„In mir steckt eine Revolutionärin“

Im Gespräch Enissa Amani mischt gerade die deutsche Comedy-Szene auf – mit einer eigenen Form von Feminismus und dem Willen, Widersprüche auszuleben
Christian Johnsen | Ausgabe 16/2014 122

Um 18 Uhr, zwei Stunden vor ihrem Auftritt, sind wir verabredet. Enissa Amani kommt etwas zu spät. Sie redet schnell und viel. Und sie gestikuliert gern wild. Die Tochter eines unter dem Schah inhaftierten, unter den Ajatollahs untergetauchten Sozialisten teilt auf der Bühne treffsicher in verschiedene Richtungen aus. Altlinke und deren konsumverwöhnte Kinder nimmt sie aufs Korn, das eigenartige Miteinander von Subkulturen ebenso wie die je nach Kultur unterschiedlichen Vorstellungen von Geschlechterrollen.

Der Freitag: Frau Amani, warum sind Sie Comedian geworden?

Enissa Amani: Eigentlich wollte ich ein Buch schreiben. Deswegen hatte ich mein Jurastudium abgebrochen. Andere schleppen sich durchs Studium und freuen sich auf den Beruf, bei mir war es umgekehrt. Der Juristenalltag wäre nichts für mich gewesen.

Aber wie landet man auf der Bühne, wenn man Buchautorin werden will?

Zunächst wurde ich Promoterin und Verkaufstrainerin, um mich über Wasser zu halten. Gleichzeitig fing ich an zu schreiben. Ich hatte ja diese lustige Biografie, das persische Mädchen mit den sozialistischen Eltern. Vom Berührungspunkt mehrerer Kulturen kann man satirisch in verschiedene Richtungen blicken, daraus ließ sich was machen. Die fertigen Texte habe ich nach und nach unter Pseudonym gebloggt. Und irgendwann stand ich damit auf der Stand-up-Bühne.

Sind Sie das selbst auf der Bühne oder ist das eine Kunstfigur?

Wenn ich behaupte, mein Vater hätte mir als Kind nur das kommunistische Manifest vorgelesen, ist das natürlich eine Übertreibung. Nach der ersten Vorstellung rief mich mein Vater an und beklagte sich, er habe mir doch sämtliche Benjamin-Blümchen-Kassetten geschenkt und das Manifest gar nicht vorgelesen, sondern nur geschenkt. Ich sagte: „Aber Papa, das wissen die Leute!“ Die Tussi auf der Bühne dagegen, das bin schon ich.

Wie kann man davon träumen, eine Tussi zu sein?

Das ist nur in Deutschland ein Widerspruch. In Italien sieht man in der U-Bahn öfter Frauen mit auffälligen Fönfrisuren und Bleistiftröcken, so um die 60. Dort ist das state of the art, keiner wertet sie deswegen ab. In Deutschland wird von einem betont weiblichen Outfit außerhalb genau definierter Anlässe immer auf fehlenden Intellekt geschlossen. Wer zur Arbeit oder zur Vorlesung geschminkt oder mit hohen Absätzen kommt, braucht nicht damit zu rechnen, ernst genommen zu werden. Als ich mitbekam, in welche Schublade Frauen hier bei Verstößen gegen die Kleiderordnung sofort gesteckt werden, habe ich mir gesagt: „Wenn das eine Tussi ist, bin ich auch eine Tussi!“

Bei Ihren Auftritten machen Sie Witze über den persischen Trend zu Gesichtsoperationen. Ist der auch Ausdruck der Freiheit, eine Tussi zu sein?

Das ist eine völlig andere Sache. Der Iran hat neben Brasilien die weltweit höchste Rate an Schönheitsoperationen. Ich sehe das eher als Ausdruck von Unfreiheit: Weil Frauen dort ihren Körper nicht zeigen dürfen, versuchen sie, das im Gesicht zu kompensieren. 70 Prozent der Iranerinnen sind unter 35 und interessieren sich für Mode, Fashion und Beauty. Vieles ist für sie aber nicht lebbar. OPs sind dagegen nicht verboten und deshalb an jeder Ecke zu haben. Heute sind dort weit über 40 Prozent der Mädchen um die 20 operiert, die Dunkelziffer ist unbekannt.

Erschreckend ...

Ja, das ist gefährlich. Dieser Trend kann bildhübsche Menschen genauso entstellen wie der Magerwahn in Europa oder die Fastfood-Fettleibigkeit in den USA.

Sind Sie per se gegen Schönheitsoperationen?

Nein, ich habe selbst meine Nase operieren lassen und bin kein Gegner von Schönheits-OPs. Ich finde es nur gefährlich, wenn so etwas sich regelrecht zum Trend entwickelt, dann wird daraus schnell ein Zwang.

Ist mit der Freiheit zum „Tussi-Feminismus“ die Emanzipation jetzt eigentlich am Ziel?

Nein, natürlich nicht. Das zu glauben, wäre genauso naiv wie der Meinung zu sein, weil wir jetzt eine Kanzlerin oder einen afroamerikanischen US-Präsidenten haben, hätten wir überall Gleichberechtigung. Es werden noch Jahre vergehen, bis hier das Wort „Ausländer“ und sein politisch korrekter Nachfolger „Migrationshintergrund“ verschwunden sind und wir als normale Deutsche akzeptiert werden. Oder bis Frauen in allen Chefpositionen selbstverständlich sind und das Wort „Hausmann“ seinen despektierlichen Beiklang verliert. Aber der Weg dahin wird eines nicht mehr sein: die Vermännlichung der Frau.

Also steht heute der Grad der Emanzipiertheit nicht mehr im umgekehrten Verhältnis zur Absatzhöhe.

Zu Zeiten von Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer waren flache Absätze und ein Kurzhaarschnitt wichtig, um von der Männerwelt ernst genommen zu werden. Meine Mutter hat meinen Vater statt im weißen Kleid noch bewusst in Cargohosen geheiratet. Und Alice Schwarzer hat damals ihr Fernsehduell gegen Esther Vilar klar gewonnen. Ein Vierteljahrhundert später konnte sie bei Johannes B. Kerner gegen Verona Feldbusch nur verlieren. Inzwischen sieht man selbst Schwarzer mit höheren Absätzen. Die Welt hat sich eben weitergedreht.

Ihre Eltern haben Sie nach Inessa Armand benannt, Lenins Geliebte und ein führender Kopf der sozialistischen Frauenbewegung. Ist sie ein Vorbild für Sie?

Ich wähle zwar nur gemäßigt links, aber in mir steckt definitiv eine kleine Revolutionärin. Ich bin mit Vorbildern wie Che Guevara und Abie Nathan groß geworden und deshalb überzeugt: Jeder Einzelne kann viel bewegen. Es gibt Momente, da weiß ich sogar wie, und kann fünf Blogs auf einmal schreiben. Gleichzeitig quält mich aber trotzdem die Frage, wie ich noch 1.000 Euro zusammenbekomme, um mir die 2.000-Euro-Prada-Tasche zu kaufen.

Gehören Kapitalismuskritik und Konsum heute zusammen?

Meine ganze Generation steckt tief in diesem Widerspruch. Alle wollen rich lifestyle – und alle posten nonstop auf Facebook-Seiten, wie der Kapitalismus gerade die Welt zerstört. Ich verachte selbst auch besinnungslosen Konsum und die ungerechte Weltordnung, komme aber gerade vom Berliner Kaufhaus KaDeWe und bin ganz verzweifelt, weil es dort den einen bestimmten Schuh von Jimmy Choo nicht mehr gab. Neulich meinte bei Facebook jemand, mich vor den Gefahren des Erfolges warnen zu müssen nach dem Motto: „Verkauf dich nicht!“ Dann schreibt mir derselbe Mensch in der Inbox – Zitat – , er fahre einen dicken Wagen, mache dicke Kohle und würde mich gern vom Fleck weg heiraten.

Haben Sie eine Lösung für diesen Widerspruch, in dem die meisten sich heute befinden?

Man muss vor allem innovativ sein. Dann kann man widerstreitende Welten und Prinzipien verbinden. Drei Jungs aus meinem Bekanntenkreis in Köln waren eine Zeit lang Entwicklungshelfer in Kambodscha. Dort haben sie den schwarzen Kampot-Pfeffer entdeckt, der hier völlig unbekannt war. Den importieren sie jetzt als Gourmet-Pfeffer nach Europa. Im Dezember hab ich damit auf allen Weihnachtsmärkten gestanden. Wichtig war, den Kunden zu sagen: „Das ist kein Gutes-Gewissen-Pfeffer, den ich nur kaufen muss, und ich bin raus aus der Gewissenshölle.“ Aber keine Abstriche in Geschmack und Qualität zu machen und dennoch ein möglichst faires Unternehmen zu sein, damit ist beiden gedient, dem Luxus-Lifestyle und den kambodschanischen Bauern.

Aber kann man mit Zufallsfunden die Welt retten?

Solche Lösungen gäbe es jede Menge. Wir suchen sie nur nicht, deshalb finden wir sie auch nicht. Hamoun Kamai, auch ein Perser, wurde 2004 mit 19 durch einen Unfall an den Rollstuhl gefesselt und gründete zwei Jahre später die „Stand Up Initiative“, die mittlerweile eine der größten Charity-Veranstaltungen in Deutschland ausrichtet. Manches ergibt sich auch einfach so. Mit 28 wusste ich, ich will ein Buch schreiben, aber nicht, wie ich es veröffentlichen kann. Schreibe ich an sämtliche Zeitungen oder Verlage? Oder muss ich dafür erst Literatur studieren? Durch die Bühne habe ich eine Plattform gefunden, sodass sich inzwischen Buchverlage für mich interessieren.

Das Gespräch führte Christian Johnsen. Er bloggt unter dem Namen ChristianBerlin seit 2009 in der Freitag-Community.

Enissa Amani, 30, wurde im Iran geboren, ist in Frankfurt aufgewachsen. Vor zehn Monaten betrat sie erstmals eine Comedy-Bühne. Ende April tritt sie beim Prix Pantheon, den der WDR überträgt, gegen elf andere Comedians an

 

06:00 22.04.2014
Geschrieben von

Christian Johnsen | ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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