Cyberkriminelle stehlen Identität gemeinnützig engagierter Bürger

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Das österreichische Portal nachrichten.at berichtete vor einiger Zeit über eine neue Variante des Cyber-Betrugs: Fingierte Notrufe von Freunden oder Bekannten per Email - so echt, dass allein in einem Fall 160 Empfängerinnen und Empfänger abkassiert wurden.

Auch in Deutschland ist diese Masche in vollem Gange. Binnen einer Woche erhielt der Verfasser verschiedene Emails mit vermeintlichen Hilferufen engagierter Berlinerinnen oder Berliner, die im Ausland bestohlen wurden und dringend Geld benötigen. Am Donnerstag bat dem Anschein nach die Vorsitzende der Oase Berlin aus Spanien um eine vierstellige Summe, und heute war angeblich der Sprecher Berliner ai-Gruppe für Menschenrechte und Sexuelle Identität in Schottland in eine Notlage geraten.

Doch nichts davon ist wahr. Die Postfächer von Editha K. und Stephan C. waren schlicht geknackt worden, genau wie bei Prof. Helmuth W. in Österreich. Die Betrüger schickten den vermeintlichen Hilferuf an alle Email-Adressen in deren Verteiler, änderten das Passwort und löschten anschließend alle Adressen im Account. So kann der rechtmäßige Eigentümer keine Entwarnung mehr an seine Freunde versende, selbst wenn er über den Provider wieder Zugriff auf sein Postfach erhält.

Abkassiert wird bei dieser Masche auf zweierlei Weisen: Die in der Mail angegebene Rufnummer des Hotels ist in Wahrheit eine kostenpflichtige Mehrwertdienstnummer, für Deutsche aber nicht als solche zu erkennen. Und das Geld, das per Western Union angeblich an die namentlich genannte Person in dem besagten Hotel geschickt wird, kann in Wahrheit mit dem Code überall auf der Welt bei Western Union abgehoben, ohne dass in allen Ländern Personalien geprüft oder registriert werden.

Nach Auskunft des Berliner Landeskriminalamtes existiert diese Masche schon seit längerem. Es sind mehrere Ermittlungsverfahren anhängig, allerdings über die ganze Republik verstreut. Ermittelt wird jeweils von den Staatsanwaltschaften am Wohnort der Opfer. Das sind entweder die um Geld geprellten Empfänger der Hilferufe oder die vermeintlichen Absender, deren Daten ausgespäht wurden. Zwar wüssten in der eher intellektuell geprägten Opfer-Zielgruppe im Umfeld gemeinnütziger Organisationen eigentlich jeder, dass in solchen Fällen die Deutschen Botschaften im Ausland verpflichtet seien, schnell und unbürokratisch zu helfen. Aber die fingierte Notlage, der Helferreflex und die scheinbar zweifelsfrei echte Absender-Adresse setzten hier erfahrungsgemäß das kritische Denken außer Kraft.

Trotzdem werden die vermeintlichen Absender zumindest von einigen Freunden in der Regel sofort angerufen und gewarnt. Nach einer Schrecksekunde sollten sie deshalb umgehend präventive Maßnahmen zur Schadensbegrenzung ergreifen. Je schneller im konkreten Fall die Anzeige erfolgt, um so eher kann auch das Geld von Freunden bei Western Union gestoppt noch werden, bevor es ausgezahlt wird. Betroffenen wird dringen empfohlen, sich deshalb sofort an Western Union und anschließend an den eigenen Email-Provider zu wenden, der u.U. noch über ein Backup der von den Betrügern gelöschten Freundesliste verfügt.

Anmerkung des Verfassers:

Da diese Masche momentan um sich greift, wird gebeten, den Link zu diesem Beitrag zur Prävention zu teilen. Aktualisierung und nachträgliche Integration neuer Informationen ausdrücklich vorbehalten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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