Wer spricht da?

ERSATZTEILLAGER "Der anagrammatische Körper" im Karlsruher ZKM

Es ist eine monströse Ausstellung. Sie vermittelt simple Einsichten mit größtmöglichem Effekt: dass wir nämlich einen sehr sterblichen, manipulierbaren, missbrauchbaren Körper haben, dessen Einzelteile wir immer neu zusammensetzen können, in unseren Albträumen und bald wohl auch medizinisch-technisch und ganz real. Was mit Kafka und Beckett literarisch begann, die Wahrnehmung des eigenen Körpers als etwas Fremdes, das hat in der bildenden Kunst die Fotografie geleistet: man kann den Körper in Nah- und Einzelaufnahmen, Organe, Glieder, Hauptartikel aufsplitten - und wieder neu ordnen, wie ein Anagramm eben. Der Objektkünstler Hans Bellmer, der 1934 Puppen mit vier Beinen, aber ohne Köpfe verrenkt vor einen Spiegel legte, gilt als der Vater dieser surrealistischen Techniken.

Die fulminante Schau des ZKM verfolgt diese Entwicklung bis zum qua Computer künstlich erzeugten Menschenbildnis. Sie zeigt Fotos, Montagen, Skulpturen, Malerei, audiovisuelle Installationen, interaktive Netz-Projekte, und es ist ein langer Weg auch für den Besucher: von Francis Bacons wie eine Düne gemaltem Stück Fleisch hin zu Victoria Vesnas Computerkörpern, wo der Fotografierte sich aus einer Ersatzteil-Nekropole mit verschiedenen Materialien sein gewünschtes Körperbild selber zusammenbauen kann.

Diät, Make-up, Drogen, Bodybuilding, Gentechnologie - die Zurichtung unserer Körper ist - so behauptet die Ausstellung - ein Spiel der Signifikanten, eine Sprache, die man immer neu lesen kann. Die Frage ist nur: Wer spricht da? Der schöne, der ideale Körper hat sich in die Illustriertenwelt und die Werbungverabschiedet, das Privat-Fernsehen feiert mit Vorliebe jene muskulösen Hochglanzkörper, die auch die Nazis so sehr schätzten - nur das Kleine, Misslungene, Behinderte, Ängstigende, das wird der Kunst überlassen.

Und die zeigt uns röhrenartige Arme ohne Körper, gekrümmte Leiber und geballte Fäuste, Totenmasken und aufgeschnittene Schenkel, die erschlaffte, über den Knien hochgezogene Haut eines alten Mannes. Der Amerikaner John Coplans zeigt in einem selbstentblößenden Akt seinen gedunsenen Bauch, die welke Haut, die affige Behaarung, ein extrem kleines Glied - das alles als Triptychon, die einst sakrale Form wird verhöhnt.

Es gibt auch pädagogische Projekte: die englische Künstlergruppe Mangrel lädt uns ein, maskierte Farbige auf einem Video-Schirm per Mausklick zu bespucken (!) - und die erzählen uns dann was über den rassistischen Alltag. Tony Oursel packt ein Menschenkissen in eine Truhe, das uns mit Quäkstimme hilfeheischend anspricht: "Hello! I know you're there! Hello!" es gibt haufenweise nach außen gestülpte Puppen, kleine Köpfe, die wie Kieselsteine an der Wand hängen, abgehackte Hände, einen Pudding mit Auge, den gequetschten Kopf, den gepfählten Körper. "Das Prinzip der Grausamkeit" nennt Bernhard Blume diese Arbeiten, "die Dinge sind, wie sie sind, das heißt grausam".

Die Gegenwart: ein Albtraum, der mit tausenderlei Techniken bewältigt werden will, mit Überblendungen und Verdopplungen und Frankensteins Experimenten. In den Zeichnungen von Günter Brus wachsen Penisse aus den Brüsten, bei den Brüdern Chapman wächst der Kopf aus dem After siamesischer Zwillinge. Das Projekt Humanum, gescheitert. Ist es das, was uns der (übrigens auch am ZKM lehrende) Peter Sloterdijk sagen wollte? Dass man auf den kommenden gattungsgeschichtlichen Widersinn ein Auge haben sollte? Die Ausstellung jedenfalls ist eine deprimierende Bestandsaufnahme, ein Panoptikum aus Spiralweibern, magersüchtigen Puppen und Intra-Uterin-Fotos, von Zwergwesen und sogenannten Super-Organen, die Herwig Turk ersonnen hat.

Der perfekte Mensch, der am Schluss ironisch beschworen wird, ist eben auch ein höchst reduzierter Mensch, so wie ihn schon Samuel Beckett vor Jahren beschrieben hat. Auch Beckett ist in Karlsruhe mit einem alten Video vertreten: "No I" heißt es, ein einsamer, manisch sprechender Frauenmund auf einem Bildschirm, ein Hilfeschrei.

Hilfeschrei aus vergangenen Zeiten. "Der anagrammatische Körper", ZKM

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