Soviel verändern, wie du brauchst

34. Ev. Kirchentag: Vom 1. bis zum 5. Mai lädt der Kirchentag nach Hamburg ein. Ein Bericht von der Eröffnungspressekonferenz
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"Als ich heute Morgen durch die Innenstadt joggte, kamen mir große Gruppen von Menschen entgegen mit Rucksäcken, Schlafsäcken und Isomatten, die riefen: ‚Es geht los!‘“ Diese Aufbruchsstimmung war auch Kirsten Fehrs selbst anzumerken, als die Hamburger Bischöfin deutsche und internationale Medienvertreterinnen und –vertreter am Eröffnungstag des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentages in der Hansestadt begrüßte. Ihre Kirche, die „Nordkirche“, wagt ebenfalls den Aufbruch: Seit einem Jahr reicht sie von Helgoland bis an die polnische Grenze, vereint sie mit Mecklenburg und Pommern zwei ostdeutsche Landeskirchen mit den drei seit 1976 in „Nordelbien“ fusionierten westdeutschen Kirchen Hamburgs, Schleswig-Holsteins und Eutins.

„Ganz weit oben auf der Agenda“ steht Kirsten zufolge die Angleichung der immer noch unterschiedlichen Gehälter von Pfarrpersonen und Mitarbeitenden in den Ost- und Westteilen der seit dem 27. Mai 2012 jetzt gemeinsamen Kirche. Im einzigen Vorbild einer solchen Fusion, der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz, hat diese Angleichung der Gehälter 20 Jahre gedauert. Im Norden soll das schneller gehen. Dort hat man seit den 70ern ein entspanntes Verhältnis zu den Gewerkschaften, weil die Nordelbische Kirche schon damals den „Dritten Weg“ verließ, und die Gehälter der Mitarbeitenden nicht mehr kirchenintern in paritätischen Kommissionen ausgehandelt wurden, sondern mit Gewerkschaften in Tarifverträgen. Ein Grund mehr, diesen Kirchentag am 1. Mai noch vor der abendlichen gottesdienstlichen Eröffnung bereits am Mittag mit einer „Brückenveranstaltung“ zusammen mit den Gewerkschaften auf dem Hamburger Fischmarkt einzuläuten.

Das diesjährige Kirchentagsmotto „Soviel du brauchst“ erinnert dabei nicht nur an das „Jedem nach seinen Bedürfnissen“, es ist im biblischen Buch Exodus auch so gemeint: konkret materiell und leiblich, auf die geistliche Deutung des himmlischen Manna legt erst das Neue Testament den Schwerpunkt. In der Bibel geht es deshalb immer um beides, das Immaterielle und das Materielle, um „Himmel und Brot“, so Fehrs.

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Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs im Gespräch mit Bischof Gerhard Ulrich, dem Vorsitzenden der Kirchenleitung der Nordkirche.

Thematische Veranstaltungen mit Frank Bsirske, etwa zum Desiderat eines kirchlichen Streikrechts, oder mit Bodo Ramelow zum Staatsversagen gegenüber rechtem Terror sind deshalb kein bloßes Beiwerk, sondern integraler und elementarer Bestandteil dieses protestantischen Aufbruchs, in dem Kritiker von seit den 70er Jahren eher eine Kaderschmiede der SPD oder später der Grünen sehen , als eine geistliche Veranstaltung.

Theologisch kann man aber das eine nur tun, wenn man das andere nicht vernachlässigt. „Der Frieden mit Gott führt zum Unfrieden mit der Welt“, zitiert Gerd Ulrich, Vorsitzender Bischof der Kirchenleitung der Nordkirche, ein theologisches Bonmot von Jürgen Moltmann. Für seine Bischofskollegin Kirsten Fehrs geht es deshalb auf diesem Kirchentag neben dem spirituellen Austausch vor allem um konkrete Ideen „Gegen Armut“, um eine klare Positionierung und tragfähige Konzepte und Ausstiegsszenarien gegen den braunen Sumpf, wie etwa im Projekt „Evangelische Jugend gegen Rechtsextremismus“, aber auch um eine „Ökumene der Religionstoleranz“ und den „Dialog von Kirche und Kultur“.

Bis Sonntag erwartet der Kirchentag 116.000 Dauerteilnehmende, 40.000 Tagesgäste und 36.000 Mitwirkende, zumeist hochkarätige Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur, im Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern, Theologinnen und Theologen, engagierten Christinnen und Christen oder mit andersdenkenden, aber genauso engagierten solidarischen Zeitgenossinnen und –genossen. Vor dem Hintergrund von Staatschuldenkrisen und Steuerflucht, Nahrungsmittelspekulationen und Hungerverschärfung, Bedrohungs-, Kriegs- und Ausstiegsszenarien wird an Ständen von Initiativen auf dem „Markt der Möglichkeiten“, auf Podien, Workshops oder in „Ideensalons“ nach neuen Impulsen und Auswegen gesucht, werden Kontakte geknüpft und gemeinsame Pläne geschmiedet. Über 9 Resolutionsentwürfe soll in den Hallen abgestimmt werden, 5 weitere liegen an den Marktständen aus oder können online auf kirchentag.de gezeichnet werden. Bei Annahme werden sie Adressaten zugeschickt, die von den Einbringenden bestimmt wurden.

Das organisatorische Rückgrat der Veranstaltung stellen neben Präsidium, Kirchentagsbüro und professionellen Dienstleistern die diesmal über 5.500 Helferinnen und Helfer, die den Kirchentag vor Ort ehrenamtlich und unentgeltlich unterstützen – so viele wie nie zuvor. Besonders stolz ist das Präsidium, dem diesmal der Trierer Jurist Prof. Dr. Gerhard Robbers als Präsident vorsitzt, auf die erreichte Quote bei der Einhaltung der „KleVer“-Kriterien beim Catering: Zwei Drittel aller Stände der Gemeinden auf dem „Markt der Möglichkeiten“ bieten „Klimaeffiziente Verpflegung“ an – regional, fair und ökologisch.

Bis Reden und Handeln von Christen in allen Bereichen so gut zusammenpassen wie bei dieser Verpflegung, mag noch ein weiter Weg sein. Doch der Kirchentag bringt sie auf diesem Weg stets weiter voran. Bis Sonntag kann man noch live dabei sein oder hier auf freitag.de über die Berichte im Kirchentagsblog diskutieren.

Weitere Beiträge zum und vom Kirchentag:

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/kirchentag2013-erinnern-an-dorothee-soelle

https://www.freitag.de/autoren/christianberlin/zu-gott-schreien-weil-menschen-nicht-hoeren

https://www.freitag.de/autoren/christianberlin/starke-gesellschaft-und-umgang-mit-schwachen

https://www.freitag.de/autoren/christianberlin/wie-ein-demagoge-netzaktivisten-bekehrt

https://www.freitag.de/autoren/christianberlin/mutige-pastoralreferentin-bekam-soelle-preis

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/kirchenpfad-mit-friedrich-schorlemmer

23:57 01.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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