswegen muss er bei den Institutionen darauf hinwirken, dass Betroffene angehört werden. 

Das Interview führte Christian Füller

Kommentare (22)

ergo-oetken 03.07.2015 | 06:23

Übergriffigkeit ist ein fester Bestandteil unserer Kultur und unseres Alltags. Sie gilt als Stärke und verhilft zu Macht, Geld, Einfluss.

Wer meint, irgendwer außer ein paar Opfern und Mitbetroffenen wolle da irgendwas ernsthaft aufarbeiten ist naiv.

Den im Artikel als "Täterorganisationen" bezeichneten Institutionen haben ihre Missbraucherseilschaften geholfen, immense Summen an öffentlichen Geldern zu veruntreuen und sich politischen Einfluss zu sichern. Wer Kinder missbraucht, hat auch wenig Hemmungen, gutmütigen alten Menschen ihr Erbe aus der Tasche zu leiern, Platzgelder in Stiftungen umzuleiten, sich EU-Fördermittel in die eigene Tasche zu stecken oder Politiker zu kaufen.

Diese als "unabhängig" bezeichnete Kommission ist ein Anfang. Sicherlich.

Aber wirklich aufklären und aufarbeiten werden weiterhin vor Allem die Opfer selbst. Unterstützt von Mitbetroffenen und Whistleblowern. So wie es schon seit Jahrzehnten tun. Informell, unterfinanziert, aber erfolgreich. Wenn wir den Blick immer nur auf das "Leid der Opfer" richten Betroffene, damit im Grunde nur ausgrenzen und nicht auch gucken, welche gesellschaftlich stabilisierenden Zwecke die systematische sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen erfüllt, drehen wir uns immer weiter im Vertuschungskarrussel.

Es ist Zeit abzuspringen und neue Wege einzuschlagen.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

dali2589 03.07.2015 | 08:47

Eigentlich müsste es darum gehen, die Vorfälle kriminalistisch aufzuklären und offen zu legen, und zwar bis ins letzte unappetitliche Detail. Danach erst kämen die Soziologen und Kriminologen oder wer immer sich berufen fühlt.

Und das von jemanden, der sich nach dem Fluß des Vergessens benannt hat. Glauben Sie mir, Ihnen wird nicht nur der Appetit vergehen, Sie werden nie wieder ruhig schlafen, wenn Sie sehen wie angepasst und normal die Täter und wie kaltblütig und grausam deren Taten waren, besonders, wenn Sie realisieren und erkennen, wie "unaufgeregt", einfach und schnell so etwas passieren kann. Ich sehe das jedoch genau so, wie sie. Erst die Kriminalisten und dann die Soziologen. Verjährungsfristen finde ich in dem Fall genau so falsch, wie Stigmatisierung (von Tätern und Opfern). Zwingende psychologische Hilfe für beide Gruppen, auch zur Gefahreneinschätzung und -milderung. Menschen, die erfahren haben, daß sie Gewalt ausüben oder erleben können, und daß das toleriert, ja sogar akzeptiert wird. sind per se gefährlich. Menschen, die so etwas "stillschweigend" akzeptieren, decken, vertuschen und rechtfertigen sind aber viel schlimmer - die sind innerlich tot und vollkommen gewissenlos. Wenn ich akzeptiere, daß ein Kind oder Jugendlicher oder Erwachsener zu sexuellen Handlungen "genötigt" wird, sprich möglicherweise mehrmals, mehrfach oder von mehreren, penetriert oder ähnliches wird, weil ich "Angst" um meine gesellschaftliche Stellung oder um meinen Job habe, dann bin ich kein Zeuge, sondern Mittäter, denn ohne mich, wäre das nicht möglich gewesen, wenn ich überzogen reagiere und "heldenhaft" und gewaltsam eingreife, mit überzogener Gewalt und Grausamkeit, dann lade ich Schuld auf mich, und möglicherweise aus Sicht des Opfers, auch auf das dieses. Mal davon abgesehen, daß es Zeuge wird, wie ich jemanden körperlich mißhandle oder töte. So was tut man nicht um jemanden zu schützen, sondem um seine niederen Beweggründe zu befriedigen.

Fakt ist jedoch: so etwas kann auch in ihrer Umgebung passieren, ohne, daß sie das bemerken, aber wenn sie etwas bemerken, müßen sie handeln. (Im Sinne des Opfers und des Rechts.)

Lethe 03.07.2015 | 11:07

Danke für die Warnungen, auch wenn die ungefähr die 50 Jahre zu spät kommen, die meine einschlägigen Erfahrungen als Gegenstand sexueller Gewalt zurückliegen (glücklicherweise, und ein bisschen atypisch, außerhalb der Familie). Ich habe sehr gute Vorstellungen, gespeist aus eigenem Erleben und unzähligen Gesprächen mit anderen Traumatisierten, was in diesen Augenblicken geschieht und was es bewirkt, kurz-, mittel- und langfristig. Sie können davon ausgehen, dass ich nicht ruhig zusehe, niemals.

Wobei im Kontext dieses Blogs klar zu sagen ist, dass hier ein Nebenaspekt thematisiert wird. Das Problem sexueller Gewalt lässt sich nicht auf pädophile Gruppen und Organisationen abwälzen. Gerade Pädophile - sofern sie sich ihrer Neigung und deren Implikationen bewusst sind, was in den allermeisten Fällen der Fall ist - neigen zu einem hohen Maß an Eigenkontrolle. Selbstverständlich gibt es da immer wieder Ausnahmen, die in derartigen Organisationen und Gruppen auch kulminiert auftreten mögen, aber ehe ein Kind einmal vor einem übergriffigen Pädophilen geschützt werden muss, muss es zwanzigmal vor dem eigenen Vater, dem eigenen Onkel, der eigenen Mutter, dem eigenen Großvater, den eigenen Geschwistern - kurz vor dem eigenen familiären Nächstfeld geschützt werden. Das eigentliche Problem sexueller Gewalt sind nichtpädophile Täter, für die der Kindsmissbrauch Waffe im Arsenal des Machtkampfes ist. Kindsmissbrauch ist Massensport - und das ist, wenn überhaupt, nur geringfügig übertrieben.

Das konsequent zu verfolgen, hieße allerdings, dass ein Drittel der Bevölkerung die anderen zwei Drittel inhaftieren müsste. Deswegen verlangt man an dieser Stelle auch keine wissenschaftliche Aufarbeitung und begnügt sich im Wesentlichen mit der Verfolgung der medial bekannt werdenden Fälle, und natürlich mit dem Aufbau der Pädophilen als generelle Sündenböcke.

dali2589 03.07.2015 | 18:11

Vielen Dank für ihre Antwort! Ich wollte Ihnen nie unterstellen, daß Sie so etwas dulden würden. Mir kam schon der Gedanke, daß mit Lethe das Vergessen als Gnade gemeint wurde. Jeder, der Dinge erlebt und empfunden hat, die er gern vergessen würde, weiß, daß es eine Gnade wäre aber unmöglich ist.

Sündenböcke schaffen, Wegsperren - das sind genau so Irrwege, wie das Sich verlieren im Hass und im Zorn, oder in Depression, der Sucht oder im Suizid. Das ist zwar alles menschlich und der Weg hängt vom eigenen Charakter ab - aber es führt letztendlich nur zu noch mehr Leid.

Lethe 03.07.2015 | 19:21

Kein Ding. Das liegt für mich schon solange zurück, und ich bin relativ gut damit klar gekommen.

ich weiß keine große Lösung. Wie Sie sagten, hinschauen, einschreiten. Leider verhindert das kaum einen Opfergang, es beendet aber vielleicht einen.

Die Gesellschaft kann offenbar recht gut mit den Opfern leben, oder vielmehr, die Opfer müssen mit der Gesellschaft leben, die sie nicht geschützt hat.

ergo-oetken 03.07.2015 | 19:57

"Opfern" hat eine zentrale und wichtige kulturelle Bedeutung. Menschen versuchen mit Opferungen ihre Ängste und Sorgen in den Griff zu bekommen. Ihnen den Schrecken zu nehmen.

Wenn ich hingucke, dann muss ich auch anfangen zu denken. "Kann ich meinem Partner vertrauen?", "was phantasiert er wohl"? "Sollte ich mein Kind diese Jugendfreizeit mitmachen lassen?", "was tue ich, wenn der neue Freund meiner Tochter die Kinder all zu offensichtlich betatscht?", "gibt es auch Frauen, die missbrauchen?", "sollten wir ihnen dann so vorbehaltlos vertrauen, wie wir es häufig tun?", "warum mag ich bestimmte Sexpraktiken nicht, reagiere auf Gerüche, Geräusche und Bilder mit Abscheu?", "war es vielleicht doch nicht so harmlos, was mir als Kind passiert ist?", "bin ich vielleicht selbst ein Opfer?"....

Das irritiert, man muss erst lernen, mit der entstehenden Verunsicherung umzugehen. Oder wie es eine Mitstreiterin mal treffend formuliert hat: "wenn man anfängt, sich mit dem Thema zu beschäftigen, dann kann einem schnell alles vergehen. Auch in der Partnerschaft".

Lethe 03.07.2015 | 20:52

Menschen versuchen mit Opferungen ihre Ängste und Sorgen in den Griff zu bekommen. Ihnen den Schrecken zu nehmen.

Auch wenn jetzt Tierschützer gequält aufschreien mögen, dann wäre es aber besser, für die Opferung Hühner zu ficken, statt Kinder.

Es gibt in dieser Hinsicht kein Vertrauen. Pauschales Misstrauen ist allerdings auch nicht nötig, wohl aber: Immerwährendes Hinschauen und sich auch trauen, die Gedanken zu denken, die notwendig sind, um gegebenenfalls einzuschreiten. Nicht uminterpretieren, was man sieht, und immer wieder fragen, wie sieht das aus der Perspektive des Kindes aus. Und, was bei früheren Opfern leider auch wichtig ist, einen Blick darauf werfen, ob es Indizien für einen Umschlag gibt.

dali2589 04.07.2015 | 15:41

Was sollte ich denn sonst tun? Mitgefühl läßt sich nicht virtuell verschicken und Mitleid wäre Hohn, weil ich weder ihr Leid nachempfinden, geschweige denn Ihnen abnehmen kann.

Die Gesellschaft sind wir alle. Die große Lösung ist die, daß jeder für seine Taten selbst verantwortlich ist und jeder von uns vor jeder Entscheidung die Augen schließen sollte und 7 mal tief ein- und ausatmen sollte. Dabei sollte man ein Mantra vor und nach dem Abwägen wiederholen, daß einem klar macht, daß man selbst sowie jede Entscheidung, die man trifft einzigartig und unauslöschbar ist. Alles was man sagt oder tut sollte man so tun, als würde man es auch auf einer Bühne vor den Augen aller anderen tun - denn letztendlich ist es genau so.

Opfer, die es schaffen nicht zu Tätern zu werden, halten der Gesellschaft jeden Tag aufs Neue den Spiegel vor und erinnern sie durch ihre Geöhnlichkeit daran, daß jeder von uns jederzeit Täter und Opfer werden kann. Diese Menschen und ihr erfahrenes Leid sind leuchtende Beispiele für andere und für eine gesunde Gesellschaft genau so lebensnotwendig wie die Sonne für die Erde. Man kann dieses Leid ohne Übung genau so wenig offen ansehen (wie die Sonne), aber wenn man weiß, daß es da ist, hat man zumindest die Wahl eine Entscheidung für sich selbst zu treffen.

@ Ergo-Oetken: Richtig mißtrauen muss man wie vertrauen lernen und zum Lernen gehört auch das Verinnerlichen und Verarbeiten, das funktioniert nicht von heute auf morgen, ABER wenn man es geschafft hat, dann kann man sich genau so fallen lassen wie ein Fisch im Wasser atmen kann. Oder kurz: Narbenbildung ist nur ein Abschnitt im Heilungsvorgang.

dali2589 04.07.2015 | 16:03

Das ist auch ein zentraler Bestandteil der Volksfrömmigkeit z.B. das St. Floriansprinzip "Lieber Gott verschon mein Haus, such dir das vom Nachbarn aus." sinngemäß, das Bystandersyndrom (deutsch: Verantwortungsdiffusion), öffentliche Diffamierungen (deswegen ja Rufmord) und Hinrichtungen, "Shitstorms", Verfolgung von Minderheiten und deren Diskreminierung als Sündenböcke... letztendlich ist sogar das Losverfahren "Streichholz ziehen" und die "Bitte um Freiwillige" emotional nichts anderes als ein öffentliches Menschenopfer.

Unsere Gesellschaft hat sich seit der guten, alten Zeit, als die Druiden noch Schafe ausbluten ließen und die Germanen und Chinesen, wohlgemerkt lebende, Menschen als Grabbeigaben dar brachten und man zur Einschüchterung "Hexen" verbrannt und "Asoziale" in der DDR oder "Terroristen" durch die USA, aber in Kuba, Polen und anderen Bananenrepubliken "interniert" und gefoltert hat nicht sonderlich verändert, weil wir Menschen uns nicht sonderlich verändert haben. Menschenopfer und deren anerkannte Ersatzrituale, wie Burning Man oder Gangbangpartys, sind immer noch ein soziales "Happening": man trifft sich, man feiert, freut sich, trinkt und lacht - und ganz nebenbei übt man zusammen (verschiedene Formen von) Gewalt auf die zentrale Person (mit oder eben ohne deren Einverständnis) ein.

Genau so wie die versuchte Versöhnung mit dem Opfer durch Bitten, Abfindungen oder Androhung vvon noch mehr Gewalt, z.B. öffentliche Diffamierung.

dali2589 04.07.2015 | 16:16

Bevor Sie jetzt von PETA ob Ihres Aufrufs zur Gewalt gegen Tiere als Tierquäler gemeinschaftlich wie ein Tier gejagt und gequält werden (ja das nennt man Ironie) möchte ich noch auf Alternativen zum gemeinschaftlichen Geflügelgangbang hinweisen - und zum sexuellen Mißbrauch anderer Tiere - denn Tierquäler sind Kinderschändern vom Verhalten ähnlich:

1. Man kann des mit sich selbst ausmachen, ohne andere zu schaden. (= seinen Zwang durch nachdenken und bewußte Entscheidungen steuern und lernen damit umzugehen, das ist übrigens der Grundgedanke unseres Rechtssystems...)

2. Wie 1.,bloß mit professioneller Hilfe. (= Psychologen, Prostituierte (21 +, wem die Bezeichnung nicht gefällt: Sexarbeiter oder Therapeuten ohne vorgeschriebene Berufsbekleidung mit möglichem körperlichen Kontakt, Rollenspielen)

Man MUSS NICHT 2/3 der Bevölkerung weg sperren, wenn die es lernen ihr Leben und ihr Schicksal selbst zu ertragen.

Lethe 04.07.2015 | 17:37

Was sollte ich denn sonst tun?

Die Augen offen halten^^

Die große Lösung ist die, ...

Unter einer Lösung verstehe ich eine Maßnahme, die real angewendet wird und nach ihrer Anwendung zum Verschwinden des Problems führte. Letzteres scheint mir eine Eigenschaft zu sein, an der es Ihrem Vorschlag mangelt.

Opfer, die es schaffen nicht zu Tätern zu werden, halten der Gesellschaft jeden Tag aufs Neue den Spiegel vor

Schön wäre es. Sie unterschätzen dabei aber die Macht der Ignorantz und des geflissentlichen Darüberhinweggehens. Oder auch der peinlichen Berührtheit.

dali2589 05.07.2015 | 01:42

Die Augen offen zu halten tue ich. Man muß aber auch wissen wonach man suchen muß, und genau das ist das Problem, welches durch die Stigmatisierung erzeugt wird: keiner redet darüber. Opfer und Menschen mit pädophiler Neigung könnten mit ihren Erfahrungen eine ganze Menge ändern, in dem sie Dinge ins Blickfeld rücken die übersehen werden. Schön zu lesen, daß ein Opfer sexueller Gewalt (das hatten Sie irgendwo mal geschrieben) Pädophile respektieren kann - das bedeutet, daß es möglich ist Leid, Schmerz, Verachtung und Hass zu besiegen.

Unter Lösung verstehen Sie, daß das Problem verschwindet. Täter werden aber in dem Moment geboren in dem sie sich entscheiden eine Tat begehen und dann ausführen. Suchtkranke werden geboren in dem sie süchtig werden. Depressive werden durch Traumatisierung, permanten Stress, einen kaputten Hypothalamus oder Schilddrüse geboren. Die Menschen, die man liebt, sterben ohne das man etwas dagegen tun kann.

Ich möchte Sie damit nicht niederknüppeln sondern Ihnen folgendes vermitteln: Sie können nur Ihre Taten beeinflußen, nicht mal Ihre Gedanken und Gefühle. Sie müßen erkennen, was Sie tun können und was nicht. Dazu gibts ein Sprichwort. =)

Schmerz entsteht in jedem Moment neu. Das Problem ist nach Ihren Wertvorstellungen "unlösbar" - nach meinen besteht kein Problem, denn Sie können lernen damit umzugehen und das Leid zu lindern. Der einzig andere Weg besteht übrigens aus Depression, Sucht und Tod. Menschen, die diesen Weg gehen oder gegangen sind sind nicht schwach, denn der andere Weg ist unglaublich hart.

Wenn... Wenn Worte Macht hätten würden wir in einer Welt voller Wunder und Magie leben. Das ist nicht zynisch gemeint. Wenn ich mich entscheide etwas zu tun, dann werde ich dafür irgendwann gerade stehen! Das ist die Wahrheit über das Leben. Wenn ich mich dafür entscheide ein Kind zu mißbrauchen, oder den Täter zu decken, oder wie Christian Füller Vereine, die von Tätern 1. unterwandert, 2. ausgenutzt um Opfer zu finden und zu mißbrauchen und 3. als passiven Schutzschild benutzt wurden in Anführungszeichen als Täterorganisationen zu diffamieren und damit jedes Mitglied implizit der Mittäterschaft bezichtige und somit mit den Täter gleich stelle und solidarisiere, dann und nur dann erzeugt mein Handeln Konsequenzen, die irgendwann auf andere und mich zurück fallen! Das Schöne an der Sache ist, daß viel mehr Menschen als Ihnen bewußt ist gegen ihre inneren Dämonen kämpfen, jeden Tag, und diesen Kampf gewinnen, jeden Tag.

Zum Abschluss ein kleines Rätsel: wenn - und dieses Wort scheinen Sie zu lieben - ICH weder Täter, noch Opfer, noch Helfer bin, welche Ecke im Dramadreieck besetze ich dann? Gehen Sie ihren Weg weiter, Tantra könnte Ihnen helfen, am Ende warte Ihre Lösung, in Form der Selbsterlösung.

dali2589 05.07.2015 | 01:54

Oh verflucht..... mein Gesabbel hier wird immer länger.... ich sollte nen Artikel tippen, oder nen Sachbuch.... Die Kurzfassung gibts musikalisch untermalt von der Hippieband "Böhse Onkelz" - Wenn Du wirklich willst (Jetzt werden sicher einige Leute einen Rautenaufschrei "#aufschrei" starten. Kleiner Tipp an euch Emos: mit mir reden Täter und Opfer sexueller Gewalt und manchmal reden die sogar miteinander - kurz: behaltet doch euern Frust für euch oder ihr bekommt deren zu spüren. Ratet mal, in wessen Herzen mehr ist.)

@ Autor: mit ihrer Wortwahl beeinflußen Sie die Gefühle ihrer Gesprächspartner, einen gemeinnützigen Verein als Täterorganisation zu bezeichen impliziert, daß Sie JEDEM Mitglied, die vorsätzliche Mitgliedschaft an einer kriminellen Vereinigung zum Zweck des sexuellen Mißbrauchs Minderjähriger unterstellen. Keine Angst, damit "polarisieren" Sie nicht, Sie solidarisieren lediglich jene, die durch den Täter benutzt wurden mit ihm und erzeugen damit eine synchrone Abwehr.

ergo-oetken 06.07.2015 | 16:53

Zum Phänomen des Opferns in Bezug auf sexuellen Missbrauch: es sind nicht die Täterinnen und Täter, die die Kinder opfern. Sie beuten ihre Opfer aus, bieten sie aber nicht als Opfer dar. Selbst in so genannten satanischen Zirkeln ist das Kultische häufig nur Bohei, um den eigentlichen Zweck, nämlich eine besonders widerliche Form des Sadismus und der Geldgier zu kaschieren.

Es sind die Erwachsenen, die einschreiten könnten und damit den sexuell ausgebeuteten Kindern helfen, die sich dafür entscheiden, das nicht zu tun. Sie opfern damit diese Kinder aus irgendwelchen mehr oder minder gewichtigen, häufig aber leider all zu banalen Gründen.

Der systematische Missbrauch der an Institutionen wie der Odenwaldschule, katholischen Einrichtungen, in Ahrensburg, in Heimen und an vielen anderen Orten betrieben wurde und wird ist der beste Beleg dafür.

Zur kulturellen Bedeutung des Opferns, auch für uns moderne Menschen hat zum Beispiel der Philosoph Christoph Türcke Einiges veröffentlicht. Entgegen dem, was man Angehörigen seines Berufsstandes nachsagt, gut lesbar und verständlich ;-)

ergo-oetken 06.07.2015 | 21:11

Vertrauen, Misstrauen: Vertrauen kann doch immer nur ein Vertrauensvorschuss sein. Wer wollte schon seine Hand für Andere ins Feuer legen?

Und gerade wenn es um den Schutz von Kindern geht, ist grundsätzlich allen Menschen gegenüber gesunde Skepsis angebracht. Wir können in niemanden hineingucken. Und auch Menschen, die harmlos erscheinen und die wir genau zu kennen glauben, könnten ein zweites Gesicht haben. Oder ein Doppelleben führen.

Misstrauen, als grundsätzlich negative Einstellung ist dann angebracht, wenn der Vertrauensvorschuss, den wir geben erschöpft ist. Eine Haltung, die wir doch in anderen Zusammenhängen auch ganz selbstverständlich an den Tag legen.

dali2589 07.07.2015 | 18:01

Sie haben vollkommen Recht! Ich kann Ihnen leider bestätigen, daß nichts selbstverständlich ist, weil jeder nur auf seine Kenntnisse und Erfahrungen zurückgreifen kann und Warnungen genauso schlecht gegeben werden, wie verstanden werden können.

Wie hieß es schon in dem Film Lord of War: Das Doppelleben ist nicht das Problem, das 4-, 5- oder 6-fachleben wird kompliziert. Jeder lebt mindestens doppelt: ein Leben für sich, eins für die anderen. Depressive, Fremdgeher, Freier und Prostituierte können sie ja auch nicht erkennen. Von Anhängern gewisser sexueller Praktiken ganz zu schweigen.

ergo-oetken 15.07.2015 | 20:35

Täterorganisationen neigen nicht nur zur Vertuschung, sondern auch zur Unterwanderung. Insofern kann ich die Entscheidung der beiden Regierungsfraktionen durchaus nachvollziehen, die geplante Unabhängige Aufarbeitungskommission vorerst eben nicht mit gesetzlichen Durchgriffsrechten zu versehen. Da es nach so vielen Jahren der systematischen Ignoranz auf ein paar Jahre nun auch nicht mehr ankommt, spricht Einiges dafür, erstmal abzuwarten, wie sich die UAK konstituiert und inwieweit sie sich innerhalb der Bevölkerung und bei den ExpertInnen das für eine nachhaltige Aufarbeitung notwendige Vertrauen verdienen kann. Richter Sean Ryan, lange Jahre Vorsitzender der Irischen Aufarbeitungskommission hat auf einem Hearing, das der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs vor zwei Jahren in Berlin veranstaltete einen interessanten Vortrag zum Thema gehalten. Zu finden auf der Homeapage des UBSKM, unter dem Stichwort "Aufarbeitung".

Wir müssen bei Missbrauchskriminalität mit Allem rechnen und sollten deshalb eine besondere Vorsicht, getragen von gesunder Skepsis walten lassen. In erster Linie, wenn es um die Sicherheit von Opferzeugen geht. Bei Missbraucherinnen und Missbrauchern handelt es sich nämlich nicht nur um Menschen, die Zeichen psychosozialer Verwahrlosung aufweisen. Sie neigen auch zu anderen Arten von Kriminalität. Erst recht, wenn sie Banden bilden. Dazu ist am vergangenen Sonntag, dem 12.7.2015 ein sehr guter Artikel in der "Welt" erschienen. Übertitelt mit "Auf den Spuren der vorlorenen Kinder".

Ein weiteres Beispiel zur Veranschaulichung: Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt waren direkt in Missbrauchskriminalität verwickelt. Timo Brandt, einer ihrer engsten Weggefährten ist jüngst wegen Kinderhandels verurteilt worden. Das ist kein Zufall. Pädokriminalität eignet sich wie keine andere Sorte von Verbrechen, um Menschen zu manipulieren, zu akquirieren, zu nötigen und zu erpressen. Opfer werden dabei leicht selbst zu Tätern. Und Geld lässt sich damit auch verdienen. Was dem NSU-Trio ja ausreichend zur Verfügung stand.