Christine Käppeler
Ausgabe 5116 | 30.12.2016 | 06:00 55

„99 Prozent können irren“

Interview Der Ökonom Max Roser zeigt mit seinem Blog „Our World in Data“ und bei Twitter, wie fortschrittlich wir sind

„99 Prozent können irren“

„Man muss hinterfragen, woher die Daten kommen, welche Auswahl getroffen wurde“

Foto: Mark Peterson/Corbis/Getty Images

Seit zwei Jahren folge ich Max Roser auf Twitter. Mehrmals täglich postet der Ökonom Schaubilder, die weltweite Fortschritte belegen. Gut 74.000 Nutzer interessieren sich außer mir dafür. Nebenbei betreibt Roser den Blog Our World in Data, auf dem er auch seine Quellen und Methoden anschaulich beschreibt.

Die Welt, wie sie uns aus Rosers Daten entgegentritt, ist ein sehr viel hoffnungsvollerer Ort, als das Angst-Jahr 2016 glauben macht. Um den Diskurs ein wenig auszunüchtern, rufe ich also in Oxford an, wo der gebürtige Kirchheimbolander am Institute for New Economic Thinking forscht.

der Freitag: Herr Roser, nur vier Prozent der Deutschen glauben, die Welt würde sich zum Besseren entwickeln. Können 96 Prozent irren?

Max Roser: Einer aktuellen Oxfam-Studie zufolge überschätzen sogar 99 Prozent der Deutschen die weltweite Armut. Die psychologische Forschung hat in den vergangenen 20, 30 Jahren gezeigt, dass wir keine guten intuitiven Statistiker sind. Die globale Gesundheit und Bildung sind heute besser als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. Die extreme Armut hat in den vergangenen Jahrzehnten so schnell abgenommen wie nie zuvor, sie ist von 44 Prozent im Jahr 1981 auf unter zehn Prozent gefallen.

Der Linguist und Kognitionspsychologe Steven Pinker kritisiert, wann immer Menschen Risiken abwägen und Aussagen über die Zukunft treffen, vernebelten ihnen Stereotype, einprägsame Ereignisse, lebhafte Szenarien und moralistische Narrative den Blick.

Leider ist es weit verbreitet, dass Menschen glauben, sie könnten allein durch Nachrichten oder das eigene Leben ein Bild davon bekommen, wie die Gesellschaft sich verändert. Die Welt ist dafür viel zu groß. Wir wissen etwas besser über 50 bis 100 Menschen Bescheid, die uns nahestehen und wir treffen vielleicht drei-, vier- oder fünftausend, mit denen wir etwas länger reden. Aber das gibt uns keine Idee davon, wie sich die Welt im Großen verändert. Der einzige Weg ist da gute empirische Forschung.

Zur Person

Max Roser, 33, hat Philosophie, Wirtschafts- und Geowissenschaften in Innsbruck studiert. Seit 2012 arbeitet er an der University of Oxford. Er twittert als @MaxCRoser

Winston Churchill tönte bekanntlich, er traue keiner Statistik, die er nicht selbst gefälscht habe. Wie unterscheidet man saubere von manipulierten oder stümperhaften Statistiken?

Das ist nicht anders als im qualitativen Diskurs. Man muss hinterfragen, woher die Daten kommen, welche Auswahl getroffen wurde und was miteinander in Verbindung gesetzt wird. Letztlich muss ein Großteil der Bevölkerung da noch sehr viel lernen. In den meisten Fällen kommt es darauf an, zu sehen, dass empirische Daten nicht perfekt sind und keine einfachen und klaren Antworten geben. Aber selbst wenn Daten mit Messfehlern behaftet sind, können sie uns etwas darüber sagen, wie die Welt aussieht.

Inwiefern?

Wenn wir über Ungleichheit sprechen, hat Thomas Piketty sicher die entscheidende Arbeit vorgelegt, durch die wir ein sehr viel langfristigeres Bild davon haben, wie Ungleichheit sich in den reichen Ländern entwickelt hat. Vor Piketty waren Umfragedaten die Hauptquelle, er ist zurück zu den Einkommensteuerdaten gegangen. Ein großes Problem bei Steuerdaten ist aber, dass Steuern hinterzogen werden und diese Angaben fehlen. Dennoch können wir aus diesen Daten etwas darüber lernen, wie die Welt sich verändert. Wir müssten schon extreme Annahmen über die Zunahme der Steuerhinterziehung treffen, um zu glauben, dass sich das Vermögen nicht in den Händen einiger weniger konzentriert.

Gerade wurde „postfaktisch“ zum Wort des Jahres gewählt.

Es ist nicht so, dass es irgendwann in der Weltgeschichte einen Zeitpunkt gegeben hätte, an dem die Menschen besser informiert worden wären.

Neulich baten Sie Ihre Follower um Unterstützung für „Our World in Data“, „damit die Welt etwas weniger postfaktisch wird“.

Ich muss zugeben, auch ich war überrascht, mit wie vielen unverhohlenen Lügen die Kampagnen für den Brexit und von Trump Erfolg hatten. Aber wenn Sie die Deutschen im prä-postfaktischen Zeitalter gefragt haben, wie sich die Armut auf der Welt verteilt, wussten sie es ebenso wenig.

Eingebetteter MedieninhaltGezielte Desinformationskampagnen werden auch im Bundestagswahlkampf 2017 eine Rolle spielen. Wie lässt sich dagegen anarbeiten?

Eine der besten Anwendungen unserer Arbeit ist, wenn Journalisten aktuelle Ereignisse in den historischen Kontext einordnen, den wir schaffen. Wenn Journalisten nur über politische Skandale und Fehler in Wirtschaft und Wissenschaft berichten, sollten wir uns nicht wundern, wenn die politische Rechte diesen extrem einseitigen Fokus auf alles Negative ausnutzt. Die empirischen Belege für die Erfolge von Demokratien sind der Bevölkerung zu wenig bekannt.

Sie kritisieren auch die Wissenskluft zwischen Akademikern und der breiten Bevölkerung.

Die Forschung kümmert sich zu wenig darum, die neusten Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Der linksliberale Diskurs an den Universitäten hat in der Gesellschaft nicht die nötige Unterstützung. Ich denke, dass Immigration die beste Möglichkeit ist, um für bessere Lebensbedingungen zu sorgen. Aber ich sehe eben auch, dass viele Menschen die Immigranten nicht in unseren Ländern sehen wollen. Es bringt nichts, Politik für Menschen zu machen, die wir uns wünschen.

Obama hat nach der Wahl von Donald Trump gesagt, die Geschichte laufe manchmal Zickzack. Bestätigen das Ihre Daten?

Manchmal macht man einen Sprung nach vorne, der vor kurzem unerreichbar schien, dann wieder erleidet man Rückschritte, wo man sich fast am Ziel sah. Über ein Jahr gab es keinen Polio-Fall in Afrika, nun treten wieder welche in Nigeria auf. Heißt, die Krankheit ist nicht ausgerottet. So etwas gibt es bei jeder Entwicklung.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/16.

Kommentare (55)

gelse 30.12.2016 | 07:48

>>Die extreme Armut hat in den vergangenen Jahrzehnten so schnell abgenommen wie nie zuvor, sie ist von 44 Prozent im Jahr 1981 auf unter zehn Prozent gefallen.<<
Das ist keine Information, wenn nicht dazu gesagt wird, ob die Definition des Begriffes „extreme Armut“ seit 1981 geändert wurde. Und falls ja, wie geändert.

Schliesslich wissen wir ja, wie Bundesregierungen immer wieder mal die Arbeitslosenzahl gesenkt haben. Deswegen vertraue ich der nackten Zahl nicht.

erftstadtboy 30.12.2016 | 10:41

dekontextualisierung als faktizität...

was ist das denn für ein neoliberales sprechrohr? damit wird er auf jeden fall faktisch karriere machen...

bei dem thema armutszahlen schließe ich mich gelse an: soweit ich weiß, wurde die definiton absoluter armut (weniger als ein dollar am tag) nicht angeglichen. müsste dann also heute eher bei 4-5 dollar liegen. darüber hinaus wurden die größten veränderungen in punkto armut in china erreicht. auch das gehört zu dieser information. und über die definition von absoluter armut lässt sich streiten.

roser behauptet, dass die weltweite armut überschätzt werde (auch hier wieder: wer definiert wie mit welchem interesse "armut"?). verschweigt aber, dass die weltweite reichtumskonzentration regelmäßig unterschätzt wird, sowie die einordnung ins gesamtgesellschaftliche feld überschätzt wird (alle fühlen sich als mittelschicht). wieder so eine einseitige "information".

und drittens: angst vor immigration. habe ich nicht, bin aber auch von den folgen kaum betroffen. wäre ich in betroffenen jobs tätig (lieferanten/putzen/hotel/verkauf/sicherheitsdienst/babysitting/altenpflege, usw), müsste ich in zukunft mit erhöhter konkurrenz=lohnsenkung rechnen. darüber hinaus mit konkurrenz auf dem wohnungsmarkt=mieterhöhung. um nur einige beispiele zu nennen. auch hier wieder dekontextualisierte "information", die eigentlich nur eine meinung ist.

eigentlich gut, dass der typ so schlecht ist und ihm nur 74.000user auf den leim gehen...

darüber hinaus: wie schon öfter von mir konstatiert müsste es eine diskussion über privilegien statt postfakten geben, denn privilegien ist postfaktizität immanent, da sie sich faktisch i.d. regel nicht legitimieren lassen. da passt wieder der alte spruch: der fisch stinkt vom kopf.

hOem 30.12.2016 | 11:21

Bevor man pauschal durch den kurzen Bericht die Qualität der Auswertung kritisiert sollte man vielleicht erstmal im verlinkten Blog nachschauen wie sich die Berechnung über den zeitlich varierenden Dollar so berechnet lassen hat.

hier der Link

https://ourworldindata.org/world-poverty/#poverty-lines

hier noch ein weiterführender Eintrag über die Problematik wie man die Grenze über die Zeit variert hat (von 1.25$ auf 1.9$, eine Inflation von 50%) und wie man sie mit der Kauftkraftparität vergleicht einer Nation vergleicht.

http://blogs.worldbank.org/developmenttalk/international-poverty-line-has-just-been-raised-190-day-global-poverty-basically-unchanged-how-even

Columbus 30.12.2016 | 12:06

Tatsächlich können sich große Mehrheiten, bezüglich wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Gegebenheiten, kategorisch irren und das gar mit Statistiken formvollendet tun.

Also ist es sehr verdienstvoll, wenn sie, Frau Käppeler, sich mit einem durchaus klassischen Ökonomen und Statistiker zu diesen Fragen unterhalten, der dazu auch noch twittert und so seine Weisheit aus dem neuen Ökonomie- Institut zu Oxford verbreitet.

Ganz sicher hat es, u.a. aufgrund der Entwicklung der Weltwirtschaft, große Fortschritte bezüglich der Armutsbekämpfung gegeben. Viele Arme, vor allem in Asien, sind nicht mehr die Ärmsten, die Kindersterblichkeit sank und vor allem darum, stieg die durchschnittliche Lebenserwartung. Der Zugang zu grundlegender und weiterführender Schulbildung wurde tatsächlich erleichert. Die Infrastruktur vieler Länder ist heute fundamental anders, gar besser und erste Anzeichen einer fast ausschließlichen Konsumorientierung ganzer Gesellschaften die 1981 noch als arm galten, überfordern mit ihren Folgen nicht nur die vielen schwachen Staaten der Weltgemeinschaft, sondern sie brachte Güter in die Hütten und Wohnblocks, die vor Ort vorher nur wenige Menschen kannten.

II

Vielleicht könnte aber, zum Beispiel im Infokasten zur Person, zumindest auch noch stehen, welche Kräfte das private Institut aufbauten und mit Bedacht in Oxford ansiedelten. An George Soros (Investments aller Art, die reich machten, wie auch immer, Philanthrop zum Ausgleich), James Laurence "Jim" Balsillie (Geld aus dem kanadischen Vereins- Eishockey und ?, sowie zum Ausgleich Philanthropist) und William Hall (Bill) Janeway, Venture- Kapitalist, "Doing Capitalism: Notes on the Practice of Venture Capitalism", selbstverständlich, ab einem gewissen Einkommen, auch Philanthrop, kommt man wohl nicht mehr vorbei, will man eine alternative, aber völlig systemintegrierte Wirtschaftswissenschaft an den Eliteeinrichtungen Princton, Stanford und Oxford aufbauen. Die Alternative wird in TINA inkludiert.

III

Amartya Sen, Alumnus zu Oxford und Mitglied im Ratgeber- Gremium des neuen Instituts, veröffentlichte 1981 seinen Weltbestseller zur Armut, "Poverty and Famines, an Essay on Entitlement and Deprivation". Er schlug sich damals lange mit den Definitionen von Armut herum (biologisch,gesundheitlich, sozial,ökonomisch (Einkommen und Vermögen), bevor er Lösungsvorschläge ausarbeitete.

Schaue ich auf die Realitäten vor Ort, 1981 an vielen Orten Afrikas, Asiens und Südamerikas, Subsistenz- Wirtschaft, fast ohne Transfers in Geld und in Kapitalakkumulation, heute, selbst in Slums und armen Landgegenden, an zumindest rudimentäre Einkommen geknüpft, ergeben sich fundamentale Unterschiede in den verschiedenen Werten, mit denen Armut gemessen werden kann und, fast genauso bedeutend, bei den Wertmaßstäben, die der Armutsdefinition zugrunde liegen.

Ein sehr grobes und verzerrendes Maß, sind jedoch die monetären Angaben zu den verschiedenen Armutsbegriffen, zum Beispiel zum Maß der absoluten Armut. Viel Willkür geht da ein. Was einmal 1 $ oder 1,25$ pro Tag als Grenze definierte, das repräsentiert, in der ökonomischen Statistik, heute die Marke von 2 $ oder 2,25 $. - Tatsächlich liegen da viele Arme knapp darüber, weil es eben heute Geldwirtschaft, selbst in der Armut gibt und ohne Geld, auch in einem Slum Nigerias kein Wasser (vielleicht sogar teuer aus der PET- Flasche), keinen Brennstoff und keinen Strom gibt, es sei denn, man trinkt aus Abwässern und verdreckten Flussläufen, man verbrennt Abfall oder Abbruch. - Die ökonomische Definition der absoluten Armut ist leer.

Schon Sen wusste, dass es vor allem auch auf moralische Maßstäbe ankommt. Das gilt vor allem für die meist externen Betrachter und Abschätzer der Armut. Die herrschenden Definitionen der Armut, stammen nicht von den Armen. Sie sind daran nicht beteiligt.

IV

Wie sehr Maßstäbe täuschen und wie stark sie von Bemessungsgrundlagen und der Perspektive des Betrachters abhängen, also der jeweilige Wissenschaftler seine Betrachtungsweise darlegen müsste, habe ich einmal für die dFC und vielleicht weniger für den dF, entlang einer Darstellung desssen, was im Weltmaßstab (WHO, FAO, Weltbank) als Hunger gilt und wie das biologisch zu interpretieren ist, versucht näherzubringen.

https://www.freitag.de/autoren/columbus/wieviel-kalorien-sind-genug-i

und besonders zu den aktuellen "Weltmaßstäben":

https://www.freitag.de/autoren/columbus/des-hungers-unsichtbare-narben

Fazit: <<Die extreme Armut hat in den vergangenen Jahrzehnten so schnell abgenommen wie nie zuvor, sie ist von 44 Prozent im Jahr 1981 auf unter zehn Prozent gefallen.>> - Ist eine Aussage, die aus mehreren Gründen mit Vorsicht zu genießen ist. Da kann ich Gelse (gelse 30.12.2016 | 07:48) nur zustimmen.

1. Weil sie so absolut und in Prozenten, ohne Angabe der jeweiligen Basis, erfolgt. Zu Prozentzahlen gehört immer, auf welche Absolutzahlen, auf welches Gesamt, sie sich beziehen. - So hat die Zahl der standardmäßig behandlungsbedürftigen Hypertoniker in den westlichen Wohlstandsgesellschaften, allein deshalb schon zugenommen, weil man die RR- Grenzwerte senkte. Ähnlich verfuhr man bei Diabetes und auch bei Blutfetten. Und sehr ähnlich, verfuhren Weltorganisationen mit der Definition des Hungers und der absoluten Armut.

2. Sich die Maßstäbe deutlich, zum Teil recht willkürlich veränderten, schaut man nur mit den Augen der Globalökonomie.

3. Der Maßstab der Armut sich mit dem Anwachsen der Reichtums, monetär und im Sachbesitz und mit dessen Verteilung ändern müsste!

Was spricht z.B. gegen eine absolute Armutsgrenze von 5$/Tag, die dem Gegenpol des dazu überproportional angewachsenen Reichtums entspräche? Was steht dagegen, die absolute Armut, am absoluten Reichtum (Einkommen, Vermögen und Besitz) zu messen?

Nichts! Außer der öffentlich unangenehmen Folge, dass erheblich mehr Arme ausgewiesen wären und uns auf der Seele lägen. 5$/Tag sind immer noch extrem wenig, nimmt man nur einmal das Median- Einkommen eines Briten oder Deutschen und auch mit diesen fünf Dollar, würde weiter gehungert.

Muss also der "Diskurs ausgenüchtert" werden, kurz vor dem Jahresabschluss- Böller, oder gilt es zu hinterfragen, warum sie, ich, wir, weiterhin so nüchtern mit Armut, Hunger, Gewalt, Einkommens-, Vermögens- und Besitzfragen umgehen?

Beste Grüße und alles Gute für ein neues Jahr

Christoph Leusch

Columbus 30.12.2016 | 12:22

Korrektur: "und es ohne Geld,..."

Sehr passend, finde ich, ist hier auch Erftstadtboys Kommentar.(erftstadtboy 30.12.2016 | 10:41)

Die Frage an Herrn Roser könnte lauten, ob er in Oxford eine alternative Wirtschaftswissenschaft mit antreiben möchte oder ob er eher gedenkt und dies auch für richtig hält, am derzeitigen Status quo der Denkschulen dort und an den anderen Plätzen der Welt- Wirtschaftswissenschaften festzuhalten.

Christoph Leusch

denkzone8 30.12.2016 | 13:08

okay, armut ist ein relativer begriff,

insbesondere wenn dritte darüber befinden.

die subjektive armuts-empfindung,

die sich am sichtbaren reichtum mißt,

die armut an mit-sprache, und gestaltungs-chancen,

die dem bewußt-werdenden

gegenüber den bestimmern klar wird,

ist statistisch noch schwerer zu ermitteln.

ist sie deshalb unwirk-sam?

ich denke,die welt-flüchtlings-zahlen sind

in diskussionen über sich verändernde armut

miteinzubeziehen. oder?

sch123 30.12.2016 | 13:40

Ich verstehe Ihren Einwand (und die einiger anderer Kommentatoren hier) nicht so recht. Alle Punkte, die Sie ansprechen bzgl. der Stolpersteine bei der Interpretation von Statistiken sind in dem Blog doch ausführlich dargelegt und diskutiert. Insbesondere die Schwierigkeit der Festlegung der "poverty lines", absolute vs. relative Werte, dass ein Mensch mit mehr als ~1.9 $/day selbstverständlich nicht nicht arm ist, PPP, etc. pp.

Ihr Vorschlag, die Armutsgrenze anzuheben ist charmant; über die Festlegung der Grenze lässt sich freilich immer diskutieren. Änderte aber am Befund nichts, denn auch der Anteil der Weltbevölkerung der mit weniger als 5$ leben muss ist stetig gesunken, die Trends zeigen keine erkennbaren Unterschiede. Selbstverständlich PPP-Werte, also Inflation, Kaufkraft etc. berücksichtigt...

Ihr anderer Einwand (und der anderer Foristen hier) ist letztlich, dass der Mann aus der falschen Ecke kommt (Neolibeale/Investoren/Kapitalisten). Es würde doch aber nicht schaden, ohne ideologische Brille diese Feststellungen zur Kenntnis zu nehmen: dass die kapitalistische Weltordnung (wenn man es mal so plakativ benennen will) scheinbar doch recht erfolgreich dazu führt, dass Armut abnimmt, Lebenserwartung zunimmt etc. Das heißt ja nicht, dass alles supi ist, dass es keine problematische Ungleichheit usw. gäbe, aber dass weniger Defätismus evtl. helfen würde beim Entwickeln konstruktiver, konsensfähiger Visionen von Gesellschaftsmodellen.

sch123 30.12.2016 | 13:56

Bitte nicht falsch verstehen. Prinzipiell hat/ist jeder Mensch, der unter Armut oder extremer Armut leidet oder an ihren Folgen stirbt unnötigerweise gelitten/gestorben wenn man bedenkt, dass weit weniger als 1% des BIP der reichen Länder genügen würde, extreme Armut auf einen Schlag zu beseitigen oder dass alleine die von westlichen Unternehmen in Afrika hinterzogenen Steuern vermutlich reichen würden, Nahrung, Gesundheitsversorgung und Bildung für jedes Kind in Afrika zu sichern.

Columbus 30.12.2016 | 14:12

<<

ich denke,die welt-flüchtlings-zahlen sind

in diskussionen über sich verändernde armut

miteinzubeziehen. oder?>>

So ist es. Und das dann den Konservativen und Nennchristen, sowie den Leuten vors Gesicht, die reale Furcht vor dem alltäglichen eigenen Elend und dem ihrer jeweiligen Lebenswelt, einschließlich der Ursachen, in ihren Gedanken nicht einmal fantasieren können und sich daher lieber nächstsichtbare Objekte, die Fremden, als Projektionsfläche ihrer Ängste auswählen.

Statistik ist aber, da muss ich Max Roser schon zustimmen, immer wichtig.

Dem getarnten "Diebstahl" an der Allgemeinheit, bei uns Steuerhinterziehung und Steuervermeidung genannt, als Kavaliersdelikte mit besten Resozialisierungsaussichten verharmlost, trotz der enormen Gewinnmitnahmen über Jahrzehnte, kommen nur die besten Finanzbeamten, wenn man sie nicht psychiatrisiert und diejenigen Staaten mit den bestens analysierten Daten zu Eigentum und Vermögen auf die Schliche.

Wer Infrastruktur und staatliche Hofhaltung, die was hermacht, erhalten will, der muss gute und allgemein anwendbare Bemessungsgrundlagen schaffen. Das wusste schon der legendäre Festungsbaumeister Frankreichs, Marquis de Vauban.

Das römische "Geld stinkt nicht" hat ja einen eigenartigen Hintersinn. Je größer die Buchungsbeträge, je mehr unterschiedlich verrechnete Umsätze, je geschachtelter das Eigentum und je komplexer die Verträge dazu, desto besser getarnt läuft die Vermehrung und Aneignung, desto höher sind auch die durchschnittlichen Profite.

Roser erwähnt zu Recht Piketty, der Einkommen, aber auch Vermögen, treffend wirtschaftshistorisch analysiert hat und uns glaubwürdig attestiert, auch wenn er niemals völlig fehlerfrei Wissenschaft betreiben kann (Es ist einfach logisch unmöglich), wir bewegten uns auf ein neues, nun kapital-feudales 19.Jh. zu.

Es ist wieder so, dass Firmen- Gesellschaften ganze Landstriche übernehmen, mit eigenen Wachdiensten und eigenen Grundrechten (Nicaragua, derzeit privates chinesisches Konkurrenzprojekt zum Panama- Kanal); Palmölfirmen aus Asien, sich afrikanisches Land aneignen (ISDS), das vorher, zum Zwecke des Investoren-Geschäfts, vom Staat enteignet wurde; oft anonyme Investoren und ihre Geschäftsführer tausende Bauern in Rumänien für agarindustrielle Produktionen auskaufen und dort, vor Ort, die Politik dominieren. Usw.

Am sklavenhalterischen Zustand vieler Basisproduktionen, z.B. in den Vermögens- und Wertschöpfungsketten für seltene Mineralien, Erze und große Teile der Weltagrarproduktion, außerhalb der bestentwickelten Industriestaaten, hat sich wenig geändert.

Die politische Reaktion unserer höchstentwickelten Volkswirtschaften und Demokratien, auf alle diese Fakten, ist aber höchst paradox!

Zum Beispiel, wird das vermehrte Wissen um Steuerhinterziehung und Steuerumgehung nun, mit dem neuen US- Präsidenten, der polnischen Regierung oder z.B. den Vorschlägen der neuen britischen "Iron Lady" May, nicht etwa genutzt um die Behörden, den Staat zu ertüchtigen, Steuern auch einzutreiben und die Spekulation endlich angemessen zu besteuern.

Nein, das Hauptaugenmerk liegt nun wieder auf einem neu entfachten Wettbewerb der Standortvorteile, mit möglichst niedrigen Steuern für "Investoren"(Das Wort Investor ist schon ein schönes Nebelwölkchen, in dem höchst unterschiedliche Typen einheitlich wirken) und Firmen.

Das ist Sprengstoff für wirtschaftliche Fairness und Verteilungsgerechtigkeit. Das zerlegt Europa und brutalisiert die erfolgreichste Ökonomie der westlichen Welt noch weiter.

Guten Rutsch

Christoph Leusch

Columbus 30.12.2016 | 14:57

Ihr Einwand ist nicht von der Hand zu weisen,Sch123 .

Vielleicht verstehen sie aber die Kritik an dem so selbstsicher formulierten Satz Max Rosers, dessen Ansichten zu seiner Wissenschaft ja keineswegs pauschal abgelehnt werden, wenn sie sich z.B. die gestiegene, durchschnittliche Lebenserwartung, hier als Ausdruck eines globalen Fortschritts genannt, einmal genauer ansehen.

Vor allem gesunken, durch bessere und international koordinierte, medizinische Maßnahmen, ist die Frühsterblichkeit. Das macht statistisch unglaublich viel aus, bezogen auf die durchschnittliche Lebenserwartung. Viel mehr neugeborene Menschen überleben die früher einmal kritischen ersten drei oder gar sechs Jahre, auch viel mehr Mütter überleben die Schwangerschaft und das Wochenbett. Aber nicht unbedingt in bester Kondition, nicht ohne gesundheitliche Schäden und langandauerndes Leid, nicht ohne lange Phasen in Armut.

Zudem ist die Definition des Hungers eine, die davon ausgeht, dass Hunger, nach der Kalorien- Definition der FAO und der Weltbank, ein ganzes Jahr lang bestanden haben muss, damit er überhaupt international anerkannt wird!

Dabei ist aber klar, dass schon weniger lange Hungerphasen ein Skandal sind und bleiben und diese langen Unter- und Mangelernährungszustände, meist bis ins arbeitsfähige Alter hinein, körperliche und geistige Schäden setzen.

Der "Erfolg" der Millenium- Ziele relativiert sich dann, ebenso wie der "Erfolg" der anwachsenden Einkommen, von 1,25 auf 2,25 Dollar/Tag oder auch etwas höher, sich doch verkleinert, wenn berücksichtigt wird, was heute mit dem womöglich verdoppelten Durchschnittseinkommen zu bezahlen ist.

Sie haben selbstverständlich Recht, dass Max Roser auch andere Ansichten durchaus in dieses knappe Interview einbringt und Frau Käppeler kritisch fragt.

Defätismus zu verbreiten, hilft nicht. Das war aber auch nicht mein Anliegen. Max Roser verlangt die Realitätsprüfung der Zahlen und Statistiken und die fällt dann nicht so überschwänglich aus, wie z.B. die reine Millenium- Statistik, wiewohl das in Oxford, Princton und Stanford, den schönsten und besten Plätze zur Forschung und Wissenschaft, wohl naheliegt.

Läge die, aus den oben genannten Gründen veränderliche, absolute Armutsgrenze offiziell bei 5 $, 5€ oder 36,6 Renminbi, wäre da der Druck nicht größer? Das ist, wie der Ökonom Sen es schon wusste, auch eine Frage der Moral.

Gute Jahreswende

Christoph Leusch

Reinhold Schramm 30.12.2016 | 19:25

Wes Brot ich ess, des sozial-demagogisches Lied ich sing?

Möchte uns der gute Herr die soziale und ökonomische Differenz als Fortschritt verkaufen?

Wenn sich beispielsweise für unseren Kapitalisten im Durchschnitt das Kapital und Privatvermögen um den Faktor 5 vermehrt, und für den modernen Weltsklaven und Besitzer seiner Arbeitskraft im gleichen Zeitraum im Durchschnitt um den Faktor 3, dann hat sich zweifellos dessen statistische Lebensqualität verbessert.

Aber die tatsächliche Differenz, die zwischen den modernen Sklaven und Eigentümern ihrer Arbeitskraft und den Privateigentümern an Produktionsmitteln, da hat sich zwischen beiden Seiten die reale Differenz, die gegensätzliche Entwicklung erweitert und damit das sozioökonomische Auseinanderdriften verstärkt.

Betrachtet man diese gegensätzliche und sozioökonomische Entwicklung nicht im [wissenschaftlichen] gesellschaftlichen Kontext, dann sind natürlich die Armen reicher geworden und müssen nicht mehr im Durchschnitt so kümmerlich dahindarben wie in historischen Zeiten.

Auch hier -im Interview- immer wieder aufs Neue: Wes Brötchen ich ess, des sozialdemagogisches Lied ich sing! Der gute Mann kann auch persönlich davon überzeugt sein?

[So, auch in der gut-bürgerlichen Wissenschaft, der persönlichkeitsprägende Anteil an der sozioökonomischen und sozialpsychologischen Sozialisation, wie in jeder Klassengesellschaft.]

Richard Zietz 30.12.2016 | 22:18

Die Messages sind alle dabei: »postfaktisch« darf natürlich nicht fehlen (= alle anderen außer wir Linksliberalen haben nicht nur unrecht, sondern bewegen sich nicht mal auf dem Boden der Fakten), es wird immer besser, Armut ist nicht mehr so schlimm und der Linksliberalismus – als die neue Heilsideologie der Informierten, der Durchblickenden – wird den Rest schon richten.

Dass Steven Pinker und seine Optimismus verbreiten wollende »neue« Geschichte der Menschheit in dem Kontext nicht fehlen darf, ist fast schon zwangsläufig. Auch Pinker untermauert seine Darlegungen mit einer Unzahl an Tabellen, Diagrammen und Graphen. Nichtsdestotrotz – oder vielleicht gerade, weil – hatte ich beim Lesen permanent den Eindruck, dass mir jemand partout eine alte Kiste als nietnagelneuen Wagen andrehen möchte. Anders gesagt waren die Diagramme, Tabellen und Überlegungen, die er für seine Theorie aufführt, so waghalsig um fünf Ecken gebaut, dass man den Gedanken nicht loswird: Das Ergebnis hat von Anfang an festgestanden, es mußte nur noch eine wasserdichte, gerichtsbeständige Beweisführung dafür nachgeliefert werden.

Nee Danke. Darüber hinaus habe ich gedacht, der Linksliberalismus wäre per se immer kritisch und hinterfragend. Von beidem habe ich in dem Interview nichts bemerkt.

Columbus 31.12.2016 | 00:06

Was mir noch einfällt, zum Thema Statistiken, Grafiken und Karten, zum Thema der Abbildung von Tatsachen und Fakten.

Vor zwei Tagen starb Jean-Christophe Victor, der Arte- Moderator und Mitinitiator von "Le Dessous de cartes"/"Mit offenen Karten".

Dieser hochgebildete, redliche und an echter Aufklärung interessierte Intellektuelle hat sich 2 1/2 Jahrzehnte vorbildlich um die Wahrheit und Wahrhaftigkeit der Präsentation der Fakten, die unsere Welt liefert, wenn man sie entsprechend befragt, verdient gemacht. Die Sendung wird hoffentlich in seinem Geiste fortgesetzt.

Ganz wichtig wäre auch, dass sich Arte verpflichtet fühlt, alle Beiträge zu archivieren und zugänglich zu halten.

Mit ihm ging ein begnadeter Didaktiker der Allgemeinbildung und der Wissensvermittlung zu den allerwichtigsten Fragen.

Christoph Leusch

sch123 31.12.2016 | 12:54

Das ist wohl richtig, Pogge argumentiert genauso. Da es ja um nicht gerade wenige Menschenleben geht, könnte man durchaus mehr Elan an den Tag legen bei der Armuts/Hungerbekämpfung.

Aktuelle Krisen wie in Zentralafrika oder -kriegsbedingt- im Jemen sind ja dieser Tage, scheints, nicht einmal mehr eine Meldung wert.

Ich stimme andererseits aber Herrn Roser zu, dass es auch sinnvoll ist, die Leute/sich selbst daran zu erinnern, dass nicht alles so katastrophal schlecht läuft wie das eigene Informieren manchmal suggerieren mag.

Ihnen auch einen guten Rutsch

sch123 31.12.2016 | 18:17

Der Einzelfall kann von der Statistik abweichen.

Im Interview geht es um extreme Armut und Armut, davon sind sie nicht betroffen.

Statistisch gesehen steigen die Reallöhne, schwach, seit einigen Jahren. Der Reallohn ist ja gerade der um das Preisniveau bereinigte Nominallohn. Heißt: die Löhne steigen, die Lebenshaltungskosten steigen, der Quotient aus beiden (Reallohn) steigt sehr schwach (s. z.B. hier). Im Durchschnitt. Selbstverständlich kann ihre Realität davon abweichen.

erftstadtboy 31.12.2016 | 18:25

aha, 50% in 35 jahren an inflation. ehrlich gesagt kommt mir das wie hohn vor. es kann mir niemand erzählen, dass z.b. lebensmittelkosten, die 1981 gerade in armen ländern häufig noch subventioniert waren, in 35 jahren nur um 50% gestiegen sind (hat sich nach und nach während der überschuldung der sog. 3.welt durch die hochzinsphase der 80er geändert). zumindest meine lebenshaltungskosten haben sich um 200% gesteigert. mit deutlich weniger subventionierten grundnahrungsmitteln, hosen, wohnungen, usw. > also doch eher 4-5dollar statt 1.90, da liegt columbus ja gar nicht so schlecht mit seiner idee, die schwelle auf 5dollar anzuheben.

darüber hinaus geht auch niemand auf columbus klugen einwand ein, dass heute im gegensatz zu 1981 viel mehr monetarisiert ist als 1981. beispiel: 1981 war der grad der selbstversorger sicherlich enorm viel höher, dafür floß kein geld, trotzdem gabs nahrung. nun quellen die städte über, da ist nix mehr mit selbstversorgung, also "mehr" geld i.d. händen der armen. weils keine andere möglichkeit gibt. und plötzlich sind sie "reicher", obwohl es defacto nicht so ist.

darüber hinaus der hier schon genannte sehr interessante herr pogge zur kleinrechnung der hungerndenzahlen:

http://www.sueddeutsche.de/politik/philosoph-ueber-globale-gerechtigkeit-wie-die-vereinten-nationen-den-hunger-kleinrechnen-1.2315642#

gelse 31.12.2016 | 18:35

>>Selbstverständlich kann ihre Realität davon abweichen.<<
Genau, und das muss man sich beim Lesen einer Statistik immer klar machen:
Wenn ich ein Jahreseinkommen von 10 000 000 €uroni habe und Du hast ein Einkommen von 0,0 €, dann haben wir im Durchschnitt ein Jahreseinkommen von 5 000 000 € und die Regierung sagt: "Euch geht es gut!"

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Wünsche gute Ankunft im Jahr 2017 und erfreulichen Verlauf desselben...

otka 01.01.2017 | 13:10

>Leider ist es weit verbreitet, dass Menschen glauben, sie könnten allein durch Nachrichten oder das eigene Leben ein Bild davon bekommen, wie die Gesellschaft sich verändert.<

Dass das Renteneitrittsalter ständig weiter steigen soll, am Besten auch noch die Jahresarbeitszeit und die lückenlose Verfügbarkeit sowieso, ist keine Nachricht, sondern konkrete Lebensrealität. Und daraus den Schluss zu ziehen, dass die Dragis ("der Sozialstaat ist ein Auslaufmodell") und Merkels ("wir brauchen eine marktkonforme Demokratie") die Welt im Sinne ihrer Auftraggeber optimieren wirklich so abwegig?

THX1138 01.01.2017 | 13:27

Oh, mir ist der Unterschied zwischen nominalem und realem Einkommen sehr wohl klar! Den wesentlichen Punkt lassen Sie aber aus: Was wird alles unter Lebenshaltungskosten, einem repräsentativen, fiktiven Warenkorb subusmmiert, und was nicht? Und wie ist dieser anteilsmässig zusammen gesetzt, wie werden die Anteile jeweils angepasst usw. ? Und genau hier tun sich z. T. statistische Gräben auf. Oder statistische Haarspaltereien, je nach dem. Einen Teuerungsindex kann man nach Belieben zusammen setzen, Repräsentativität ist letztendlich nicht nur eine statistische Frage, sondern auch eine Politische!

Ich denke, mit dem postmodernen Erklärungsmodus löst man keine sozialen Probleme mehr, sondern verschärft sie nur noch, weil immer mehr Leute allmählich zu Recht den Eindruck haben, verschaukelt zu werden!

sch123 01.01.2017 | 14:29

Statistik hat immer ihre Grenzen und über Teufel im Detail lässt sich streiten und man wird auch immer Haare in der Suppe finden. Die Bestimmung des Verbraucherpreisindex scheint mir aber doch sehr durchdacht und gründlich: Verbraucherpreisindex. Das wirkt auf nicht beliebig.

Sie haben natürlich recht, dass diese Statistiken keine Probleme lösen, sie helfen ggf. nur, sie zu erfassen. Wie im Artikel diskutiert, weicht persönliche Wahrnehmung halt oft stark von den statistisch belegbaren Fakten ab. Dafür gibt es im Großen wie im Kleinen unzählige Beispiele.

Und Sie scheinen, mit Verlaub, auch ein Beispiel zu liefern: Ihre persönliche Wahrnehmung deckt sich nicht mit der Statistik also muss die Statistik falsch oder mangelhaft sein.

Ihre Skepsis und das Wittern von Schönfärberei der Zustände kann ich nachvollziehen, aber das Gegenteil -Schwarzmalerei- halte ich auch nicht für zielführend. Die deckt sich nämlich auch nicht mit der Lebensrealität/Wahrnehmung vieler Menschen.

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Ehemaliger Nutzer 01.01.2017 | 15:07

Herr Roser bestätigt das Vorurteil, dass Wirtschafts"wissenschaften" eher Religion als Wissenschaft sind. Die Reduktion der absoluten Armut zu preisen, ohne zu erwähnen, dass diese zu mehr als zwei Drittel der chinesischen Entwicklung geschuldet ist, ist unredlich. Unredlich ist auch, zu verschweigen, dass die Zahl der absolut Armen nicht im vergleichbaren Mass abgenommen hat. Und Pinkers Schönfärbereien wurden unlängst durch einen Mathematiker widerlegt (ich finde den Link gerade nicht), der zeigte, dass das Niveau der Gewalttätigkeit gemessen an Zeiträumen, Regionen und Bevölkerungszahl über die Epochen weitgehend gleichgeblieben ist oder nur im Zufallsbereich geschwankt hat. Wenn Ökonomen sich an Mathematik vergreifen ..

Was die Fake News angeht, las ich gerade wieder in der Tagesschau von angeblichen russischen Hackerangriffen auf US-Stromversorger. Wenn man eine fachliche Analyse zu diesen von der Washington Post (und zuvor von DHS und FBI) gestreuten Desinformation liest https://www.wordfence.com/blog/2016/12/russia-malware-ip-hack/ , stellt sich heraus, dass auf einem Notebook, das nicht am Intranet des Vermonter Stromversorgers hing, veraltete PHP-Malware aus der Ukraine gefunden worden ist. Diese wird von den Dilettanten und/oder Propagandisten der Obama-Administration einer "Hackergruppe Grizzly Steppe" zugeordnet, hinter der natürlich Putin steckt, wer sonst.

Das ist nur eine der täglichen Fake News aus dem Universum oder der Echokammer, in der offenbar auch der Herr Roser steckt.

abghoul 01.01.2017 | 15:29

Die Macht der Empirie hat ihre Grenze im Vorstellbaren. Die Modelle die gewählt werden um Werte zu generieren und wie diese dann auf auf spezifische Fragen angewendet werden, können die Ergebnisse radikal beeinflussen.Sicher dient die Empirie der Ratio, aber es bleibt eine Methode mit Grenzen. Den Grenzen des Vorstellbaren. Aber an die müssen nur die Empiriker sich halten, die Realität muss sich mit derartigem nicht herumschlagen.

greetings from the pit -abghoul

THX1138 01.01.2017 | 15:51

Werden wir am Beispiel der reichen Schweiz konkret (aus einem noch nicht veröffentlichten Blogbeitrag von mir, deshalb die Fussnoten):

Offiziell sind die Reallöhne in der Schweiz von 1990 bis 2012 um lediglich 10,9 Prozent gestiegen. Das enstpricht einem durchschnittlichen Lohnzuwachs von mageren 0,5 Prozent pro Jahr.[1] Doch dieses Bild trügt: Die Krankenversicherungsprämien (die Krankenversicherung ist hierzulande, im Gegensatz zur BRD, ausschliesslich pivat) sind nämlich nicht im Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) enthalten, welcher für die Berechnung der Jahresteuerung (und der Reallöhne) heran gezogen wird. Diese werden separat im Krankenversicherungsprämien-Index (KVPI) geführt, da es sich bei ihnen um Transferleistungen handelt. Seit der Einführung des KVPI haben sich die Krankenversicherungsprämien praktisch verdoppelt. Das entspricht einem Einkommensverlust von 4 Prozent.[2] Die Krankenkassenprämien belasten einen durchschnittlichen schweizer Haushalt heute im Mittel mit 7,3 Prozent![3] Die allermeisten Beschäftigten verdienen heute also nur unwesentlich mehr, als vor 22 Jahren! Im untersten Bereich der Lohn- und Qualifikationsskala sinken die Einkommen sogar seit geraumer Zeit.

Der Anteil von Transferleistungen (Altersrente, sozialstaatliche Zuwendungen aller Art, etc.) am Haushaltseinkommen steigt übrigens seit Jahren an, das nur so nebenbei bemerkt. Liesse man Transferleistungen statistisch weg, ergäbe sich ein ganz anderes, wesentlich schlechteres Bild, was die Entwicklung der Einkommen in den entwickelten Ländern anbelangt!

[1] Löhne, Erwerbseinkommen – Indikatoren, Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und der Reallöhne, Schweiz 1990-2012, Bundesamt für Statistik (BfS)

[2] Krankenversicherungsprämien – Daten, Indikatoren, Krankenversicherungsprämien-Index, Bundesamt für Statistik (BfS)

[3] Einkommen, Verbrauch und Vermögen – Daten, Indikatoren, Haushaltseinkommen und-ausgaben 2011, Haushaltseinkommen und -ausgaben sämtlicher Haushalte (HABE 2011), Bundesamt für Statistik (BfS)

Was Statistik anbelangt: Es ist natürlich immer auch eine Frage vom Zeitfenster, dass man wählt. Ein alter Trick: Je grösser der Zeitraum, desto flacher fallen die Kurven aus, konkret: Nimmt man z. B. die Preissatbilität der vergangenen 600 Jahre auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik zum Masstab, dann fällt die Inflation von 1914 bis 1923 grafisch in Form eines entsprechenden Charts (und je nach politischer Interpretation) ganz sicher nicht so sehr ins Gewicht, wie wenn man die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ausgewählt hätte, um soziale Verwerfungen darzustellen. Der hier vorgstellte Max Roser macht aber auf seinem Blog m. E. genau das: Er verlängert die Zeitachse so lange, bis (extreme) Ereignisse nur noch wie kleine, statistische Ausreisser wirken.

Dann nimmt er den klassischen Gini-Koeffizienten zum Massstab. Daran ist nichts auszusetzen, ist er doch der am weitesten verbreitete Index zur Messung der Ungleichheit. Aber wie tauglich ist er? Schliesslich lässt er die beiden Enden der sozialen Skala- extrem reich, bzw. extrem arm- unberücksichtigt. Hier eignet sich die sog. Palma-Ratio besser, da sie das Verhältnis der reichsten 10% der Bevölkerung zu den ärmsten 40% abbildet.

gilmalik 01.01.2017 | 16:38

dER Versuch eines kurzen Beispiels:. Was nützt es langfristig, wenn ein Land wie Bangladesch große Fortschritte in der Armutsbekämpfung macht, wenn das Mittel, Wirtschaftswachstum um jeden Preis, mittelfristig (intern) dazu führt, das Metropolen wie Dhaka, in 20 Jahren unbewohnbar sein werden, sollte die Verschmutzung durch die heimischen Industrien nicht gestoppt werden. Langfristig sorgt das jetzige Wirtschaftswachstum und der daraus beschleunigte Klimawandel dafür, das Bangladesch durch den steigenden Meeresspiegel und die daraus resultierende Versalzung der Flüsse und der Böden, 20 Prozent seiner Fläche als Lebensraum verliert- verschiedene Wissenschaftler schätzen, das die Folge bis zu 30 Millionen Flüchtlinge sein könnten. Was die STATISTIKEN des Human Development Index angeht, die Bangladesch bescheinigen, in vielen Bereichen schon Indien überholt zu haben, zitiere ich eine Dame, die seit 15 Monaten ein NGO leitet, das Daten über das Gesundheitswesen in Bangladeschsammelt: "In meinem Bereich sind die Regierungszahlen zu 99 % erlogen." Gesundes Neues aus Darjeeling, den Gestank Dhakas und Co. noch in der Nase, das Dröhnen des Lärms noch im Ohr.

Columbus 01.01.2017 | 20:03

Ja, das ist ein ganz großes Problem der vielen, offiziell anerkannten Globalstatistiken,Gilmalik.

Wer bei der WHO oder der FAO, pp., in den Originalerhebungen nachschaut, der findet immer wieder diesen Hinweis, wie kritisch die staatlichen Angaben, besonders aus den Transformationsländern und aus den gering entwickelten Staaten, zu werten sind. Allerdings gilt auch, dass der Welt und ihren globalen Organisationen oft keine besseren qualitativen und quantitativen Daten zur Verfügung stehen.

An Statistiken und Erhebungen geht kein Weg vorbei. Insofern ist aus die Arbeit Max Rosers unersetzlich. Nur sollte eben auch ein Statistiker von Gnaden, der sich gar traut tagesgeschäftlich, über soziale Netzwerke und dem allgegenwärtigen "Zwitscher"-Dienst einzugreifen, nicht der Versuchung erliegen, grobe pauschale Aussagen zu formulieren. Da wird man dann leicht missverstanden.

Es bräuchte eben mehr qualitative Kontrolle, vor Ort, um zu überprüfen, wie sehr die Realität von der statistischen Globalerfassung abweicht. - Beim Hunger und dem angeblich großen Fortschritt, gibt es glaubwürdige Kontrolleure und die WHO sträubt sich seit Jahrzehnten, die Erfassungen der FAO einfach zu übernehmen. Das können sie in den beiden Links aus meinem Kommentar auch nachlesen.

Was sie für Bangladesch anführen, ein Land, das auch bei steigender Meereshöhe und mehr Flutabschwemmung über seine Flusssysteme gut überleben könnte, wenn es ohne Korruption, ohne bürokratisches Missmanagment und ohne die globale Ausbeutung für die Textil- und Halbfertigindustrie der entwickelten Welt, administiert würde, können sie für Brasilien oder für das hier angeführte Afrika- "Tigerstaaten" Land Nigeria ebenso belegen.

Ein weiteres Beispiel: In Nigeria werden die Verbraucher mit steigenden Stromkosten drangsaliert, obwohl sich an der grundsätzlich miserablen Grundversorgung (Daher laufen überall Dieselgeneratoren) seit Jahren nichts ändert.

Die Stromkonzerne des Landes sind rechtlich so gestellt, dass sie auch für Nichtleistungen Einnahmen erzielen.

Für 2016 wurden die Strompreise erneut überdeutlich angehoben, obwohl sich an den schlechten Angeboten und an der Versorgungsunsicherheit nichts änderte.

Siehe folgende Links:

http://venturesafrica.com/is-the-new-electricity-tariff-justifiabe/

und zur Misere:

Elektrizität, Kosten absolut und relativ,

http://www.theenergycollective.com/lindsay-wilson/279126/average-electricity-prices-around-world-kwh

Die Wahrheit zur Mangelversorgung in Nigeria:

https://africacheck.org/reports/are-electricity-tariffs-in-nigeria-really-the-lowest-in-africa/

Verbraucherpreise 2016 und Durchschnittseinkommen, Nigeria:

https://www.numbeo.com/cost-of-living/country_result.jsp?country=Nigeria&displayCurrency=EUR

Nigeria hatte schon vor 2016, mit die höchsten relativen Strompreise für Hütten und Paläste. Jeder, der ein wenig Grips unter dem Schädeldach hat, weiß, wem das im Land am meisten weh tut. Sicher nicht der herrschenden Kaste und auch nicht dem neuen, gehobenen Mittelstand des Landes, dafür aber der Masse der Bevölkerung.

Es kommt auf die relativen Dollar, Cent,Euro,pp. Preise an, weil nur die die tatsächliche Kaufkraft in einem Land abbilden. Absolut, wie gerne in der Wikipedia oder bei den Finanzinstituten, sowie von der globalen Energiewirtschaft angegeben, ist E- Energie in Nigeria unschlagbar günstig und ein europäischer Zeitungsleser, unter Umständen auch einer, der den dF liest, absichtlich oder unabsichtlich getäuscht.

Beste Grüße

Christoph Leusch

Columbus 01.01.2017 | 20:33

<<Ich stimme andererseits aber Herrn Roser zu, dass es auch sinnvoll ist, die Leute/sich selbst daran zu erinnern, dass nicht alles so katastrophal schlecht läuft wie das eigene Informieren manchmal suggerieren mag.>>

So ist es. Die zwei Jahrzehnte, seit dem Ende des prinziepiellen Ost- West Gegensatzes in der Art und Weise der Wirtschaft, leiteten einen der größten Umverteilungsprozesse, von öffentlich und allgemein hin zu privat, von klein und diffus verteilt zu groß und konzentriert ein, der je in der modernen Wirtschaftsgeschichte stattfand.

Dieser Aneigungsprozess ist nur vergleichbar mit dem relativ kurzfristigen Bereicherungsprozess der frühneuzeitlichen Fernhandelskaufleute und ersten Bankiers in Europa. Die Schicht der Profiteure ist durchaus viel größer geworden und sie gibt eben auch einer Menge Dienstleistern Lohn und Brot.

Dort, wo es sich um finanzwirtschaftliche und rechtliche Spezialkenntnisse handelt, Profite zu generieren, gibt es für diese Schicht sogar die berechtigte Aussicht, in die Schicht der Eigentümer und (globalen) Investoren aufzusteigen. Sehr geschickt, haben übrigens diese Schichten auch den Mittelstand an sich gebunden, denn vor allem in den angelsächsisch geprägten Staaten, hängt die soziale Absicherung über Funds und Immobilien an der Investoren und Anlegerwirtschaft.

Das vergrößert das Volumen der Märkte enorm und damit auch die Art der Geschäfte. Das verteuert Lageimmobilien extrem und erlaubt Finanzgeschäfte viel größeren Ausmaßes, ohne tatsächlich positiv in Produktivität oder Innovation investieren zu müssen. Vielmehr subventionieren Kunden und Staaten die vielen Mergers, Firmenpeiten und die Kannibalisierung der Reste.

Die Perspektive/Aussicht zum Jahreswechsel 2016/2017, selbst in der beruflichen und fachlichen Situation eines Hochschul- oder Forschungsinstitutsangehörigen, muss sich zum Beispiel in Sao Paulo, oder Rio/ Brasilien anders anfühlen, als in Hamburg, beim HWWI oder in Köln, beim DIW, oder eben in Oxford, beim Institute for New Economic Thinking. Das gilt selbstverständlich auch dann, wenn sich die Ökonomen aller Länder, wenn jeder Wissenschaftler, sich bemüht objektiv zu sein.

Beste Grüße und ein gutes Jahr 2017

Christoph Leusch

THX1138 01.01.2017 | 21:27

Absolut empfehlenswert sind folgende UN-Daten, in denen nicht nur die Verteilungsgerechtigkeit aufgelisted wird:

http://hdr.undp.org/en/composite/IHDI

Hier lohnt es sich, entwickelte und weniger entwickelte Länder miteinander zu vergleichen. Die Unterschiede sind z. T. frappant, vor allem, wenn man z. B. die USA mit der Dominikanischen Republik vergleicht... Die USA dürfen ruhig als Gradmesser für zukünftige Entwicklungen in Europa betrachtet werden.

THX1138 01.01.2017 | 22:07

Ich halte die Verteilungsungerechtigkeit übrigens nicht für per se schlecht: Absolute Gleichheit halte ich für kein erstrebenswertes Ziel. Ich bin auch nicht der Meinung, dass in den letzten Jahrzehnten gleich alles (!) schlecht gelaufen ist in den entwickelten Ländern. Aber die Deindustrialisierung mit all ihren schmerzhaften Konsequenzen im sozialen und volkswirtschaftlichen Gefüge lässt sich auch mit ganz viel postmodernem Willen nicht weg diskutieren!

Materielle Ungleichheit lässt sich nicht verhindern, höchstens lindern. Mit einem starken, sozialen Netz zum Beispiel. Die Form von Ungerechtigkeit, die vielen Menschen unter den Nägeln brennt, ist die Ungleichverteilung der Lebensrisiken: Die wachsende Flexibilisierung der Erwerbswelt und die damit zwangsläufig einher gehende Prekarisierung immer grösser werdender Teile der Bevölkerung ist das zentrale Problem! Reich und arm hat es schon immer gegeben. Wir sollten den Fokus auf die immaterielle Ungleichheit richten! Finnland geht hier mit seinem breit angelegten BGE-Pilotprojekt eigene, wenn auch nicht unbedingt neue Wege:

http://www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschaftspolitik/bedingungsloses-grundeinkommen-finnland-startet-pilotversuch-ld.17575

Reinhold Schramm 01.01.2017 | 23:19

Die Kinder und Erben der Bourgeoisie in der Offensive, auch auf Freitag-Online?

Bürgerliche Gehirnwäsche 2017 - und kapitalfaschistische Klammerbeutelideologie?

O-Ton:Ich halte die Verteilungsungerechtigkeit übrigens nicht für per se schlecht: Absolute Gleichheit halte ich für kein erstrebenswertes Ziel. {...} Reich und arm hat es schon immer gegeben. Wir sollten den Fokus auf die immaterielle Ungleichheit richten! Finnland geht hier mit seinem breit angelegten BGE-Pilotprojekt eigene, wenn auch nicht unbedingt neue Wege {...}

- - -

• »Diese Familie bekommt 815 Millionen Euro nur durch Dividenden«, meldet der Focus am 30. März 2015.

• »Krösus, Kauz und klamme Milliardäre. Das sind Deutschlands Dividenden-Könige« 2014.

Piëchs und Porsches: Rechnet man die 28 Millionen Euro Ertrag aus den 2,37 Prozent an VW hinzu, den die Bundesfinanzaufsicht BaFin dem Porsche-Clan zudem zuschreibt, kassierte die vielköpfige Dynastie für das zurückliegende Jahr insgesamt 335 Millionen Euro an Dividenden.

Familie Schaeffler: 309 Millionen 2014.

Dividendenbezieher Klaus-Michael Kühne: 307 Millionen 2014.

Familie Merck: 305 Millionen (nur) 2014.

Brüder Sammwer: 287 Mio. (nur) 2014.

Familie Reimann: 252 Mio. (nur) 2014.

Famile Würth: 217 Mio. (nur) 2014.

Vgl. Wirtschafts-Woche, wiwo.de am 13. August 2014.

Das Jahr 2017 der deutschen Bourgeoisie und deren Ideologen und gesellschaftspolitischen VerkaufsberaterInnen -in allen Manipulations-Medien und Ver-Bildungseinrichtungen- fängt gewiss auch schon gut an? (!)

Columbus 02.01.2017 | 00:07

Sie tappen, wie so viele, in die Falle der "Absolutheit". Welche politisch relevante Gruppe, welcher Intellektuelle, welcher informierte Bürger, streitet heftig um "absolute Gleichheit"?

Es geht doch in der aktuellen Ungleichheitsdiskussion, regional, national, global, immer und fast ausschließlich um das Maß und die Maße, THX1138. - Oder können sie eine öffentlich namhafte DiskutantIn nennen, die für eine undifferenzierte, absolute Gleichheit eintritt?

Das derzeitige BGE- Projekt Finnlands, schafft nicht Armut ab, sondern erhöht sie eher noch und macht sie besser gesellschaftsfähig, denn das BGE ist deutlich zu niedrig.

Der Vorteil des finnischen Modells: Käme es in Gang, könnten die Steuern für die Reichen und Besserverdienenden, mit dem Hinweis auf das BGE, gesenkt werden und der Staat reduzierte sich, ganz nach den Wünschen der Konservativen, Rechten und Neokonservativen Finnlands, auf die Sicherheits- und Ordnungsfunktion.

So weit, ist es mit dem einst sozialpolitsch führenden Land schon gekommen. Steter Tropfen höhlte den Stein. Nun sind sogar Arme bereit, rechtskonservativ zu wählen und ihren Status auf niedrigerem Niveau, dafür pauschal, anerkannt zu erhalten.

Dawei und gutes Jahr 2017

Christoph Leusch

Moorleiche 02.01.2017 | 11:19

Ich bin da auch eher skeptisch, was die Daten einer immer besseren Welt angeht.

Neben den schon ausgeführten Gründen finde ich die Geschichte vom undankbaren, sich ewig irrenden Bürger, der einfach nicht versteht, wie gut er sich fühlen müsste, zunehmend unangenehm bis penetrant.

Zum anderen, ohne das zynisch zu meinen, könnten wir uns bezüglich eines der apostrophierten großen Probleme der Zukunft, einer wachsenden Migrationswelle, ja recht entspannt zurücklehnen, da demnächst ja alle zu Hause oder mindestens in direkter Nähe bleiben können, wenn alles immer besser wird und wir das nur nicht erkennen. Die Abstimmung mit den Füßen fällt hingegen anders aus.

gilmalik 02.01.2017 | 12:58

Wie immer: gerne gelesen ihren Kommentar.

Leider gehört die Korruption auf das gleiche Blatt wie die Ausbeutung der Bevölkerung (durch die Billigindustrien). Das der Rahmen des 20-jährigen Wirtschaftswachstums in Bangladesch von wenigen abgeschöpft wird, anstatt ihn in Land und Bevölkerung zu investieren, um Bangladesch auf ein Leben ohne Billigindutrie vorzubereiten (Die Lebenserhaltungskosten und Ansprüche der Mittelklasse steigen auch dort immens), wird von den westlichen Ländern in Kauf genommen. So lautet die Frage, wie es unter diesen Umständen zu anständigen Kontrollen der Daten (erfassung) kommen soll? Dank dieser Daten kann es immer wieder zu Nachrichten/Artikeln kommen, die verlauten, das "wir" auf dem richtigen Weg sind. Den Leser/Wähler in den westlichen Ländern beruhigen soll, dass alles garnicht so schlimm ist. Der Meeresspiegel wird steigen und Bangladesch ist halt nicht darauf vorbereitet und nach einem Ende der Korruption im Land sieht es nicht aus. Kontrollen der Daten (erfassung)durch unabhängige Beobachter ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die NGOs, die viele dieser Daten sammeln, geraten in Ländern wie Pakistan oder Bangladesch immer mehr unter Druck der staatlichen Verantwortlichen und werden so immer abhängiger (anstatt unabhängiger). Auch ich bin der Meinung das man nicht nur Schwarzmalen sollte, aber halt nicht indem man sich die Welt schön schreibt. Der Hinweis von ihnen, das zum Beispiel Bangladesch, ohne Korruption mit den kommenden Problemen durchaus zu Recht kommen würde, ist vollkommen richtig. Aber selbst wenn das Land in den kommenden Jahren die Fortschritte in diesem Bereich machen sollte wie Indien (mittlerweile Platz 76 im Korruptionsindex-der natürlich ebenfalls unter Vorbehalt zu betrachten ist), wird das nicht ausreichen. Also bin ich dafür dem Leser zu sagen, dass auch aus Bangladesch Millionen von (Klima) Flüchtlingen zu erwarten sind - sollte sich nichts Grundlegenes ändern. Dafür würde ich dem Leser eher mit Artikeln zeigen, dass es überall auf der Erde wackere Streiter gibt, die auch unter den härtesten Bedingungen, nicht aufgeben, für eine gerechtere Welt zu arbeiten-die unbekannten Helden. Genauso wichtig: Die Probleme die durch den Klimawandel auf die Menschheit zu kommen, sind zu bewältigen. Aber nur, wenn alle zusammenarbeiten - auch in diesem Punkt stimme ich ihnen vollkommen zu.

Sonnige Grüße
Kolonko

lon1978 02.01.2017 | 13:50

Ich bin eher kritisch , dass gewisse Leute " Post-faktisch" sagt.

Keiner weiß ob die Leute durch die sogenannte Post-faktische Nachrichten wirklich dazu gebracht worden sind.

Es fehlt an "Fakten".

Nur so glaubt man oder man möchte galuben, dass die dumme Leute leichtsinnig Glauben schenken und gechenkt haben.

Diese Post-fakt Rhetorik ist vor allem unter linksliberalen Lager ganz schnell verbreitet.Egal ob man genau davon weiß oder nicht.

Der Freitag verfolgt tendenziell diese Richtung , so scheint es mir zumindest.

Die Daten sowie Fakten zu beachten sind wichtig ohne Frage.

Aber wie und wo aus welchen Kontext die "Fakten" rauskommen, sind heutztage mehr wichtiger.

Da wird Journalistische Qualität gebraucht.

THX1138 02.01.2017 | 13:55

Was das Streben nach absoluter Gleichheit anbelangt: Ob es dieses wirklich gibt, vermag ich nicht objektiv zu beurteilen. Aber man wird manchmal den Endruck nicht los, dass es tatsächlich Bestrebungen in diese Richtung gibt, vor allem im Rahmen universitärer Zirkel, deren intellektueller Grundtenor postmoderner Natur ist, item:

Die demografische Alterung wird uns über kurz oder lang dazu zwingen, die Ausgaben im sozialen Bereich zu senken, da die Zahl der Beitragszahler unablässig sinkt,

ausser man verkehrt die Bestrebungen der letzten zwei, drei Jahrzehnte, die Steuern für Reiche und Unternehmen (global) zu senken, in ihr Gegenteil und erhöht sie für diese zwei Gruppen wieder. Dann wäre das Gemeinwesen wieder handlungsfähig und die Staatshaushalte könnten ihre historischen Schuldenberge endlich abtragen. Es ist schon bemerkenswert, dass die öffentliche Hand seit Jahrzehnten klamm ist und die Reichen und Unternehmen förmlich im Geld schwimmen!

Was das BGE anbelangt: Da schlage ich vor, zuerst abzuwarten, was es insgesamt bringt, welchen Nutzen es für wen bringt (und welchen nicht). Sollten Automatisierung und Outsourcing wirklich einen Grossteil der Erwerbsbevölkerung überflüssig machen, dann haben wir es bei der digitalen Wirtschaft (Industrie 4.0) mit einer historischen Dystopie zu tun, zumindest so lange, als dass man die bestehenden Begriffe von Erwerbs-, bzw. bezahlter und unbezahlter Arbeit nicht vollkommen neu definiert.

Auch der Elitarismus gewisser Kreise wird langsam zur Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Grenzen zwischen der postmodernen Linken und der herrschenden Klasse sind allmählich fliessend, wie auch dieser Artikel beweist. Man ist schon fast versucht, hier von einer stillen Übereinkunft zu sprechen; von einer Art Interessensgemeinschaft zwischen Macht und Ideologie.

Reinhold Schramm 02.01.2017 | 14:35

Warum propagieren Sie diesen kapitalgeneigten Unfug? (!) „Auch der Elitarismus gewisser Kreise wird langsam zur Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Grenzen zwischen der postmodernen Linken und der herrschenden Klasse sind allmählich fliessend, wie auch dieser Artikel beweist. Man ist schon fast versucht, hier von einer stillen Übereinkunft zu sprechen ...“ Beabsichtigen Sie im un-beauftragten Sinne Verwirrung zu stiften? Was ist für Sie politisch Links? Worin besteht für Sie „das Gemeinwesen“? Worin besteht für Sie das „Gemeinwesen“, zum Beispiel zwischen dem Putzmann und ErbschaftsmilliardärInnen? Die Putzfrau/-mann, die nach 35 Erwerbsjahren Sozialhilfe im Alter bekommt, und der persönlich leistungslosen Milliardärin, die im Alter persönlich über Multimillionen verfügt? Sind auch Sie bemüht, die ideologische Harmonisierung in die bestehende Klassengesellschaft hineinzutragen? So wie alle anderen bürgerlichen Medien und Parteien, staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen und Parlamentsmehrheiten auch? (!) Haben die gut-geschmierten gesellschaftspolitischen m/w Ideologen zum Wahljahr 2017 erneut verstärkt ihren öffentlichen Verbildungsauftrag? (!)

sch123 02.01.2017 | 16:41

Ich weiß das Argument nervt, aber: Alle Versuche eine klassenlose Gesellschaft zu erzwingen kann man als gescheitert betrachten, sowohl hinsichtlich des Wohlstands als auch der Menschenrechte.

Ungleichheit und Undurchlässigkeit ist definitiv schädlich, da stimme ich Ihnen zu. Die Frage ist, wie man dem effektiv entgegenwirken kann ohne totalitäre Maßnahmen.

Ich kann in diesem Land/System zumindest frei forschen, meine Meinung äußern und konnte auch beruflich meinen Weg gehen. Auch Ihnen stünde, btw, der Weg in die "herrschende Klasse" offen.

THX1138 02.01.2017 | 16:55

Sie mögen entschuldigen, dass ich auf Ihre Feindzuschreibungen nicht näher eingehe, aber ich glaube, der gegenwärtige Wandel ist wesentlich komplexer, als dass man ihm mit einem einfachen Systemwechsel Kapitalismus / Sozialismus oder Kommunismus beikommen könnte. Letztendlich hat der Mensch schon immer Güter hergestellt, Handel mit ihnen betrieben und hierarchische Differenzierungssysteme erschaffen. Erst seit Marx' kommunistischem Manifest nennt man das Ganze 'Kapitalismus'.

Ich möchte Ihnen statt dessen folgenden Artikel nahe legen, der die von mir gemachten Einwände wesentlich eloquenter auf den Punkt bringt:

"(...) Stammwähler der Linken sind nicht mehr die Arbeiter, sondern die hochqualifizierte, akademische Mittelschicht.

(...) Die Grundansage der Demokraten an die amerikanische Unterschicht lautet letztlich: Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Ihr steht im Konkurrenzkampf mit chinesischen und mexikanischen Arbeitern. Die einzige Lösung besteht darin, dass ihr produktiver, innovativer, konkurrenzfähiger werdet. Wir werden alles tun, was wir können – aber es ist leider nicht sehr viel –, um eure Leistungsfähigkeit zu verbessern. Durch Bildungspolitik, Förderung, Versicherungsschutz, rudimentäre soziale Abfederung. Wir kämpfen dafür, dass ihr auf dem Markt eine Chance bekommt. Aber wenn ihr nicht imstande seid, diese Chance zu nutzen, können wir nichts mehr für euch tun. Dann seid ihr selber schuld und bekommt, was ihr verdient.

In einem gewissen Sinn ist die amerikanische – und europäische – Linke neoliberal geworden. Sie hat sich den Kennedy-Satz, der zu einem Reagan-Slogan wurde, zu eigen gemacht: Eine steigende Flut hebt alle Boote. Sie hat zwar nie geglaubt, dass dieser Prozess von den Marktkräften allein vollzogen wird, aber sie hat sich den Glaubensartikel zu eigen gemacht, dass nur wachsende Konkurrenzfähigkeit der Schlüssel zu sozialem Fortschritt sein kann. Das sozialdemokratische Credo, dass alle am Wohlstand teilhaben müssen, erfuhr eine subtile, aber fundamentale Wandlung. Heute lautet es: Es müssen alle konkurrenzfähig werden.

(...) Es ist letztlich ganz einfach: Eine Linkspartei erfüllt nur dann ihre Mission, wenn sie prioritär die Interessen der Unterschicht vertritt. Das heisst nicht, dass sie Klassenkampf betreiben muss. Aber stagnierende Einkommen bei steigendem BIP? Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Es dürfte zweitens die Zeit abgelaufen sein, zu der jede Vision sozialer Gerechtigkeit den «Zwängen der Globalisierung» geopfert wird. Entweder kann die Globalisierung sozialpolitisch gestaltet werden, oder sie wird an ein unschönes Ende kommen. Gegen die Interessen der Mehrheit kann dauerhaft keine Politik gemacht werden. Sonst sucht sich die Mehrheit eben andere vermeintliche Interessenvertreter. Man nennt das Demokratie."

Quelle: https://www.dasmagazin.ch/2016/12/16/die-rechte-linke/

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Columbus 02.01.2017 | 18:04

Mensch, THX1138, sie sind doch ein kritischer Leser und glauben da gerade, was sie eben gelesen haben.

Schon das erste thesenartige Argument scheitert, weil es die demokratische (US- Demokraten) These absichtlich und grob verzerrt:

Die lautet nämlich, dass die Globalisierung nicht aufzuhalten ist und es ökonomisch unsinnig ist, wenn man es versuchte.

Aber die Weiterung, man müsse die globale Konkurrenz hinnehmen, ist keine demokratische (US) oder sozialdemokratische (EU) oder gar sozialistische oder linke These (US+EU und sonstwo). - Gerade das Gegenteil ist der Fall!

Das Wahlprogramm Hillary Clintons und ihrer Ratgeber enthielt ausdrücklich konkrete Vorschläge, wie Menschen im heutigen Niedriglohnsektor durch deutlich steigende Mindestlöhne und Absicherung vor Konkurrenz (die meisten Wähler und Bürger in diesen Schichten konkurrieren nicht international, sondern regional und örtlich miteinander und untereinander) geschützt werden können und wie vor allem deren mangelnde Sozial- und Krankenversicherung, sowie deren leidende Familieneinkommen ausgebaut werden können.

Darum auch, hat es z.B. direkt nach der unerwarteten Wahl Trumps, der bekanntlich den Affordable Care Act abschaffen will, einen 300.000er Run auf die Obamacare- Krankenversicherung gegeben, die damit mittlerweile 3x mehr Menschen in die Versicherung brachte (besserer juristischer Bestandsschutz), als sich Wähler in den entscheidenden Swing- States mehr zu Trump, als zur demokratischen Kandidatin, bekannten .

Ich könnte noch mindestens 5 weitere Bereiche nennen, in denen die Demokraten gerade für kleines und mittleres, arbeitsintensives, auch für Ungelernte zugängliches, Handwerk, z.B. im Energiesektor über den Aufbau der Anlagen für regenerative Energien, z.B. im (Wieder-)Aufbau von Public Transport in den Städten, dauerhafte Arbeitsplätze geschaffen hätten. Gleiches gilt für die oft prekäre Situation vieler US- ArbeitnehmerInnen bei Dienstleistern der Nahrungs-, Gaststätten und Catering- und Sicherheits- Industrie und bei der Gebäudereinigung.

Also, genau wie bei uns, gibt es diametral unterschiedliche Angebote von Rechten, Konservativen und Republikanern und eben den (linken, libertären)Demokraten und ich muss ihnen schreiben, man sollte eben, 24/7, online auf den Presseportalen surfend und täglich ein Dutzend Zeitungsartikel verspeisend, vielleicht mehr Zeit für innere Einkehr und Zeit für eine Gegenposition bei sich selbst einräumen, um nicht platt zu werden.

Trumps Angebot ist ein klassisches, neokonservatives Trickle down- Szenario. Er will große Investprogramme, direkt an große und bekannte, besser noch befreundete, Generalunternehmer und Altindustrielle im Energie und Bausektor, in der Rüstungs- und Nuklearindustrie, die sich diese Chance nicht entgehen lassen wollen (Daher lieferte der Dow Jones gerade ein Erwartungsfeuerwerk), damit aber wenig neue Arbeitsplätze schaffen.

Wie gefährlich von oben (Wall Street, billiges Investorengeld und Politik, vor der Obama- Präsidentschaft !(Rechten gelingt es ja sogar, die Immobilien- Krise als Obama- und Demokratenkrise zu verkaufen!)) gesteuerte Bauprogramme in den Staaten sind, hat doch die Subprime- Krise, die alle schon wieder verdrängt haben, bewiesen.

Trump verfolgt das Konzept, dass mit seinen großen Milliardenfantasien mehr Geld aus den Märkten in diffuse Projekte und Prospektorenplanungen (Öl,Gas,Kohle, dort wo man noch keine verbrannte Erdfe hinterließ) fließt. Das ist sehr kurzfristig gedacht (entfache ein Feuerchen und heize mit allem, was so um die Herdstelle herumliegt) und zudem höchst risikoreich.

Investitionen haben nur einen Sinn und bilden neue Arbeit, wenn sie nicht an alten Industrien kleben und keine Sonderkonjunkturen begründen, die nicht nachhaltig sind.

Dawei

Christoph Leusch

PS: Ein sehr beliebtes Motiv bei Konservativen und Liberalen ist ja und das kommt bei dem CH- NZZ- Artikel auch heraus, dass von dieser Seite so getan wird, als sei die Linke vor allem für die Unterschicht zuständig.

Mit dieser Methode, entspräche sie dem Anliegen der Linken, könnte man die Linke in den entwickelten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften auf Ewigkeit marginalisieren und klein halten (Im Moment wirkt sie, das sei eingestanden, auch selbsttätig an ihrer mangelnden Durchschlagskraft) , weil sie nie über das < 20% Segement hinauskäme. Linke wären doof, würden sie es dabei belassen.

Das rechte Angebot, da mag ich ihnen gerne Recht geben, klingt derzeit so verlockend, weil es vor allem auch von älteren Bürgerinnen und Bürgern die völlig situiert sind und sich vor allem nach alten Sicherheiten und noch wichtiger, sichtbarer Formierung der Gesellschaft sehnen, die ein bisschen Wut in ihre Zornsparkasse einzahlten, schnell befriedigt.

Daher das Bild mit der großen "Mauer" und Massenabschiebungen, für die zum Grund schon die illegale Einreise reicht, daher die Drohungen mit dem eigenen Amtsantritt und kryptische Andeutungen über Gewalt, mehrfach im Wahlkampf, daher die vielen verbalen Wünsche, eine ganz eigene Ordnung wieder herzustellen.

Diese Wähler sind übrigens auch in den USA nicht Arme. Die Armen sind auch bei dieser Wahl, wie schon Jahrzehnte, zu Hause, im Trailer Park oder im Wald geblieben! Die 150.000- 180.000 entscheidenden Trump- Wähler waren situiert und sie haben einfach Angst, Fremde könnten an ihrer Situiertheit was ändern, seien ihre Haupt-Konkurrenz.

Dawei

Christoph Leusch

THX1138 02.01.2017 | 19:00

Zuerst einmal: Nicht gleich jeder, der die Weltanschauung der (postmodernen) Linken infrage stellt, ist automatisch ein Rechter, das ist eine unzulässige Vereinfachung! Insofern würde ich vom paternalistisch wirkenden Hinweis, ich sei doch ein kritischer Leser, absehen: Ich bin kein Trumpist und stehe auch der AfD, Le Pen, Geert Wilders & Konsorten nicht nahe!

Sarah Wagenknecht rückt das US-Wahlergebnis in einen grösseren sozialen Zusammenhang und bringt nüchtern auf den Punkt, was derzeit in den USA schief läuft:

"(...) Die Menschen wenden sich von den etablierten Parteien ab und teilweise auch von der Demokratie, weil sie immer wieder erleben: Sie wählen die Einen, dann die Anderen, es wird aber immer wieder Politik gegen ihre Interessen gemacht. Eine Politik, wo große Wirtschaftslobbys das Sagen haben und sich auch durchsetzen können, wo Politiker gekauft sind, muss man sich nicht wundern, dass die Menschen die Nase voll haben vom Establishment, von einem „weiter so“.

Die Menschen in den USA haben ja nicht in erster Linie Donald Trump gewählt, sie haben Veränderung gewählt. In einem Land, wo die mittleren Löhne niedriger sind als vor vierzig Jahren und wo alle Zugewinne seit vielen Jahren in die Taschen der oberen Zehntausend fliessen (...)."

https://de.sputniknews.com/politik/20161109313289987-trumps-wahlsieg-nicht-ueberrascht-wagenknecht/

Was die Wählerschaft Trumps anbelangt: Haushalte mit 50k + Jahreseinkommen waren genau so darunter, wie Akademikerinnen, Prekarisierte, Schwarze, Hispanics oder Asians- und zwar allesamt im hohen Prozentbereich!

P.S. Die soziale Frage ist eine klassisch linke Position, das ist keine Unterstellung von rechts, sondern eine historische Tatsache. Aber selbst soziale Themen hat die Linke in letzter Zeit aus der Hand gegeben- und bewirtschaftet statt dessen Felder, die mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen, die in Lohn und Brot stehen, nur noch bedingt etwas zu tun hat. Das hat Daniel Binswanger in seinem Artikel schon richtig erkannt.

THX1138 02.01.2017 | 19:23

Und was Ihre Ausführungen zu Trumps (Beschäftigungs)programm anbelangt: Da gebe ich Ihnen unumwunden recht. Er wird a) den Mindestlohn kappen und b) dafür viele, viele neue, aber überwiegend schlecht bezahlte (und befristete) Jobs schaffen. Die mittel- bis langfristige Prognose für die US-amerikanische Volkswirtschaft sieht so aus:

Infrastrukturprogramme / Protektionismus --> höhere/s Beschäftigung / BIP --> Lohn-Preis-Spirale --> steigende Inflation --> steigende Zinsen --> Schuldendienstverteuerung --> Rezession

Peter Nowak 03.01.2017 | 11:02

Mir bin über diesem Satz von Roser gestolpert:

"Ich denke, dass Immigration die beste Möglichkeit ist, um für bessere Lebensbedingungen zu sorgen."

Das ist doch eine Bankrotterklärung für den Kapitalismus, das die Menschen ihre Heimat verlassen müssen, um leben zu können, wenn sie es schaffen. Franz Josepf Degenhardt parodisierte mal sinngemäss: "Für einen Job ziehen sie meilenweil". Er hatte das nicht positiv gemeint.

Es muss in einer vernünftigt organisierten Gesellschaft darum gehen, dass die Menschen auch da, wo sie geboren sind, wo ihre Freund_innen und Bekannten leben, bleiben können und nicht gezwungen sind zu migrieren. Die Bewegungsfreiheit wäre erst dann ein Menschenrecht, das alle nutzen können aber nicht müssen. Es sollte also nicht vergessen werden, dass auch ein gutes Leben in der Gegend, wo Menschen herkommen, ein Menschenrecht ist, dass erkämpft werden muss.

iDog 10.01.2017 | 15:28

"Die extreme Armut hat in den vergangenen Jahrzehnten so schnell abgenommen wie nie zuvor, sie ist von 44 Prozent im Jahr 1981 auf unter zehn Prozent gefallen"

Wo war das ? Und wo hab ich nur gelesen , dass 1 Millarde Menschen jeden Tag Hunger schieben und weitere 3 Millarden an der Armutsgrenze leben?

Vielleicht bezogen sich die Zahlen ja auf Bad Godesberg.

Eule 31.01.2017 | 13:26

Die meisten Punkte wurden schon ausführlich angesprochen und kritisiert, auch Herr Pogge wurde schon erwähnt. Es ist ja sehr schön, dass auch langsam in den Wirtschaftswissenschaften ankommt, dass ihre eigenen Grundsätze nicht funktionieren, wenn das aber dazu genutzt wird, die Selbstkritik zur Stärkung dieser zu verwenden, wirkt das doch eher irgendwie gekünstelt. Was ich mich frage ist: Was soll mir dieser Artikel bringen und warum erscheint er im Freitag? Neuer Herausgeber, da kann man jetzt auch mal ein bisschen (neo-)liberaler schreiben?