Zum Ende der Reformpädagogik

Internat Die Odenwaldschule war jahrelang Symbol für Übergriffigkeit, sexualisierte Gewalt und das Umkippen eines Systems von „gut gemeint“ zu „skrupellos“. Nun ist sie bankrott
Christian Füller | Ausgabe 38/2015 46
Zum Ende der Reformpädagogik
Missbrauch gehörte „zum Kulturprogramm der Odenwaldschule“
Bild: Alex Grimm/Getty

Vor 105 Jahren gründete Paul Geheeb die Odenwaldschule, idyllisch gelegen am Ende des Hambachtals. Sie sollte ein Gegenentwurf zur Drillschule des Kaiserreichs sein. Die reformpädagogische Internatsschule galt von jeher als leuchtendes Vorbild, 2010 dann der jähe Einschnitt. Kurz nach dem katholischen Canisius-Kolleg in Berlin kam an der weltlichen Vorzeigeschule das Ungeheure ans Licht: sexueller Missbrauch, massenhaft verübt, über viele Jahre hinweg. Bei den Reformpädagogen im Odenwald waren es laut eines Untersuchungsberichts 125 Opfer, die Interessenvertretung der Betroffenen geht sogar von 500 Schülern aus, die in den 1970ern und 80ern einer Gruppe von Lehrern zum Opfer fielen. Missbrauch gehörte „zum Kulturprogramm der Schule“, steht in einem Gutachten über die Anstalt.

Am vergangenen Wochenende fand nun ein Epilog statt, ein letztes Kapitel. Denn die Odenwaldschule ist bankrott. Moralisch war sie es ohnehin nach den Enthüllungen der Missbrauchsfälle, die auch dem einst angesehenen Schulleiter Gerold Becker angelastet wurden – einem Mann, der sich zum besseren Deutschland zählte und in der Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreises die Laudatio auf Astrid Lindgren halten durfte. Die Schule hat kein Geld mehr, die Lehrer sind freigestellt, auch ein letzter Versuch scheiterte, ein Nachfolge-Internat zu gründen. Die letzten verantwortlichen Leiter bekannten sich öffentlich zur Schuld der Schule. Es sei eine Täterorganisation, die hunderte Schutzbefohlene missbraucht habe, sagte der Rostocker Historiker Jens Brachmann. Es habe immer Mitwisser und Mittäter gegeben.

Brachmann, der die Missbrauchsgeschichte der Odenwaldschule untersucht, geht noch einen Schritt weiter. Nicht nur die Schule habe institutionell versagt, der Virus der Distanzlosigkeit und der Grenzverletzung sitze mitten in der Ideologie der Reformpädagogik. Der pädagogische Eros, die Nähe zum Kind, die ganze Beziehungskultur von Reformschulen steht damit auf dem Prüfstand. Das ist – neben den physischen Opfern – auch ein Kulturschock in der deutschen Schulgeschichte. Denn die Odenwaldschule war viele Jahre so etwas wie die Blaupause, das Idol aller Reformschulen, die Alternative zur deutschen Pauk- und Lehrplanschule. Inzwischen ist die Schule Symbol für: Übergriffigkeit, sexualisierte Gewalt, das Umkippen eines Systems von „gut gemeint“ zu „skrupellos“.

Das Problem für die alternative Pädagogenzunft ist, dass die Odenwaldschule eine Pilgerstätte war. Zu Tausenden haben all jene, die auf der Suche nach einem anderen Lernen waren, in dieser Schule hospitiert. Und das seit ihrer Gründung. Das Besucherbuch liest sich wie das Who’s Who der aufgeklärten Künstlerszene, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz, Karl Schmidt-Rottluff, Fidus, Golo Mann. Die Schule, entstanden aus der Lebensreformbewegung der 1900er Jahre, wurzelte tief in einer deutschen Idee vom befreiten, gemeinschaftlichen, naturnahen und nackten Leben. An der Schule gab es viele Jahre morgens ein regelmäßiges Lichtbad. Schüler und Lehrer stellten sich nackt auf, um die Sonne zu begrüßen. Jens Brachmann hinterfragt mit einem kritischen Rückblick auf die Landerziehungsheime diesen Teil der deutschen Kulturgeschichte in einem Buch. Sein Resümee ist eindeutig. Pädosexuelle Gewalt ist ein Kulturmoment von Generationenbeziehungen, besonders anfällig dafür: die Reformpädagogik.

06:00 17.09.2015
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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