Der 2. Ökumenischer Kirchentag – darf man da hin?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nachdenklichkeiten eines KirchentagBloggers


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Helfer bei der Ankunft in München (Foto: Nadine Malzkorn)

„Den Ökumenischen Kirchentag in München empfinde ich als Etikettenschwindel. Ich fahre nicht hin.“ Mit diesen Worten beginnt Freitag-Herausgeber Friedrich Schorlemmer einen Namensartikel mit dem komplizierten Titel „Der Ökumenische Kirchentag im Mai spielt den Kirchenfrieden nur vor. In Wahrheit wird der Dissens festgeschrieben. Nicht mit mir.“ - erschienen vor 5 Wochen, allerdings nicht im Freitag, sondern im linkskatholischen „publik-forum“, wo er inzwischen nur noch über den Google-Cache zu finden ist.

Auch die Freitag-Redaktion, die im März noch von einem eigenen Stand auf dem ÖKT träumte, gibt der überkonfessionellen Veranstaltung nicht gerade Worte der Zuversicht mit auf den Weg. In einem sehr persönlich gehaltenen Sampler denken Freitag-Redakteurinnen und -Autoren autobiografisch über ihre religiöse Sozialisation und die Gretchenfrage nach „Bleiben oder Gehen?“, ergänzt von einem Hintergrund-Kasten mit nützlichen Ratschlägen, wie und wo man wirksam austritt und dass man sich sich den Beweis dafür gut aufheben sollte.

http://hpd.de/files/imagecache/article_picture/bfg-FroheProzession.jpgUnd schließlich ist da auch noch aus dem geistigen Umfeld des Freitag die Gemeinschaft der „Osucher“ – wie ich diese provokante Konkurrenz zu den „Gottsuchern“ gern nenne. Auf dem Trittbrett des Kirchentages ist sie mit ihrer diesjährigen Gegenveranstaltung „Religionsfreie Zone München 2010“ wieder dabei. Mit der „prügelnden Nonne“ und anderen lustigen Figuren, aber auch ernst gemeinten historischen Vorträgen sägt sie wieder kräftig an dem Ast, auf dem sie selbst mitfährt, ja über den sie ihre eigene Relevanz überhaupt erst definiert.

Mit letzterer werde ich deshalb innerlich noch am ehesten fertig. Ich brauche mir dazu nur klar zu machen, dass auch deren Chef mal sehr stark an etwas geglaubt haben muss, zwar nicht an den Papst, aber doch an eine mindestens genauso unfehlbare Partei, für die er – zumindest nach deren Unterlagen – auch andere zu verhaften und zu töten hätte bereits sein sollen, mag er auch nach eigenen Angaben nie davon gewusst haben, mit solchem Auftrag von seinem Führungsoffizier geführt worden zu sein. Ist ja auch keine zwingende Verbindung, selbst an etwas zu glauben und andere dran glauben zu lassen - obwohl, je unfehlbarer, je näher liegt beides erfahrungsgemäß beieinander.

Die Sache mit der Freitag Redaktion ist schon schwieriger. Nicht nur, weil sie mir das Trittbrett zur Verfügung stellt, auf dem ich hier mitsurfe und mitblogge. Sie macht leider auch ihre Sache wirklich gut. Die Autoren im Sampler so reden ehrlich, dass man daraus nur ein betrübliches Fazit gewinnen kann: Viele irgendwie kirchlich sozialisiert, aber gerade die haben oft am wenigsten verstanden, worum es geht. Da werde ich dann nachdenklich und höre noch mal genau hin, ob an Schorles Kritik nicht doch etwas dran ist.

Stimmen aus dem Präsidium (ich hatte vergessen, um Autorisierung zu fragen, also keine Namen) wollen das nicht wahrhaben. „Der ist nur sauer, dass er dort keine große Rolle spielt“, heißt es inoffiziell. Ganz falsch ist das nicht. Tatsächlich vollzieht sich auf dem Kirchentag ein Generationswechsel. Stephan Cezanne von evangelisch.de ist aufgefallen, http://www.pfarrverein-ekbo.de/src/images/Schorle_und_JA.jpgdass diesmal außer Schorlemmer auch Jürgen Fliege und Eberhard Jüngel erstmals nicht mehr dabei sind, auch fehlen Eugen Drewermann und der Dalai Lama, der 2003 noch in Berlin war. Die religiösen Top-Stars zweier Jahrzehnte – auf einmal nicht mehr gefragt?

Schorlemmer mit J. Augstein beim Freitag-Salon in Leipzig.

Da könnte man als abgewickelte Kirchentags-Ikone leicht auf die Idee kommen, aus der Not eine Tugend zu machen nach dem Motto: „Ich hatte mir noch soviel vorgenommen, ... aber jetzt denk ich wohl besser daran, wie ich mir noch einen guten Abgang verschaffen kann.“ Nicht nur dieses Wader-Zitat kommt einem da in Sinn, sondern ebenso sein Lied mit dem Papst, der auch bei Friedrich wieder einmal alles abkriegt, Bischöfe nicht ausgenommen.

Und wenn man dann auf der Pressekonferenz Reinhard Marx und Johannes Friedrich sagen hört: „Es gab in den zwei Jahren nie irgendeinen Dissens zwischen uns beiden in irgendeiner Sache“, dann beginnt man zu ahnen, welche Themen da vermieden wurden. Mit dieser Methode kann man tatsächlich einen Dissens zementieren, indem man sich dem Anschein nach verständigt – ähnlich wie dies in den 80ern beim deutsch-deutschen Verhältnis passierte. Mich erinnert das an die Bilder von Honecker und Kohl mit den Sektgläsern. Damals ein wirklich „gespielter“ und nicht fundierter Frieden auf der hohen Ebene, was von manchen Dissidenten als Hohn oder gar Verrat empfunden wurde, wie hier die Dissenslosigkeit von der Kirchenvolksbewegung (Das sind vor allem Katholiken, die gerne Protestanten wären, aber Katholiken bleiben wollen).

Die Einheit kam – im Politischen - irgendwann dann doch, indem einfach Mauern überwunden wurden. Genauso wird die religiöse Einheit kommen. Wenn sie je kommt, dann von unten. Was Gott verhüten möge, wenn es nach den Köpfen im Präsidium geht. Die Aufforderung, von Reformgruppen, bei der Mahlfeier zur jeweils anderen Konfession zu gehen, wurde trotz der evangelischen „Einladung an alle“ vom evangelischen Präsidenten Prof. Eckhart Nagel als unzulässige „Politisierung“ der sehr persönlichen Entscheidung gegeißelt, wo und wie man „dem Herrn“ begegnen will. Wobei er als Mediziner trotzdem wissen müsste, dass das Abendmahl ein polisches Instrumentwar und ist – und zwar spätestens seit den noch heute gültigen Festlegungen des 1. Clemensbriefes, dass es nur in Gemeinschaft mit dem Bischof gefeiert werden darf - und dass das Abendmahl als politische Instrument seither die Einheit der Christenheit gewährleistet hat, mag es auch seit 500 Jahren sie nun im Gegenteil trennen, paradoxerweise aus derselben Logik heraus.

Mag sein, dass unser Herausgeber langsam alt wird und er wie andere Choryphäen seiner Generation nicht mehr so gefragt ist wie denn einst. Mag auch sein, dass einen das zu noch radikalerem Auftritten verleitet, um noch Aufmerksamkeit zu kriegen, und wärs das letzte Mal. In Ansätzen kann man eine solche Radikalisierung auch beim früher meistgesehenen Theologen Fliege oder beim meistgelesenen Eugen Drewermann mit seinem Kirchenaustritt beobachten; dagegen spricht freilich, dass Friedrich vor einem Jahr sein Fernbleiben schon ankündigte. Doch Motive hin, Motive her, Schorlemmers Kritik trifft den Nagel auf den Kopf.

Trotzdem darf man hingehen, denn das Wegbleiben übernimmt er ja schon. Wo und wie anders können Christen an der Basis einander sonst kennen und schätzen lernen, wenn ihre Oberen sie nicht (wirklich) zueinander lassen wollen?

Der Verfasser bloggt für freitag.de und pfarrverein.com vom 2. ÖKT aus München. Bisher erschienen außerdem:

Die an den Hecken und Zäunen

„Sowas macht mein Opa immer mit mir“

Die Parallelgesellschaft des Mittelstandes

22:49 12.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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