Welche Kleider trugen die Inkas?

Schule in Finnland Seit dem glanzvollen Abschneiden der finnischen Schüler in der Pisa-Studie, wollen Bildungsreformer dem pädagogischen Geheimnis des skandinavischen Landes auf die Spur kommen

Wie der Leiter einer Klinik sieht Sami Aarto nicht gerade aus. Er trägt keinen weißen Kittel, kein Stethoskop baumelt um seinen Hals. Der junge Mann macht sich in Jeans und Sandalen auf den Weg zu einem Einsatz.

In der Klinik herrscht dicke Luft. Sieben Jungs zwischen sieben und neun Jahren sind dort versammelt. Mittendrin Mikka und Thomas. Die beiden recken ihre hochroten Köpfe halb stolz, halb trotzig in die Höhe. Sie haben Schrammen an den Armen. Mikkas T-Shirt sieht aus, als hätte er damit den Schulhof geschrubbt. Als Sami Aarto, der Chef, hinzukommt, sind schon zwei Erwachsene im Raum. Der Hausmeister und eine Lehrerin. Aarto schaut sich die Situation kurz an. "Da gab´s Streit auf dem Schulhof", meint er, "das müssen die erstmal untereinander klären. Bevor sie weiter ihren Stoff üben können."

Sami Aarto ist kein Arzt, und in der "Klinik" werden nicht etwa die Hautabschürfungen von Mikka und Thomas gepflegt. Die Klinik ist der Ort der Meri-Rastila-Schule in Helsinki, an dem Aarto die frühen Lerndefizite der Schüler beheben soll. Sobald die Lehrer der Schule merken, dass es Nachzügler gibt, läuft ein regelrechtes Notfallprogramm an. Dieses zu koordinieren ist der Job des 32-jährigen Aarto. Der stellvertretende Rektor organisiert den regulären Nachhilfeunterricht der Schule. Seien es behinderte Kinder, seien es Zuwanderer, die noch kein Finnisch können, oder einfach Schüler, die aus anregungsarmen Familien kommen. Sie erhalten neben dem normalen einen speziellen Unterricht nach einem eigenen Lehrplan. So will die Meri-Rastila Koulu der Grund-Philosophie der finnischen Schule gerecht werden: "Wir lassen keinen Schüler zurück."

Die Meri-Rastila Koulu liegt in Helsinkis Stadtteil Vuossari in Meeresnähe. Nichts hat hier den morbiden Charme, den die Filme Aki Kaurismäkis auszeichnen. Es herrscht die ganz und gar uncharmante Offenheit einer explosiven sozialen Mischung. Hohe Arbeitslosigkeit, Menschen, die von der Fürsorge leben. Und ein Phänomen, das sonst in Finnland eher unbekannt ist: Eine Viertel der 30.000 Einwohner in Vuossari sind Einwanderer, zusammengewürfelt zumeist aus Somalia, Russland und Estland. Das macht das Schulleben kompliziert. Die energische Förderpolitik der Meri-Rastila-Schule mutet daher wie ein Experiment an. Es ist aber keines. Die Schulplaner Vuossaris haben lediglich alle Spezialitäten zusammengefasst, die finnische Schulen zu bieten haben.

In ganz Finnland gehört es zum Schulalltag, dass alle Kinder bis zur neunten Klasse eine Schule besuchen. Der Klassenlehrer unterrichtet bis zur Sechsten alle Fächer und erst danach werden Zensuren erteilt. Oft leiten zwei Lehrer den Unterricht und die Schulen haben wie selbstverständlich eine Bibliothek. Es gibt ein Mittagessen, weil die Schule den ganzen Tag dauert.

Die Meri-Rastila-Schule geht über all das noch ein bisschen hinaus. Sie hat sich zum Beispiel das Prinzip Allverantwortlichkeit gegeben. Das heisst nicht nur die fünf Sorten von Klassen-, Assistenz- und Speziallehrern sind für die Kinder verantwortlich, sondern genauso der Hausmeister. Zur Schule gehört auch ein Kindergarten. Die Sechsjährigen aus der Vorschulklasse werden schon mit den Sieben- und Achtjährigen in einer Lerngruppe integriert. Mit ihrem angeschlossenen Jugendzentrum ist die Meri-Rastila schließlich eine Art Schulcampus. Jahrgangsübergreifender Unterricht, Teamteaching, Campus-Prinzip - in Deutschland weisen allenfalls Sonder- und Hochbegabtenschulen ein derartiges Arsenal an pädagogischen Besonderheiten auf. Trotzdem ist Meri-Rastila im jungen Stadtviertel Vuossari immer noch eine ganz normale finnische Schule.

"Wir brauchen Berge", rufen Jasmine, 13, und Nora, 12, einigermaßen verzweifelt. Die beiden Teenagerinnen versuchen aus Pappe, Farbe und Knete ein Modell der untergegangenen Inka-Stadt Machu Picchu nachzubauen. Mit ihnen am Tisch sitzt Anna. Die 12-Jährige schneidert diesmal nicht den letzten Schrei aus der Popmode, den sie und ihre Freundinnen tragen werden. Sie versucht die Kleider nachzuahmen, die man in der Inka-Hochkultur Südamerikas trug. Am Nebentisch kämpfen derweil ein paar Jungs die Kreuzzüge nach, andere entdecken mit dem Eroberer Christoph Columbus noch einmal Amerika. Was aussieht wie Werken ist in Wahrheit das Projekt "Mittelalter" im Fach Geschichte/Wissenschaft. Kinder aus der Fünften und Sechsten sitzen hier in Arbeitsgrüppchen zusammen, schwarze und weiße Schüler aus Vuossari, schlaue und weniger schlaue.

"Es ist keine gute Idee, die Schüler in Gute und Schlechte einzuteilen", sagt Katriina Kumpumäki, "die Kinder müssen lernen, mit allen zusammen zu sein." Für ihr Mittelalterprojekt bedeutet das, dass die 25-Jährige mit ihrer Assistenzlehrerin zusammen so gut wie keinen Frontalunterricht mehr betreiben kann. Rund die Hälfte der Zeit im Klassenraum, sagt sie, besteht darin, das Projekt für die Schüler zu erläutern. Der Rest der Lernzeit wird für die Schüler eine Art Studienzeit. Sie finden dann in der Schulbibliothek oder im Internet selbst heraus, was für sie wichtig ist: Wer die Inkas waren, wann sie gelebt haben, wie sie gebaut und sich gekleidet haben.
Die junge Klassenlehrerin Kumpumäki nennt das den "individuellen Lehrplan" für jeden Schüler. Das soll heißen, dass die sehr globalen Lernziele, die der staatliche finnische Lehrplan vorgibt, auf jede einzelne Schule und sogar auf jeden Schüler angepasst werden. "Wir besprechen erst das Thema", erzählt die Lehrerin, "dann tun sich die Schüler je nach Interesse zu Gruppen zusammen." So soll, das ist die Idee, jeder Schüler mit eigener Geschwindigkeit und Gründlichkeit lernen können.

Die individuelle Unterrichtsform, wie sie Katriina Kumpumäki praktiziert, gehört seit der internationalen Lesestudie Pisa zu den großen Fragen der deutschen Erziehungswissenschaft. Die Experten für die Vermittlung von Lernstoff, die Didaktiker, sprechen mit Respekt vom "individualisierenden Unterricht". Worin sein Geheimnis genau besteht und ob es überhaupt den magischen Trick gibt, vermag niemand recht zu sagen. Tatsache ist, dass die jungen Finnen in der Studie der OECD geradezu phänomenale Ergebnisse ablieferten.

In Finnland ist individualisierender Unterricht gewissermaßen Staatsdoktrin. Der Leiter des finnischen Zentralamtes für Unterricht, Jukka Sarjala, sagt etwa: "Als Lehrer ist man für 25 unterschiedliche Kinder verantwortlich, also muss man 25 unterschiedliche pädagogische Konzepte entwickeln." Kein deutscher Schulrat käme auf die Idee, von einem Lehrer zu verlangen, für alle Kinder vom schlechten Hauptschüler bis zum Gymnasiasten innerhalb einer Klasse individuellen Unterricht zu erwarten. In Finnland geht es gar nicht anders. Denn ausschließen kann man praktisch kein Kind. Seit den siebziger Jahren gibt es von der ersten bis zur neunten Klasse eine gemeinsame Grundschule. Interessanterweise kennt die Gesamtschule finnischen Typs keine "äußere Leistungsdifferenzierung". Schüler werden grundsätzlich nicht in verschiedene Leistungsklassen sortiert.

In Skandinavien lernt jeder anders

Die Finnen schnitten in der Pisa-Studie von den weltweit verglichenen 32 Ländern am besten ab. Die Forscher konnten die Hälfte der 15-Jährigen den beiden höchsten Leistungskategorien von Pisa zuordnen. Miserable Leser dagegen fanden sich nur sechs Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland entdeckte die Studie, dass ein Viertel der 15-Jährigen sehr schlechte Leser sind - darunter so genannte funktionale Analphabeten, Jugendliche, die Buchstaben und Worte erkennen können, aber nicht in der Lage sind, aus den damit geformten Sätzen einen Sinn herauszulesen.

In Finnland sind Schulen genau wie in Schweden sehr selbständige Einheiten, die über ihre Finanzen und Lehrformen bestimmen. Der Staat begnügt sich damit, den Rahmen zu setzen - und die Schulen durch unabhängige nationale Schulämter ständig zu evaluieren. In der fünften und neunten Jahrgangsstufe nationale Vergleichstests geschrieben. Diese dienen nicht dazu, die Schüler mit Zensuren zu bewerten, sondern der Regierung und der Gesellschaft Auskunft über die Schulen zu geben.

Kernaufgabe der Schulen soll sein, Wissen immer neu zu fördern. Im Mittelpunkt des Unterrichts steht daher das so genannte forschende Lernen. Anders als früher ist Wissen dabei kein abgeschlossener, in Lehrplänen fest definierter Kanon. Verschieden alte Kinder bilden selbstständig Teams, die an fächerübergreifenden Themen arbeiten. Das bedeutet zum Beispiel, dass sich die Schüler mit dem Thema "Wasser und Mensch" befassen, dass sie das selbstgewählte Portrait eines Musikers zusammenstellen oder dass sie - wie im Text oben beschrieben - das Thema Mittelalter mit einer eigenen Fragestellung behandeln: Welche Kleider trugen die Inkas? Wie kann man Machu Picchu nachbauen? Die alten Grundeinheiten der Lernorganisation, die Jahrgangsklasse sowie das Schulfach, haben dabei stark an Bedeutung eingebüßt.

Wie kann man den Lernfortschritt der kleinen Forscher kontrollieren und bewerten, wenn es keine Klasse und kein Fach mehr gibt? Die Schweden versuchen dieses Problem durch ein Planungsbuch zu lösen. Ab der "ersten" Klasse dokumentiert jedes Kind sein eigenes Lernen in einem Büchlein. Zunächst hilft die Lehrerin die jeweiligen Übungen einzutragen. Je älter die Schüler werden, umso selbstständiger bestimmen sie, in welcher Zeit und mit welchen Übungen, Projekten und Paukeinheiten sie die Lernziele erreichen wollen. Lernen als Eroberungsfahrt durch das Wissen - mit dem Lehrplan als grobem Kompass und einem Logbuch.

In Deutschland gilt nach wie vor das Ausleseprinzip. Selbst in Gesamtschulen werden Schüler in Leistungsgruppen aufgeteilt. Die Kultusminister der Länder weigern sich beharrlich, über dieses Prinzip zu diskutieren, geschweige denn es zu ändern. Viel wichtiger sei es, den Unterricht zu verbessern. So lautete die immergleiche Antwort, selbst nach den verheerenden Ergebnissen, die das dreigliedrige deutsche Schulsystem bei Pisa produzierte.

In der Wissenschaft hingegen wechselt die Stimmung. Irritiert und überrascht vom Abschneiden der Finnen gingen Forscher auf Bildungsreise in den Norden. Sie machten dabei eine interessante Entdeckung: Die Gesamtschule hat den Fortschritt im Bildungswesen nicht etwa blockiert, sie forciert ihn womöglich. "Wir haben im Vergleich zu hier in zentralen Bereichen die Modernisierung der Schulen zu wenig konsequent vorangetrieben", sagte etwa Petra Stanat vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Die deutsche Pisa-Wissenschaftlerin ortet den Rückstand gleich auf mehreren Feldern: frühkindliche Bildung, Umgang mit Migranten, Lernkultur, Unabhängigkeit der Schulen und Qualitätssicherung des Unterrichts. (siehe auch Kasten)

Stanats Essener Kollege Klaus Klemm spricht gar von einem "gigantischen Modernisierungsvorsprung". Der renommierte Bildungsökonom ahnt auch schon, woran es liegen könnte. Dass es einen Zusammenhang zwischen Schulform und Unterrichtsqualtiät geben könnte. Wer keinen Schüler wegen falscher Begabung in eine andere Schule verweisen kann, muss einen sehr guten Unterricht erteilen. Es kostet nämlich viel Mühe, keinen Schüler zurückzulassen. Eine Mühe, die möglicherweise mit verantwortlich ist für die gerühmte finnische Lernkultur.

"Manchmal denke ich, es ist nicht zu schaffen." Helena Linna meint die ersten beiden Schuljahre an der Meri-Rastila-Schule. 20 Kinder hat die Ausbilderin und Lehrerin dann. Zu viel um im Multikulti-Bezirk Vuossari der finnischen Idee "Fördern statt Auslesen" gerecht zu werden. An ihrer Schule gibt es dafür eigentlich ideale Bedingungen. Linna hat stets eine zweite Kollegin mit im Klassenzimmer, und sie bekommt auch mehr Geld als andere Lehrer für den Unterricht mit Erst- und Zweitklässlern. Trotzdem könnte die Mittvierzigerin manchmal verzweifeln. "Wenn ich nur zwei Schüler mit Lernproblemen habe, verwende ich praktisch meine ganze Energie für sie. Ich müsste die anderen dann vernachlässigen", ärgert sich Helena Linna. Und dann wird sie richtig böse, weil die Stadt Helsinki dabei ist, die zusätzlichen Mittel für die Klinik der Meri-Rastila-Schule zu streichen.

Es ist ja nicht so, dass die finnische Schule eine Traumschule ohne Probleme wäre. Die deutsche Botschaft hat in einem Vermerk über die Stimmung im Lande nach der Pisa-Studie fest gehalten, das Ergebnis sei mit einem gewissen Stolz aber gänzlich ohne Euphorie aufgenommen worden. Den Lehrern nutzt es im täglichen Unterricht nichts, dass ihr Land bei Pisa gut abgeschnitten hat. Lehrer verdienen nicht einmal besonders gut in Finnland. Sie kommen auf netto rund 1.500 Euro - weniger als etwa deutsche Lehrer verdienen. Trotzdem macht es den Eindruck, als ob die finnischen Pädagogen zufrieden sind. Selbst der Sonderschullehrer Sami Aarto, der die Klinik, die Auffangstation für Nachzügler betreibt. "Sie sollen ja nicht ewig bei mir bleiben", sagt Aarto, "sondern zurück in den normalen Unterricht." Normaler Lehrer will Aarto nicht sein. Der junge Mann macht dann eine Pause. Das hieße nämlich, dass er mit 25 Schülern Unterricht machen müsste. "Und das ist mir einfach nicht individuell genug."

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02:00 07.06.2002
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

Ausgabe 42/2021

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