Beckmann in Auschwitz

SPORTPLATZ Es war einer jener trüben Montagabende, an denen kein Fußballspiel droht, kein Ribbeck, kein Schumacher, man aber nach apathischem Start in die Woche ...

Es war einer jener trüben Montagabende, an denen kein Fußballspiel droht, kein Ribbeck, kein Schumacher, man aber nach apathischem Start in die Woche gewohnheitsmäßig den Fernseher anschaltet, um sich von Herrn Reinhold Beckmann, ehedem Sat.1-Sportmoderator, jetzt öffentlich-rechtliches Sandmännchen, in den Schlaf wiegen zu lassen. Genauer: es war Montag, der 3. April 2000. Ich ordnete Papiere für den nächsten Tag, im Hintergrund plauderte Heide Simonis, und dann passierte dieses: ein offenbar betrunkener Kameramann taumelte durch Auschwitz. Baracken, Leichen, Arbeit macht frei, die Bilder künstlich verlangsamt und oben mit dem sympathischen Logo "Beckmann" versehen. Beckmann war da, er hatte dem KZ seinen Stempel aufgedrückt. Es war nicht Benettonstadt, Leichen mit Pullover, nein, es war Beckmannstadt, betroffen und keimfrei - wobei Benetton meines Wissens vor dem visuellen Gebrauch von KZs bislang zurückgeschreckt ist. Im Off-Text war von einem gewissen Jurek Bielecki die Rede, der in Auschwitz angeblich die Liebe seines Lebens gefunden und dann wieder verloren hatte.

"Und jetzt ist er da!", verkündete (nach diesem in Fachkreisen als "Appetizer" bezeichneten Streifen) strahlend der Moderator, "Jurek, willkommen, setz dich hin". Mit KZ-Opfern sind wir per Du, wir setzen sie irgendwo hin, und wir sprechen mit ihnen wie mit Olli Reck und Mario Basler, der Unterschied ist ja, im Lichte des Beckmannschen Weltbilds betrachtet, gar nicht so groß, es sind irgendwie rührende, publicity-trächtige Geschichten, die vom misslungenen Freistoß und die von der misslingenden Liebe in Auschwitz, da haben wir immer ein paar adrette Fragen parat.

Jurek Bielecki weigerte sich, Deutsch zu sprechen. Er sprach Polnisch. Aber er weigerte sich nicht, überhaupt zu sprechen. Ich weiß nicht, welches Honorar für Auftritte dieser Art gezahlt werden - ich denke, jedes Honorar ist zu gering. Bielecki erzählte, Beckmann lächelte gutgeföhnt dazu. Bielecki bekam feuchte Augen, Beckmann räkelte sich und stellte diese intelligenten "Und was passierte dann?"-Fragen. Der Auftritt war sichtbar geschnitten, um den Abend nicht durch etwaige emotionale Ungehemmtheiten des Probanden zu verunschönern. Bielecki stand am Ende artig auf und bedankte sich bei den Deutschen, die heute doch ganz anders seien - wir ergänzen: wie Reinhold Beckmann eben.

Ich gebe zu: mir geht es schlecht bei Sendungen dieser Art. Die offensichtliche Obszönität, die solchen Inszenierungen innewohnt, wird mittlerweile vom Mainstream-Publikum gar nicht mehr bemerkt oder jedenfalls akzeptiert. Beckmann und sein wie ein Klon derselben Stammzelle wirkender Kollege Johannes "B." Kerner haben es in den vergangenen Jahren geschafft, dass die Klatschgeschichten von "ran" als Journalismus gelten, den man in den öffentlich-rechtlichen Sendern nun weiterzelebriert. Die Welt, ein Sportplatz. Torschuss oder Gnadenschuss, scheißegal. Ich will hier nicht nochmals die militärischen Unterströmungen der Sportsprache beschwören; ich muss mir aber selber immer wieder klarmachen (denn sonst fällt es mir qua Gewöhnung nicht mehr auf), dass die Tempo vorspiegelnden, nichtssagenden Kamera-Fahrten durchs Studio, die schwachsinnige Zeitlupe vom Querpass im Mittelfeld, die Untersicht auf einen als Statue aufgeblasenen ran-Moderator oder der frenetische, bereitwillige, auf Handzeichen oder Rotlicht einsetzende Applaus des Studio-Publikums einer faschistoiden Ästhetik überwölbt.

Entschuldigung. Dies ist kein Plädoyer für Hans-Joachim Rauschenbach. Oder vielleicht doch. Jedenfalls hat der nie beim Prosecco über Auschwitz geredet. Der bessere, der zurückhaltendere Sportjournalismus findet sowieso im Ausland statt. Im Schweizer Fernsehen kann man die schönsten Champions-League-Spiele anschauen, ganz umsonst, vorsichtig kommentiert und mit einem Studio-Publikum, in das sich zwar auch ein paar bierbäuchige Fans mit Bayern-Schal verirren, das aber neutral ist: es interessiert sich für Sport, nicht für Geschwätz.

Wie Jörg Wontorra so schön sagt: "Hätten wir das auch endgültig geklärt." Na, nicht endgültig, aber ein bisschen. Merke: nach Wontorra kommt in Deutschland nichts mehr. Nur noch Beckmann.

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