Stille sichtbar machen

Fotografie Die polnische Fotografin "Nishe" bewegt sich mit ihren Motiven auf einem schmalen Grat zwischen kreativer, heilsamer Einkehr und ausufernder Weltentrücktheit.

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Die junge Frau scheint eingeschlafen zu sein. Vielleicht ist es aber auch nur ein Tagtraum, dem sie sich hingibt. Ihr Kopf ist auf den Tisch gesunken, lange rotblonde Haare umwallen ihr blasses Gesicht. Neben ihr ein geöffneter Brief. Was darin steht bleibt Geheimnis, die Schrift verschwimmt im Dämmerlicht das sie umgibt. Offensichtlich ist er jedoch Auslöser für ihre Seelenlage. Einer Dornröschenspindel gleich scheint er das Mädchen in einen Schlummer, in eine innere Welt gezogen zu haben.

Weitere Bilder zeigen sie abwesend in verträumten, schlaftrunkenen Posen; intime Nahaufnahmen aus einem Reich zwischen Wachen und Schlafen. „Wait for me on cold winter evenings. I’ll live in your letters.“ heißt die Bildfolge, welche die junge polnische Fotografin Magdalena Lutek, alias Nishe auf ihrem Fotoblog blog.nishe.net zur Schau stellt. Die Serie ist charakteristisch für die 29 jährige Künstlerin deren Fotografien von einer anderen Welt erzählen. Eine stille Welt ist es, abseits von greller Moderne. Statt wie viele ihrer Generation Pop, Style und Exzess zu dokumentieren und zu feiern, konzentriert sich mit ihren Bildern auf Ruhe und Rückzug, zelebriert Innenwelten, Mythisches und stille Schönheiten. Eine intensive Hingabe an Natur und Jahreszeiten spricht dabei aus ihren Bildern, die im realen Erleben von Elementen und Stimmungen entstehen. So berichtet sie begeistert wie sie, vom frühen Wintereinbruch überrascht, ohne Jacke und Mütze draußen über die Weide rennt. Die Lungen füllen sich mit winterlicher Luft, ihr Haar wird nass vom darauf schmelzenden Schnee, die Hände durchgefroren bis auf die Knochen. In diesen Momenten entstehen ihre Serien „Dear winter..“ und „We will sleep under a blanket of freshly fallen snow“.

Winter, Herbst, Nebel, Regen und Dämmerung prägen vielfach die Stimmung ihrer Motive. Es sind Jahreszeiten und Wetterlagen, mit denen sie das Welttheater hinter Schleiern und Dunkelheit verklingen lässt und Raum erzeugt für die konzentrierte Darstellung von Gefühls- und Innenwelten. Selbst über ihren Frühlings- und Sommermotiven liegt stets ein schützender Hauch von Dunst oder Schatten, der die Welt da draußen fernhält.

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Fast durchweg inszeniert Magdalena Lutek das Mädchenhafte in einer zarten Verträumtheit, manchmal sanft, manchmal schmerzhaft. Das Somnambule ihrer vorwiegend weiblichen Modelle zieht sich durch ihr ganzes Werk. Dabei beschreitet sie einen schmalen Grat zwischen ausufernder Weltentrücktheit und kreativer, heilsamer Einkehr; balanciert zwischen Kitsch und stilechter Romantik. Oft fühlt man sich durch ihre Motive an die Werke der prärafaelitischen Kunst erinnert. Viel von dem, was diese Malerei im England des 19. Jahrhunderts ausmacht liegt auch in ihrer Fotografie. In der Tat bezeichnet sie John William Waterhouse und John Everett Millais als ihre Lieblingsmaler; zwei Protagonisten dieser Strömung also, die damals mit ihren Werken eine Gegenbewegung zur rasanten Industrialisierung schufen. Die Inspiration geht bis in die Posen von Luteks Modellen, schlägt sich in Bildaufbau und Farben nieder.

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Teilweise findet man bei ihr regelrechte Übersetzungen dieser alten Malerei in die moderne Fotografie. Man staunt, wie gut dies oft gelingt ohne gestellt oder kopiert zu wirken. Es ist etwas Eigenes, das die polnische Künstlerin im Anklang daran erzeugt. Beinahe ist es, als wüsste sie um ein Geheimnis, auf dessen Fährte sie uns bringen will. Viel von diesem Geheimnis liegt in der Ruhe, die einen beim Betrachten ihrer Bilder unmittelbar erfasst. Die Visualisierung der Stille ist Nishes große Kunst.

Alle Bilder in diesem Beitrag wurden mit freundlicher Genehmigung von Magdalena Lutek veröffentlicht und unterliegen dem Copyright der Fotografin (©Nishe).

Weitere Bilderserien: nishe.net

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christian Hillengaß

Autor und Freier Journalist hillengass.journalist@posteo.de
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