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Fakenews Die Rechercheplattform correctiv.org wird zum Fakenews-Wachtposten für Facebook. Der social media-Gigant zahlt dafür – nichts
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Foto: LOIC VENANCE/AFP/Getty Images

Facebook ist auf der Suche nach einem Faktenchecker für seinen deutschen Sprengel fündig geworden. Die Journalisten- und Recherchegruppe „Correctiv“ wird Nachrichten, die Nutzer als Fake einstufen, auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Beinahe noch wichtiger als das redaktionelle Räumkommando ist der Preis: Facebook bekommt die Dienstleistung nämlich gratis. „Wir sind keiner, der gleich die Hand aufhält“, sagte Correctiv-Geschäftsführer David Schraven dem Freitag. „Wir wollen in einem Test sehen, welchen Aufwand das Widerlegen von Fakenews macht.“ Correctiv nennt sich „erstes gemeinnütziges Recherchezentrum“ und besteht aus einer 15-köpfigen Redaktion. Facebook hat in Deutschland knapp 30 Millionen Nutzer.

Die Wächterfunktion für das Unternehmen Facebook, das einen Wert von 322 Milliarden Dollar hat, soll so aussehen: Werden Nachrichten von mehreren Nutzern als Fake gemeldet, tritt Correctiv in Aktion und prüft den Wahrheitsgehalt. „Bei manchen Meldungen wird das ganz einfach zu erkennen sein, ob es eine Lüge ist“, sagte Schraven. In anderen Fällen werde es nötig sein, Recherchen anzustellen. Facebook wird als falsch identifizierte Meldungen anschließend mit einem Hinweis versehen. „Der Warnhinweis enthält einen Link zu dem entsprechenden Artikel sowie eine Begründung dieser Entscheidung“, heißt es im Blog des Unternehmens. Facebook arbeitet auch in den USA mit externen Faktencheckern zusammen, die den so genannten Poynter-Code unterzeichnet haben. Darin heißt es, dass eine unabhängige und unparteiliche Überprüfung von Fakten erfolgen soll. Die Leser selbst sollten in der Lage sein, mit den recherchierten Erkenntnissen und Belegen eine Meldung zu verifizieren.

Das Geschäftsmodell zwischen Goliath Facebook und David Correctiv beruht offenbar darauf, dass die engagierte und seriöse Redaktion durch die Zusammenarbeit bekannter wird. Correctiv wird über eine Stiftung finanziert und veranstaltet Spendenaktionen, um gezielt Rechercheprojekte zu ermöglichen. Hier liegt zugleich ein möglicher Konflikt mit dem neuen Geschäftsmodell: Kleine und gemeinnützige Sponsoren bezahlen die Arbeit – das achtwertvollste Unternehmen des Planeten aber bekommt seine deutschen Gegen-Recherchen umsonst. Sowohl der mehrfach ausgezeichnete Correctiv-Chefredakteur und Ex-Spiegel-Mann Markus Grill als auch David Schraven verwiesen darauf, dass zunächst eine Testphase zeigen soll, wie die Zusammenarbeit aussehen kann. Zum Vergleich: Selbst kleine Publikationen mit einer Auflage von 30.000 beschäftigen oft mehrere Social Media-Redakteure, um die Kommentarspalten auf Netiquette und Korrektheit hin zu überwachen. Facebook hat in Deutschland täglich 24 Millionen mobile Nutzer.

Christoph Kappes, Gründer der Faktenchecker-Initiative „Schmalbart“, die am Samstag ihr erstes öffentliches Treffen in Berlin hatte, findet die Arbeitsweise von Correctiv nachvollziehbar. Nachrichten sollten weder durch den Staat noch durch das Unternehmen selbst geprüft werden, es brauche vielmehr eine unabhängige Institution wie Correctiv. Schmalbart ist die Antwort auf das rechtslastige und als Faktenverdreher bekannte online-Magazin „Breitbart“, das angeblich in Deutschland eine Dependance eröffnen will. Schmalbart ist bisher eine lose Gruppe von rund 200 Aktivisten, ein großer Teil professionelle Journalisten, die eine publizistische Gegenöffentlichkeit zu Übertreibungen, Zuspitzungen und Märchen von Breitbart herstellen wollen. Schmalbart finanziert sich durch Spenden und beruht auf ehrenamtlichen Engagement.

23:19 15.01.2017
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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