Babies und Vermummte

Kopf an Kopf Die Tübinger Kunsthalle zeigt die Prinzipien der seriellen Porträtfotografie

Es gab eine Zeit, in der serielle Fotografie schwer in Mode war: in jeder Tankstelle, in jedem Postamt hingen sie aus, auf Plakaten gruppierte Passbilder von Menschen, die wegen Zugehörigkeit zur "Rote Armee Fraktion" gesucht wurden; einige hatte Volkes Hand bereits triumphierend durchgestrichen. Graue Bilder waren das, trist wie vorweggenommene Todesanzeigen, und in ihrer Ästhetik unterschieden sich diese Fahndungsaufrufe nur wenig von den Fotos, die die RAF in gewissen Abständen von dem entführten Hanns Martin Schleyer in Umlauf brachte: Hier wie dort sollte der Abgebildete als wenig sympathisches Menschenwesen dargestellt werden.

Nun wäre es historisch inkorrekt, die deutsche Polizei als Erfinderin des Seriellen in der Kunst zu feiern. Mindestens Andy Warhol war schneller, wenngleich im Siebdruck, und seine Marilyns und Suppendosen führten das sogenannte Böse auch eher indirekt vor Augen - also Phänomene wie Anonymität, Austauschbarkeit, Typisierung, Marktmechanismen und dergleichen; alles Dinge übrigens, die die Studentenbewegung, aus der die RAF letztlich entstand, entschieden kritisiert hatte. Nun waren die bewaffneten Teile der APO selber zu den Bösen geworden, in diesem deutschen Herbst wird wieder lautstark daran erinnert - und es passt zu den etwas intelligenteren Strategien der Tübinger Kunsthalle, sich nicht einfach an die absurden Feierlichkeiten dranzuhängen (künstlerisches Material zum Thema Terror hätte es genug gegeben), sondern einen anderen Weg zu gehen und etwas ganz Formales zu untersuchen, das aber enorm politisch ist: das Gesetz der Serie.

Denn es gibt ein solches, nicht nur im Fußball, sondern vor allem in der Fotografie. Wie stelle ich einen Menschen dar? Viele Fotos vermitteln eine andere Erfahrung als ein Foto, aufeinander bezogene Fotos eine andere als nur nebeneinander gehängte, kalkulierte Porträts eine andere als Passbilder oder Dokumentarisches. Kopf an Kopf: die Ausstellung führt 14 künstlerische Positionen und damit eine gewisse Variationsbreite des Themas vor. Rein quantitativ liegt Noah Kalina weit in Führung. 2.356 digitale Selbstporträts des Amerikaners sind in Tübingen zu sehen, freilich in horrender Geschwindigkeit hintereinandergeschnitten und zu einem Video vereint, nach sechs Minuten ist es an uns vorbeigerast. Everyday heißt es: sechs Jahre hat Kalina täglich ein Selbstbildnis hergestellt, und Alltag und sichtbare Persönlichkeitsveränderungen werden im Film in eine atemlose Bewegung versetzt. Jonathan Monks Arbeit bildet den Gegenpol. Er fotografierte sich selbst, bewusst ungeschickt, Blitzlicht voll auf die Brille, aber eben nur ein mal - und schickte das Negativ zur Entwicklung an fünfzig Fotostudios in aller Welt. Die in fünf langen Reihen gehängten Bilder widerlegen die Mär von der Objektivität des Fotografischen ein weiteres Mal: Farbton, Helligkeit, Kontrast und dergleichen variieren extrem, abhängig von den Schönheits-Begriffen des jeweiligen Labors.

Die Ausstellung vermittelt die irritierende Erfahrung, dass das menschliche Antlitz zwar optisch das Individuellste ist, was wir zu bieten haben, dass aber eine große Menge von Köpfen die Gemeinsamkeiten mit anderen betont. Pionier dieses Verfahrens ist der Amerikaner Ken Ohara, der Ende der sechziger Jahre New Yorker Straßenpassenten fotografierte und im fertigen Bild dann nur jenen Ausschnitt zeigte, der Augen, Nase und Mund umfasst. Das erzeugt einen Sog und macht das einzelne Bild sehr intim - man achtet auf Details, die man sonst nicht sieht. In der Reihung einer Vielzahl solcher Porträts werden dann aber nicht nur die individuellen, sondern auch die ethnischen Unterschiede zwischen den Figuren verwischt; durch die Masse entsteht der Eindruck von etwas Gemeinsamem, gar Animalischem. Ohara beschwor mit seiner Serie die Family of Man - in Tübingen ist ihm jetzt ein ganzer Saal gewidmet.

Martin Hellmold, der Kunsthallen-Kurator, möchte vor allem die Unterschiedlichkeit künstlerischer Konzepte vorführen, und das ist vorzüglich gelungen. Allein der große Saal ist grandios inszeniert: Die eine Seite ist mit neun riesigen, großformatigen Farbportraits der Marie-Jo Lafontaine bespielt, den Babylon Babies, Bilder, die Jugendliche aller Erdteile in den Status von Ikonen erheben, ausdrucksstark und selbstbewusst. Die Gegengerade ist für den Kölner Künstler Alexander Honory reserviert, der die gesamte Längswand mit 720 kleinen, aber intensiven Schwarzweißporträts aus dem polnischen Lodz zugenagelt hat. Die schiere Menge dieser Bilder erzeugt eine schöne Spannung zu den wenigen Alltagsheroen gegenüber.

Und bei Honory ist die Massenhaftigkeit Programm. In einem gigantischen Projekt will er Tausende von Köpfen aus Städten aller Kontinente zu einem Menschheitsbild komponieren, in dem der Einzelne erkennbar bleibt; in Tübingen zeigt er erstmals ein Kapitel aus dieser Unternehmung als Museumsarbeit. Honory sieht sich in der Tradition der Wanderfotografen - nur dass er den Porträtierten ihr Bild nicht verkaufen will, sondern es sich von ihnen schenken lässt. Es geht in diesen Bildern um Präsenz, nicht um das Besonderssein: Schaut her, das bin ich, ich gehöre dazu. Honory, der diese Arbeit 1996 begann, hat in Wien, Antwerpen, Bogota, Panama, Buenos Aires und eben Lodz seine Portraitserien bereits abgeschlossen. Man kann sie online sehen, drei Bücher sind erschienen, ein 24-Stunden-Video ist in Arbeit: Eine Welt mit vielen Gesichtern.

Die Tübinger Kunsthalle konzentriert sich neuerdings wieder auf Gegenwartskunst; Hellmold will die Fotografen auch seiner eigenen Generation etwas bekannter machen - und beschränkt sich auf die Zeit nach 1970. Die Künstler sind sorgfältig gewählt. Es gibt keine schwache Position. Im ersten Raum präsentiert Jürgen Klauke lauter Vermummte - also Menschen, die sich nicht zeigen wollen oder können oder dürfen, die kein Gesicht haben. Die Arbeit entstand unter dem Eindruck des palästinensischen Attentats auf die israelische Olympiamannschaft 1972. Die Abgebildeten auf diesen stark vergrößertern Zeitungsfotos sind meist arabische Terroristen; wer genau hinschaut, wird auch islamische Frauen in Niqab oder Burka entdecken. Die verhüllten, unterdrückten Frauen neben ganzkopfvermummte, machistische arabische Kämpfer zu setzen und so eine höchst widersprüchliche Kultur der Gesichtslosigkeit zu zeigen, das war schon 1972 einigermaßen mutig; heute, unter veränderten Rezeptionsbedingungen, ist es eine erfrischende Provokation.

Ganz anders jene Rechercheure, die sich geduldig auf die Spur eines anderen Menschen setzen - und dabei bemerken, dass sie ihm mit der Fotografie nicht wirklich nahe kommen. Christian Boltanski baut den im Weltkrieg verlorengegangen Kindern einen Altar aus gerasterten Suchbildern und kleinen Glühlämpchen der Hoffnung; und Luc Delahaye fotografierte beziehungslos vor sich hindösende Metro-Passagiere aus einer leichten Untersicht heraus und reiht diese Zeugnisse der Geistesabwesenheit zu einer städtischen Befindlichkeitsdiagnose. Dabei ist vor allem die Arbeitsweise Delahayes wichtig, der lange Kriegsreporter war und dann ausstieg: Er fotografiert beiläufig, ein Metro-Passagier, die Kamera wie ein Tourist vor der Brust baumelnd, ein teilnehmender Beobachter unter lauter müden Pendlern. In einer anderen Arbeit Delahayes haben Pariser Obdachlose sich selbst fotografiert: Menschen, die nichts mehr zu verlieren (und nichts zu verbergen) haben, in der genormten Aufnahme eines Photomaton-Automaten. Delahayes Frage ist also: Was passiert, wenn der Fotograf nicht mehr da ist, wenn er sich in Luft auflöst?

Der letzte Teil ist dem Spiel mit den Identitäten gewidmet: Olaf Nicolai dokumentiert jene persönlichkeitsverändernde Behandlung in einem von ihm selbst betriebenen Blondier-Salon, mit der freundliche Normalos zu schrillen Hipstern werden. Ralf Peters akzentuiert die Ähnlichkeit zwischen Personen durch eine besonders fahle Farbgebung. Und Valérie Belin ist mit jenen großformatigen Frauenportraits vertreten, auf denen Pariser Sekretärinnen wie Schaufensterpuppen aussehen. Der pigmentierte Inject Print betont nicht nur die Kühle der Fototechnik, sondern auch die Glattheit der Figuren, die sich selbst zu unberührbaren Wesen stilisieren, bunt geschminkte Göttinnen, unnahbar und kalt.

Kunsthalle Tübingen: Kopf an Kopf - serielle Porträtfotografie. Bis 27. November 2007. Der exzellente Katalog kostet 24,80 EUR.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare