„Vielleicht wird Feminismus wieder schick?“

Von Frau zu Frau Die Kolumnistin Michèle Roten fragt sich, wie zeitgemäßes Frausein geht. Damit ist sie nicht alleine. Nun nimmt auch in der Schweiz die Debatte an Fahrt auf

Der Feminismus, findet Michèle Roten, hat bei den um die 30-Jährigen keinen guten Stand. Sie geht dabei von sich und ihrem Umfeld aus: Frauen, die zu Individualistinnen erzogen wurden, sich im Beruf und in ihren Beziehungen behaupten – und die denken: „Feminismus: wäh“. Also ist sie ganz undogmatisch der Frage nachgegangen, woher dieses enorme Imageproblem der Bewegung kommt. Sie ist nicht unbedingt auf neue Erkenntnisse gestoßen, aber sie spricht Dinge aus, die viele Frauen schon oft gedacht haben müssen. Sie tut das so nonchalant, dass die Empörung programmiert war: Eine lobende Rezension ihres Buches provozierte auf der Internetseite des Schweizer Tagesanzeiger mehr als 1.600 Kommentare. Während wir in Deutschland über Schröder vs. Schwarzer und Latte-Macchiato-Mütter diskutieren, scheint die Suche nach einem zeitgemäßen Feminismus auch in der Schweiz an Fahrt aufzunehmen. Grund genug, nach Zürich zu fahren, um mit Michèle Roten bei ein paar Gläsern Bier und Panasch, wie hier das Alsterwasser heißt, über Wie Frau sein zu sprechen.

Der Freitag: Sie nennen Ihr Buch ein „Protokoll einer Verwirrung“. Was hat Sie so durcheinandergebracht?

Michèle Roten:

Vor etwa zwei, drei Jahren habe ich gemerkt, dass sich meine Kolumnen immer öfter um das Thema „Frau-Sein“ drehten. Mir ist aufgefallen, dass ich mir wahnsinnig viele Gedanken über Themen mache, bei denen sich die Frage stellt: Ist das für Männer ­eigentlich auch so? Selbst wenn ich das Gefühl habe, mich zwingt niemand, mich morgens zu schminken, muss ich mich doch fragen, warum mache ich das? Wir treffen unsere Entscheidung nicht im luftleeren Raum. Viele Frauen meiner Generation denken, sie müssten die Fehler immer bei sich selbst suchen. Wenn sie einen Job nicht bekommen, dann unterstellen sie eigenes Versagen. Der Hauptgrund für dieses Buch war, dass ich sehr stark das Gefühl hatte, wir machen uns selber das Leben wahnsinnig schwer, indem wir weit von uns weisen, dass wir so etwas wie eine Bewegung brauchen könnten. Gleichzeitig will niemand mehr zu einem Club gehören, der sich auf die Fahne schreibt, dass wir gegen Pornos und Kopftücher sein müssen. Ich weiß selber in vielen Fällen nicht, was richtig wäre oder wie man sich verhalten müsste.

In Ihrem Buch zitieren Sie eine amerikanische Studie, die zu dem Schluss kommt, dass die Frauen vor 40 Jahren zufriedener waren als heute. Sie kontern mit John Stuart Mill: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein“.

Zum Lebensentwurf meiner Generation gehört, dass wir alles wollen. Ich will einen sehr coolen Job, ich will aber auch Kinder, ich will eine coole Beziehung, und ich will auch noch gut aussehen. Das macht das Leben ziemlich schwer, aber eben auch schöner. Die Reaktion der Schweizer Medien auf diese Studie hat mich wahnsinnig aufgeregt. Keine Zeitung hat sich nicht entblödet, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen: „Emanzipation macht Frauen unglücklich“. Das war ein großer Impuls für mein Buch.

Sie schreiben darin auch, dass ein Blick auf die Gegenseite die besten Argumente für den Feminismus liefert. Ich musste da an Kristina Schröders Feminismus-Schelte im

Sie müssen sich mal die Webseite der Schweizer Antifeministen ansehen. Die hatten eine Zeit lang ein Foto von Kristina Schröder auf ihrer Seite: „So sehen Antifeministen aus.“ Sollte natürlich heißen: Nur hässliche Frauen sind Feministinnen. Die attraktiven brauchen so was nicht.

Mit einem der Antifeministen wollten Sie sich zum Interview treffen, das fand dann schlussendlich nicht statt, weil er Ihnen mailte, Sie seien eine „abgefahrene heiße Mieze“ und er wolle lieber Sex mit Ihnen als ein „doofes Interview“. Wie sind Sie auf diesen Verein gestoßen?

In der Schweiz kennt man die Antifeministen, seit sie gedroht haben, die Adressen von Frauenhäusern zu veröffentlichen. Denn Frauenhäuser sind ja nur Alibi-Einrichtungen, wo Frauen hingehen, die einfach keinen Bock mehr auf ihren Alten haben und sich auf ihre Scheidung vorbereiten. Darüber wurde relativ groß in den Medien berichtet.

Manchmal kann man sich nur wundern, dass die Emanzipation nach wie vor so ein Reizthema ist. Haben Sie alle 1.600 Kommentare unter der Rezension Ihres Buchs beim

Ich habe nicht einmal den Text gelesen. Ich glaube übrigens, dass auch das ein extrem weibliches Verhalten ist. Ich kenne viele Kolleginnen, die auch nicht besonders scharf darauf sind, Reaktionen auf ihre Texte zu lesen. Ich glaube, Männer finden das eher gut, so im Sinne von: Yeah, die Leute beschäftigen sich mit mir. Mein Ding ist deshalb: Ich lese überhaupt nichts, auch keine Rezensionen. Ich halte das irgendwie nicht aus. Ich arbeite aber daran.

Nach der Buch-Vernissage haben mir Freundinnen erzählt, dass hinter ihnen Frauen saßen, die sagten: „So, jetzt reicht's!“, „So, jetzt steh' ich aber auf!“, „Jetzt gehen wir!“ Und ich habe gehört, dass Alice Schwarzer mein Buch anscheinend ganz furchtbar findet.

Welche Rolle spielt Alice Schwarzer in der Schweiz? Hat sie diesen Status der Übermutter wie in Deutschland?

Absolut, weil wir keine eigene haben. Ich habe gerade für die

Sie haben im Frühjahr ein Kind bekommen. Wenn man von Bascha Mikas

Mir wurde vorher oft gesagt: ‚Du kannst das nicht einschätzen, wenn du Mutter bist, hast du ganz andere Prioritäten‘. Und ich dachte, ich weiß ja tatsächlich nicht, ob vielleicht wirklich dieser Hormon-Cocktail einsetzt. Ich habe es darauf ankommen lassen. Bei mir war es dann nicht so. Aber ich glaube, Frauen, die daheim bleiben, machen sich nicht bewusst, was das bedeutet. So eine Entscheidung hat Außenwirkung. Ich habe mich mit dem Satz sehr unbeliebt gemacht, dass es mich aufregt, wenn Frauen, die gut ausgebildet sind und einen guten Job hatten, nur noch Hausfrau und Mutter sind. Ich finde das Signal nicht gut.

Mich hat erstaunt, dass die Mutterschaft in Ihrem Buch nur ein kurzes Kapitel einnimmt.

Ich hatte die ganze Zeit geplant, darüber zu schreiben, und dachte, die Themen ergeben sich von selbst und wandern auf ganz natürliche Weise ins Buch, wenn ich erst einmal Mutter bin. Aber dem war nicht so. Mein Leben als Frau hat sich durch das Muttersein nicht so sehr verändert. Neulich ist mir allerdings eingefallen, dass ich noch über die ganze Literatur ­schreiben wollte, die man bekommt, wenn man schwanger ist. Die Bücher sind echt blöd. Es ist schwer, ein Buch zu finden, das einfach Informationen enthält und nicht halb auf dieser Emo-Eso-Schiene ist. Man hat eben ein gewisses Informationsbedürfnis, wenn man schwanger ist. Ich habe dann die französische Philosophin Elisabeth Badinter gelesen. Am Anfang fand ich es erfrischend, etwas über die Mutterschaft zu lesen ohne dieses Reformhausding, aber letztlich war mir das zu krass. Ich will nicht so tun, als ob ich kein Kind hätte, wenn ich eines habe.

In Deutschland können Frauen inzwischen 12 Monate Elternzeit nehmen, in der Schweiz gibt es nur den Mutterschutz. Sind wir da fortschrittlicher?

Ich finde das viel zu lange. Dann wäre ich ja jetzt noch in Mutterschutz. Bei uns in der Firma sind 16 Wochen vereinbart. Das war perfekt. Ich hatte ein wahnsinniges Bedürfnis, wieder zu arbeiten. Und ich glaube, nach einem Jahr verliert man tatsächlich den Anschluss, wenn man so lange in einem anderen Modus ist.

Eines haben Sie mit Alice Schwarzer und Bascha Mika gemein: Sie sorgen sich um die nächste Generation.

Ich denke ganz oft, wenn ich junge Mädchen sehe: Gott, bin ich froh, dass ich nicht heute jung bin. Abgesehen von dem ganzen Medialen: Wir, die über ihnen sein müssten, sind so stumm geworden. Heute will die Mutter primär so geil aussehen wie die Tochter.

Sie stellen in Ihrem Buch die Frage, ob der Begriff Feminismus überhaupt noch taugt. Das Unbehagen ob der negativen Konnotationen erinnert mich an Diskussionen, die wir über den Begriff „links“ führen.

Das ist genau das gleiche. Nur dass sich beim Begriff links gerade extrem etwas tut. Die Welt wird im Moment immer mehr links. Ich glaube, es wird extrem schick werden, links zu sein. Vielleicht passiert ja das gleiche mit dem Feminismus, und es wird irgendwann schick, Feministin zu sein und sich Feministin zu nennen.

Am Ende schlagen Sie den Bogen zurück zum Individualismus und schreiben: „Zeitgemäßer Feminismus (…) ist jede Frau, die ihren Weg geht.“ Ich frage mich, ob wir so nicht bei einem Alpha-Frauen-Feminismus landen, der ganz viele Frauen ausschließt?

Zu diesem Punkt habe ich noch keine richtige Meinung. Meine beste Freundin ist Sozialarbeiterin. Sie meinte irgendwann zu mir: "Die Bevölkerungsschichten, mit denen ich arbeite, lässt du völlig außen vor." Meine Antwort war: Ich kann mich nur mit meiner direkten Umwelt beschäftigen. Ich kann die nicht auch noch mit einbeziehen. Ich musste für mich künstlich abstecken, für wen ich dieses Buch schreibe, wer versteht, was ich meine. Ich bin mir bewusst, dass es ganz viele Frauen in dieser Welt gibt, die über das, was ich als Probleme empfinde, nur lachen können. Aber ich glaube, es ist wichtig, dass Frauen wie du und ich sich damit beschäftigen, weil wir am ehesten etwas bewirken könnten.

Michèle Roten Wie Frau sein Echtzeit Verlag 2011, 22

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11:00 23.12.2011
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Ausgabe 43/2021

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