Nachtasyl für Jugendliche

"RAVE" Ein Jargon wird zur Sprachlosigkeit oder das trostlose Freizeitparadies

Auf der Jagd nach dem wahren Gefühl, nach einem Lebensgefühl hat der Schriftsteller Rainald Goetz den Techno gefunden. Obwohl er mit 46 Jahren eigentlich ein bisschen alt ist für so was, war der Sturz in die Jugendkultur für ihn produktiv: seine Erzählung Rave collagiert in Monologen, Gesprächspassagen, Beschreibungen und Selbstreflexionen das Bild einer Wohlstandsjugend auf der Suche nach sich selbst; Goetz ist Teilnehmer und außenstehender Berichterstatter in einem.

Aber immer, wenn eine Bewegung deutlich abschlafft, droht die Musealisierung. Im Fall der Techno-Clubs wird die Party nach der Party nun im Theater gefeiert: der Züricher Neu-Intendant Christoph Marthaler hat bei seinem Dramaturgen Robert Koall eine Bearbeitung der Goetz-Erzählung in Auftrag gegeben, und nun haben wir den Salat.

Rave hat zu tun mit Betäubung, Rausch, Nacht, auch mit dem Abtauchen in die Anonymität. Und mit dem Katzenjammer danach. Und mit dem neuen Anfang. Und vielleicht auch mit Scheitern an sich selbst und den eigenen Möglichkeiten. Mit Wirrheit und Intensität. In Zürich dagegen hat Robert Koall die Erzählung auf fünf blasse Personen gestrafft und ganz in ein Hotelzimmer verlegt, transitärer Raum zwischen der wummernden Techno-Hölle hinten und den Normalos im Zuschauerraum. Vorne gibt es ein Display mit den aktuellen Zwischentiteln, zum Beispiel "Bum bum bum", damit man ja nichts falsch versteht. Auf der Bühne werden so wichtige Dinge beredet wie das sterile Liebesleben einer Viva-Moderatorin zwischen Marseille und Leipzig oder wer wen wann wo getroffen hat. War das der Typ aus München oder aus Mannheim? Egal. Man langweilt sich furchtbar, auf der Bühne und im Parkett, und man hat viel Verständnis füreinander. "Das ist schon okay", sagte mir ein Herr im Tausend-Franken-Blazer nach der Vorstellung. Ich weiß nicht, was ihm gefallen hat: die puppige, quiekende Claudia-Schiffer-Parodie der einen Jungschauspielerin? Das kindische Geschrei, wenn die Akteure selber mal singen durften? Der infernalisch ballernde Soundtrack?

Man möge die Hörgeräte ausschalten, stand menschenfreundlich an den Eingangstüren des Theaters - offenbar wollte man wenigstens zur Premiere eine Zielgruppe ansprechen, die sich normalerweise nicht in Discos aufhält. Das zeigt aber das ganze Dilemma: narzisstisch genutzte künstliche Welten wie zum Beispiel ein Techno-dominierter Raum sind auf dem Theater nicht abzubilden. Die Musik wird zur Farce, der Jargon der Jugendlichen zur Sprachlosigkeit, das drogenbedingte Zittern zum schön choreographierten Zitat. Es sei denn, man findet einen ästhetischen Code, einen Rahmen, in dem man von der Extase (oder der Suche danach) erzählen kann. Von Fellinis Dolce Vita bis zu Dantes Hölle, von den Schreckbildern des Hieronymus Bosch bis zu Schnitzlers Traumnovelle, von Sodom und Gomorrha bis zur Walpurgisnacht gäbe es einen Bild- und Zeichenvorrat, den man gerade an so platten Stoffen nutzbar machen könnte.

Die Regisseurin Christina Paulhofer hat aber nichts gefunden. Sie arrangiert nur Äußerlichkeiten, und ihre Personen flüchten sich in das schale Glücksgefühl der Erschöpfung. Die Schauspieler sind sichtbar bewegungstrainiert, sie kriechen schön am Boden rum und zelebrieren nette Posen und Disco-Moves. Aber es gibt keine Geschichten, keine Sprache, keine Figuren - nur ein trostloses Freizeitparadies aus Rausch und Geräuschen. Ein Nachtasyl für Jugendliche.

Es gibt allerdings auch einen Fremdkörper in all dem lethargischen Treiben, einen älteren Menschen mit bayerischem Akzent. Es ist der Schauspieler Sepp Bierbichler, der sich in diesen Kinderzirkus verirrt hat - offenbar ist er so etwas wie das Alter Ego des Rainald Goetz, ein älterer Partylöwe mit schwerer Zunge, der selbstironisch ein paar grazile Tanzschrittchen macht, Zigarren raucht und interessiert zuguckt.

Das allein ist nicht abendfüllend. Abfall für alle heißt das Internet-Tagebuch des Rainald Goetz. Guter Titel. Nur: ob das Theater als Müllkippe, als Resteverwertungs-Anlage überleben kann, das scheint doch ziemlich fraglich. Nicht nur in Zürich.

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