Autonomie statt Hierarchie?

Idee "Subsidiarität" Bestehende Normen werden hinterfragt, alternative Lebensmodelle für mehr Selbstbestimmung und Freiheit erprobt. Wie aber ist es um die Gesellschaft als Ganzes bestellt?
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Politik, Unternehmen und Vereine werden durchgehend nach dem Top-Down-Ansatz organisiert: Der Vorstand macht Vorgaben, die Mitglieder nicken ab, die Funktionäre führen aus. Selten, dass einmal der „politische Impuls“ aus der Mitte der Mitglieder bzw. Arbeitnehmer oder des Volkes kommt. Zu sehr sind wir daran gewöhnt, uns auf Hierarchien zu stützen, Anweisungen entgegenzunehmen und diese umzusetzen, selbst wenn sie uns nicht gefallen oder wir anders entschieden hätten.

An Betriebswirten etwa wird häufig kritisiert, dass sie Vorstände zu Entscheidungen anregen, die kaum die Bedürfnisse und praktischen Erfahrungen der Mitarbeitenden berücksichtigen. Auch dem Volk werden Einflussmöglichkeiten außerhalb von Wahlen kaum eingeräumt. In Parteien werden ihre Ideen und Ansätze regelmäßig durch Programmdebatten und „Vorstandsempfehlungen“ solange ausgedünnt, bis sie vor dem Treiben um Ämter und Pöstchen resignieren.

Eine Alternative hierzu: stärker als bisher den umgekehrten Weg einschlagen, d. h. von unten nach oben gehen. Wir scheinen zu glauben, dass klare und feste Strukturen notwendig sind, doch verkennen wir, dass diese oft nur eine Bühne für Machtkämpfe und Selbstprofilierung bieten. Wir verkennen ferner die Kraft, aus uns selbst heraus Plattformen zu schaffen, auf der wir anstehende Fragen besprechen und einer Lösung zuführen können. Diese Plattformen wären uns formell zwar zunächst übergeordnet, doch bestünden sie lediglich für die Zeit, in der sie benötigt werden, und in der Besetzung, über die wie zuvor abgestimmt haben.

Schon heute ist das sog. „Subsidiaritätsprinzip“, d. h. der Autonomievorrang der kleineren Organisationseinheit, etwa im Europarecht bekannt. Dort wird die Europäische Union (von den ihr zugewiesenen Kompetenzen abgesehen) nur dann politisch aktiv, wenn eine bessere Regelung nicht durch die Regionen oder Nationalstaaten gefunden werden kann.

Die Frage ist, ob die Verwirklichung dieser Idee uns erst zu mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung befähigt, oder ob diese bereits vorliegen müssen, damit sich die Gesellschaft in diese Richtung weiterentwickeln kann?

Die Dezentralisierung von Politik und Wirtschaft wird z. B. auch von Erich Fromm in seinem Buch "Haben oder Sein" (1976) erörtert.

10:12 08.06.2016
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