Das abscheuliche Gewand der Seele

Leibesertüchtigung Jacques Le Goff schreibt eine "Geschichte des Körpers im Mittelalter" - aus dem Geist des Zettelkastens und der Häppchenkultur

Die Abbildung auf dem Umschlag des Buchs zeigt feiste Menschen auf Weinfässern und hütchenspielende Gaukler, daneben Unterschenkel-Amputierte und halbnackte Krüppel: Wohlleben gegen soziale Not. Der Kampf zwischen Karneval und Fasten, Pieter Breughel malte ihn 1559, macht einen der vielen Widersprüche des Mittelalters tableauartig sichtbar: das Karge, Arme, Selbstquälerische, Mönchische wird konfrontiert mit karnevalesken Übersprungshandlungen, mit Musik, Unzucht und Völlerei, was die Kirche zwar als Todsünde brandmarkte, was aber die andere, die anarchische Seite des kirchlich dominierten Alltags und Jahreskalenders war.

Ist ausgerechnet "der Körper", der hier so gebieterisch in Aktion tritt, von der Geschichtswissenschaft vergessen worden? Jacques Le Goff, der Doyen der französischen Mittelalter-Forschung und Annales-Fraktion, beschwört gleich eingangs eine angebliche Forschungslücke, um dann fröhlich vorzuführen, wer bereits zur Körpergeschichte gearbeitet hat. Um nur die wichtigsten zu nennen: Jules Michelet, Johan Huizinga, Marc Bloch, Lucien Febvre, Marcel Mauss, Michel Foucault, Marx, Freud, Horkheimer, Adorno - und wer eigentlich nicht noch alles. Der wahre Körperforscher heißt jedoch, wir ahnten es bereits, Jacques Le Goff.

Die Grundthese des Buchs ist dann allerdings an Banalität kaum zu übertreffen: die "Dynamik der mittelalterlichen Gesellschaft" speise sich "aus Spannung, Gegensatz und Widerstreit". Das ist zweifellos wahr - aber welche geschichtliche Epoche wäre denn nicht von Spannung und Widerstreit gekennzeichnet? Die Antike? Die Neuzeit? In der historischen Abgrenzung des Themas liegt eine enorme Schwierigkeit des Buchs. Le Goff erweitert das Mittelalter (und damit seinen eigenen Forschungsbereich) großzügig vom 5. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert, also bis zu französischer Revolution und Industrialisierung, ohne das genauer zu begründen. Gewiss, die in der Antike üblichen Körper-Ertüchtigungen, die sportlichen Wettkämpfe verschwanden mit dem Christentum und tauchten als organisierte Veranstaltung erst mit dem 19. Jahrhundert wieder auf. Daraus aber ein verlängertes Mittelalter zu konstruieren, das Neuzeit und Renaissance kurz mal mitschluckt, zeugt eher von mediävistischer Geltungssucht als von historischer Redlichkeit.

Le Goff behauptet, der Sieg des Christentums im 4. Jahrhundert habe "eine Quasi-Revolution in den Vorstellungen über den Körper" herbeigeführt. Das ist wenig plausibel, wenn Le Goff selber dann die asketischen Ideale der Kirchenväter auf den enthaltsamen römischen Kaiser Marc Aurel zurückführt, der ebenso wie die Kirche gegen die alles verderbenden Leidenschaften kämpfte. Zum anderen: viele heidnische Bräuche der Antike, zum Beispiel bei der Bestattung, sind vom Christentum zunächst übernommen und erst nach und nach von der Kirche an sich gerissen worden - die Übergänge sind fließend.

Noch abstruser wird es, wenn Le Goff das Mittelalter zur Wiege des modernen Umgangs mit dem Körper erklärt: Es sei der "Prägestempel unserer modernen Gegenwart. Ein großer Teil unserer Mentalitäten und unseres Verhaltens wurde im Mittelalter erworben. Genauso verhält es sich mit den Gewohnheiten in Bezug auf den Körper."

Das ist eine gewagte These. Nichts hat weniger Einfluss auf das Sexualverhalten der Gegenwart als die Lehren des Christentums und deren Nachhall. Nichts ist heute wirkungsloser als die kirchliche Androhung von Höllenqualen bei Völlerei und Ehebruch. Selbst die daraus entstandene psychische Instanz des Gewissens scheint in Rückbildung begriffen. Ob das Christentum überhaupt "Grundelement unserer kollektiven Identität" ist, wie Le Goff behauptet, wäre eine Frage für Zeitgeschichtler, nicht für Mediävisten.

Mehr Vertrauen zum Autor ensteht erst, als Le Goff sich der Ambivalenz und Zerrissenheit zuwendet, mit denen die mittelalterliche Gesellschaft selbst dem Körper begegnete: sie habe ihn "glorifiziert und unterdrückt, gepriesen und gedemütigt". Diese Spannweite wird vermessen zwischen dem Apostel Paulus, der den Körper für "das Tabernakel des heiligen Geistes" hielt, und Gregor dem Großen, der im Körper "das abscheuliche Gewand der Seele" erblickte. Allerdings ist, trotz wohlklingender Paulus-Zitate, das Verhältnis der Kirche zum Leib stets negativ - glorifiziert wird ja immer nur der geschundene oder der tote Körper, nie der blühende, der erotische Leib. Zwar ist Gott Fleisch geworden, aber der Mensch darf im Fleisch nicht recht sein. Wie die Kirche sich nun der Körper der Menschen bemächtigte, mit Verboten und Geboten selbst die Eheleute traktierte, die alle Lüsternheit vermeiden und den Zweck der Fortpflanzung stets im Auge behalten sollten - dies wird von Le Goff anschaulich und mit vielen Untersuchungen beglaubigt.

Le Goff schreibt allerdings weniger eine Geschichte des Körpers im Alltag, wie es eigentlich sein Anspruch ist - in Wahrheit taten das Volk und der Klerus ja manches, was vom Heiligen Geist nicht gutgeheißen wurde. Vielmehr bietet er eine Historie der konkurrierenden Vorschriften und Ideologien, und er wühlt sich dabei durch drei Themenbereiche: "Fastenzeit und Karneval", also der rhythmisierte Wechsel zwischen Entsagung und Festzeit (das stärkste Kapitel); "Leben und Sterben im Mittelalter", und das heißt Kindesalter und (hohe) Kindersterblichkeit, Minne und Erotik, Krankheit und Medizin und das Verhältnis zum Tod; und drittens: "Körper und Manieren", also das, was Norbert Elias als langsame Verinnerlichung von Normen beschreibt, was Le Goff aber mit einer kurzen Untersuchung des Verhältnisses zur Nacktheit und zur "Kultur der Gesten" ergänzen möchte. Es folgt noch ein (schwaches und überflüssiges) Kapitel zur Körper-Metapher. Die heilige Inquisition, Hexenprozesse und Judenpogrome, enorm körperliche Veranstaltungen, fehlen in Le Goffs Buch ganz - es bleibt schleierhaft, warum.

Dafür hat Le Goff manch anderes im Gepäck, vorzugsweise Spektakuläres: Selbstkasteiungen und Buße, Paganismus, Flagellanten-Umzüge; die Verteufelung der Frau und die Marienverehrung; die Uminterpretation der Erbsünde in eine sexuelle Verfehlung; die Welt der Ehelosen in den Orden; die Arbeit als Buße und das Schlaraffenland im "roman de la rose"; Galens Theorie der Körpersäfte und die mittelalterliche Medizin; die Anomalien der Körperbehinderten, der "Monster"; Seuchen und Aberglauben - wie den, der Leprakranke sei Produkt einer sexuellen Verfehlung; die Erfindung des Fegefeuers und den theologischen Disput, ob die Körper im Paradies nackt oder bekleidet seien.

Viele mittelalterliche Strategien der Kirche gemahnen in ihrer Lustfeindlichkeit, Frauenverachtung und Unterwerfungssucht an heutige ideologische Ansprüche des Islam, denen wir oft genug mit einer Toleranz begegnen, die wir gegenüber dem Christentum nicht aufbringen würden. Fast alle historischen Zeugnisse, die Le Goff anführt, stammen aus der französischen Sozialgeschichte (im weltlichen Bereich sind das vor allem der Vasallenkuss und die "Chansons de geste", die Heldengedichte). So scheint es, dass ihm die großspurig annoncierte Geschichte des Körpers im Mittelalter keine allgemeine, sondern eine nationale Angelegenheit ist. Bisweilen guckt man nach Italien, wo es in der Toskana auch im Mittelalter noch florierende Thermen und Bäder mit angeschlossener Prostitution gab, aber schon in Deutschland kennt man sich nicht mehr aus, geschweige denn in anderen Landen.

Eine umfassende Studie ist dieses Buch jedenfalls nicht, eine Theorie zum mittelalterlichen Körper schon gar nicht; eher eine Materialsammlung zum Nachschlagen, ein Vorgeschmack aus dem gutsortierten Zettelkasten eines großen Forschers, der hier einige Grundtatsachen zum Mittelalter populär aufbereiten ließ. Co-Autor ist nämlich der Journalist Nicolas Truong, und so erscheinen alle Themen, die Le Goff doch in vielen Verästelungen extemporieren könnte, hübsch verpackt als kleine Appetithappen.

Jacques Le Goff/ Nicolas Truong: Die Geschichte des Körpers im Mittelalter. Klett-Cotta. Stuttgart 2007, 230 S., 24,90 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare