Hauptsache, es knallt!

Kriegsspiele In belgischen Dörfern lebt an manchen Wochenenden der Zweite Weltkrieg wieder auf. Rechtsanwälte, Bäcker oder Polizisten ziehen in Original-Uniformen in die Schlacht

Im Winter 2010, während einer Reise durch die Flämischen Ardennen, wurde ich zufällig Zeuge eines skurrilen Phänomens. Eine lange Kolonne von Panzern, Mannschaftstransportern und anderen Militärfahrzeugen kreuzte völlig unvermittelt meinen Weg. Die Uniformen, Waffen und Fahrzeuge wirkten beklemmend echt. Spontan entschloss ich mich, der Kolonne zu folgen und fand mich nach einer Weile in einem Militärlager wieder, mitten im friedlichen Belgien! Hier wehten Hakenkreuzflaggen, Soldaten in Uniformen der Alliierten exerzierten, und Résistance-Kämpfer lagen sich sichtlich angeheitert mit deutschen Landsern in den Armen.

„Reenactment“ wird der Freizeitkrieg genannt, in dem so realistisch wie möglich versucht wird, vergangene Epochen wiederzubeleben. Deutsche und amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu spielen, ist dabei vor allem in den Vereinigten Staaten ein beliebtes Hobby. Aber auch in Europa erfreut sich dieser Zeitvertreib zunehmender Beliebtheit. Mit Politik soll das alles nichts zu tun haben, betonen die Darsteller. Das Nachstellen des Weltkriegs befriedige ein Bedürfnis, sich als Teil einer größeren Einheit zu fühlen, sagen sie. Und es helfe, Antworten auf die noch ungeklärten Fragen der Vergangenheit zu finden. Ich habe diese Reenactments an verschiedenen Orten in Belgien immer mal wieder fotografiert.

„Das ist ein idealer Ausgleich“, sagt ein kräftig gebauter älterer Mann im Zeltlager. Er hält inne und zündet sich eine selbstgedrehte Zigarette an. „In der heutigen Zeit ist alles sehr hektisch. Der Fortschritt verlangt uns täglich alles ab. Deswegen machen wir ab und an einen Schritt zurück, um in eine ferne Zeit einzutauchen und so zu entschleunigen.“

In der Haut der Soldaten

Ein Mann in schwarzer Uniform macht eine zustimmende Geste. „Was gibt es Schöneres, als mit ein paar Bier und gutem Whisky am Ende einer klaren Nacht den Sonnenaufgang zu beobachten?“, fragt er. Er meint keine Feier am See, sondern eine Nacht, während der die Invasion deutscher Truppen im Westfeldzug 1940 nachgestellt wird. Der knapp Sechzigjährige ist im zivilen Leben Polizist. Hier schlüpft er in die Rolle eines Frontmanns der 10. Panzerdivision des „Infanterieregiments Großdeutschland“. Empfindungen der damaligen Soldaten wenigstens annähernd nachzuvollziehen, ist die Hoffnung vieler Teilnehmer, betonen sie immer wieder. Dafür werden historisch möglichst korrekte Ausrüstungsgegenstände angehäuft.

Unter den Freizeit-Soldaten kann man die verschiedensten Charaktere finden: den jugendlichen Waffenfreak, der sein Taschengeld für neue Militärutensilien spart; den Zugführer, der bei der Bundeswehr Grundausbildungskompanien leitet und auch in seiner Freizeit gern in Uniformen schlüpft; den Rechtsanwalt, der sich nach getaner Arbeit auf dem „Schlachtfeld“ austobt; den Bäcker, der in seiner Wohnung ein ganzes Uniformenkabinett ausstellt und auch den ewiggestrigen Greis, der nicht mit seiner eigenen Vergangenheit abschließen kann. Auch wenn der Umgang mit der Vergangenheit gerade auf Deutsche oft unbekümmert bis naiv wirkt – Reenactment-Teilnehmer mit tiefbrauner Gesinnung findet man nur vereinzelt.

Punkt sieben Uhr morgens schallt dann der Lärm einer Trompete durchs Lager, gefolgt von Geschrei. Langsam kriechen die übernächtigten Laiendarsteller aus ihren Zelten. Nach Katzenwäsche und spartanischem Frühstück wird es wieder ernst: Der Feldwebel befiehlt, Marschgepäck anzulegen. Im Gleichschritt geht es die Dorfstraße herab auf das umzäunte Kampfgebiet. Nun wird es hektisch. Ein paar letzte Kommandos, dann werden Attrappen der Karabiner, Maschinengewehre, Pistolen und Panzerfäuste durchgeladen. Auf dem Bürgersteig wird es eng. Unzählige Zuschauer drängen sich hinter der Absperrung, um einen Blick auf die Wochenendhelden werfen zu können.

Ein Pfiff ertönt, der Schiedsrichter lässt das „Spiel“ beginnen. In der nächsten halben Stunde wird ein kleines, sonst sehr idyllisches Dorf in die laute Hölle des Zweiten Weltkriegs verwandelt. Der Kampf endet unerwartet: Die Deutschen schlagen die Amerikaner in die Flucht. „Es wäre doch langweilig, jedes Mal verlieren zu müssen“, erklärt ein Teilnehmer lapidar. Die Zuschauer sind begeistert, die Wochenendkrieger zufrieden. Historisch etwas unkorrekt wird die Schlacht mit Dosenbier begossen. Der Krieg ist hier nicht so sehr lebendige Vergangenheit. Er ist ein Wochenend-Happening.

Christian Werner lebt als freier Fotograf bei Hannover. Mehr Bilder von ihm gibt es auf: werner-photography.com

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