Sven Giegold: Wenn nicht jetzt, wann dann?

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Wer muss sich ändern: Der Einzelne oder die Gesellschaft? Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschät beantwortet die alte Gretchenfrage gerne auf Gutmenschenart: Wir alle. Attac-Gründer Sven Giegold überzeugt das nicht: "Die Machtfrage wird im christlichen Raum viel zu wenig gestellt." (Foto: Kathrin Erbe)

Der Europakandidat der BündnisGrünen und Attac-Mitbegründer Sven Giegold hatte das Schlusswort auf dem Bremer Kirchentag, zumindest im Themenbereich 3 "Chancen für die Welt".

Eigentlich sollte er sich und Attac nur als einer von vier erfolgreichen alternativen Pionieren oder "Zukunfts-Machern" vorstellen. Doch seine Antworten auf die Fragen von Moderator Arnd Henze und aus dem Publikum gerieten zu einer kritischen Abrechnung mit einem unpolitischen Gutmenschentum.

"Die Machtfrage wird im christlichen Raum viel zu wenig gestellt. Statt dessen wird immer an die Verantwortung des Einzelnen appelliert. Wenn 10 Prozent von uns Produkte ohne Menschrechtsverletzungen, richtige 'Gutmenschenprodukte' konsumieren, aber 90 Prozent Waren mit Menschrechtsverletzung kaufen, ändert sich nichts. Für mich als Christ sind es deshalb zutiefst Machtfragen, die sich hier stellen. Produkte, die Menschenrechte verletzten, müssen für alle verhindert werden."

Vor dieser Herausforderung stünden wir jetzt. Initiativen und Institutionen müssten jetzt gemeinsam Druck machen, denn jetzt sei der Zeitpunkt, auf den es ankomme, jetzt würden "die großen Zukunftshebel umgelegt", die über 10 bis 20 Jahre entscheiden. "Das wurde mir hier zu wenig betont", so Giegold.

Um Alternativen durchzusetzen, müsse man "brechen mit den Mächtigen", die in Sachen Autos, Energie und Banken bisher das Sagen hatten und es weiterhin behalten wollten. "Die gleichen, die von der Phase der Entstehung der gegenwärtigen Krise profitiert haben, sitzen jetzt wieder in den Beratungsgremien. Wir geben jetzt hunderte von Milliarden Euros aus, um den alten fossilen-Energie-Kapitalismus zu wiederherzustellen, statt auf Nachhaltigkeit umzusteuern. "

"Diese Krise war die bestvorhergesagteste Krise, die ich je erlebt habe." Er selbst habe vor zweieinhalb Jahren Emails an den Verteiler der Bewegungs-Stiftung geschrieben mit der Warnung "Leute, geht aus den Aktion raus. Was sich in Amerika abzeichnet, wird globale Auswirkungen haben." Doch statt sich nun von solchen Volkswirten beraten zu lassen, die wie er vor der Krise gewarnt hätten, setze der Bundesfinanzminister wieder auf jene Profiteure, die angeblich von nichts wussten. Das unterscheide Steinbrück etwa von Obama, dem gerade neue Bündnisse für neue Wege gelängen.

Giegold war sehr wohl bewusst, dass er sich damit in Gegensatz zu seinen drei Vorrednern begab, die alle drei mit kleinen Schritten und langem Atem Erfolg gehabt hatten, weshalb sie glauben, es könne die nächsten 40 oder 50 Jahre Schritt für Schritt so weiter gehen.

Etwa Ursula Sladek, die nach Tschernobyl zusammen mit den Bürgern von Schöngau im Südschwarzwald den Stromgiganten trotzte und unter Vorwegnahme der Liberalisierung erstmals die Macht der Monopole durchbrach. Als Geschäftsführerin der Elektrizitätswerke versorgt sie seit 1997 nicht nur den zweieinhalbtausen-Seelen-Ort mit reinem Ökostrom, sondern auch eine ständig wachsende Anzahl von Kunden im gesamten Bundesgebiet - und das profitabel, mit schwarzen Zahlen.

Oder Volker Krause, der Ende der 70er in Gerdau-Bohlsen bei Lüneburg die überschuldete Wassermühle seiner Eltern übernahm und daraus die erste Ökomühle entwickelte, indem er nach und nach 200 Landwirte der Umgebung als umstellungswillige Lieferanten gewann, womit er ihnen nebenbei zu einer zukunftssicheren Existenz verhalf,und schließlich nach und nach Öko-Bäckerein als Partner gewann oder gründete. Mittlerweile leitet er ein Produktionsgeflecht mit 140 Mitarbeitern.

Oder Cécile Lecomte, die charmante Ex-Französischlehrerin, die in ihrer Freizeit auf Bäume kletterte, die abholzt werden sollten, deswegen dienstliche Schwierigkeiten bekam und schließlich aus dem Freizeithobby ihren nächsten Beruf machte, weshalb sich nunmehr die deutsche Justiz mit der Grundsatzfrage beschäftigt, ob der Luftraum oberhalb von Gleisen - etwa bei Castortransporten - "besetzt" werden kann oder nicht. Vor einem Monat kürte sie auf dem Berliner taz-Kongress eine vom alternativem Dieter Bohlen Daniel Cohn-Bendit geleiteten Jury zur Siegerin eines Aktivisten-Castings, allerdings mit allen anderen Bewerbern zu sammen.

Ähnlich wie dort blieb beim Kirchentag unklar, wovon das Publikum überzeugt werden konnte: Von der Unumgänglichkeit der vielen, aber konsequenten keinen Schritte oder von der Notwendigkeit des großen Wurfs, dessen Ausbleiben uns um so viele Lichtjahre zurückwirft, dass kleine Schritte dies nie mehr aufholen werden.

Und vielleicht ist das gut so. Denn worüber sollte man sonst nach dem Kirchentag noch diskutieren? Insofern gut, dass dort nicht nur Fragen gestellt und Antworten gegeben werden, sondern Antworten wie Gegebenheiten auch hinterfragt werden können.

(nachträglich bebildert am 25.05.)


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Bis Samstag erschienen im meinem Blog unregelmäßig Berichte vom Kirchentag, die mit diesem Schlagwort versehen sind. Berichte anderer Freitag-Blogger/Publizisten und weitere Berichte aus meiner Feder können ggf. durch Klick auf dieses Schlagwort (unter dem Titel) aufgerufen werden.

Bisher erschienen:

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Von gemalten und echten Soldaten. Perspektiven einer Kanzlerin

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Die Hoffnung verteidigen, nicht die Unerlässlichkeit des Christentums

20:53 23.05.2009
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Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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