„Warum nicht das Beste tun, was wir können?“

Interview Andreas Meißner arbeitet mit minderjährigen Flüchtlingen und mahnt: Integration braucht Zeit und Geld
„Warum nicht das Beste tun, was wir können?“
„Residenzpflicht ist sicher das Letzte, was hilft“ – Zia (l.) und Mustafa in einer Containersiedlung in Berlin

Foto: Sean Gallup/Getty Images

der Freitag: Herr Meißner, seit den Übergriffen in Köln tost eine Rassismus- und Sexismusdebatte über das Land.

Andreas Meißner: Ja, das Problem ist nur, dass sowohl die Debatte als auch die Maßnahmen, die nun ergriffen werden, die Chancen zur Integration nicht etwa verbessern, sondern verschlechtern.

Was meinen Sie damit?

Ausländerrechtliche Restriktionen wie Residenzpflicht und andere Einschränkungen für Zuwanderer verschärfen deren Aussichtslosigkeit oft noch. Das bedeutet, dass insbesondere junge Menschen mit unsicherem Aufenthalt unter großem Druck leiden. Sie bräuchten eigentlich mehr Betreuung und Aufmerksamkeit, um ihre Integration zu verbessern, nicht mehr Abschreckung. Ein junger Mann zum Beispiel, der in seiner Heimat als Straßenjunge aufgewachsen ist, lässt sich oft nur schwer in hiesige Angebote einbinden. Das erfordert Zeit und Konzepte in der sozialen Arbeit. Das bedeutet aber nicht, dass die Justiz Straftäter – egal wo sie herkommen – nicht auch als solche behandeln muss. Residenzpflicht und Arbeitsverbot sind allerdings ganz sicher das Letzte, was dem hilft. Ich habe solche Fälle auch in unserer Einrichtung erlebt.

Was kennzeichnet die Lage der Straßenkinder?

Hoffnungslosigkeit. Irgendwann sitzen die da und merken, wie beschissen ihre Situation ist. Dann weinen sie über ihr verpfuschtes Leben. Ich habe hier einige weinen sehen: „Mein Scheißleben, mein Scheißleben.“ Es gibt kaum einen Haltepunkt für sie. Sie haben nie Bindung erlebt. Sie wissen nicht, was Familie bedeutet. Sie sind auf der Straße in Marokko groß geworden. Niemand kümmerte sich um sie. Viele haben sich durch andere Länder durchgekämpft. Die erste Station war oft Spanien. Als die wirtschaftliche Lage dort schlechter wurde, sind sie weitergezogen.

Wie könnte man diesen Jungen helfen?

Ich habe auch kein Patentrezept – aber eins weiß ich: Davonlaufen vor etwas – das ist nicht neu für die. Wir müssen eine Perspektive für sie schaffen. So lautet die Erfolgsformel für alle Flüchtlinge, vor allem für junge, die noch etwas vor sich haben im Leben. Auf diesem Gebiet machen wir gerade sehr viel falsch.

Wie meinen Sie das?

Schauen Sie sich den Beschluss vom November an, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge flächendeckend und gerecht zu verteilen. Das mag aus Sicht der einzelnen Bundesländer gerecht erscheinen, ist aber aus einer größeren Perspektive betrachtet schlicht falsch.

Zur Person

Andreas Meißner, 43, pädagogischer Leiter von „Evin“, einem anerkannten Träger der Jugendhilfe in Berlin. Er gehört dem Bundesverband für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ an.

Foto: Privat

Städte wie München oder Berlin, wo viele unbegleitete Minderjährige ankommen, sind überlastet.

Das stimmt. Nur, die Unbegleiteten zu verteilen, hilft den Ländern, nicht unbedingt den Jugendlichen.

Warum sollte man minderjährige Flüchtlinge nicht verteilen?

Menschen lassen sich nicht wie Schachfiguren verschieben. Laut Kinder- und Jugendhilfegesetz haben die Jugendlichen ein Mitspracherecht. Die Betreuung der unbegleiteten Minderjährigen muss sehr professionell sein, sie braucht viele Ressourcen. Ich befürchte, in bestimmten Regionen sind Jugendämter und Jugendhilfeeinrichtungen nicht darauf vorbereitet. Es gibt in vielen Regionen nicht die Erfahrung an sozialpädagogischer Betreuung für junge Geflüchtete, wie wir sie in Städten anbieten können.

Einen guten Sozialpädagogen finden Sie auch in Ruhpolding oder Anklam.

Sie brauchen aber viele und nicht einen, sonst verbrennen Sie die Sozialarbeiter. Außerdem brauchen Sie Netzwerke zu Schulen, Anwälten, ethnischen Communities oder Sprachmittlern. Nicht zu vergessen die psychologische Hilfe, ein Drittel unserer Leute ist traumatisiert. Hier gilt die Faustregel: Die Kinderrechte helfen ihnen dabei, groß und sicher zu werden, um ihren Weg selber gehen zu können. Und das Ausländerrecht schadet allzu oft dabei. Ich gebe Ihnen ein Beispiel.

Gerne.

Ich habe hier nebenan einen jungen Mann sitzen, bei dem ich als Sozialpädagoge sage: „Lasst ihn zu seinen Verwandten nach Dortmund ziehen, dann wird was aus ihm!“ Aber das darf er nicht – wegen der ausländerrechtlichen Bestimmungen. Also bleibt er hier und geht vor unseren Augen ein wie eine Blume, die nicht gegossen wird. Wir tun unser Bestes. Aber warum tut unser System diesem Jungen das an? Wir geben Tausende Euro für ihn aus – aber verweigern ihm den Kontakt zu seinen Leuten. Wenn wir uns entschließen, Flüchtlinge aus kaputten Ländern aufzunehmen, warum tun wir dann nicht das Beste, was wir können, um ihnen zu helfen? Es ist sinnvoll, jetzt viel Geld zu investieren. Wenn wir es nicht tun, züchten wir uns unsere Risikojugendlichen heran.

Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge bekommen doch eine gute Betreuung, und die ist ja nicht ganz billig ...

… vor allem ist sie nötig. Die wollen doch keinen Porsche haben, darum geht es nicht. Sondern um Zeit und Qualität. Wenn unsere Schützlinge hier rausgehen, dann sind sie gefestigt, sprechen Deutsch und sind in der Schule genau wie in ihrer Peergroup integriert. Manche machen sogar eine Lehre. Es fällt uns nicht leicht, sie ziehen zu lassen. Sie gehen hier stark raus, und wir sind stolz auf unsere Arbeit.

Das hört sich toll an. Wo ist das Problem?

Dass das nur funktioniert, wenn wir eine Bindung aufbauen können und sie eng betreuen. Ein geregeltes Clearingverfahren dauert eigentlich drei Monate und ist dazu da, herauszufinden, wer die Jungs – es sind meist Jungs – sind, wie es ihnen geht, was sie erlebt haben, was sie können, was sie wollen. Dieses Clearingverfahren wird nun auf oft wenige Wochen zusammengestaucht. In dieser Zeit haben die sich uns noch gar nicht anvertraut, werden aber schon wieder irgendwohin verteilt. Ich kann nicht 50 Jugendliche an einem Ort einsperren, wo es nicht mal einen Sportverein gibt. Sorry, das ist Quatsch. Dabei kann viel kaputtgehen. Und es haut uns nebenbei die Standards kaputt, die wir uns in der Jugendhilfe erkämpft haben.

Was wäre Ihr Vorschlag?

Wir müssen unsere Standards halten. Das heißt: enge Betreuung und die Jugendlichen Schritt für Schritt an ihrer Entwicklung beteiligen. Das ist teuer, aber es hilft. Die Jugendlichen brauchen Profis und haben ein großes Bedürfnis nach Freizeitaktivitäten. Die wollen eine Jugend haben wie andere Jugendliche auch. Das macht die Arbeit mit ihnen viel leichter, als wenn sie irgendwo in die Pampa geschickt werden, wo sie viel über sich nachdenken müssen. Das erleben wir nachts hier oft: Wenn sie Zeit haben, ihre Situation zu bedenken, brechen oft Krisen aus. Mancher 17-Jährige beginnt, wieder einzunässen.

Was heißt das für die Asylpolitik?

Wir haben uns als Staat und Gesellschaft entschlossen, Menschen aufzunehmen. Also sollten wir jetzt auch konsequent sein. Wir dürfen nicht in unsere alten Muster des Abwehrens und Herumschubsens verfallen. Das passt nicht.

06:00 24.02.2016
Geschrieben von

Christian Füller

http://christianfueller.com
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Christian Füller

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