Offenheit und Perfektionismus

Architektur Münchens Haus der Kunst zeigt das bemerkenswerte Œuvre David Adjayes. Allerdings ohne die Herausforderungen zu thematisieren, denen sich der britische Architekt stellt

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Ein Geheimtipp ist David Adjaye nun schon lange nicht mehr. Der 1966 in Dar-Es-Salaam geborene britische Architekt ist spätestens seit den beiden Idea Stores, die 2004 und 2005 in London errichtet worden, international bekannt. Diese Idea Stores waren etwas Besonderes: Sowohl der Name als auch die Entwürfe selbst orientierten sich an der Idee des Kaufhauses, doch eigentlich sind es Bibliotheken und Stadtteilzentren, in denen insbesondere auf die Bedürfnisse von Minderheiten und sozial Schwächeren Rücksicht genommen wurde. Das Kaufhaus hatte Adjaye als strategischen Leitgedanken eingesetzt, um jene Hemmschwellen zu senken, die Bildungsbauten oft vielleicht auch nur unbewusst errichten. Er zeigte dabei, was der von Bildungsbürgertum unbelastete Blick zu leisten vermag.

Zuerst in London Aufsehen erregt hatte freilich ein Haus, das genau die gegenteilige Haltung zu vertreten schien: Elektra House (2000) verschloss sich zur Straße hin vollständig hinter einer Fassade aus Schaltafeln. Was als eine brüskierende Abwehr jeglichen Kontakts zwischen Öffentlichkeit und Gebäude interpretiert wurde, wie es in zornigen Leserbriefen nach einer Veröffentlichung im RIBA Journal zum Ausdruck kam, war eigentlich einem zwar durchaus öffentlichkeitswirksamen, aber gleichwohl sorgsam durchdachten Pragmatismus geschuldet: es galt vor allem, Baukosten zu sparen. Den Nutzern, einem Künstlerehepaar, waren zudem hohe Wände wichtig, eine rückwärtige Beleuchtung erwies sich als sinnvoller.

empathisch und selbstreferenziell

Inzwischen, das zeigt die Ausstellung, ist Adjaye Associates ein weltweit agierendes Büro, das unter anderem in Lagos, in New York, in Moskau, Oslo, Doha baut oder gebaut hat. Eines seiner zweifellos wichtigsten Werke entsteht derzeit in Washington: Das National Museum of African American History and Culture (NMAAHC) wird 2016 eröffnet. Es entsteht an der Ecke zwischen National Mall und Ellipse, in der Grünanlage vor dem Weißen Haus. Seine Form von ineinander gesteckten Pyramiden ist von der Skulptur des yorubischen Bildhauers Olowe von Ise hergeleitet, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts tätig war, die Fassade aus Bronzeformen verweist auf die Metallmanufakturen, in denen die einstigen Sklaven nach ihrer Freilassung oftmals Arbeit gefunden hatten.

In den Projekten Adjayes ist kein durchgängiger Stil erkennbar, der die Arbeiten des Büros als die eines Stararchitekten kenntlich machte. Das allerdings macht die Aufgabe, sein Werk auszustellen, keineswegs leichter. Das Spannungsfeld, in dem sich die Projekte bewegen, bleibt denen der frühen Arbeiten vergleichbar – es reicht von einem pragmatischen und gerade deswegen so direkt wirkenden und empathischen Ansatz bei einer Fabrik für die handwerkliche Seidenherstellung in Indien (Varanasi, noch nicht realisiert) oder Wakefield Market Hall (West Yorkshire 2008) bis zu einer perfektionistischen Materialbehandlung, unterstrichen durch die ausgestellten Fassaden-Mock-ups und objekthaften Möbeln, die den Charakter von Werken der Minimal-Art bekommen. Die intelligenten Grundrisse der Wohnhäuser stehen dabei allerdings auch in einem merkwürdigen Widerspruch zu einer selbstreferenziellen Liebe zum Detail Materialbehandlung, die auf eine Weise zum Selbstzweck gerät, dass sie den Zweck nur noch zum Anlass zu nehmen scheint und ihn damit wieder entwertet. Dabei kann gerade – wie es das Dirty House (2002) zeigt, die Ruppigkeit der Geste dank ihrer präzisen Funktionalität eine Haltung vermitteln, die die wohlige Wärme traditionalistischer Gewissheit in Frage stellt.

Referenzen und Kontexte

In der weltweiten Arbeit findet Adjaye dabei nicht immer so direkt und unmittelbar wie in London aus dem Ort sich ergebende Gestaltungsideen, sie werden dann durch Referenzen aus der Kultur von Adjayes Herkunftsland ebenso wie der Architekturgeschichte entlehnt – afrikanische Muster und russischer Konstruktivismus wird so bei der Moskauer Managemanet School Skolkovo (2009) gekreuzt. Darin zeigt sich, wie sehr sich ein farbiger Architekten eigene Referenzsysteme schaffen muss, um sich von der Ausbildung und der westeuropäischen Tradition zu lösen, gerade wenn er sie nicht prinzipiell ablehnen will. Das wiederum öffnet eine ganze Bandbreite an kritischen Fragen an den routinierten Architekturbetrieb und die geläufigen Bilder, derer er sich bedient. Doch greift die Ausstellung dieses Potenzial nicht auf und wird statt dessen im Aufzeigen der Referenzen allzu didaktisch. In der direkten Analogie von Formen afrikanischer Volkskunst und Rivington Place (London, 2007) beispielsweise verliert das Gebäude die Vieldeutigkeit und Polyvalenz, die seine Qualität sind.

Die Ausstellung verbreitet Gewissheiten, wo die sich ihrer eigenen Geschichte und Herkunft versichernde Persönlichkeit sich auf eine offene Suche begibt – etwa der nach einer Balance zwischen einer beziehungsreichen und erzählenden Form und ihrer autonomen Qualität: ein faszinierendes, aber nicht abschließend behandeltes Thema. Das Werk Adjayes könnte zeigen, dass sich dem auch gerade die Architekten stellen sollten, die meinen, von ihnen befreit zu sein, gerade weil unsere Gesellschaften keine mehr sind, die auf eine gemeinsame Tradition zurückgreifen können.
Doch solche Bezüge werden nicht aufgenommen. Statt dessen werden schnell im Allgemeinen verlierende zu einem globalisierten und internationalen Kontext bemüht, als müsse die Präsentation eines Architekten im Haus der Kunst in einer besonderen Metaebene verortet werden, um glaubwürdig zu sein. („Das Friedensnobelpreiszentrum war für Ajaye eine der ersten Gelegenheiten, die staatsbürgerliche und gesamtheitliche Funktion der Architektur in einen globalen Kontext zu stellen.“)

In einem weiteren Teil der umfassenden Ausstellung werden Fallstudien aus Städten ganz Afrikas präsentiert. Sie sind ein wichtiger Anstoß, die Geschichte des Städtebaus aus ihrer euro- und US-amerikanischen Zentrierung zu lösen. Die städtebaulichen Arbeiten, die ebenfalls gezeigt werden, können allerdings dem Anspruch, auch als Entwurf neue Impulse zu setzen, nicht gerecht werden. Ihr Mix aus einer städtebaulichen Überhöhung architektonischer Objekte und standardisiertem Formenrepertoire bleiben gemessen an der Intensität der architektonischen Auseinandersetzungen oberflächlich. So bleibt am Ende das Fazit, dass die Ausstellung eine Sammlung an inspirierendem und herausforderndem Material eines wichtigen Architekten anbietet, von dessen direkter Interpretation sich der Besucher erst wieder befreien muss, um es zu nutzen.

David Adjaye – Form, Gewicht, Material. Haus der Kunst, München. Bis 31. Mai 2015

Der Katalog ist bei The Art Institute of Chicago erschienen. Mit Texten von David Adjaye, Okwui Enwezor, Peter Allison, Andrea Phillips, Zoe Ryan und Mabel Wilson. Er kostet 39 Euro.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christian Holl

Freier Autor, Kritiker und Kurator in den Bereichen Architektur, Architekturtheorie und Städtebau.

Christian Holl