Tue Gutes und schweige darüber

Auftrag Die Kirchen organisieren Hilfe für Flüchtlinge bis in einzelne Gemeinden hinein: empathisch, effizient und leise
Christian Füller | Ausgabe 12/2016

Im Jahr 1819 gründete die damals 23-jährige Pauline Marie Jaricot den Lyoner Missionsverein. Ihre Idee bestand in der Verbreitung des katholischen Glaubens durch Helfen und Spenden. Wenige Jahre später machte es ihr der Aachener Arzt Heinrich Hahn nach. Jaricots und Hahns Nachfolgeeinrichtung heißt heute „Missio“ und hilft seit 180 Jahren vor allem in Entwicklungsländern. Aber seit dem Jahr 2015 ist ein neues Hilfsgebiet dazugekommen: Deutschland.

„Die Nachfrage aus einzelnen Kirchengemeinden nach Materialien zum Deutschlernen war so groß, dass wir entsprechende Lernmateralien für deutsche Helfer aufbereitet haben“, berichtet die zuständige Referentin von Missio. Die tausenden Flüchtlingshelfer in den Kirchensprengeln und Gemeinden halten ihre Sprachkurse deshalb nun nicht mehr handgestrickt ab, sondern mit professionellen Bildungsmedien zu Deutsch als Fremdsprache.

Wer sich die Arbeitsblätter und Unterrichtschoreografien von Missio genauer ansieht, wird feststellen: Sie sind um einiges praktischer und tiefenschärfer als zum Beispiel das refugee phrasebook einer Initiative von Nerds und Computerfreaks. Der Unterschied: Über das unpraktische refugee phrasebook wird permanent getwittert und berichtet. Es hat sogar einen Preis bekommen. Die Lernhilfen von Missio aber sind besser: didaktisch, nutzerfreundlich – und obendrein leise.

Hetzer, laute Zivilgesellschaft, stille Helfer

Diese Art von Hilfe ist ein Symbol christlichen Engagements für Flüchtlinge. Die beiden Kirchen helfen bis in die kleine Dorfpfarrei auf dem Land hinunter, sie nehmen Minderjährige und Familien auf, sie schützen vor Abschiebung, organisieren Begegnungen und Sprachkurse, sie sammeln in ihren Gottesdiensten. Aber vor allem: Sie machen darum kein großes Gewese, sondern sie tun es einfach. Was sich für einen Christen allerdings auch so gehört.

Die deutsche Gesellschaft teilt sich in zwei laute Gruppen und eine stille. Es gibt die Hetzer von Pegida und Menschenfeinde, die selbst Frauen und Kinder angeifern. Auf der anderen Seite gibt es die Helfer, die das Asyl-Chaos in Berlin und an vielen anderen Orten lindern helfen. Auch sie sind oft laut, mitunter auch selbstgerecht oder hysterisch. Und dann gibt es da die stillen Helden in den Kirchen.

Als am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, dem berüchtigten Lageso, hunderte Flüchtlinge erst bei Hitze, später bei Kälte auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge warteten, entstand die Berliner Gruppe „Moabit hilft“. Bürger vor Ort, Aktivisten und Vereine halfen spontan. Die Initiative war eine der sichtbarsten und wichtigsten des ganzen Landes. Was aber kaum einer weiß: Inzwischen ist die Caritas als kirchennahe Organisation vor Ort und organisiert zusammen mit „Moabit hilft“ das sogenannte Platzmanagement.

Mehr noch: Die Caritas hat ein halbes Dutzend Leute von „Moabit hilft“ eingestellt. „Sie wussten gut Bescheid, sie waren vor uns da, warum sollten wir nicht auf ihre Erfahrungen zurückgreifen und die Zusammenarbeit suchen“, sagte Caritas-Sprecherin Christina Kölpin dem Freitag.

Die Kirche und ihre Mitglieder wirken als Organisator alltäglicher Barmherzigkeit tief in die Gesellschaft hinein. Der Staat greift wie selbstverständlich auf sie zurück. Er hat die Caritas gebeten, die Organisation vor Ort am Lageso zu übernehmen. Und auch die Gesellschaft akzeptiert das. Spätestens seit ein überforderter freiwilliger Helfer die erfundene Geschichte eines gestorbenen Flüchtlings verbreitete, weiß jeder, dass zum Helfen nicht nur Mitleid, sondern auch Professionalität und Distanz gehören. Von den Kirchen wird Supervision für die Helfer angeboten, weil sonst der Kollaps jener droht, die sich in Nächstenliebe verausgaben.

"Es kommt nicht darauf an, welchen Glaubens die Flüchtlinge sind, und ob sie vor dem Krieg oder vor der Armut fliehen" Generalvikar Przytarski

Das Berliner Erzbistum hat, obwohl die Kirche in der Hauptstadt praktisch pleite ist, zwei Fonds für Flüchtlingshilfe von je 250.000 Euro aufgelegt, aus denen sich Initiativen vor Ort, egal ob Pfarreien oder spontane Helfer, bedienen können. Bei den Projekten geht es um die Begleitung traumatisierter Flüchtlinge, Supervision für Helfer, Deutschkurse und so weiter.

Der Generalvikar der Berliner Katholiken, Tobias Przytarski, hat den Auftrag des Papstes, sich der Flüchtlingskrise zu stellen, an die Gläubigen in Berlin und Brandenburg weitergeleitet. Dem Freitag sagte Tobias Przytarski: „Kirche hilft Menschen, die in Not sind. Das ist unser Auftrag – alles andere ist sekundär. Es kommt also nicht darauf an, welchen Glaubens die Fliehenden sind, oder ob sie nun vor Krieg oder bitterer Armut davongelaufen sind.“ Für ihn bedeutet die Krise auch eine Chance für die Kirche. „Christlicher Glaube, der handelt, ist näher dran an dem, was uns als Christen ausmacht. Das spüren viele Helfer.“

Die Hilfe der Kirche ist vielfältig. Zu ihr gehört der Pfarrer, der in seinem Haus eine zum christlichen Glauben konvertierte Iranerin aufnimmt. „Wir müssen zusammenrücken“, sagte Thomas Pfeifroth zu seiner Pfarrsekretärin. Wenig später zog die 33-jährige Iranerin in ein Arbeitszimmer der Pfarrei. „Sie kann nicht mehr zurück“, sagt Pfeifroth. „Das wäre ihr Todesurteil.“

Ein anderes Beispiel ist Gabriele Pollert. Über die Caritas bekommt sie Kontakt zu einem ehemaligen Dolmetscher für die deutschen Truppen in Afghanistan. Weil er in den Augen der Taliban ein Verräter ist, muss er fliehen. Pollert und ihr Mann nehmen erst den Mann auf und kämpfen sich mit ihm durch einen Dschungel von Behörden. „Die größte Hürde ist nicht die Sprache und die Begleitung, sondern die Bürokratie“, sagt Pollert. Inzwischen haben sie auch Verwandte des Dolmetschers mit in ihre Wohnung aufgenommen. Die Familie wohnte anfangs im Flüchtlingsheim.

Merkel im Café in Karatschi

Solche Geschichten gehören in ein neues Bild von Deutschland, das sich in muslimischen Ländern verbreitet. In Karatschi hängen in ganz normalen Cafés und Läden Bilder von Angela Merkel. Und zwar bei Menschen, die nicht im Traum daran denken, ihre Heimat in Richtung Deutschland zu verlassen. Während hier die Angst über eine angebliche Flüchtlingsflut herrscht, wird Merkel also in einem islamischen Land wie Pakistan als beispiellose Humanistin gefeiert. Was die gebildeten muslimischen Mittelschichten berührt und beschämt ist dieses: Dass eine Christin und ihr Land sich der Barmherzigkeit verschreibt – während die Muslime sich gegenseitig bekämpfen und zu Tausenden niedermetzeln.

Friedenskirche in Postsdam, wenige Tage vor Weihnachten 2015. Hunderte Menschen haben sich zu einem Gottesdienst versammelt. Die Kirche und eine Initiative rufen dazu auf, die Kollekte für das Hilfeprojekt einer nahe gelegenen Gemeinde zu veranstalten. Die Stimmung im Land war zu diesem Zeitpunkt schon etwas wacklig. Immer lauter wird der Bocksgesang von Horst Seehofer, Pegida und AfD, dass Deutschland das nicht schafft – vor allem nicht so viele muslimische Männer. In der Friedenskirche spielt das keine Rolle. Ein Kreis von Initiatoren, darunter Bürger, Helfer, Gäubige, Adlige, die jedes Jahr zu einem Benefizgottesdienst einladen, findet es genau den richtigen Moment, um für die Flüchtlinge zu sammeln. Einer der Initiatoren berichtet, dass sein achtjähriger Sohn in der Schule neuerdings einen syrischen Mitschüler und Spielkameraden hat. Eigentlich waren es mal drei – aber die beiden Brüder sind bei der Fahrt über das Mittelmeer gestorben. "Die sind jämmerlich ertrunken“, sagt er. Er beginnt inmitten dieser Kirche zu weinen – und die halbe Gemeinde mit ihm.

Die Freiheit der Frauen

Ortswechsel. Im Kreis der evangelischen Kirche Stahnsdorf bei Potsdam findet jeden Sonntag ein Begegnungscafé statt. Da kommen ins Schulhaus von Kleinmachnow 100 bis 150 Menschen. Flüchtlinge aus den Unterkünften in Stahnsdorf und Teltow, Bürger, Helfer. Aus dem Café, das ein Kennenlernen zwischen den Kulturen, zwischen Christen und Muslimen ermöglicht, haben sich inzwischen mehrere Projektzweige gebildet. Es gibt Deutschkurse, Patenschaften zwischen Flüchtlingsfamilien und Kleinmachnowern werden geschlossen. In einem Patenschaftsvertrag wird vereinbart, dass die Paten Zeit für die Menschen in Not haben – und wie viel Zeit das ist. Dabei geht es unter anderem um Behördengänge und amtliche Schreiben.

Und es gibt den MutterKindClub. Die Idee ist es, Müttern mit Kleinkindern aus dem Flüchtlingsheim zweimal pro Woche einen Ort zu geben, an dem sie sich ausruhen können. Im Heim besteht für die Frauen praktisch nicht die Möglichkeit, die Kinder krabbeln zu lassen. Zu schmutzig, zu gefährlich. Im Schulhaus ist das möglich. Fünf Frauen aus Kleinmachnow und Umgebung helfen den asylsuchenden Müttern. Ziel ist es auch, den Frauen ein Gefühl von Autonomie zu geben – und ein Verständnis der Gleichberechtigung im Westen.

„Aber so weit sind wir noch nicht“, sagt eine Supervisorin. Die Deutschen lernten gerade viel. Zum Beispiel, wie sehr muslimische Frauen aus Nordafrika auf Hygiene achten. Das Obst, das die Kleinmachnowerinnen für ihre Gäste lang vor der Begegnung aufschnitten, wurde nicht gegessen – weil das den geflüchteten Frauen nicht hygienisch genug war. Die Supervisorin sagt: „Im Moment lernen unsere deutschen Helferinnen mehr als die Geflüchteten.“

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 20.04.2016
Geschrieben von

Christian Füller

http://christianfueller.com
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Christian Füller

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