Der Tod und das Mädchen

"MACHT NICHTS" VON ELFRIEDE JELINEK IN ZÜRICH Schneewittchen wehrt sich gegen seine Eltern oder: Die ekelhaft verführerische Macht der Gespenster aus der Vergangenheit

Zwischen Bühne und Zuschauerraum wabert es, quellender Nebel, opernhaft. Unten eine Vorstadt-Beton-Passage, in der ein Müllsack und ein Fahrrad ohne Vorderrad lehnen; oben, im ersten Stock, sieht man schaufensterartig in ein österreichisches Wohnzimmer der fünfziger Jahre, an der Wand ein Landschaftsbild mit röhrenden Hirschen, rechts eine Freud-Couch. In der Mitte sitzt, wie unter Schock, wie kataton und dann wie schlafwandelnd, umgeben von singenden, wispernden, wimmernden, gurgelnden Stimmen, die heilige Familie um den Tisch, Vatermuttertochter. Der Regisseur Jossi Wieler und die Bühnenbauerin Anna Viebrock haben diese Situation erfunden. Vorgegeben von der Dichterin, von Elfriede Jelinek, ist nur der Text. Und die Figuren: Oben schwadroniert und zirpt und lispelt die Erlkönigin (!), unten im Nebel geht immer wieder der Jäger vorbei, der Tod, der gleich das Mädchen holen wird, und das Mädchen heißt Schneewittchen und bleibt zunächst noch mit einem nächtlichen Wanderer am Tisch, offenbar dem Vater, einer verschreckten, hilflosen Gestalt, die ständig vorwurfsvoll ins Publikum stiert. Vorsichtige, bedrohliche Musik vom Synthesizer. Dumpfe Schläge. Wind, der die Gardinen bauscht. Fahles Licht.Jelineks Stück besteht aus drei Dramoletten, deren Titel Schubert-Liedern entnommen sind; Hauptdarsteller sind, trotz anderslautender Besetzungsliste, die Macht und der Tod. Macht nichts, der vieldeutige Titel, variiert das. Das Nichts nichtet wieder, und es macht offenbar niemandem was aus - dass die Mitläufer und Kollaborateure nach dem Krieg weitermachen und niemand ihnen was macht. Die Mutter, die Erlkönigin, in Zürich vielfach gebrochen von einem Mann, Graham F. Valentine, gespielt, gewispert und zum Teil gesungen, ist eine Verführerin, eine alte Schauspielerin, offenbar die den Nazis dienstbar gewesene Paula Wessely, die sich aus Jelineks Stück Burgtheater in die nächste Arbeit, die nächste Inszenierung gerettet hat. Solche Untote, solche ständig wiederauferstehende Tote bevölkern zuhauf die deutsche und österreichische Geschichte - und Jelineks Stücke. Goethes Erlkönig ist schon bei Michel Tournier Symbol todbringender faschistischer Verführung. Bei Jelinek wird er - aus offenbar autobiographischen Gründen - verweiblicht.Valentine spielt diese Erlkönigin als alte Hexe, als eitle alte Frau, die über die Mittel der Schauspielkunst räsoniert und sich als Komplizin des Volkes aufführt, obwohl sie doch weiß, dass das Volk sein eigener Schauspieler nicht sein kann, dass es was zum Anbeten braucht, Stars oder Führer eben. Oder böse Mütter. Derweil räkelt sich die Tochter, Schneewittchen, die noch Unbefleckte, in lasziven Posen, die auch aus der Werbung stammen könnten. Sie bietet sich dem dunklen Jäger dar, dem Black Rider, dem Freischütz, dem sie sexualsymbolisch ihren Schuh reicht und von dem sie den Hut bekommt. Die famose Sylvana Krappatsch tanzt sich mit nur angedeutetem Spiel durch diese nachkriegs-bräunliche Eros-und-Thanatos-Variante, und Ludwig Boettger macht den Jäger zum Stellvertreter militärischer Männlichkeit. Jelinek nimmt hier ihr altes Thema aus Todtenauberg wieder auf, den Kampf zwischen Frau und Mann, dem Seienden und dem Nichts, das nichtet, zwischen Heidegger und Hannah Arendt, zwischen Tod und Liebe. Die ödipale, tödliche Liebesumarmung der beiden bahnt dann den Weg für den nächtlichen Wanderer und sein trauriges Lied. Hier lässt Jelinek den eigenen, verrückt gewordenen und in der Psychiatrie gestorbenen Vater auftreten, einen Chemiker, der Kunststoffe für Schwämme erfand. Alles will man abwischen im Nachkriegs-Österreich, die Schuld wegwischen. Oder es kaputtschmeißen wie das Porzellan, das der Schauspieler Andre Jung in einer Schimpftirade zerdeppert. Kein Wunder, wenn die Ehefrau eine Erlkönigin ist.Der Text ist insiderhaft symbolisch verschlüsselt; der Regisseur Jossi Wieler macht daraus einen geheimnisvollen, meist märchenhaft schwebenden Abend, Tote auf Urlaub spielen noch mal für uns. Es sind keine wirklichen Theaterfiguren, die dort auftreten, sondern nur die monologischen Gespenster der Vergangenheit, die aus dem Unbewussten hochdriften. Aber sie lassen Elfriede Jelinek eben nicht los, und uns auch nicht.

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