Christine Käppeler
Ausgabe 2615 | 30.06.2015 | 06:00 3

Alte Schwedin!

Boom-Bremse Schallplatten sind wieder angesagt. Es gibt nur ein Problem: Die Maschine, die sie produzieren kann, lief zuletzt 1984 in Sundbyberg vom Band

Im Pförtnerhaus brennt kein Licht. Es steht auch kein Stuhl darin, auf dem einer sitzen könnte, der Besucher empfängt. Die Schranke ist oben, der Hof dahinter leer. Nichts rührt sich, abgesehen von der Dampfwolke, die sich aus einem Rohr in Leipzigs Abendhimmel drückt. Sie ist der einzige Hinweis auf die fünf Maschinen, die in der gekachelten Werkhalle im Hinterhof eine Million Schallplatten im Jahr pressen.

Drinnen wird eine dieser Maschinen gerade von schwarzem auf blaues Vinyl umgestellt. Toolex Alpha heißen die Pressautomaten, zuletzt wurden sie in den 80ern hergestellt und das sieht man ihnen auch an: Klobig und ölverschmiert stehen sie da, der lindgrüne Lack ist schon etwas angeschabt, ihre Gelenke lärmen. Ein Schlauch saugt kleine blaue Kügelchen in die Maschine, die zu einer zähflüssigen Masse geschmolzen werden. Mit einem Plopp spuckt sie etwas aus, das sie hier den Vinylkuchen nennen. In anderen Werken sagen sie Puck, das entspricht der Form recht genau, nur dass in der Mitte schon das Loch der späteren Schallplatte ist. Der Puck landet auf einer metallenen Scheibe, die einem Plattenteller nicht unähnlich ist. Sie ist das Negativ der A-Seite. Die Tonrillen wurden zuvor in eine Lackfolie geschnitten, aus der mittels Elektrolyse dieses Werkzeug entstanden ist. Von oben kommt das Gegenstück für die B-Seite, dann hämmert die Maschine 100 Tonnen schwere und 130 Grad heiße Platten darauf. Fehlt nur noch der Randabschneider, der den Wulst rundum entfernt. 26 Sekunden dauert es, bis eine Schallplatte fertig ist.

2014 wurden in Deutschland 1,8 Millionen Schallplatten verkauft. Gegenüber dem Vorjahr war das eine Steigerung um 27 Prozent. In der Tabelle des Bundesverbands der Musikindustrie, die alle physischen Tonträger auflistet – CDs, Musikkassetten, DVDs –, ist Vinyl nun das einzige Medium, hinter dem ein grüner Pfeil nach oben zeigt. Ein Blick auf diese Tabelle ist allerdings auch hilfreich, um den viel beschworenen Vinyl-Hype in Relation zu setzen: Für die CD geht es zwar seit Jahren abwärts, verkauft wurden 2014 aber immer noch 87 Millionen Exemplare. Die Schallplatte ist also eher der FC St. Pauli unter den Tonträgern, der gerade so den Klassenerhalt in der 2. Liga schafft. Ähnlich groß sind aber auch die Hingabe der Fans und die Strahlkraft der schwarzen Scheibe. „Vinyl bedeutet eher kulturelles Kapital als bare Münze“, sagt etwa Maurice Summen vom Berliner Musiklabel Staatsakt, zu dessen Künstlern Rocko Schamoni, Bonaparte und Die Sterne zählen. Das Label veröffentlicht alle Alben seit 2008 auch als LP. Manche, die Sampler des Golden Pudel Club aus Hamburg zum Beispiel, erscheinen gar nicht auf CD. „Die Opinionleader“, sagt Summen, „hören bevorzugt Vinyl.“

Der Ökonom Max Roser von der Universität Oxford hat kürzlich für die USA ein Säulendiagramm aus den Verkaufszahlen seit 1973 erstellt. Es sieht aus wie der Querschnitt einer Skisprungschanze, an deren Ende ein paar Tannenwedel trotzig in die Luft ragen. Von gut 500 Millionen Dollar in den 70ern hat sich der Umsatz bis 1985 halbiert. Von dort geht es nur noch bergab, 1990 sind es gerade einmal noch 30 Millionen, 2006 ist die Talsohle erreicht. Aber dann kommen die Tannenwedel, der vorläufig letzte erreicht 15 Millionen Dollar. Roser hat sein Schaubild mit dem höhnischen Kommentar „So sieht das Vinyl-‚Comeback‘ wirklich aus …“ bei Twitter gepostet.

Aber wie aussagekräftig ist es? 1973 ist Vinyl im Grunde alternativlos. Der erste Knick zeichnet sich 1980 ab, also in jenem Jahr, in dem der britische Tonträgerverband die Kampagne Home taping is killing music gegen die Mutter aller Raubkopien startet, das Mixtape. Die Industrie bringt die Schallplatte dann allerdings zehn Jahre später selbst ins Grab. Mit Einführung der CD schließen die großen Plattenfirmen ihre Presswerke, der Kunde soll den Umstieg auf den futuristisch glänzenden Tonträger mitmachen und am besten seine Plattensammlung gleich noch einmal auf CD nachkaufen. Wieder zehn Jahre später führt Apple den iPod ein, 2006 wird der Streamingdienst Spotify gelauncht. So gesehen erscheint es nicht mehr so lächerlich, von einem Comeback des Vinyls seit 2006 zu sprechen. Es ist jetzt ein Luxusgut.

Gunnar Heuschkel, der Chef des Leipziger Presswerks Randmuzik, ist keiner, der große Worte macht. Er kommt erst ins Reden, als wir ihn auf der Tour durch den Betrieb an der Maschine für die Plattencover treffen. Durch den blauen Koloss rattern die Pappen eines Albums, das Heuschkel selbst in den 90ern unter dem Namen Lynx veröffentlichte. Zwei Leipziger DJs haben einen Track der alten Platte kürzlich in London aufgelegt, die Veranstaltung wurde im Internet gestreamt, prompt kamen Nachfragen. Nun wird nachgepresst, 500 Stück. Heuschkel ist gelernter Maschinenbauer, das Presswerk hat er in den 90ern mit Freunden aufgebaut. „Unsere erste Ausstattung“, erinnert er sich, „ist in den Nachwendeturbulenzen begründet.“ Jemand hatte gehört, dass in Bulgarien ein Kombinat abgewickelt wurde. Zwei Toolex-Alpha-Maschinen kauften sie dort. Den Rest, sagt er, trugen sie aus der ganzen Welt zusammen: „Das ist ja alles nicht frei verkäuflich.“ Bestes Beispiel ist der gut fünf Meter lange Apparat, der Heuschkels Pappen zu Plattencovern faltet. Gebaut in den 70ern, 2008 in einem englischen Betrieb ausrangiert. Wenn man von so etwas Wind bekommt, muss man schnell sein. Heuschkel setzte sich in den nächsten Easyjet-Flieger, zog sich auf der anderen Seite des Ärmelkanals seinen Blaumann über, demontierte das Teil und machte einen Container transportbereit. Ein Jahr dauerte es in Leipzig, bis er die Maschine zum Laufen brachte. Die Branche liebt solche Geschichten.

Seit etwa einem Jahr klagen die Plattenlabels, dass die Wartezeiten bei den Presswerken länger werden. Bei Randmuzik liegt sie aktuell bei zwei Monaten, seit Weihnachten werden keine Neukunden mehr angenommen. Um zu verstehen, warum auch die großen Presswerke ihren Output kaum noch steigern können, muss man Leipzig verlassen und nach Röbel an der Müritz in Meckelnburg-Vorpommern fahren. 5.000 Einwohner, am einen Ortsrand springt man in den See, am anderen stehen die grauen Hallen von Optimal Media. Neben Schallplatten werden hier CDs und DVDs und vor allem auch Drucksachen hergestellt.

Optimal ist neben GZ in Tschechien und Record Industry in den Niederlanden der größte Produzent in Europa. 14 Millionen Schallplatten waren es im vergangenen Jahr, in diesem sollen es 15 werden. „Dann ist das Ende der Fahnenstange erreicht“, sagt Andreas Kohl, der hier im Vertrieb tätig ist. Wir sind über zwei Stunden im Werk unterwegs, von der Galvanik, wo die Presswerkzeuge hergestellt werden, bis zum Versand, und mittendrin wird klar, warum mehr als 15 Millionen Stück im Jahr kaum geht: Sausend und ploppend verarbeitet auch hier die Toolex Alpha Vinylgranulat zu Tonträgern. Nur dass in Röbel 30 Maschinen im Vierschichtsystem arbeiten. Das Problem kann Kohl schnell benennen: „Es wird keine neuen Pressen geben. Und es gibt auch keine alten mehr. Außer irgendwo taucht ein Lager auf.“ Ab und an passiert das noch, letztes Jahr im Oktober wurde in Dublin eine Werkhalle entdeckt, die EMI 1982 geschlossen hatte. Großer Aufruhr in der Szene, und auch Kohl schaut jetzt wie ein Angler, der von einem Zweimeterhecht erzählt. Für die Röbeler fiel allerdings nichts ab: „Die haben die Planen von den Maschinen genommen, den Strom angeschlossen und pressen jetzt selbst.“

Die letzte Toolex Alpha lief 1984 in Schweden vom Band. Die Maschinen, die diese Maschinen herstellten, gibt es nicht mehr. Gleiches gilt für das einzige Konkurrenzprodukt aus den USA. Würde man heute eine neue Vinylpresse projektieren, unterläge die ganz anderen Normen. Man müsste wieder Maschinen bauen, um die neuen Maschinen zu bauen. Das, sagt Kohl, gibt der Markt nicht her. Er hat so seine Theorie, weshalb der Boom ohnehin nicht noch stärker werden wird: Ein guter Teil der Platten, die sie pressen, sind Katalogauswertungen. The Beatles in Mono zum Beispiel: 14 LPs mit allen Monoaufnahmen der Band, die Box kostete 377 Euro. Remastering heißt das Zauberwort: Die moderne Digitaltechnik wird genutzt, um aus den alten Aufnahmen klanglich mehr herauszuholen. Kraftwerks Autobahn erschien 2009 remastered, gerade eben das letzte der Alben von Led Zeppelin. Irgendwann, ist Kohl sich sicher, sind die Kataloge aber eben auch ausgewertet. Dann bleiben die Labels, die auch neue Alben auf Vinyl herausbringen.

Der Musiker Ted Gaier besitzt beide Ausgaben von Autobahn, die von 1974 und die von 2009. Er sagt: „Der Rerelease klingt so viel besser, technisch hat sich da viel getan. Für Soundfetischisten ist das ein Argument.“ Gaier hat 1987 in Hamburg das Label Buback mitgegründet, das nie aufgehört hat, die Alben seiner Bands auf Vinyl zu veröffentlichen. Als Ende der 80er die CD aufkam, nahm Gaiers Band Die Goldenen Zitronen ihr Album Porsche, Genscher, Hallo HSV noch einmal mit Störgeräuschen auf, eine Anti-CD, mit der sie das neue, vermeintlich überlegene Medium veralberten. Trotz des Warnstickers verkauften sie etwa 10.000 Stück. Gaier kennt so manche abenteuerliche Geschichte aus der Frühphase der Digitalisierung. Etwa, wie man sich 1994 auf der Musikmesse Popkomm die Zukunft des Plattenladens vorstellte: Der Kunde kommt rein, äußert seinen Musikwunsch, zehn Minuten später bekommt er eine fertig gebrannte CD in die Hand gedrückt. An Downloads dachte da noch keiner. Die jungen Leute, ist Ted Gaier überzeugt, laden die Sachen heute herunter oder sie kaufen Vinyl. CDs kaufen nur noch Menschen über 40, „deshalb landen Bands wie Metallica auf Platz eins der deutschen Charts“.

Der Leipziger Maler David Schnell ist 43 und auch einer, der sich früh entschieden hat, „dieses CD-Ding“ nicht mitzumachen: „Ich habe den Klangunterschied gehört und immer schon die Cover geliebt.“ Die CD sei eben „unauratisch“. Früher habe er sich sogar beim Malen im Atelier Platten aufgelegt, mit Gummihandschuhen: „Aber die Platten haben gelitten.“ Mit dem Künstler Sebastian Kretzschmar hat Schnell im vergangenen Jahr das Label NYT gegründet, sie veröffentlichen Schallplatten, die Gesamtkunstwerke sind. Die erste ist ein Doppelalbum der Musiker Webermichelson, dem eine Remixplatte beiliegt. Das blaue, aufwendig gestaltete Cover ist mit einer anthrazitfarbenen Schicht überzogen. Man kann sie abrubbeln oder zusehen, wie nach und nach erste Kratzer entstehen. Schnell und Kretzschmar haben das Album an manche Leute zweimal verkauft: „Eines zum Anhören und eines zum Aufheben.“ Sie haben es sogar Leuten verkauft, die gar keinen Plattenspieler besitzen: „Die wollen das nur als Objekt.“

Ein Exemplar liegt im Büro von Randmuzik. Falls einer wissen will, was mit ihren alten Maschinen so machbar ist. Für die Toolex Alpha haben sie inzwischen so oft Ersatzteile gebaut, dass unten in der gekachelten Werkstatt jetzt eine sechste Maschine steht. Sie ist mit der Toolex Alpha ganz klar verwandt, nur etwas moderner sieht sie aus: nicht lindgrün, sondern zart türkis, die Teile sind schlanker und kantiger. Ein Laie könnte sie auf den ersten Blick für ein medizinisches Gerät halten. Sie ist ein bisschen wie der Vinyl-Boom: Für Technikbegeisterte und Nostalgiker. Und sehr exklusiv.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 26/15.

Kommentare (3)

Vaustein 01.07.2015 | 17:18

Über die Faszination von Musik von der Schallplatte - verglichen mit der von der CD - wurde schon viel geschrieben. Es gibt zweifellos einen klanglichen Unterschied zwischen diesen Tonträgern. Aber der hängt vermutlich eher zusammen mit der Aufnahmetechnik, also ursprünglich zwischen analoger und digitaler Tonaufzeichnung.

Einer der Höhepunkte der analogen Aufnahmetechnik waren die sog. Direktschnittschallplatten, also Aufnahmen ohne Zwischenträger wie Tonband o.ä. direkt von den Musikern gespielt und auf die Metallfolie geschnitten von der später die Schallplatten gepreßt werden.

Für die beteiligten Musiker ist das zweifellos anstrengender als die sonst üblichen Verfahren - also auf Band aufnehmen, Fehler ausbügeln indem wieder und wieder neu aufgenommen und später vom Toningenieur die besten Teile zusammengefügt werden.

Wird aber bereits die Aufnahme digitalisiert also Töne in Zahlen umgewandelt geht etwas verloren. Was das ist, läßt sich nicht genau definieren, hängt aber vermutlich mit dem Obertonspektrum zusammen, das anscheinend minimal gegenüber den anaogen Signalen verändert ist.

Seit vielen Jahren sammle ich Schallplatten und freue mich darüber, dass ich mich nicht davon getrennt habe, um sie durch CDs zu ersetzen. Mir sind mehrere Musikfreunde bekannt, die das seinerzeit praktizierten. Die meisten haben es bitter bereut.

Es ist gut zu wissen, dass es noch Firmen und Menschen gibt, die das Kulturgut Schallplatte pflegen und produzieren.

Columbus 02.07.2015 | 21:14

Ein schöner atmosphärischer Artikel zu einer großen, persönlichen Stil- Entscheidung.

Immer wieder blinkert bei den Befragten "Vinylisten" dieser Distinktionswunsch durch, der so viele Nostalgie- und Sammlermenschen auch ergreift. Ich schaue auf meine Vinyl-Schätzchen, ich liebe sie, ich mag ihre Ton-Charakteristik. Aber besseren Sound liefern sie wirklich nicht. Alle Doppelblind- Hörtests belegen, dass es keine klanglichen Vorteile der Vinyl- Platten zu den CDs gibt und CDs wiederum nur selten eine hörbar bessere Qualität liefern, als digitale Downloads besserer Qualität.

Beileibe nicht alle Musikkonservenhörer sind vom Distinktionswahn angesteckt. Es gibt ja auch kulturelle und historische Interessen, mit denen man und Frau gepflegt sammeln kann. Es gibt die schöne Affenliebe der gepflegten Rituale, die das eigene Leben verdichten. Mögen die Maschinen noch ein bisschen halten, für die Vinyl- Jünger.

Jedoch wird, neben den Katalogauswertungen, auch weiterhin sehr differenzierte, neue Musik wieder auf Vinyl gepresst. Eine meiner niederländische Lieblingssängerin Janne Schra hat das mit einem Jazzer praktiziert.

Wie allerdings ein Maler, der an seinen Projekten schafft und rackert und dabei Musik hört, tatsächlich glauben kann, er höre eine bessere Qualität von Vinyl, wird mir ein Rätsel bleiben.

Wie sehen Sie, Frau Käppeler, denn das Thema Qualität, wenn Sie sich Songs herunterladen oder irgendwelche Tonträger nutzen? Bis zu welcher Bitrate und Komprimierung hören Sie noch Unterschiede? Kommt es nicht, egal ob nun MP3, Flac oder eines der Apple- Formate auf den Geräten landen, auf das Handwerk der Abmischung an? Heute ist jede Klanggestaltung möglich und jederzeit, bis zur Festlegung auf das verkaufte Produkt, eine Änderung drin.

Was liefern die Player oder die Software- Dummies? Was hören wir? Was ist Einbildung und Gehabe?

Wovon ich allerdings sehr fest überzeugt bin, dass die Charts und jene 100 Werke die den Popularlisten und Publikumsauswahlen entlang rezensiert werden, nicht die beste Musik abbilden. Für kein einziges Genre, nicht einmal für die angesagteste Pop- Welt oder den Klassik- Bereich.

Beste Grüße

Christoph Leusch

tejos 02.07.2015 | 23:05

Musik von Vinyl steht für Ursprünglichkeit, Authentizität und damit auch für die Tatsache, nie eine völlig perfekte/identische Kopie eines relativ aufwendigen und "detailreichen" Gegenstandes, herstellen zu können, erst recht nicht in tausendfacher Stückzahl. Hinzu kommt die Endlichkeit des Abrufens der auf ihr gespeicherten Information: sie zerstört sich, wie viele Dinge im Leben aufgrund ihrer Funktionsweise, allmälig selbst: Verschleiss durch benutzen. "Besser" kann eine Schallplatte und ihre Hülle auch nie werden als sie ist, wenn sie die Herstellerhalle verlässt.

Und hier liegt oft der Grund für ihren tatsächlichen (Markt-)Wert. Ist die Auflage auf wenige hundert oder tausend Exemplare limitiert, bestimmt die Nachfrage die Preise, auch und gerade für die Zukunft. Seltenheit ist jedoch nicht unbedingt gleich Wertsteigerung. Der Martkwert jeder einzelnen Schallplatte unterliegt einem komplexen Zusammentreffen verschiedenster Faktoren, wie Zeitpunkt, Ort, Zustand, Besitzer/Anbieter, Käufer, allgemeine Verfügbarkeit und natürlich der allgemeinen, respektive individuellen Begehrlichkeit der auf ihr gespeicherten Musik. Und hier dürfte es nach wie vor sehr spannend bleiben, ist nicht genau abzuschätzen, wie viele Leute in Zukunft aktuelle Musik auf Vinyl haben möchten - gibt ja heuer mannigfache Alternativen das Zeug zu Gehör zu bekommen. Da spielt die vielbeschworene Hülle und Verpackung weniger eine Rolle - nach heutiger Auffassung praktisch sind die sperrigen, empfindlichen und mitunter schweren Dinger nähmlich nicht allzu sehr. Letztendlich der entscheidende Faktor aber ist nunmal die Bereitshaft des/der geneigten Musikfreundes/-in einen gewissen Geldwert für diese Gestalt der Kunst/Kultur hergeben zu wollen, hergeben zu können. Und von diesen Leuten gibt es vergleichsweise wenige; gilt es doch generell, so günstig wie möglich an etwas zu kommen; manches will man vielleicht einfach nur hören, nichts weiter. Es geht in jedem Fall ins Geld, kauft man alles "auf Platte", egal, ob gerade von SonyMusic erschienen, oder 1974 vom längst nicht mehr existenten US-Indielabel aufgelegt. Wirklich wohl dabei fühlen kann sich auch nur der völlig hingebende Sammler, bei jenseits von 50€ fürs meisst jahrzehntelate Teil trotzdem noch zuzuschlagen.

Andererseits, wer authentische oder originale Zeitzeugen besitzen möchte, kann diese auch mit der größten Soundflat nicht aufs Smartphone herunterladen. Man muss zu ihnen kommen und selber bereit sein. Dabei entstehen ganz nebenbei Erinnerungen, an die man sich meisst gerne erinnert.

Dass im Zuge der CD-Einführung vielerorts Vinyl-Presswerke ersatzlos geschlossen wurden macht dieses Papier-und-Plastik-Universum nur noch undurchsichtiger - für Sammler und Kenner ergibt sich hierdurch aber auch ein gewisser Reiz und Antrieb. Denn mehr als Geld beansprucht Schallplattenbesitzen Zeit, wenigstens beim Hören. Dazu bedarf es nämlich der wiederkehrenden Mittäterschaft des /der Hörenen/-In, sonst ist der Spaß nach rund 20 bis 30 Minuten schon wieder vorbei.

Man muss oder sollte es also irgendwo doch lieben, eine Leidenschaft aufweisen, leicht süchtig sein. Mehr also, als man meint zu brauchen, um Musik hören zu können. Aber wer nur irgendwie Hören will, ist seit den späten Siebzigern ja nicht mehr auf die schwarze Scheibe angewiesen. Wem hingegen Hören alleine nicht genug Erfüllung ist, wem gar "irgendwie" Hören nicht zusagt, wird irgendwann eine Schallplatte besitzen. Dann zwei. Und so weiter.

Und möglicherweise sogar erkennen und feststellen, das ist auch nicht die Wahrheit. Aber es ist die eleganteste, ehrlichste und erhabenste Form, einst aufgenommene Musik wieder zum Leben zu erwecken, sich von ihr berühren zu lassen. Nicht überall und jederzeit und damit unter Verzicht des eigentlichen Genusses. Da Plattensammeln viele Facetten aufweist und jedem mindestens ein weiteres gibt, wird das gerne akzeptiert.

Sie sind die Kompromisse immernoch Wert, die Schallplatten, auch in ihrer heutigen Rolle. Mindestens. Es gibt nach wie vor kein schöneres Gesamtkonzept.

Traurig zwar, aber irgendwo wieder cool, wenn Produkte ihren Hersteller überleben. Das gilt besonders für Musik auf Vinyl.