ChristianBerlin
20.11.2011 | 17:56 33

Die letzte Zwangsbekehrung

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied ChristianBerlin

In der vergangenen Woche meldeten und kommentierten mehrere Redaktionen die Entlassung der 28jährigen Vikarin Carmen Häcker aus Crailsheim, die im Sommer den Muslim Md Monir Khan geheiratet hatte. Zuletzt nahm sich Benedikt Angermeier unter der Überschrift "Skandal in der Evangelischen Kirche: Christsein als Ehepflicht" in der taz des Themas an. Die Entscheidung gegen das unbeugsame Paar, das eine Pro-Forma-Bekehrung auf dem Papier als Ausweg nach wie vor ablehnt, ist innerhalb der Evangelischen Kirche in Württemberg und deutschlandweit umstritten. Wo das technisch möglich war, habe ich aus Berliner Sicht Stellung bezogen, ohne dabei für die Ev. Kirche oder den Pfarrverein (Berufsverband) zu sprechen.

Persönliche Stellungnahme aus dem Berliner Blickwinkel

Auf EKD-Ebene und in Berlin-Brandenburg wurde die dienstrechtliche Regelung, die in Württemberg zur Entlassung einer Vikarin führte, schon vor Jahren abgeschafft. Hier kann eine Pfarrerin oder ein Pfarrer mit mit einem Muslim oder einer Muslima verheiratet sein, ohne Nachteile oder gar die Entlassung fürchten zu müssen. Ein stadtbekanntes Beispiel sind zum Beispiel Mona und Andreas Fuhr aus Schöneberg (12-Apostel), er evangelischer Geistlicher, sie muslimische Pfarrfrau und Seele der Gemeinde, vor allem in der Kiezarbeit.

(vgl. www.tagesspiegel.de/berlin/der-kampf-um-die-seelen-der-junkies-vom-strich/458052.html)

In der Württembergischen Schwesterkirche kann man das anders sehen, da ist jede Landeskirche autonom, und das ist gut so. Was ich aber nicht verstehe: Warum konnten die Württembergische Pfarrvertretung oder der Pfarrverein der Vikarin nicht helfen, wenigstens ihre Ausbildung zu beenden und das 2. Examen zu machen? Wenn sie sich sonst eignet, hätte Berlin sie danach vermutlich mit Kusshand genommen. Seit drei Jahren übernehmen wir hier immer wieder gern fertig ausgebildete junge Theologinnen oder Theologen aus anderen Landeskirchen, weil wir in Zukunft mehr theologischen Nachwuchs benötigen, als wir im Moment selbst ausbilden können.

Vielleicht war das nur ein Kommunikationsproblem, dann wäre darüber noch nicht das letzte Wort gesprochen. Das wäre meine erste und wichtigste Frage.

Wenn sich das noch regeln lässt, hätte die Härte, die der jungen Kollegin dann nur angetan worden wäre, am Ende mehr Gutes als Schlechtes bewirkt, denn dadurch wurde das Thema medienrelevant. Jetzt bekommt es auch der Berufsverband der ca. 24.0000 ev. Pfarrinnen und Pfarrer auf den Radarschirm, in dem deutschlandweit immerhin 21.000 Kolleginnen und Kollegen organisiert sind. Bei der in den meisten Gliedkirchen der EKD gerade abgeschlossenen Einführung des neuen Pfarrdienstgesetzes wurde hier der Reformbedarf glatt übersehen. Religionsverschiedene Ehen und Lebenspartnerschaften werden infolge von Migration und Integration tendenziell zunehmen und im Alltag der Gemeinden eine wachsende Rolle spielen. Auch Theologinnen und Theologen können nicht auf Dauer davon verschont bleiben, dass der Gott der Liebe auch über Religionsgrenzen hinweg segensreiche Verbindungen schafft.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (33)

Achtermann 20.11.2011 | 19:27

Ja, lieber Pastor Christian,
so ist das, wenn man Mitglied einer Sekte ist. Da sind die Regeln streng, auch wenn sie nicht menschlich sein mögen. Gelernt habe ich aus diesem Artikel: Wenn mich eine württembergische Theologiestudentin oder gar eine Pfarrerin liebte, müsste ich ihr den Heiratswunsch versagen. Der Grund steht im verlinkten Artikel: Nichtchristen sind nach Kirchenrecht als Ehepartner von Pfarrern nicht vorgesehen.

ChristianBerlin 20.11.2011 | 20:29

Ja, lieber Achtermann,

so ist das mit der Religionsfreiheit, die für Sekten gilt, wie für nichtsektierische Religionsgemeinschaften, mögen auch die Unterschiede zwischen beiden manchmal selbst für Sektenbeauftragte schwer zu erkennen sein.

Dabei sind Zwangsheiraten jenseits der Grenzen der für alle geltenden Gesetze, an denen die Religionsfreiheit endet. Auch beim Gegenteil, dem Eheverbot, habe ich Bedenken, ob sowas nicht einen Konversionszdruck erzeugt, der zumindest mit dem evangelischen Selbstverständnis nicht im Einklang steht.

Die Einlassungen des Pressesprechers der Württembergischen Kirche, dass solche Ehen in der Gemeinde nicht gut gehen, entbehren der nachprüfbaren Empirie und sind außerdem durch die positiven Berliner Erfahrungen jedenfalls in ihrem prognostischen Charakter widerlegt.

Der eigentliche Skandal ist für mich aber, wie gesagt, dass die naheliegende Lösung nicht versucht wurde, die evangelische Vielfalt zu nutzen, um eine einzelschicksalfreundliche Lösung zu finden. Das wäre ohne Gesichtsverlust möglich gewesen, wenn die Kommunikation in de Communio Sanctorum gestimmt hätte.

Außerdem stört mich die Loch-im-Topf Logik in der Krisenkommunikation: Einige Kirchenführer verteidigen die Entscheidung mit der Behauptung, der Entlassungsgrund sei nur der, dass die Vikarin nicht formal korrekt gefragt habe, die anderen sagen klipp und klar, so eine Frage wäre in jedem Fall mit Nein zu beantworten und begründen das ausgiebig. Jedes für sich vielleicht ein Argument, aber zusammen spricht das nur gegen die eigene Glaubwürdigkeit.

LG Christian

ChristianBerlin 20.11.2011 | 21:40

Lieber Achtermann,

danke für die gut gemeinte Absicht, aber das ist alles andere als tröstlich, denn Johannes ist ein Freund von mir, eigentlich ein anständiger Mensch, ein sogenannter "Altpietischt" und langjähriger Synodaler.

Ich hatte die PM der Landeskirche über seine sofortige Beurlaubung schon gelesen und auch vorher schon schlimme Dinge von ehemals gemeinsamen Mitstreitern gegen innerkirchliches Unrecht über seinen wachsenden Fanatismus gehört.

Diesmal wollte sich das alte Schlachtross nicht als Pfarrer mit der Kirchenregierung, sondern als Politiker mit der Landesregierung anlegen - was kurioserweise dem Oberkirchenrat endlich eine Handhabe gegen ihn gab.

Ob sein Vorwurf "mit diesem Gesetz wird versucht, der Regierung die Macht zu geben, bestehendes und geltendes Recht zu brechen" irgendeine Substanz hat, kann ich (mangels Detailkenntnis) ebenso wenig beurteilen wie die Frage, ob der Gebrauch des Begriffst "Ermächtigungsgesetz" schon den Tatbestand der Verharmlosung des Nazi-Unrechts und der Volksverhetzung erfüllt (weil dann fast alle 68er denselben Tatbestand in der Diskussion über die Notstandsgesetze wohl ebenfalls verwirklicht hätten).

Auf jeden Fall scheint er jetzt ein Kamikaze-Theologe durch und durch zu sein, zu leidenschaftlich für einen Profi-Politiker, sodass er der CDU durch seine Unbesonnenheit vielleicht mehr schadet als nützt. Wahrscheinlich haben wir zu lange nicht mehr miteinander geredet, das letzte Mal ist 6 Jahre. Ich muss das mal nachholen, kann aber nicht versprechen, dass ich ihn von dem Trip runterhole.

LG Christian

Rosa Sconto 20.11.2011 | 22:56

@ Christian,

Carmen Häcker könnte ihre Ausbildung ja eventuell in Berlin beenden. Es ist sinnvoller die Heimat zu verlassen als sich in einem Krieg der Argumente zu zermürben.

Interessant ist auch das diese konserative Haltung in der evangelischen Kirche dort im schwäbischen überhaupt noch möglich ist.

Als Ex-Muslima finde ich es besonders schlimm, weil wir in diesen Fragen im früheren Jugoslavien sehr, sehr viel weiter waren. All das wurde dann durch den Krieg damals zerstört.

Einer unserer Nachbarn dort ist Hodscha und seine Frau, eine Katholikin, arbeitet als Architektin. Beide leben heute noch in Sarajevo und gehören zu den vielen die der Stadt diesen inter-religiösen Status nicht weg-politisieren lassen wollen. Aber wieviele Ehen wurden plötzlich wegen der verschiedenen Religionszugehörigeiten zerstört. Darum verstehe ich mich heute als Agnostikerin und wir hatten sogar bei der Auswahl der Namen für unsere Kinder bewusst auf Namen verzichtet aus denen sich eine Religionszugehörigkeit erkennen liese.

Uwe Theel 21.11.2011 | 01:33

@ Achtermann am 20.11.2011 um 18:27

Erstaunlich sich als bekennender Nichtgläubiger dann mit dem Satz "so ist das, wenn man Mitglied einer Sekte ist." nicht nur hämisch gegen Carmen Häcker zu stellen, sondern sich im Urteil auf einen Stufe mit dem aktuellen Papst zu stellen, der weder dem Islam noch der evangelischen Kirche einen Kirchenstatus zuerkennen will.

Dass Christian, die gleichermaßen gegen ihn gerichtete Spitze hinnahm, als sei sie nicht da, will ich nicht weiter diskutieren.

Den Pfarrer Bräuchle dann noch zu erwähnen ist auch nicht ohne Geschmäckle, oder was wäre zu sagen, wenn, sagen wir, die Gewerkschaft IGC des Hubertus Schmoldt einen IG-Chemie-Bezirksvorsitzenen ausschlösse, weil der die Vergesellschaftlichung er deutschen Chemieindustrie forderte, und dies von der Gerwerkschaft als Linksabweichlertum ausgelegt würde, das unvereinbar mit der Ansicht der IGC sei? Wäre damit die deutsche Gewerkschaftsbewegung einen linke Polit-Abenteurertruppe?

ChristianBerlin 21.11.2011 | 03:17

@Uwe Theel

Lieber Uwe,

ich weiß, dass die Gründe möglicherweise andere sind, aus denen Achtermann die Ev. Kirche indirekt eine Sekte nennt, als die, aus denen Thomas Gandow das inzwischen ebenfalls tut. Der Unterschied ist - grob gesagt - sicher der, dass Thomas Gandow darauf bestehen würde, dass Kirche sich von Sekten eigentlich unterscheiden soll - er denkt also normativ und misst die empirische Kirche z.B. an dem, was sie sein sollte, wenn sie die Aussagen des Neuen Testaments über sie in Anspruch nehmen will, während Achtermann sich mit der Empirie zufrieden gibt.

Ob er mich mit Johannes Bräuchle ebenso anpieksen wollte, würde ich aber bezweifeln. Schließlich konnte er nicht wissen, dass ich mit Johannes befreundet bin, das kann selbst ich bei den politischen Aussagen, mit denen er jetzt auftritt, kaum vorstellen. Ich denke, er wollte mich wirklich trösten, dass der Oberkirchenrat da mal einschreitet, wo's notwendig ist.

Das würde ich auch nicht bestreiten, denn wenn Johannes als DER Scharfmacher der CDU die Antragsgegner bei der Volksabstimmung mobilisieren soll, verstößt er mit dieser Rolle gegen das politische Mäßigungsgebot im Pfarrdienstrecht. Wenn er als Politiker nicht mäßigend, sondern polemisch polarisierend wirken will, könnte er gezwungen sein, sich zu entscheiden, ob er Geistlicher oder Politiker sein will - egal ob er nach links oder rechts abweicht. Es geht nicht um seine Option, bei der Volksabstimmung mit JA oder NEIN zu stimmen, sondern um die Feindseligkeit in seiner Begründung, um die Verdammung aller, die anders abstimmen, als Verblendete oder Verführer. Solches Argumentationsniveau sollte er besser Nichttheologen überlassen, damit macht ein Geistlicher sich und sein Amt unglaubwürdig, egal, ob er so für JA oder für NEIN argumentiert.

Allerdings sind wir hier - wie die Kirchenleitung - von Berichten schwäbischer Zeitungen abhängig, den Vorbehalt muss ich machen. Ich muss Johannes einfach mal anrufen und ihn selbst fragen, was er denn eigentlich sagen wollte.

LG Christian

ChristianBerlin 21.11.2011 | 03:48

@rosa sconto

Carmen Häcker könnte ihre Ausbildung ja eventuell in Berlin beenden.

Sie wollte wohl auch wechseln, aber das ist im Moment leichter nach dem 2. Examen. Sie hatte deshalb gehofft, dass sie die Ausbildung noch beenden kann.

In ihrem Prozess stehen die Chancen aus meiner Sicht nicht schlecht, weil jetzt noch forciert durch ihren Fall das württembergische Recht in wenigen Monaten im Sinne der EKD geändert werden könnte. Das neue Pfarrdienstgesetz der EKD steht für den jahresbeginn sowieso in Württemberg auf der Tagesordnung. Deswegen ist die prognostische Entlassungsbegründung der Oberkirchenrats im Moment eher wacklig, die sofortige Vollziehung lässt sich damit vielleicht kippen.

Es ist sinnvoller die Heimat zu verlassen als sich in einem Krieg der Argumente zu zermürben.

Du bist diesen Weg ja vernünftigerweise gegangen. Wenn sich hier in Berlin eine Tür für sie öffnen lässt, könnte ich das im Laufe der Woche vielleicht schon herausfinden.

Darum verstehe ich mich heute als Agnostikerin

Mit Gott ist es wie mit der Liebe: Logisch nicht zwingend nachweisbar. Was Du spürst, kann reiner Hormonzauber sein. Aber wenn Du nicht dran glaubst, entgeht Dir was.

Glaubst Du, so hast Du - zweifelst Du, so bist Du verlorn. (Martin Luther)

wir hatten sogar bei der Auswahl der Namen für unsere Kinder bewusst auf Namen verzichtet aus denen sich eine Religionszugehörigkeit erkennen liese.

Das Problem haben wir ähnlich gelöst. Wir haben unserer Tochter einen Namen gegeben, den es in allen drei monotheistischen Religionen gibt (Sarah).

LG Christian

SuzieQ 21.11.2011 | 04:19

Sind wir denn schon einen Schritt weiter?
Vor, sagen wir mal, 50 Jahren, wenn damals ein Evangelischer eine Katholische heiraten wollte, musste der 'Blaukopf' vor der Eheschließung erklären, dass seine mögliche Nachkommenschaft im römisch-katholischen Glauben erzogen werden würde.
Und so wurde es auch vollzogen.

"Seit drei Jahren übernehmen wir hier immer wieder gern fertig ausgebildete junge Theologinnen oder Theologen aus anderen Landeskirchen, weil wir in Zukunft mehr theologischen Nachwuchs benötigen, als wir im Moment selbst ausbilden können. "
Oder weil er schlichtweg nicht vorhanden ist?

"Religionsverschiedene Ehen und Lebenspartnerschaften werden infolge von Migration und Integration tendenziell zunehmen und im Alltag der Gemeinden eine wachsende Rolle spielen. Auch Theologinnen und Theologen können nicht auf Dauer davon verschont bleiben, dass der Gott der Liebe auch über Religionsgrenzen hinweg segensreiche Verbindungen schafft."

...können nicht auf Dauer davon verschont (!) bleiben?
Ich vermisse eindeutig Toleranz bezüglich jedweder Religion jenseits von evangelischem Christentum.
Oder war das Ironie?

Es liest sich vieles so 'irgendwie', aber wenn schon, dann meins.

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Ehemaliger Nutzer 21.11.2011 | 15:17

Hallo Christian,

da scheinen sich die Überzeugungstäter der verschiedenen Religionen ja nicht all zu sehr voneinander zu unterscheiden.

Was ich mich dann natürlich frage liegt darin: Wie willst Du mit Deinen Mitstreitern denn einen intereligiösen Dialog anschieben, der diesen Namen auch verdient? Es kann sich dabei doch nur um ein Jahrhundertprojekt handeln.

ChristianBerlin 21.11.2011 | 15:43

@Kunibert Hurtig

Lieber Kuni,

über dieses Dilemma haben wir beide ja schon in meinem BlogBeitrag vom 23.08. diskutiert Der interrelgiöse Dialog - unverzichtbar, aber unmöglich? [ungültiger link]

Meine Antwort wäre heute noch dieselbe wie damals - Solidarische Zeitgenossenschaft üben über alle Religionsgrenzen hinweg, sich gewaltbereiten Überzeugungstätern in den Weg stellen, egal, auf welcher Seite sie agieren, selbst auf der eigenen - ohne Garantie, dass mich meine Mitstreiter dabei ausreichend unterstützen werden.

Hab ich gerade wieder auf taz.de in meiner Reaktion auf den Leser-Kommentar von Georg L. wieder versucht (dort noch nicht freigeschaltet) und versuche ich auch mit diesem Beitrag.

Ob es was bewirkt, ist eine zweite Frage. Wenn's untergeht, wars nur ein Tropfen. Aber es ist mein Tropfen! (Auch ich ein Überzeugungstäter, nur hoffentlich ein halbwegs gewaltfreier).

Achtermann 21.11.2011 | 16:37

Lieber Christian,

hier eine kurze Rede des Johannes Bräuchle. Was er vorträgt und wie er seine Sache unter seine Anhänger bringt, lässt darauf schließen, dass, wenn er dein Freund ist, dieser wahrscheinlich innerhalb der letzten sechs Jahre, seit du ihn nicht mehr getroffen hast, ein Erweckungserlebnis gehabt haben muss. Ich befürchte, nicht mal du wirst ihn auf ein höheres Argumentationsniveau heben können.

Achtermann 21.11.2011 | 17:05

@ Uwe Theel

Zunächst mal zu den Fakten:
Den Pfarrer Bräuchle dann noch zu erwähnen ist auch nicht ohne Geschmäckle, oder was wäre zu sagen, wenn, sagen wir, die Gewerkschaft IGC des Hubertus Schmoldt einen IG-Chemie-Bezirksvorsitzenden ausschlösse…

Hubertus Schmoldt ist seit rund zwei Jahren nicht mehr Vorsitzender der IGC. Neben diversen Aufsichtsratsmandaten sitzt er jetzt im Lenkungsausschuss Unternehmensfinanzierung und unterstützt die Bundesregierung. Bei ihm wäre in deinem fiktiven Beispiel eher eine Abweichung nach rechts zu konstatieren, wenn das bei dieser Art ehemaliger Gewerkschaftsfunktionäre überhaupt noch möglich ist.

Zum Inhalt:
Erstaunlich sich als bekennender Nichtgläubiger dann mit dem Satz "so ist das, wenn man Mitglied einer Sekte ist." nicht nur hämisch gegen Carmen Häcker zu stellen, sondern sich im Urteil auf einen Stufe mit dem aktuellen Papst zu stellen, der weder dem Islam noch der evangelischen Kirche einen Kirchenstatus zuerkennen will.

Ich stelle mich nicht hämisch gegen Carmen Häcker. Ihr Problem ist, dass sie die kirchlichen Voraussetzungen für ihr Studium und ihren Abschluss schriftlich anerkannt hat, inklusive der eingeschränkten Heiratsoptionen. Nachher die bevorstehende Eheschließung mit einem Nichtevangelischen ihrer Kirche nicht zu kommunizieren, ist mindestens kein guter Stil. Dass die Kirchenoberen so reagierten, liegt in der Logik der formulierten Dos und Don’ts dieser Organisation. Wenn ich manchmal auf einer Linie mit dem "aktuellen Papst" sein sollte, ist das für mich ok. Allerdings: Bei der Verhütungsfrage gehen unsere Meinungen deutlich auseinander.

Und: Deine Spitze "bekennender Nichtgläubiger" stecke ich weg.

Gruß in Nachbarbundesland
Achtermann

ChristianBerlin 21.11.2011 | 17:34

@Kunibert Hurtig

Hab ich gerade wieder auf taz.de in meiner Reaktion auf den Leser-Kommentar von Georg L. wieder versucht (dort noch nicht freigeschaltet) und versuche ich auch mit diesem Beitrag.

Meine Reaktion auf Georg L. wurde von der taz noch immer nicht freigeschaltet, deshalb stelle ich sie schon mal hierher. Den Primärtext von Georg steht auf taz.de, Link oben in meinem Vorspann.

LG Christian

@Georg L.

Lieber Georg,

wie Du vielleicht schon weiter unten gelesen hast, bin ich vollkommen anderer Meinung. Schon aus dem Artikel geht hervor, dass der Pfarrverband, dem 21.000 von 24.000 meiner (oder unserer?) Amtsgeschwister angehören, da ebenfalls Diskussionbedarf sieht.

Rechtlich ist Dein Argument mit den Tendenzbetrieben (Zeitungen, Gewerkschaften, Parteien, Religionsgemeinschaften usw.) zunächst überzeugend. Mir sind aber keine Fälle bekannt, wo die weltliche Rechtsprechung Tendenzverstöße DES LEBENS- ODER EHEPARTNERS als Entlassungsgrund anerkennt. Dir etwa? Deshalb hinkt Dein Vergleich im entscheidenden Punkt.

Theologisch kann ich Deiner Argumentation ebenfalls nicht folgen. Liebe schließt Respekt und Toleranz ein (Ertragen der Freiheit und des Andersseins des Geliebten). Ich muss deshalb nicht genauso werden.

Unsere Pflicht zur klaren Abgrenzung, beginnt erst da, wo er die Grenze zur Gewalt überschritten wird. Die Verbreitung von Desinformation kann eine Form von Gewalt sein. "Falsche Lehre" bezeichnet theologisch aber eher selten objektiv widerlegbare Desinformation. Normalerweise ist damit etwas gemeint, was zu einem Bekenntnis im Widerspruch steht, aber vorgibt, sich damit zu decken.

Solange der Muslim erkennbar bei seiner Lehre bleibt und die Christin bei ihrer und nicht das eine für das andere ausgegeben wird, droht der Reinheit des Bekenntnisses aber kein Schaden durch "falsche Lehr".

Statt dessen verwendest Du "falsche Lehr" in Deiner Argumentation aber als Qualifikation des Glaubens eines andersgläubigen, der sich klar als solcher zu erkennen gibt. Um das Recht zu haben, den Glauben eines anderen so zu qualifizieren, müsstest Du nachweisen, müssten die Christen oder die Muslime nachweisen, dass die Überzeugung von Jesus oder Mohammed nicht nur absolute Geltung beansprucht, sondern sie sie auch besitzt.

Dieser Nachweis, der alles Glauben überflüssig machen würde, scheint bisher noch keiner Seite gelungen zu sein.

Die Lehren einer anderen Religion als meiner sind deshalb nicht falsch, sondern lediglich "anders" - jedenfalls wenn es um Dinge geht, die nur geglaubt werden können, weil sie niemand objktiv wissen kann.

Wir sollten uns nur an den Punkten streiten, wo Gewalt, auch diskriminierende Gewalt oder desinformierende Gewalt erkennbar wird - allerdings nicht nur mit der fremden, sondern auch mit der eigenen Glaubensgemeinschaft und mit der zuallererst.

Wir können diese innertheologische Fachdiskussion auch gerne in meinem FreitagsBlog weiterführen, ich habe meinen Leserkommentar hier als BlogEintrag dort gespiegelt (die taz wird diese Einladung sicher nicht als Abwerbung betrachten).

www.freitag.de/community/blogs/christianberlin/die-letzte-zwangsbekehrung

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rahab 21.11.2011 | 18:36

nein, kein faux-pas
mir ging nur die frage durch den kopf, ob du (oder sonstwer in der berliner landeskirche) noch von segensreicher verbindung des gemisacht-religiösen pfarrehepaares sprechen würde, stünde Mona nicht am herd der gemeindlichen suppenküche etc. sondern betriebe eine gutgehende bauchtanzschule.

und pfarrehepaar.... die eheschließung als einstieg in einen neuen beruf?

wie weit sind die landeskirchen da wirklich auseinander?

ChristianBerlin 21.11.2011 | 19:02

@Achtermann

#offtopic!

Danke für das YouTube-Video, dessen Existenz und Verbreitung Johannes in seiner kurzen Wahlkampfrede schon vorhergesagt hat.

Diese Wahlkampfpolemik bleibt aber dienstrechtlich noch im Rahmen des Mäßigungsgebots. Das ist der gleiche, mir eigentlich sympathische, verschmitzte schwäbische Humor, mit dem auch Matthias Richling gern operiert, davon lebt dessen Satire. Mehr als ein paar Lacher auf Kosten des Gegners wollte Johannes an dieser Stelle mit den erkennbaren Retourkutschen wohl auch nicht erreichen, eine gewisse Niveaulosigkeit gehört dann dazu.

Das war im März. Inzwischen hat sich seine Haltung aber offenbar verhärtet, vermutlich am ehesten durch die Haltung seines Parteifreundes, der ihn in der Schlichtung von oben herab abzubügeln pflegte. Dass die S21 Gegner ihn beim Diskutieren alsbald niederschreien würden, dürfte ihn weniger überrascht haben. Aber das ist typisch für ihn, dass er trotzdem losmarschiert und mit einem Schild Pro S21 auf eine Anti S21 Demo geht. Ich hab mir da noch ein paar andere Videos angesehen und hab seinen kämpferischen Ehrgeiz da durchaus wiedererkannt.

Er und seine Frau Charlotte haben unter anderem mit mir zusammen vor Jahren mal eine Initiative gegründet, die sich gegen ein problematisches Überbleibsel aus der Nazizeit im Kirchenrecht richtet, den sog. Ungedeihlichkeitsparagrafen.

Worum es geht fasst ein Leserbrief auf der westen.de von Charlotte zusammen:

Dieser unsägliche Ungedeihlichkeitsparagraph ,den es übrigens erst seit 1933 gibt, um unliebsame Pfarrer zu entfernen, wurde erstaunlicherweise nach 1945 nicht abgeschafft. Seit die Landeskirchen sparen müssen, gibt es nun in allen Landeskirchen der EKD diese Fälle, die mit diesem ungeklärten Rechtsbegriff entsorgt werden . Dabei wird ungeniert Mobbing an Pfarrern betrieben, ihre Persönlichkeit diffamiert, statt Sachverhalte geklärt und die Kirchenleitungen stellen sich in den seltensten Fällen fürsorglich - wie es die Pflicht wäre - hinter ihre Pfarrer/innen. Was das für die Betroffenen und ihre Familien bedeutet, wissen die Anstifter wohl nicht wirklich. Da werden fähige Leute mit 40 Jahren in den Ruhestand geschickt, was an sich schon ein skandalöser Umgang sowohl mit personellem als auch finanziellen Ressourcen ist. Seit 2000 gibt es inzwischen eine Initiative, die sich mit diesen Problemen befasst: die Melsunger Initiative.Quelle (die Jahreszahlen bei Charlotte stimmen nicht ganz)



Inzwischen haben sich unsere Wege getrennt, aber gegen gerade erst wieder neu gefassten Paragrafen hab ich vor wenigen Tagen erst in Magdeburg für die EKM-Synode eine Eingabe auf dom-umfrage.de mit vorbereitet, die aber leider keine Auswirkungen auf deren Beschlussfassung am Samstag in Erfurt hatte.

Von daher verstehst vielleicht, dass ich mich nicht freuen kann über die Suspendierung eines alten Kampfgefährten gegen ein innerkirchliches Unrechtsregime - zumal ich sie diese harte Maßnahme gegen ihn angesichts seiner letzten Äußerungen, die (wenn die Berichte stimmen) das Mäßigungsgebot klar verletzen und auch keinen schwäbischen Humor mehr zeigen, leider verstehen kann.

Dass wir in weltlichen politischen Fragen erst mal verschiedener Meinung sind, ist dagegen weniger schlimm. Er steht wenigstens zu seinem "dummen Geschwätz von gestern" - jetzt müsste er nur noch einsehen, dass es dennoch falsch war, dann hätten die S21 Gegner einen tapferern Mitstreiter gewonnen. Aber dazu braucht es, wie ich ihn kenne, gute Argumente, Trillerpfeifen reichen bei ihm nicht, um ihn zu bekehren.

LG Christan
ChristianBerlin 21.11.2011 | 19:23

@Rahab

Danke für den Klartext.

ob du (oder sonstwer in der berliner landeskirche) noch von segensreicher verbindung des gemisacht-religiösen pfarrehepaares sprechen würde, stünde Mona nicht am herd der gemeindlichen suppenküche etc. sondern betriebe eine gutgehende bauchtanzschule.

Das Problem kenne ich nur allzu gut. Meine Frau wollte auch nie einsehen, dass sie der Gemeinde als kostenlose Arbeitskraft zur Verfügung stehen muss, wo sie doch einen eigenen Beruf hat. Ganz klar: Diese Verfügung über den Gatten einer Pfarrerin (selten, wie hier) oder über die Gattin eines Pfarrers (häufig) kann auch dann unzeitgemäß sein, wenn er/sie nur den Beruf Pfarrmann/Pfarrfrau ausüben darf. Das legt kein Kirchengesetz fest, aber die Erwartungshaltung der Gemeinden geht immer noch in diese Richtung, jedenfalls bei den Pfarrfrauen. Nur hat das nichts mit der Religion des Partners oder der Partnerin zu tun, diese Erwartungshaltung kann eine Christin mit Bauchtanzschule genauso treffen. Wenn man aber geschickt ist, lässt sich auch das lösen.

LG

Uwe Theel 21.11.2011 | 19:31

@ Achtermann am 21.11.2011 um 16:05

ad Bräuchle:

Mein fiktives Beispiel, sollte nur beleuchten, dass ich vorsichtig wäre vom Verhalten Einzelner, oder einzelner Organe innerhalb einer Gruppe, gleich auf den Charakter einer ganzen Institution zu schließen. Besonders nicht im Fall der evangelischen Kirche, wo die letzte Instanz weder ein Gremium der Kirche, geschweige denn ein Oberhaupt derselben ist, sondern diese in der freien Entscheidung jedes Einzelenen in seiner individuellen Verantwortung und Freiheit vor Gott liegt.

Was Hubertus Schmoldt betrifft so war für ihn jedes wirkliche gewerkschaftliche Verhalten "Linksabweichlertum", im Sinne das es zu weit nach links gehe. Ich hatte in meinem fiktiven Beispiel auch nicht den Ausschluß Schmoldts angenommen.

ad Carmen Häcker:

Carmen Häcker ist Mitglied einer in Deinem Sinne Sekte, insofern " ist das (so)", was ihr wiederfahren ist, man/sie hätte es wissen können. Genau das hast Du geschrieben.

Mitleid höre ich da nicht, Ironie stattdessen machte es wenig besser als wenn es Häme wäre, wie ich der Meinung bin.

Es mag Dir nichts ausmachen mit dem Papst einer Meinung zu sein, der ja Deiner Meinung nach selbst allenfalls Oberhaupt einer Sekte sein kann. Einer gewissen Unlogik allerdings entbehrt es nicht, dann einen Mann als Kronzeugen zu haben, der selbst darauf besteht Mitglied der einzig wahren Kirche zu sein. Aber das mußt Du tatsächlich mit Dir selbst ausmachen.

Verzeih, wenn ich Dich einen Ungläubigen (Atheisten) nannte; dann magst Du Agnostiker sein. Aber auch in diesem Fall machte es wenig Sinn sich das immer noch herabsetzende Argument des Sektentums von einem zu borgen der ja selbst allenfalls einer Sekte angehören könnte.

Warum eben schriebst Du nicht

"so ist das, wenn man Mitglied einer Kirche ist",

sondern wähltest das herabsetzende

"so ist das, wenn man Mitglied einer Sekte ist",

damit gleichzeitig den angesprochenen Pastor gleichzeitig herabsetzend?

Agnostiker, wie Atheisten können aufrichtiger Weise allenfalls von religiösen gemeinschaften reden, die Attribute Kirche oder Sekte, könnten allenfalls in inner- bzw. zwischenreligiösen Diskussionen gebraucht werden, nicht aber von Außen, um das Ganze Objekt der kritik zu benennen, das sich selbst nicht als Einheit in diesem Sinne darstellt.

Gruß zurück
ut

SuzieQ 21.11.2011 | 23:59

@ ChristianBerlin schrieb am 21.11.2011um 12:47

Man sollte und kann vieles/alles nicht so verbissen sehen, Traditionen sind schön und gut, aber neue Wege sind wichtig.
LG Suzie

@ weinsztein schrieb am 21.11.2011 um 04:29 (!)

Weinsztein, alter Junge, um mal bei diesem Oxymodings zu bleiben,
ich muss mich zuerst mal bei Ihnen bedanken, denn durch Ihren Kommentar konnte ich erst erkennen, wie perfide Magdas Kommentar in I.D.A Liszts Blog war. Da hatte ich 'Suziemädchen' als ein Lustigmachen über mich wegen meines Alters verstanden und fand das schon unangebracht und überheblich. Tja.

Dieses Mit-Hintergedanken-Schreiben liegt ja einigen hier, mein Ding ist das ja nicht.
Das färbt hoffentlich nicht ab.

Wenn Sie also morgens um halb fünf erleuchtet werden, wovon auch immer, scheint es mir, als läge da etwas im Argen. Möglicherweise bekommt Ihnen die Uhrzeit nicht oder etwas Anderes. Sie scheinen sich auf mich einzuschießen, also, wenns Ihnen so viel bedeutet, Äußerungen hinsichtlich meiner Wenigkeit zu tätigen, noch dazu wider jeder Vernunft, möchte ich keine Spielverderberin sein, auch wenn ich Sie erneut darauf hinweise, dass Sie daneben liegen, aber sowas von.
Und ebenfalls erwähne ich, ganz am Rand, dass ich Sie jetzt zum xten Mal bitte, sich zu bescheiden, mir ist Ihre Aufmerksamkeit fast unheimlich, ich bin schüchtern, ; )

Mir gefällt übrigens Ihre Ignoranz, etwas zum Thema des jeweiligen Artikels zu schreiben, in dem Sie sich herniederlassen, um allein mir Ihre gesamte Aufmerksamkeit zu schenken.
Dass das mal nicht in Zwang ausarten mag...

Gruß, auch an Magda...
Ich rufe auch nicht nach Mutti, versprochen!

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rahab 23.11.2011 | 10:14

tja, Christian, das ist wohl - jedenfalls prima vista - der unterschied zwischen ehe und konkubinat. oder auch zwischen evangelisch und katholisch.
letztere haben ihren berufschristen das sakrament der irdisch-leiblich-fleischlichen ehe verboten. erstere haben im pfarrhaus das sakrament erhöht.
weshalb es bei evangelisch ziemlich wurscht ist, ob das gespons falsch glaubt oder falsch beruft oder falsch sext oder falsch hobbyt. wenn da der berufschrist den-die-das falsche liebt, dann sieht der gott der liebe das anders als die göttin derselben. da, wo die göttin noch ihren spaß an der verwirrung und vermischung - also der vervielfältigung hatte, da kann und will der gott nur noch die einheit. so jedenfalls die vorstellung/en über den einen, der alles in sich ver-eint und etwas anderes/anders-seiendes nur noch als aspekt seiner selbst gelten läßt.

ganz praktisch: die junge frau hätte sich das wirklich gut überlegen müssen, in welche liste der landeskirche sie sich aufnehmen läßt. vorher. ganz vorher. bevor amors pfeil sie traf. denn für Ba-Wü ist es wurscht, welcher pfeil da trifft, der der liebe oder der der schwerhörigkeit. die möchten ihr personal in jeder hinsicht unbeschädigt. andere landeskirchen sind da etwas toleranter - mit denen läßt sich noch verhandeln, welcher schaden gerade noch hinnehmbar ist und welcher nicht mehr.

ob das wirklich besser ist? ich habe da so meine zweifel.

ChristianBerlin 23.11.2011 | 21:32

@Rahab

die möchten ihr personal in jeder hinsicht unbeschädigt.

Das ist die Interessenlage - aber ist es auch christlich (im Sinne des Neuen Testaments)?

Mein Freund Roland K. wurde aus diesem Gründ vom Württembergischen Oberkirchenrat nicht in den Dienst übernommen. Er war durch einen unverschuldeten Autounfall beschädigt, hätte aber den Beruf ohne weiteres ausüben können. Nur hielt man ihm entgegen: "Ein Opfer für den HErrn sei ohne Fehl." (Sinnegemäß in der Tora und bei Ezechiel).

LG Christian