Und was ist mit uns?

Wahlkampf Warum es den linken Parteien nicht gelingt, die Ungleichheit im Lande in eine Stimmung und Stimmen zu wandeln
Und was ist mit uns?
Gewinnen wird Martin Schulz die Menschen nur, wenn er ihnen eine Erzählung anbietet
Foto: Martin Müller/Imago

Die Kandidatin wird bejubelt. Ihr Auditorium ist nicht klein, die Zuschauer ein bunt gemischtes Publikum. „Hey, ihr müsst nicht so glatt und perfekt sein wie die Schönen und Reichen“, ruft die Kandidatin ihnen zu. „Ihr seid, verdammt noch mal, perfekt für mich, so wie ihr seid.“ Die Arena tobt. Und die Kandidatin legt nach: „Was ist eigentlich mit uns!“ Sie spricht über die Unterschätzten und Unterprivilegierten, die zu oft die Rechnung der anderen bezahlen müssen. „Wir werden einen Kampf beginnen. Wir werden ihnen zeigen müssen, dass wir bereit sind.“ Die Menschen sind begeistert, einige trocknen sich Tränen. Vielleicht, weil sie das Gefühl haben, dass sie endlich wieder jemand versteht – und mit auf den Weg nimmt.

Die Szene spielt – leider – nicht bei einer Wahlkampfveranstaltung für die Prekären, neuen Proletarier und fragilen Programmierer, sondern bei P!nk. In der Berliner Waldbühne. Es ist natürlich unfair, den drögen Wahlkrampf zwischen Raute und St. Martin mit einem Rockkonzert zu vergleichen. Eigentlich. Spürt man aber ein bisschen genauer hin, dann hat P!nk ihre 20.000 Zuschauer nicht nur mit Show und Stimme mitgerissen. Es war ihre Botschaft, die sich mühelos auf das beziehen lässt, was in der Republik gerade falsch läuft. Und auf die Begeisterung, das zu ändern. Das Land ist zerrissen. Die soziale Schere geht auseinander, ganz gleich, ob es um Gehälter, Schulen, Kassenbeiträge, um Steuern, Aufstiegschancen oder Vermögen geht. Viele Menschen fühlen sich „mistreated, misplaced, misunderstood“ (P!nk). Sozialforscher haben stichhaltige empirische Befunde dafür, dass dieses Gefühl berechtigt und quasi objektiv ist. Der Kandidat der SPD nimmt das auch auf, ähnlich wie die Linke und die Grünen. Was die drei Parteien des linken Flügels – bei allem gegenseitigen Gezänk – eint, ist, dass sie sich Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben haben. Sie wollen denen in der Unter- und der gefährdeten Mittelschicht zeigen: Wir erkennen euch an, wir helfen euch!

Warum aber gelingt es den linken Parteien nicht, diese vagabundierenden Klientele zu begeistern und zu binden? Martin Schulz ist vielleicht das beste Beispiel dafür, dass etwas in der Luft liegt; das gilt selbst nach der Post-Saarland-Depression. Er war so fulminant gestartet, dass man die Wechselstimmung buchstäblich spüren konnte. Für ein paar Wochen erklomm Schulz demoskopische Werte, die für die SPD gar nicht mehr erreichbar schienen. Fast auf pari mit der lahmen, selbstgerechten CDU kam er heran. Dafür gab es zwei Gründe: Der Hunger der Menschen nach sozialer Gerechtigkeit ist stark, keine Frage. Der Zündfunke freilich war, dass Martin Schulz zu dieser Zeit nicht als der Politprofi empfunden wurde, der er ist, sondern als der Sohn kleiner Leute, der Fehler hat. Der die Schule nicht gleich packte. Der mit Alkohol nicht zurechtkam. Der eben nicht „fucking perfect“ war. Also einer nicht von den reichen Wenigen, sondern von den Vielen, von uns. So dachten viele, und sie taten es umso mehr, als arrogante Journalisten ihm daraus den Strick drehen wollten. Schulz half, dass er kein Heiliger ist, sondern Kodderschnauze kann. Im ersten Bürgerdialog dieser Tage – oder neudeutsch: Townhall-Meeting – ließ er das erneut anklingen, etwa als er über Randalierer sagte: „Die müssen mal richtig eins auf die Mappe kriegen, damit sie spüren, wer im Land das Sagen hat.“ Das war ein kurzes Aufflammen alter Stärke.

Schulz’ Momentum scheint dennoch abgerissen, und er schnauzt heute eher bei den falschen Themen, etwa im Law-and-Order-Diskurs oder wenn er gegen Trump keilt. Das soll er ruhig machen. Gewinnen können wird er die Menschen wohl nur, wenn er ihnen endlich – nein: wieder – eine Erzählung anbietet. Eine, die ihr Leben berührt und ihnen zugleich einen Ausweg aus ihren Miseren bietet. Vielleicht war es der Umschlagpunkt im Wahlkampf, als Schulz seine fehlbare, aber zugkräftige Biografie plötzlich in politische Formeln übersetzen musste. Das ist ihm nicht gelungen. Er transformierte die Glaubwürdigkeit seines Lebenslaufs – noch – nicht in Programmsätze für Armut, Ungleichheit, Benachteiligung, für fehlenden bezahlbaren Wohnraum, für riskante, gestückelte oder schlecht bezahlte Jobs. Und nur kurz in Begeisterung. Dass er es kann, das wissen wir.

Das Townhall-Meeting hat gezeigt, wo Schulz’ Spielfeld ist: bei den Menschen. Ein kluger Beobachter hat kürzlich gefragt, warum der SPD-Kandidat mit seiner Kampagne nicht Station in Mietskasernen und Krankenhäusern, vor Werkstoren und bei wackligen Soloselbstständigen, in einstürzenden Schulen und Kitas oder bei den Tafeln in diesem Land mache. Er hätte solche persönlichen Begegnungen groß ausspielen können. Interessanterweise geht es anderen linken Parteien genauso. Die Themen der Zeit sind wie gemalt für sie: soziale Ungleichheit, Autochaos, Angst vor der Digitalisierung und Integration. Es gelingt den Parteien nur nicht, ihre Projekte in gemeinsame Perspektiven für Menschen zu übersetzen. Aber der Wahlkampf ist nicht zu Ende. Er ist dazu da, den Streit auszutragen. Die Bürgerdialoge stehen erst bevor. Vielleicht sollten Schulz & Co. mal erleben, wie man Menschen nicht nur aufklärt, sondern sie mitreißt. Wie man Unterschätzten Mut gibt. „Ändert eure Stimmen im Kopf. Macht sie zu dem, was ihr sein wollt.“ Rot reicht nicht. Es braucht mehr Pink.

06:00 21.08.2017
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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