Käßmann-Absturz: Wenn des Vaters Haus zum Kaufhaus wird

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Ein Wort zum kirchlichen Alltag

Dass Jesus Wasser in Wein verwandelte und nicht umgekehrt, ist bekannt. Trotzdem versuchen Kirchenkritiker uns Theologen seit Jahrhunderten nachzusagen, wir würden „Wasser predigen und Wein trinken“, als sei ersteres legitim und letzteres unzulässig, die Wasserpredigt unser Geschäft und der Wein eine Sache, die es nach Gottes Willen gar nicht geben soll.

Der Alkoholabsturz der EKD-Ratsvorsitzenden Dr. Margot Käßmann scheint dieses Vorurteil wieder einmal zu bestätigen, was unter anderem am denkbar unglücklichen Zeitpunkt liegt. Der schlagzeilenträchtige Vorfall passierte ausgerechnet in der Fastenzeit, in der die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit ihrer Kampagne „Näher!“ gerade für sieben Wochen Verzicht auf Genussmittel wie Alkohol wirbt.

Doch auch dieses Argument ist umkehrbar. Nicht das Kampagnenziel ist der Maßstab, sondern Gottes Wort und Wille, niedergelegt in Schrift und Bekenntnis. Dort heißt es – jedenfalls bei den Protestanten - dass „Traditionen über Fastenspeisen, Fasttage usw., durch die man Gnade zu verdienen und für die Sünde Genugtuung zu leisten meint, nutzlos und gegen das Evangelium“ sind (Confessio Augustana, Artikel 15).

Mag sein, dass Gott damit kein Problem hat, wenn Protestanten trotzdem Fastentraditionen pflegen. Solange das freiwillig geschieht und es keinen Makel bedeutet, dies nicht zu tun, ist das gut evangelisch. Zum Guten wurde diese Freiheit gebraucht, als die eigene Fastentradition vor allem aus einer katholischen Anleihe bestand. Von den 70ern bis in die 90er Jahre hing in vielen evangelischen Kirchen und Gemeindehäusern ab Aschermittwoch das aktuelle „Hungertuch“ der Misereor Fastenaktion. Es konnte dem Betrachter auf einen Blick verdeutlichen, dass unser Wohlstand mit der materiellen Armut in anderen Teilen der Welt zusammenhängt, wofür wie zum Ausgleich dort aber eine andere Art von Reichtum existiert, von dem auch wir etwas abbekommen können, wenn wir etwa unser Fasten als solidarisches Mitfasten begreifen.

Im Kontrast dazu erinnert die von Werbefachleuten gestylte aktuelle evangelische Fastenaktion „Näher!“ beim ersten Hinsehen eher an Party-Time. Kein Wunder, dass auf solche Bilder dann irgendwann ein Absturz „aus heiterem Party-Himmel“ folgen muss (Joachim Petrick).

Die Tragödie ist, dass der Protestantismus unter Margot Käßmann gerade wieder zu ahnen begann, wofür er steht. Man merkte bei ihr, dass es um sehr viel mehr geht, als um den eigenen Selbsterhalt. Kaum im Amt, hat sie – bekenntnistreu - mit humorvollen Spitzen pekuniär begründete Seligkeits- und Machtansprüche zurückgewiesen und zum Jahreswechsel mit erschreckend klaren Worten zum Afghanistan-Einsatz Politiker in Panik versetzt und so Kommentatoren für Wochen ein Thema verschafft, wie Ratsvorsitzende vor ihr das schon lange nicht mehr getan haben. Man war gespannt, was als nächstes kommt.

Morgen, am 25. Februar, sollte sie in Berlin als deutsche Schirmherrin das „Europäische Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung eröffnen“. Daraus wird nun nichts mehr. Die Termine der nächsten Tage sind abgesagt.

Juristisch muss ihre Alkoholfahrt Konsequenzen haben – ohne jedes Ansehen der Person, aber auch ohne Übermaß. Kein Bonus, kein Malus. Dasselbe gilt auch moralisch. Wer ohne Steuer- oder Verkehrssünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Unübersehbar gibt es in der Diskussion über ihre Verfehlung eine Parallele zu der anderen hypermoralischen Debatte über die Steuersünder, bei der man ebenfalls nur staunen kann, wer alles im Moment am liebsten die Todesstrafe für Dinge fordert, die rein statistisch bei fast jedem vorkommen.

Dieses vom Herrn der Kirche selbst formulierte Entlastungsargument funktioniert freilich dann nicht mehr, wenn jemandem zu Schaden kommt. Wie die allermeisten anderen Verkehrssünder kann auch die Bischöfin nur Gott und ihrem Engel danken, dass nichts passiert ist.

Theologisch muss sie deshalb neu nachdenken. Die Frage ist, ob der Vorfall das Symptom eines falschen Weges oder verborgener Abgründe ist, in ihrer eigenen Seele oder der des Protestantismus. Dessen Stärke ist, dass er nie weltfremd war, seine Schwäche, dass ihm ständig Verweltlichung droht. Statt auch dann bei den Armen zu sein, wenn es subsidiär kein Geld, sondern allenfalls den Gotteslohn der Bergpredigt einbringen kann, reagiert die Kirche auf Glaubwürdigkeits- und Mitgliederschwund mit wirtschaftlich (scheinbar) vernünftigen Strukturreformen, Personalabbau und Absenkungstarifverträgen, ohne zu bemerken, dass dabei des Vaters Haus zum Kaufhaus gemacht und nur weiterer Glaubwürdigkeitsabbau, Mitglieder- und Mittelschwund dabei herauskommt – stärker und nachhaltiger, als das durch menschliche, aber verzeihliche Fehler ihrer Repräsentanten möglich wäre. Der Unterschied ist, dass dabei Menschen zu Schaden kommen, und das nicht nur im Konjunktiv.

(Andere BlogBeiträge zum Thema schrieben bereits Kopfkompass und Joachim Petrick)

08:06 24.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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