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Montag früh 11 Uhr in der forum factory in Kreuzberg. In Raum 164 soll eine Pressekonferenz für ein „bis dato wohl singuläres Projekt“ stattfinden. Doch der Raum ist leer, kein Mensch weit und breit. Niemand im Haus weiß Bescheid. Nur draußen, in der Sonne, wartet noch immer eine Gruppe, die mir schon beim Reingehen verdächtig vorkam. Als ich mich zu erkennen gebe, bricht Freude aus: Die Pressekonferenz kann stattfinden, es ist jemand gekommen!

Im Podium sitzen vier mutmaßliche Mitstreiter der 68er-Generation, die nicht aufs Altenteil wollen, ständig Neuaufbrüche beginnen und jetzt das Berliner Kunst-Festival „East Meets West“ ins Leben gerufen haben, das hier, im forum factory, vom 22. Juni bis zum 3. Juli 2011 stattfinden soll.

Eröffnet wird die Konferenz von Wilhelm Wiegreffe. Der Journalist war bis 2006 in leitender Funktion beim Deutschland Radio und im Deutschen Herbst von 1977-87 Sprecher der Berliner SPD. Das Festival, erläutert Wiegreffe, ist eine „kulturanarchische Graswurzelbewegung“: Ohne staatliche Förderung oder Stiftungsgelder hätten Künstler aller Genres aus unterschiedlichsten ost- und westeuropäischen Ländern, aus Polen, Russland und Weißrussland, aus England, Holland, Italien und Spanien, aus beiden Teilen Deutschlands und Berlins (Ost und West) ein nichtkommerzielles Festival in Eigenregie entwickelt, bei dem sie selbst als Schauspieler, Musiker, Tänzer und Literaten honorarfrei auftreten oder als bildende Künstler unentgeltlich ausstellen.

Abgesehen von zwei Sponsoren oder Kunst-Mäzenen, die jeder 1000 Euro gaben, wurden alle Unkosten vom Kurator Wilfried G. („Wilko“) Königsmann vorfinanziert. Ein Teil dieser Auslagen soll durch Spenden und fünf Euro Eintritt wieder hereinkommen. Der Kurator hatte früher, von Mai bis Dezember 2010, eine eigene Galerie in Bad Lauterberg im Harz. Dann ging Wilko nach Berlin, wohin er den Namen seiner Galerie „ArtHaus 67“ mitnahm, von nun an als Label, unter dem der Maler mit einer Künstlergruppe zusammen an unterschiedlichen Orten ausstellt.

Die Idee zu dem Festival hatte Wilko, als er im März dieses Jahrs in dem morbiden, seit 1990 mit Billigung des „Runden Tisches“ instandbesetzten und inzwischen wieder abrissbedrohten Kunsthaus „Tacheles“ den weißrussischen Künstler Alexandr Rodin kennenlernte. Daraus ergab sich eine Kooperation von Wilkos Künstlergruppen „Arthaus 67“ und „The Zwischen Project“ mit dem „Tacheles“ und der facebook-Künstlergruppe „Les MontmARTrois de Berlin“. Durch diese Zusammenarbeit konnten arrivierte Aussteller und Newcomer für das Festival gewonnen werden konnten, die aus Sicht der Veranstalter „zur Creme de la Creme der galeriefreien Künstler in ihren Ländern“ gehören.

Für seine beiden Mitveranstalter sitzen Ulrich Häusler von den „MontmARTrois“ und Martin Reiter vom „Tacheles“ neben dem Kurator. Martin Reiter ist Sprecher Kunsthauses in der Oranienburger Straße, dessen Myhos und Verfall vor 16 Monaten Ingo Arend im Freitag als „Symbol der Vergänglichkeit“ beschrieb, bevor letztere ihn selbst (und seine Leser) wie ein Schlag traf. Sein Wunsch: Ein Festival mit europäischer Ausstrahlung und „das Tacheles darf nicht sterben!“

Beides wäre kaum erfüllbar, säße nicht neben ihm Ulrich Häusler, der Sponsor, der Mäzen, der Mann mit dem Geld, mit dem abgeschöpften Mehrwert, den er bereit ist, in Kunst und die Zukunft von Künstler zu investieren. Der heute 62jährige arbeitete nach einem kurzen Psychologiestudium 20 Jahre als Logotherapeut in psychiatrischen Kliniken, bis Anfang der 90er die Privatisierung der Krankenpflege kam und Häusler zum Mulit-Unternehmer wurde. Inzwischen kann sich der Autor von seelenmedizinischer Lyrik ein Haus im 18. Arrondissement von Paris leisten, in dem sich eine deutschsprachige „Montmartre Runde“ trifft. Ein „Ulrich Häusler Stipendium“ der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg ermöglicht seit ein paar Jahren deutschen Studierenden einen Paris-Aufenthalt unter Betreuung durch ortsansässige Patenkünstler. In Hamburg, München und Berlin hat Häusler je eine facebook Gruppe für dort ansässige „Montmartroises“ gegründet - mit inzwischen über 200 Mitgliedern allein in der Hauptstadt.

In seinem Profil bei Xing beschreibt der mittelständische Kunstmäzen das katalytische Erfolgskonzept seines Vorgehens: „Art und Business zusammenbringen und dabei ganz nonchalant über Gott und die Welt zu philosophieren.“ Kunst und Geld zusammenbringen und beide dadurch erst wirklich interessant werden lassen, in Paris scheint diese altbewährte Strategie nach wie vor aufzugehen. In Berlin sind solche Symbiosen zwischen Steinreich und Bettelarm-aber-sexy vielleicht selten, aber doch möglich: Der Freitag selbst ist der Beweis.

[Pressekonferenz auf Youtube ansehen]

Ein weiterer Bericht zum Thema:

www.freitag.de/community/blogs/christianberlin/lebendige-kunst---bilder-von-einer-ausstellung

13:54 21.06.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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