5. Freitag-Salon: Leipziger Allerlei

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Beim 1. Freitag-Salon, der im vergangenen Oktober während der Buchmesse stattfand, kam MH und mir angesichts der leeren Stühle die Frage in den Sinn: Warum jetzt in Berlin und nicht in Frankfurt? Gestern durfte sich diese Idee auf der Leipziger Buchmesse erstmals bewähren.

Tatsächlich war der Saal in der Alten Nikolaischule bis fast auf den letzten Platz voll, was wohl weniger dem ausnahmsweise für alle freien Eintritt zu verdanken war, als der Einbindung lokaler Größen und Medien wie Friedrich Schorlemmer, der Leipziger Volkszeitung (LVZ) und dem Kreuzer. Aber auch der Freitag selbst kommt anders an als noch vor einem Jahr, als Nina Heinlein am Messestand fast immer gefragt wurde: Wer seid denn ihr? Jetzt heißt es: Ach, hallo, der Freitag!

Zusammen mit Kreuzer-Chefin Claudia Euen und LVZ-Vize Michael Schneider waren Freitag-Herausgeber Schorlemmer und sein Verleger Jakob Augstein genau solchen Veränderungen der Wahrnehmung von Medien auf Seiten des Publikums auf der Spur. Michael Schneider, der 1990 als ehemaliger Jugendweihe-Verweigerer zum ehemaligen SED-Blatt kam, konnte sich noch gut an viele gescheiterte Übernahmen und Neugründungen aus dieser Zeit erinnern - ausnahmslos durch West-Verlage, die sich ein Stück vom Kuchen Medienmarkt-Ost sichern wollten. Die Claudia Euen konnte da schlecht mithalten, sie war damals 10 Jahre alt, und Jakob Augstein, damals Anfang 20, schien diese Entwicklung ebenfalls nicht in allen Details mitverfolgt zu haben. Fest steht jedenfalls, dass von einem Bunten Teppich nur wenige Monopolisten übrig blieben: Ausgerechnet die Blätter der ehemals staatstragenden Partei, die vor Ort nur noch Stadtillustrierte und Boulevard-Blätter als Konkurrenten leben ließen.

Ähnlich dürftig wie das Interesse der Ostdeutschen an von Westlern gemachten Medien scheint auch der Blick der Westmedien auf die Ostdeutschen zu sein - auch wenn kaum Namen oder Beispiele genannt wurden, hat die Ossi-Polemik der Redakteure bestimmter Leitmedien den Blick ihrer westlichen Stammleser auf das Beitrittsgebiet genauso nachhaltig geprägt wie die Horror-Meldungen über Volksaufstände vor Asylantenheimen in Hoyerswerda. Da hilft auch nichts, wenn die öffentlich-rechtlichen Medien im Unterhaltungs- und Fiktionsbereich so tun, als unterscheide man sich dort nur durch Lokal-Kolorit vom vermeintlich immer schon demokratischen Landesteil und seiner offenen Gesellschaft.

Solche Schlüsselereignisse und Weichenstellungen wurden auf dem Podium nicht wirklich erschöpfend analysiert, im Grunde kaum andiskutiert. Dafür steuerten im zweiten Teil Gäste aus dem Plenum aufschlussreiche eigene Beobachtungen bei.

Ein noch nicht wirklich betagter Herr um die 55 konnte anhand von Banken-Statistiken belegen, dass sich in Städten wie Leipzig eine neue Mittelschicht herausgebildet hat, die auf Sparkonten mehr Vermögen hortet, als ihr westliches Pendant. Trotzdem hätten diese neureichen Eliten vor Ort gesellschaftlich keine Lobby und keine Stimme, was nicht nur am üblichen Identitätsproblem der Neureichen liege, sondern auch daran, dass diese Schicht von Medienmachern bislang ignoriert statt erschlossen werde. Wenn das stimmt, liegt hier Potenzial brach.

Leider fiel diesmal der in Berlin schon zur Tradition gewordene gemütliche Teil des Abends in geselliger Blogger-Runde mangels bekannter Gesichter aus. Kai Kloetzer war wenigstens da und hatte mich als Einheimischen gleich begrüßt, war aber hinterher verschwunden. Schuld daran war aber hauptsächlich der Biertresen, der hier nicht auf gleicher Ebene lag und man sich dort auch nicht wirklich erwünscht fühlte.

Stattdessen standen Michael Schneider, Friedrich Schorlemmer und ich zusammen mit ein paar Leipzigern noch einige Minuten auf dem Platz mit der vor 10 Jahren in Anwesenheit des Bundeskanzlers eingeweihten Gedenkstelle für die friedliche Revolution vor dem Eingang der Alten Nikolaischule, aus der heute ein echtes Nobelrestaurant geworden ist. Als irgendwann eine Edelkarosse mit Chauffeur dort in der Fußgängerzone vorfuhr und die daraus Austeigenden grußlos und selbstgewiss an uns vorbei ins ehemalige Schulgebäude gingen, konnten sich mein Amtsbruder und ich ein paar spitze Bemerkungen kaum verkneifen.

"Wenn Leute wie er nicht gewesen wären, könnten die da jetzt nicht feiern", dachte ich im Stillen. Seinen spöttischen Bemerkungen über den Chauffeur als absolutes Statussymbol musste ich allerdings kontern. Es hat sich nur noch nicht bis in Theologenkreise herumgesprochen, wie wichtig der ist.

[Bild folgt spätestens morgen]

09:35 20.03.2010
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Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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