Oh, oh, Olympia

Olympiabewerbung Hamburg Es hießt, das Nein von Hamburg sei ein Tiefschlag für den deutschen Sport. Ach was. Es ist einer für den Glauben, den Sport für alles Mögliche missbrauchen zu können.
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Oh, oh, Olympia

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Verlieren ist nie schön. Und so mancher Verlierer sagt in der Enttäuschung etwas, das möglicherweise nicht auf die Goldwaage gelegt werden sollte. Dennoch lassen die Reaktionen auf das Nein zur Hamburger Olympia-Bewerbung tief blicken. Am Abend des 29. November ist, wenn man den Enttäuschten glaubt, der „deutsche Sport“ auf den Weg ins Grab geschickt worden. Man könne schon die Beerdigung planen, meinte die dreimalige Schwimm-Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhns. Von Kleingeistigkeit und -bürgerlichkeit war die Rede, davon, dass die Deutschen „die Vision von McDonald‘s und unbeweglichen Kindern, von dicken Kindern“ verfolgten, so der Diskus-Olympiasieger Robert Harting auf seiner Facebook-Seite. Man kann die Enttäuschung der Sportler verstehen, Heimspiele machen mehr Spaß, auch wenn Harting 2024 kaum mehr unter den deutschen Athleten wäre. Doch haben die Hamburger gegen „den“ Sport gestimmt? Man dürfte spätestens dann skeptisch werden, wenn man weiß, dass nicht nur Coca-Cola, die Firma, die das weltweit am weitesten verbreitete Schlankmachergetränk produziert, einer der Hauptsponsoren von Olympia ist. Sondern eben auch, genau, McDonald‘s, die große Menschen-, Umwelt- und Sportsfreundfirma.

Und damit trifft Hartings Kritik ins Schwarze, oder genauer gesagt, an dieser Kritik erkennt man, dass mit der Idee, es könnte bei den olympischen Spielen vor allem um Sport gehen und es handle sich dabei um eine Angelegenheit, um aus der breiten Masse eine schlanke, also aus unbeweglichen bewegliche Kinder zu machen oder so, irgendwas nicht stimmt. Die olympischen Spiele, von denen das naive „Dabeiseinistalles“-Motto noch die harmloseste Illusion ist, haben mit Sport nur noch am Rande etwas zu tun. Das ist nun keine linksideologisch verbrämte Spinnerei eines unverbesserlichen Weltverbesserungsträumers. Denn Olympia in Hamburg sollte ja ganz offiziell ein Stadtentwicklungsprojekt sein. Die Pläne für einen neuen Stadtteil mit 8000 Wohnungen verschwinden in der Schublade, heißt es in der FAZ. Und fragt ernsthaft, ob nun der Immobilienmarkt am Boden liege.(1) In Hamburg. Also dort, wo sich so selten ein Immobilieninvstor hinverirrt, dass Olympia dem müden Markt wenigstens ein wenig Schwung hätte verleihen können. Auf der Elbinsel, aus der ein neuer Stadtteil hätte werden sollen, werden bisher Gebrauchtwagen verladen. „Das bleibt nun so.“ Ach menno. Wir hoffen, dass dem geneigten Leser trotz tränengetrübten Auges das Weiterlesen möglich ist. Man hatte wohl gedacht, nachdem Stuttgart 21 gebaut wird und der Berliner Willy-Brandschutzflughafen allenfalls noch sporadisch in Kabarettprogrammen auftaucht, könnte man nun mit etwas mehr Beteiligungspetersilie wieder zur Tagesordnung der von oben verordneten Glückseligkeit („barrierefrei, grün, nachhaltig und mit wenig Autoverkehr“) übergehen. Ich kenne keine Untersuchung über die Gründe der Hamburger Ablehnung. Aber man sollte in Erwägung ziehen, dass sie nicht nur mit korrupten Funktionären, FIFA-Skandal, Doping oder Terrorangst zusammenhängt. Sondern auch damit, dass die Balance in deutschen Städten nicht mehr stimmt. Damit, dass sich in ihnen eine gesellschaftliche Schieflage räumlich bitter spürbar niederschlägt. Damit, dass man mit Olympia eine „Vision“ verbindet, in der Mieter vertrieben, Bürger überwacht und der sogenannte öffentliche Raum den Interessen derer ausgeliefert wird, für die die olympischen Spiele kein fröhliches Sportfest, sondern eine Gelddruckmaschine sind (2). Wer sich jetzt beweglich zeigen sollte, das sind nicht die Kinder. Die können am wenigsten für die Misere, die die Generation der Eltern und Großeltern verbockt hat. Robert Harting und andere Sportler können allerdings auch nichts dafür. Das ist ja das Problem.

(1) Nach dem Hamburger Tiefschlag. FAZ vom 4. Dezember 2015

(2) Auch in London hatte man viel versprochen. Die Bilanz hält dem allerdings nicht stand. Siehe: „London als abschreckendes Beispiel“, Berliner Tagesspiegel vom 21. Februar 2015: >hier
Videofilm „Von London lernen. Die andere Seite von Olympia“: >hier

17:25 13.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christian Holl

Freier Autor, Kritiker und Kurator in den Bereichen Architektur, Architekturtheorie und Städtebau.
Christian Holl

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