Mutige Pastoralreferentin bekam Sölle-Preis

Kirchentag Ein Zentrales Thema des Kirchentags war Dorothee Sölle, deren Tod sich am 27. April zum 10ten Mal jährte. "Kirche von unten" verlieh dort zum 2ten Mal den Sölle-Preis
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Mutige Pastoralreferentin bekam Sölle-Preis
Pröpstin a.D. Elfriede Begrich und Pfarrer Alexander Höhner gingen der Frage nach, wo wir die Sölle heute vermissen

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Dorothee Sölle war der Schrecken aller frommen und frömmelnden Christen. Zu Unrecht. In Wahrheit war sie frommer als die frömmsten von ihnen. Nur dass sie deren Schablonen hinter sich ließ und anders, neu nach Gott fragte.

Erstmals bekannt wurde die Religionslehrerin und Publizistin, als sie mit Mitte 30 1965 in ihrem ersten Buch und auf dem Kirchentag in Köln die Frage stellte, ob "Theologie nach Auschwitz" noch möglich ist. Ihre Antwort war eine "Gott-ist-tot-Theologie", auch "Theologie vom Tode Gottes" genannt.

Kurz darauf verliebte sich die inzwischen geschiedene Tochter des ersten Präsidenten des Bundesarbeitsgerichts in den Benediktinermönch Fulbert Steffenski, mit dem sie 1968 in Köln das Format "Politisches Nachtgebet" kreierte, bis heute ein zentrales Element an den Samstagen der Kirchentage.

Einen Ruf bekam die 1971 habilitierte Theologin, Philosophin und Literaturwissenschaftlerin allerdings nur in den Vereinigten Staaten. Als sie 1978 aus den USA zurückkehrte, war sie fast 50. Unter meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen löste das in Hamburg die Diskussion aus, ob mit der Sölle auch ihre Theologie nun veraltet sei. Sie sollten sich irren, und das gewaltig. Der Schrecken, den sie verbreitete, ging jetzt erst los. Ihr Interesse für alles Neue und ihr Sensibel für jedes Unrecht und die blinden Flecken unserer Zeit erlahmte niemals - bis zu ihrem Tode.

Damals wollte ich mit ihr ein Interview für die "Zwergpredigt" machen, unsere Studierenden-Zeitschrift am Fachbereich. Ich rief sie einfach an, und sie redete mit mir, als ob ich ein ganz normaler, vollwertiger Mensch wäre. Das sollte sich bald ändern. In den 80ern wurde die Kriegs- und Rüstungsgegnerin mehr und mehr zur militanten Feministin. In dieser Zeit sprach sie ihr Auditorium nur noch mit "liebe Schwestern" an.

Ihre konsequente Männer-Ignoranz steckte manche Nachwuchstheologin an. Das legte sich aber zum Ende des Jahrzehnts. Als 1989 die Mauer fiel, rutschte sie in eine lang anhaltende Depression. Im Zusammenbruch des Ostblocks sah sie einen Sieg des Kapitalismus, eines menschenverachtenden Systems, das nach ihrer Überzeugung Gott nur zuwider sein konnte. Noch einmal raffte sich die nun fast siebzigjährige auf und veröffentlichte 1997 ihr Hauptwerk "Mystik und Widerstand - 'Du stilles Geschrei'".

In der Pfarrerschaft der Evangelischen Kirche, zu der ich inzwischen gehörte, genoss sie Anerkennung und Respekt für ihre Lebensleistung. Wie eine Ikone wurde sie jetzt auf Pfarrkonventen herumgereicht, aber inhaltlich nicht mehr ernst genommen. Die Totschlagargumente waren ihre Unwissenschaftlichkeit und dass sie mit ihrer Kapitalismuskritik eine Frau der Vergangenheit sei. In die Kirche hatte der Geist der Ökonomisierung Einzug gehalten.

Niemand ahnte, dass sie ihrer Zeit nur voraus war. Sie sollte Recht behalten. Doch als die Krise kam, war sie schon tot und die Kirche nicht mehr kampagnenfähig. Diese Fähigkeit hatte die Kirche mit dem Mauerfall eingebüßt. Weil es im Osten Deutschlands großen Nachholbedarf in der "Zusammenarbeit" mit staatlichen Stellen gab und viele Millionen im Spiel waren, war theologische Kritik an politischen Verhältnissen - anders als vor dem Mauerfall - im Osten jetzt kein Thema mehr. Und im Westen hatte man mit dieser Kritik immer falsch gelegen, zumindest glaubte man das.

Unter dem Motto "Dorothee Sölle wahrnehmen und weiterdenken" versammelten sich am 3. Mai 2013, 10 Jahre nach ihrem Tod am 27. April 2003, auf dem Kichentag Mitglieder einer von ihr geprägten Generation von Christinnen, Christen, Theologinnen und Theologen, die der Meinung waren, dass die Sölle auch heute eine Menge zu sagen hätte, und fragten danach, was das wohl wäre und wie es sich sagen ließe.

Beatrice von Weizsäcker zum Beispiel hat in ihrem Buch "Ist da jemand?" ein politisches Glaubensbekenntnis formuliert, ohne das von Dorothee Sölle aus dem Politischen Nachtgebet von 1968 zu kennen (im Kapitel "Herr Glaube und Frau Zweifel").

Elfriede Begrich hat auch nach dem Mauerfall und sogar über die Jahrtausendwende hinaus als Pröpstin von Erfurt-Nordhausen unbeirrbar an der bei uns vor allem durch Dorothee Sölle bekannt gewordenen lateinamerikanischen Befreiungstheologie festgehalten, was die Sprengelpröpstin selbst in einer sich gerade durchökonomisierenden Kirche für deren "Reformer" zu einem Störfaktor machte.

Nachdem Beatrice von Weizsäcker die politische und theologische Poesie der Sölle gewürdigt hatte, moderierte Frieda Begrich gemeinsam mit Pfarrer Alexander Höhner aus Berlin-Friedrichshagen, in dessen Gemeinde sie inzwischen ihren Ruhestand verlebt, ein Gespräch zum Thema: "Wo fehlt uns heute Dorothee Sölle?"

Heraus kam, dass vor allem ihre kreative Phantasie heute fehlt. Von dem in den letzten Jahren immer beliebteren Totschlag-Argument: "Das wird der Komplexität des modernen Lebens nicht gerecht" hätte die Sölle sich niemals blenden lassen. "Der Teufel hat eine Telefonnummer und tausend Nebenanschlüsse", wäre dazu ihre schlagende Antwort gewesen. Lange vor der digitalen Kommunikation hatte sie mit diesem Slogan das spätere Phänomen des Flashmobs und des Shitstorms vorweggenommen. Christinnen und Christen riefen in den Chefetagen von Rüstungs- oder Atomstromkonzernen an und beschwerten sich.

Bei der Frage: "Wen würden sie heute anrufen?" fielen einige Namen, unter anderem Winfried Kretschmann, aber auch der von Sendeanstalten. Doch blieb das alles in der Theorie stecken. Angerufen wurde niemand. Dabei hätte daraus das effizienteste Format des DEKT werden können: Der Kirchentags-Flashmob.

Das Tragische dabei ist, damals wie heute, dass niemand mitmacht, weil die Kirche nicht gleiches mit gleichem vergelten und Wehtuern nicht wehtun will. Alexander Höhner berichtete aus seiner Zeit am Berliner Dom, wie dort eine Sölle-hafte Aktion an der christlichen Feindesliebe gescheitert war. Die Waffenfirma Nordmetall wollte für ihre Betriebsangehörigen eine separate Domführung und dafür richtig gutes Geld bezahlen. Die Sölle hätte auf dieses Ansinnen eine klare Antwort gehabt, die auch Alexander vorschwebte: "Wir laden euch ein, aber als Menschen, nicht als Firma, und wir nehmen kein Geld, mit eurem Geld wollen wir nichts zu tun haben." Leider hat das Domkollegium anders entschieden.

Ein weiteres Beispiel, wie der Geist von Dorothee Sölle vereinzelt weiterlebt, gab die katholische Pastoralreferentin Britta Lehnert mit ihrem Einsatz für die Opfer sexualisierter Gewalt im Raum der Kirchen.

1978 las Britta bei Dorothee Sölle in dem da schon 10 Jahre alten Buch "Phantasie und Gehorsam" den Satz: "Wer einen anderen als Mittel benutzt, der entwürdigt nicht nur diesen, sondern zugleich auch sich." In der Diskussion um den Missbrauchsskandal, der 2010 durch die mutigen Worte von Pater Klaus Mertes aufgedeckt wurde, zog sie aus diesem Gedanken die Konsequenz: Wer ein Kind zerstört, kann nicht Priester bleiben.

Von der Kirche verlangt sie seither, dass sie endlich anerkennt, dass sich Christus im Gesicht der Opfer spiegelt. Deshalb können die Täter ihn nicht repräsentieren. Und von der Politik fordert sie die Abschaffung sämtlicher Verjährungsfristen bei sexueller Gewalt. Durch ihr Stehvermögen hat sie das Vertrauen der Betroffenen und inzwischen auch ein Standing in der kirchlichen Hierarchie.

Das war nicht immer so. Nachdem Britta gegen den Rat ihrer Mutter ("Mädchen, geh nicht zur Kirche, die kann Frauen nicht leiden") zunächst Religionslehrerin werden wollte und Vorsitzende des BDKJ (Bund der katholischen Jugend) war, war sie ein Jahr lang arbeitslos, weil sie sich gegen den NATO-Doppelbeschluss engagiert hatte. Ihre Rückkehr in den Dienst konnte sie sich später mit Sterbebegleitung "erkaufen". Danach schlug sie die neue Laufbahn einer Pastoralreferentin ein, die katholischen Theologinnen den Verkündigungsdienst in den Gemeinden ermöglicht, mit Ausnahme der sogenannten Sakramente.

Dass sie es von neuem schaffte, bringt sie selbst mit ihrem Wirbelsäulenschaden aus Kindertagen in Verbindung, der sie nach dem Abitur lange an einen Gips gekettet hatte. Danach sei sie dankbar gewesen, wieder aufrecht gehen zu können. Nach Fanny Dethloff, der nordelbischen Menschenrechtsbeauftragten und Bundesvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Asyl und Kirche, wurde Britta Lehnert so zur Trägerin des zweiten Dorothee Sölle-Preises für aufrechten Gang, den ihr die "Initiative Kirche von unten" am Ende der Veranstaltung verlieh.

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Nach dem Statut können Frauen wie Männer den Preis bekommen. Von der Begründung her ist deshalb verwunderlich, dass nicht Pater Klaus Mertes selbst den Preis bekam, der als Rektor des Canisius-Kollegs die ganze Missbrauchs-Aufdeckungs-Lawine ins Rollen brachte (und nicht nur Dank dafür erntete). Ohne seinen aufrechten Gang wäre der von Britta Lehnert gar nicht möglich gewesen, jedenfalls nicht speziell bei dieser Frage. Ein Preis verliert an Bedeutung, wenn er die eigentlichen Pioniere des damit honorierten Einsatzes übergeht.

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17:36 06.05.2013
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Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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