Christian Gersch

Mein Name ist Christian Gersch, ich bin Mediziner.
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RE: Fette Risiken, magere Beweise | 18.02.2014 | 12:37

Sicherlich besteht ein Problem, wenn Massenmedien Studienergebnisse unreflektiert publizieren, und Konsumenten sich kaum an alle "Empfehlungen" halten können. Allerdings ist es auch gefährlich, nur, weil die Forschung widersprüchliche Ergebnisse ergeben kann, deren Erkenntnisse zu verkennen.

Als Beispiel möchte ich den Zusammenhang von Alkoholika und Magenkrebs anführen: Vielen Patienten, die an Magenkrebs erkranken, ist dieser Zusammenhang nicht klar gewesen, obwohl er schon seit Jahrzehnten bekannt ist. Im Gespräch mit ihnen lässt sich aber oft ein teils unkritischer Alkoholkonsum heraushören. Man kennt nur wissenschaftlich noch nicht die ganz genaue Ursache in Bezug auf "das" verantwortliche Getränk.

Aus der reinen Studienlage lässt sich derzeit noch keine klare Empfehlung ableiten. Eine gute Studie aus Litauen kommt etwa zu dem Schluss, dass über 1/2 Liter Wein am Tag ein fast dreifach erhöhtes Risiko für Magenkrebs bedeutet, was in Bezug auf Bier und Vodka nicht festgestellt werden konnte (Everatt et al: Alcohol consumption and risk of gastric cancer: a cohort study of men in Kaunas, Lithuania, with up to 30 years follow-up in BMC Cancer. 2012 Oct 15;12:475, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23066954).
Eine spanische Studie sieht das Risiko für Magenkrebs eher durch Bierkonsum steigen (Duell et al: Alcohol consumption and gastric cancer risk in the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC) cohort in Am J Clin Nutr. 2011 Nov;94(5):1266-75, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21993435), wohingegen eine dänische Studie den Konsum von Wein als protektiven Faktor darstellt und kein Risiko im Konsum von Bier oder Hochprozentigem sieht (Barstad et al: Intake of wine, beer and spirits and risk of gastric cancer in Eur J Cancer Prev. 2005 Jun;14(3):239-43., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15901992).

Vielleicht mag die Wirkung von Alkoholika auf Helicobacter pylori in diesen Studien zu kurz kommen. Sicherlich wird es einen Zusammenhang geben zwischen bestimmten Weinen, die die Produktion von Magensäure besonders anregen und zu einem niedrigen ph-Wert im Magen führen, was die Ansiedlung von Helicobacter begünstigt, und sekundären Pflanzenstoffen in bestimmten Weinen, die sich günstig auf entzündliche Veränderungen im Magen auswirken und so eine Krebsentstehung bremsen.

Sicherlich wird es aber eine falsche Sicherheit bedeuten, aufgrund widersprüchlicher Studienergebnisse unkritisch z.B. Wein zu konsumieren, weil eine von vielen Studien dies als protektiv bezeichnet. Irgendwo in der Mitte der Ergebnisse wird ein klares Risiko beschrieben, das wahrscheinlich nur noch eingehender erforscht werden müsste, um eine genauere Aussage treffen zu können.