Wozu ein europäisches Bauhaus?

EU-Architekturpolitik Worum geht es beim neuen Europäischen Bauhaus, das Ursula von der Leyen ins Leben gerufen hat? Über die jüngsten Schritte der Initiative und die möglichen Hintergründe
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Wozu ein europäisches Bauhaus?
Besucherin einer Bauhaus-Ausstellung im Jahr 2012 in London

Foto: Peter Macdiarmid/Getty Images

„Wir sind dabei!“ rief die DGNB, die Holzwirtschaft applaudierte und Nordrhein-Westfalen etikettierte sich kurzerhand zum Bauhausland. „Heute heißt es: ‚Form follows planet‘, und da haben wir bereits heute in Nordrhein-Westfalen einiges zu bieten.“ Aha. Die Bundesarchitektenkammer schien verzückt – „geradezu enthusiastisch“ begrüßte sie die Initiative eines neuen Europäischen Bauhauses und bot „spontan unsere uneingeschränkte Unterstützung an!“ Solchen Beifall bekommt die Kommission der Europäischen Union nicht alle Tage, schon gar nicht von den Architektinnen und Architekten, seit der EuGH nach einer Klage der EU-Kommission aus der HOAI die verbindlichen Höchst- und Mindestsätze gestrichen hatte.

Im Herbst vergangenen Jahres hatte EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen die Gründung eines „neuen Europäischen Bauhauses“ angekündigt. „Ich wünsche mir das neue Europäische Bauhaus als kreative und interdisziplinäre Bewegung“, so hatte sie es in der FAZ dargelegt. „Das Europäische Bauhaus sucht und gibt praktische Antworten auf die gesellschaftliche Frage, wie modernes Leben der Europäerinnen und Europäer im Einklang mit der Natur aussehen kann. Und es wird helfen, das 21. Jahrhundert schöner und humaner zu machen.“ Schöner und humaner als was?

Beginn der Bewegung

Seit vergangener Woche weiß man etwas mehr über diese von höchster Stelle eingesetzte Bewegung. Eine Internetseite wurde freigeschaltet (gestalterisch mit Luft nach oben), als Plattform, auf der der Austausch über Projekte möglich ist, die der Idee des neuen Europäischen Bauhauses entsprechen könnten. Das kann ziemlich viel sein: „Beim neuen Bauhaus geht es darum, den Menschen den Europäischen Grünen Deal sowohl gedanklich als auch in ihren Häusern näherzubringen. Der Komfort und die Attraktivität eines nachhaltigen Lebenswandels sollen greifbar werden“, heißt es merkwürdig ungelenk in der Presseerklärung von 2020, und weiter: „Das neue Europäische Bauhaus wird zeigen, dass auch das Notwendige schön sein kann.“

Begleitet von einem Expertenkommitee sollen Ideen und Projekte gesammelt und gesichtet werden, um „die Bewegung zu gestalten“. Es soll ein Preis ausgelobt werden, bevor ab dem Herbst „fünf Europäische Bauhaus-Projekte in verschiedenen Ländern der Union entstehen sollen.“ Alle sollen dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet sein, aber verschiedene Schwerpunkte setzen, und irgendwann soll dann in einer dritten Phase dafür gesorgt werden, dass sich diese Ideen in der Union und in der Welt verbreiten.

Das klingt alles noch sehr unverbindlich, vage und behäbig, als wären wir noch in den 1980ern und hätten noch sehr viel Zeit. Es sollte also nicht übersehen werden, dass die Ästhetik-Offensive Teil des Green Deals ist. Mit diesem Green Deal soll die EU bis 2050 klimaneutral werden. Dafür müssen Gebäudebestand und Bauwirtschaft auf den Prüfstand, denn sonst wird das nichts. Und da werden andere Dimensionen ins Visier genommen. Eine parallel zum neuen Bauhaus ausgerufene „Renovierungswelle“ soll die Sanierungsquote bis 2030 verdoppeln. Strengere Vorschriften, verbindliche Mindestnormen für die Gesamtenergieeffizienz bestehender Gebäude, Überarbeitung der Rechtsvorschriften über die Vermarktung von Bauprodukten. Von großer Kultur ist hier nicht mehr die Rede, wie auch die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger kritisch anmerkt: Diese EU-Initiative stelle nach den bisher bekannten Planungen eine erhebliche Gefährdung für das europäische kulturelle Erbe dar, „denn es fehlt ein ausreichender Hinweis auf die Bedeutung und Relevanz von Kulturerbe oder Denkmalschutz. Lediglich auf Seite sieben des 40-seitigen Papieres zur EU Renovation Wave wird allgemein auf das Kulturerbe eingegangen: ,Berücksichtigung von Ästhetik und architektonischer Qualität: Bei der Renovierung müssen die Grundsätze der Planung, des Handwerks, des Kulturerbes und der Erhaltung des öffentlichen Raumes beachtet werden.‘“ Oha.

Die Zeit drängt

Spätestens jetzt sollte man den Blick nicht mehr von Euphorie trüben lassen. Sie mag verständlich sein, die Euphorie, wenn in gerade für Kunst und Kultur schweren Zeiten deren Protagonisten auserkoren werden, eine Brücke zu Technik und Wissenschaft zu schlagen. Und dafür mit Geld aus den EU-Töpfen bedacht zu werden. Aber fünf Projekte in Europa werden, mögen sie auch noch so ambitioniert sein, noch lange keine Bewegung auslösen, keine Breitenwirkung haben. Sollen sie vielleicht auch gar nicht. Sie sollen sie vermitteln. Sie sollen das Anschauungsmaterial liefern, damit der Green Deal nicht als Zumutung empfunden wird, sondern Hoffnung und Zuversicht weckt. Das ist auch nötig und zwar nicht nur, weil die Kommission gerne als technokratisches Monster wahrgenommen wird, von dem man stets fürchten muss, es ebne regionale, kulturelle Vielfalt ein oder stärke neoliberale Strukturen.

Die Notwendikgeit einer Energiewende zu vermitteln ist nötig, weil die Zeit drängt. Hans Joachim Schellnhuber, Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hält das Ziel, die Erderwärmung auf weitere 1,5-Grad zu begrenzen, bereits für unerreichbar. Zwei seien noch machbar, aber auch das sei mit großen Herausforderungen verbunden. Verfehlen wir auch das 2-Grad-Ziel, „wird die Welt, wie wir sie kennen, verschwinden. Nicht von heute auf morgen, aber in einem ungebremsten Klimawandel könnte es Jahrhunderte von Unruhen, Konflikten und verheerenden Katastrophen auf diesem Planeten geben.“

Wahrlich ein Grund für schlaflose Nächte. Und einer, Tempo zu machen. Es geht um sehr viel, und deswegen sollte genau hingeschaut werden. Um so mehr, als wieder einmal auf das Bauhaus Bezug genommen und damit ein Mythos aktiviert wird, den man in Frage stellen muss. Weder war das Bauhaus alleiniger Treiber einer Moderne, in der eine neue Technik und eine neue Ästhetik zusammenfanden, noch war das Ergebnis dieser Synthese so zweifelsfrei ein heroischer Akt einer Weltverbesserung, sondern ganz wesentlich ästhetischer Eigensinn, der sich vielen politischen Zielen unterordnen konnte. (1) „Der Glaube, dass durch Gestaltung eine humane Umwelt hergestellt werden könne, ist einer der fundamentalen Irrtümer der Pioniere der modernen Bewegung“, so viel später Lucius Burckhardt. (2)

Zumutung schön machen

Soll sich Architektur nun wieder einmal „bereitwillig überfordern“ lassen? (3) Wäre eine Ästhetisierung von Politik nicht die Delegierung von Politik an die Gestalter, damit man sieht, „wie Kultur dazu beitragen könnte, die Klimakrise zu lösen,“ wie es Frau von der Leyen formulierte? Nein, Kultur kann die Klimakrise nicht lösen. Eher stimmt wohl, dass sie „das Notwendige schön“ machen soll – ein Hinweis immerhin, dass wir ohne erhebliche Zumutungen, ohne Einschränkungen, ohne die Abgabe von Privilegien die Klimakrise nicht bewältigen. Aber soll es das sein? Die Härten, die Politikerinnen und Politiker – und sei es im Namen aller –, so bemänteln, dass sie erträglich werden? Ist Kultur nicht eigentlich eine Ebene der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, in der überhaupt erst der Ausdruck für das Notwendige gefunden wird, um es zum Thema der Auseinandersetzung zu machen? Mit „schön machen“ hat das wenig zu tun.

In einem Interview in der kürzlich zum ersten Mal herausgegebenen Magazin Fast Forward „über Stadt und Zukunft“ wendet sich Reinier de Graaf von niederländischen Office for Metropolitan Architecture gegen die Vorstellung, Architektur habe mess- und damit objektivierbare Vorgaben zu erfüllen: „Im Zeitalter von Big Data ist alles messbar, sogar Gefühle. Wenn Architektur das richtige Ergebnis liefert, ist das gute, wenn nicht, schlechte Architektur. (…) Bei evidenzbasierten Lösungen bleibt man immer in dem verwurzelt, was bereits existiert. Das beraubt Architektur ihrer Freiheit. Doch nur in einem Zustand relativer Freiheit kann Architektur auch Gutes bewirken.“ (4) Die Freiheit der Architektur ist bedroht, wenn sie Energiekennwerte abarbeiten muss, aber auch, wenn sie aus der Energiewende einen Ponyhof machen soll. Architektur darf nicht darauf verpflichtet werden, das Notwendige schön zu machen und ein vermeintliches Leben im Einklang mit der Natur zu inszenieren.

Aber es gibt noch etwas, was Fragen aufwirft. Es betrifft den merkwürdigen Umgang mit dem bereits Existierenden. Es können sich beim neuen Europäischen Bauhaus Organisationen bewerben, um Partner zu werden. Dennoch bleibt die Struktur hierarchisch – die Entscheidung trifft die Kommission. Ist das der richtige Weg, um tatsächliche Bewegungen, Bewegungen von unten, einzubinden? Bewegungen wie Fridays for Future und ihre Architekturversion Architects for Future, die zuletzt eine wichtige Petition für ein klima- und sozialverträgliches Bauen initiiert hatte? Was ist mit den bereits bestehenden offiziellen Initiativen, wie der Forschungsförderung Zukunft Bau? Hier wurde unter anderem das sehr viel beachtete Projekt „Einfach bauen“ gefördert. Es gibt sicher zahlreiche andere Beispiele aus anderen Ländern, die hier ebenso zu erwähnen wären.

Der zentralistische Top-Down-Ansatz aus Brüssel gibt sich, entkleidet der schönen Worte, vor diesem Hintergrund eher als Machtdemonstration denn als offenes Kooperationsangebot. Warum nicht den Weg der Leipzig Charta gehen, in (sicher mühseliger) Abstimmungsarbeit einen länderübergreifenden Konsens erarbeiten, an dessen politischen Zielen sich je nach Lage in den Ländern andocken kann, was auf anderer Ebene schon existiert und ausgebaut werden kann? Wäre das nicht eher geeignet, eine dezentrale und kleinteilige Struktur aufzubauen, eine, die viel besser als eine zentralisierte Institution die Bedingungen und Möglichkeiten für das Zusammenleben und ein klimagerechtes Bauen und Sanieren vor Ort berücksichtigen und deswegen eine bessere Antwort auf die Klimaschutz-Herausforderung geben könnte? Das schließt ja nicht aus, dass verbindliche Ziele im Hinblick auf relevante Werte eingefordert werden und einzuhalten sind.

It’s the Infrastructure, stupid

Aus der Sicht, die einzunehmen mir möglich ist, kann man über die Gründe, das neue Europäische Bauhaus in dieser Weise aufzugleisen, nur spekulieren. Eine Spekulation basiert auf der Annahme, dass es hier nicht um Kultur geht, sondern um Infrastruktur. Nicht nur um eine Frage des Überlebens, sondern um eine, die Energie, deren Produktion und deren Verteilung als eine außerordentlich maßgebliche behandelt. Die in ihrer Logik auf dem aufbaut, was Stephan Lessenich Externalisierungsgesellschaft genannt hatte, in der soziale und ökologische Folgen ausgelagert werden, vor die Grenzen der EU. „Dass das ökologische Gleichgewicht des Planeten durch die Entwicklung intelligenter, energieeffizienter Technologien und deren weltweite Verbreitung doch noch zu bewahren beziehungsweise wiederherzustellen sei: All dies sind gängige modernisierungspolitische Glaubenssätze, die wir alle nur allzu gerne hören und uns zu eigen machen. Allein: Sie sind allesamt unglaubwürdig.“ (5) Denn sie würden unser auf Privilegien gestütztes, auf Ausbeutung und Unrecht basierendes Leben vollständig in Frage stellen müssen. Um dieses System aufrecht zu erhalten, müssen Abhängigkeiten minimiert werden.

Infrastrukturen seien, so Dietrich Erben in der Europa-Ausgabe der arch+ vom vergangenen Juli „bei allem Wandel der Technik und der Intensität territorialer Durchdringung überzeitliche Konstanten politischer Kommunikation.“ (6) So gesehen wäre es vollkommen klar, warum es auf der Internetseite des neuen Europäischen Bauhauses heißt: „Our conversation will shape our future“. Es geht um eine sichtbar und vermittelbar auch zukünftig stabile und die Verhältnisse stabilisierende Energiepolitik. Architektur, Design und Planung dient dabei dazu, die auf dieser Energiepolitik aufbauende Infrastruktur als gesetzt zu akzeptieren und dafür die entsprechenden Produkte zu liefern.

Grundsätzliche Fragen – Fragen von Macht und Politik – blieben bislang wohl kaum zufällig ungestellt. Wie wirkt sich eine Kreislaufwirtschaft auf Lieferketten und Stadtplanung aus? Wie gestaltet man Bodenpolitik als Klammer zwischen Ökologie und sozialer Gerechtigkeit, wie den im Rahmen einer globalen Klimapolitik notwendigen Ausgleich zwischen EU- und Nicht-EU Staaten, insbesondere des globalen Südens? Wie verstehen wir Migrations- und Ernährungsfragen als Teil des pathetischen „Lebens im Einklang mit der Natur“? Die Klimafrage und die der Gestaltung von Orten, Landschaften und Städten ist mit all diesen Fragen verknüpft, aber sie lösen wir nicht mit Kultur. Mit Kultur – mit Architektur, Design, Stadt- und Landschaftsplanung – könnten wir aber die richtigen Fragen stellen. Ob die Kommission sie hören will?

Anmerkungen

(1) Wie wenig sich die Kommission um das tatsächliche Bauhaus kümmert, zeigt ein Blick in das Factsheet, (sic!) das ästhetisch einer Immobilienbroschüre gleicht. Hier wird zentral Gerrit Rietvelds berühmter Stuhl gezeigt, den er aber entwarf, bevor das Bauhaus gegründet wurde. Rietveld selbst war nie am Bauhaus.

(2) Lucius Burckhardt (1970): Design heisst Entwurf, nicht Gestalt! In: Ders. (2012): Design heisst Entwurf. Zwei Texte und vier Aquarelle mit einem Vorwort von Bazon Brock. Hg. v. Jesko Fezer, Oliver Gemballa, Matthias Görlich. Studienhefte. Problemorientiertes Design 3. Adocs Verlag, Hamburg, S. 9.
zitiert nach dem Eintrag auf dem Blog von Sandra Meireis vom 29. Oktober, Europäisches Bauhaus oder zur Kulturalisierung von Politik

(3) „Die heute sichtbar gewordenen Krisenerscheinungen der modernen Architektur gehen weniger auf eine Krise der Architektur zurück als vielmehr darauf, dass dies sich hat bereitwillig überfordern lassen.“ Jürgen Habermas (1982): Moderne und postmoderne Architektur; in: Ders. (1990): Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze. Leipzig, S. 69

(4) Architecture must be committed – this is both its weakness and its strength. Reinier de Graaf im Interview mit Nadin Heinich, in: Fast Forward (2020) No. 1, Cash and the City, Berlin, S. 6

(5) Stephan Lessenich (2016) Die Externalisierungsgesellschaft. In: Arch+ (2020) Nr. 239, Europa, S. 3. Die gesamte Ausgabe – Infrastrukturen der Externalisierung – ist zur Lektüre unbedingt zu empfehlen.

(6) Dietrich Erben: infrastruktur, Architektur und politische Kommunikation – Eine Skizze. In: Arch+ (2020) Nr. 239, Europa, S. 75

19:01 03.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christian Holl

Freier Autor, Kritiker und Kurator in den Bereichen Architektur, Architekturtheorie und Städtebau.
Christian Holl

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