Alle Ächtung

Kunst In Hamburg zeigt eine umfassende Werkschau die feinsinnig kommentierenden Collagen von Astrid Klein

Ob der Fotograf Daniel Josefsohn die Fotoarbeiten von Astrid Klein kannte, als er 1995 seine MTV-Kampagne schoss? „Egoist“, „Konsumgeile Göre“, „Fauler Sack“ stand in dicken Balken auf den Plakaten über Josefsohns Schwarz-Weiß-Fotografien junger Szenetypen und Slackerinnen. Ähnlich wie die Heroin-Chic-Kampagnen mit Kate Moss für Calvin Klein sind Josefsohns Fotos Ikonen der 90er, Relikte einer Popkultur, die in ziemlich satten Zeiten die Kaputtheit feierte (und derzeit ein Revival erlebt).

Astrid Klein jedenfalls, geboren 1951 in Köln, hat bereits 1979 ein Bild produziert, das auf den ersten Blick den MTV-Plakaten frappierend ähnelt. Ein junger Mann ist darauf zu sehen, schlank, weißer Hemdkragen, die Frisur sitzt. In die Augen können wir ihm nicht sehen, die verdeckt ein fetter Balken, auf dem steht: „Spieler“. Die Stigmatisierung ist ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. In diesem Fall ist es, anders als bei Josefsohn, sicherlich kein Urteil, mit dem der Abgebildete selbst gerne kokettiert.

Gesellschaftliche Ächtung ist bei Astrid Klein ein wiederkehrendes Motiv, dabei arbeitet sie mit vorgefundenen Bildern, oftmals aus Zeitschriften oder auch Filmen, fast immer in Schwarz-Weiß. Ein Tryptichon von 1980 zeigt einen Aussteiger, einen Versager und einen Verlierer. Wieder das gleiche Prinzip, dieses Mal aber sind es Querformate, und die Männer liegen wie nasse Säcke am Boden, auf den einen ist eine Pistole gerichtet, vermutlich wurde schon abgedrückt. Endstationen dreier Leben, über die wir nichts wissen und nichts erfahren, ein Elend, das so diffus bleibt wie die Bilder selbst, die durchs Vergrößern unscharf geworden sind oder eine starke Rasterung aufweisen. Dazu die kühlen Kommentare: Aussteiger, Versager, Verlierer. Erbarmungslose Labels, die vorgeben, alles über den, der da liegt, zu wissen. So lassen sich die Fotoarbeiten von Astrid Klein vor allem auch als Kommentare zu Kommentaren lesen.

Plakativ, aber vieldeutig

Ein Großteil ihrer Werke ist plakativ, dabei vieldeutig. Blickfänge sind die Collagen bildschöner Frauen, die auf Filmbildern basieren. Die Verführerin, die Hysterikerin, die unterwürfige Hausfrau: Hier muss Astrid Klein keine Schlagworte auf Balken schreiben, die Labels sind so verinnerlicht, dass wir sie mitdenken. Stattdessen überschreibt sie die Bilder mit Phrasen, die Zeitungen entstammen. „daß vollkommene Liebe die Angst austreibe“ steht über dem Bild eines Mannes, der von hinten eine Frau umklammert, deren Regieanleitung wohl lautete, sie werde bedrängt, solle dabei aber bitte maximal verführerisch aussehen.

Die Fotoarbeiten der Serie Les tâches dominicales (Sunday Works), die in den 1980ern in Paris entstanden, sind vielschichtiger, auch was das verwendete Material betrifft. Klein schreibt sich hier noch stärker ein, wenn sie die verwendeten Filmbilder mit schmalen Packbandstreifen auf Karton befestigt, die sie zuvor mit der Schreibmaschine beschriftet hat, so dass sie den Charakter eines stillstehenden Leuchtschriftbandes haben.

Astrid Klein arbeitet oftmals mit Materialien, die als „arm“ bezeichnet werden: LKW-Planen und Chemiefaserstoff, eine Installation besteht aus Fliegenfängern. Das zugehörige Klavierstück, Aus dem Tagebuch einer Fliege von Béla Bartók, frisst sich trotz der phänomenalen Deckenhöhe durch die Stockwerke der Werkschau Transcendental Homeless Centralnervous in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg. Die Kopfschmerzen sind programmiert. Es ist aber auch das Einzige, was man der Ausstellung vorwerfen kann. Manchmal ist schwer zu trennen, ob das Unbehagen, das man spürt, vom Bild herrührt, das man ansieht, oder von den ewig gleichen Dissonanzen im Ohr.

Auf eines der intensivsten Werke stößt man im obersten Stockwerk, eingeebnet, eingeordnet, begradigt von 1984. Der fast vier Meter breite und zweieinhalb Meter hohe Schwarz-Weiß-Druck zeigt den Parthenon in Athen, darunter die Akropolis. Es sieht aus, als habe auf dem Hügel ein Feuer gewütet, als glimmten noch Reste davon, dazwischen scheint sich eine hingestreckte Figur abzuzeichnen. Gewiss ist das nicht, womöglich ist es nur ein Effekt, geschuldet der Vergrößerung. Oder fördert der Zoom erst Spuren der Geschichte zutage, die nicht mehr sichtbar sein sollen? Deutlicher ist das zwei Jahre später entstandene Werk Quadriga, das direkt daneben hängt: Der Hügel, der sich bis zum Vierergespann auf dem Brandenburger Tor türmt, ist aus Schädeln gebaut. So lassen sich beide Werke als Kommentare über eine Zeit lesen, in der die Singularität des Holocaust in Frage gestellt und die Forderung laut wurde, es mit der Aufarbeitung der Gräuel der NS-Zeit endlich einmal gut sein zu lassen. Beide Werke sollten bekannter sein.

Steigt man hinab ins Tiefgeschoss der zum Ausstellungshaus umgebauten Fabrikhalle, stößt man auf sechs Höllenhunde. Ihre tiefschwarzen Schemen schweben durchs Bild, das wiederum eine abfotografierte Wand mit einer vermauerten Tür zeigt. Endzeitgefühle II (1982) entstand ursprünglich für die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, später wurden zwei Abzüge an einem Aufgang der Linie U2 am Hamburger Hauptbahnhof angebracht – dem in Richtung Kunsthalle; vermutlich zwecks Einordnung: Keine Sorge, ist nur Kunst. Denn die Hunde sind ehrlich zum Fürchten, weniger sie selbst als die Frage, wer oder was ihnen folgen mag. Jetzt also hängen sie hier, bilden auf ihre Art das Fundament der Schau.

Parbleu, Polke!

Will man hingegen chronologisch vorgehen – was man nur jeweils am ersten Sonntag des Monats eigenmächtig entscheiden kann; die Sammlung ist ansonsten nur im Rahmen von Führungen zugänglich –, sollte man mit den auffallend kleinformatigen frühen Zeichnungen beginnen. An der Wand, die mit den gerahmten Papierarbeiten gekachelt ist, stößt man wieder auf das Tagebuch einer Fliege, oder besser gesagt: TAGEBUCH 1E ner FLIEGE, wie es hier heißt. Lapidar steht ebendieser Schriftzug auf einem Blatt, darunter markieren Punkte die Flugbahn des Insekts: Ein wenig schepp legt es los, dann stürzt es zielstrebig in einen Looping, es fliegt die Zeichen für „männlich“ und „weiblich“ ab, und kaum dass es wieder herausschwirrt, endet die gepunktete Linie in einem Kreuz. „Bartók ’40/Klein 81“ steht darunter. Endzeitgefühle auch hier, nur dieses Mal herrlich lakonisch.

Die Prominenz von Zeitgenossen wie Sigmar Polke, an den man hier unweigerlich denkt, hat Astrid Klein nie erreicht. Dabei war sie früh mit Ausstellungen in allen wichtigen Kunstvereinen vertreten, sie nahm an der Documenta teil, und mit Sprüth Magers vertritt sie eine der renommiertesten deutschen Galerien. Bekannt ist sie vielen als Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo sie bis zum vergangenen Frühjahr 23 Jahre lehrte. Es ist an der Zeit für den Marsch durch ein paar mehr Institutionen.

Info

Astrid Klein. Transcendental Homeless Centralnervous Sammlung Falckenberg Hamburg-Harburg, bis 2. September

06:00 09.06.2018

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