Angekommen

Bühne Dirk von Lowtzow und Thies Mynther schreiben als Phantom Ghost seit 15 Jahren wunderschöne Songs. Live trafen sie oft nicht den Ton. Jetzt gab’s die Jubiläumsrevue

Tocotronic feierten vor nicht allzu langer Zeit ihren 20. Geburtstag. Überraschend kam das nicht. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein oder Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk gehören als Lieder so selbstverständlich in die frühen 90er wie die Trainingsjacken, die von der Band damals getragen wurden. Phantom Ghost ist lange Zeit Dirk von Lowtzows neues, anderes Projekt mit Thies Mynther gewesen. Mynther war der Keyboarder der Bands Stella und Superpunk. Dass es Phantom Ghost nun auch schon 15 Jahre gibt, ist erstaunlicher, denn selbst die frühen Songs klingen gegenwärtig. Möglich, dass ein Zeitloch schuld ist, denn dem Übernatürlichen waren beide Künstler stets zugetan. Filmen wie Rosemary’s Baby und The Wicker Man zum Beispiel, die sie zitierten.

Zitate und Verweise sind immer schon ein Stilmittel der Band, repräsentative Regale ließen sich mit den Büchern, Filmen und Schallplatten füllen. Neben The Wicker Man stünde August Strindbergs Nach Damaskus und David Bowies Tonight. Sie liefern aber nur Textbausteine, wie beiläufig eingeworfen in eine Konversation. Mit klassischem Sampling hat das wenig zu tun. „Nothing is written in this world / the thing is we tumble and we twirl“ lautet eine der ewig wahren Phantom-Ghost-Zeilen, die so entstanden sind. Dazu gab es ein Video, das die beiden beim Rauchen und Musizieren ganz in Rot getaucht zeigte. Stil und Eleganz, auch darum ging es immer, zuletzt formvollendet im Song My Secret Europe, der eine Medaille der EU verdient hätte, weil er ein so sehnsuchtsvolles Bild von Europa beschreibt, das sich in Dingen wie einem Hemd aus Turin manifestiert.

Nur Konzerte von Phantom Ghost waren oft eine echte Enttäuschung. Dirk von Lowtzows Stimme kippelte und sackte ab, das tat sie auf den Alben zwar auch, aber was dort charmant gebrochen klang, tönte auf der Bühne oft nur schief. Ich kann es nicht anders sagen: Ich habe einen Abend mit Phantom Ghost auch schon als quälend erlebt.

Zum Jubiläum nun kündigte die Band kein klassisches Konzert an, sondern eine Revue in einer großen Kulisse der Künstlerin Cosima von Bonin mit Meerestiervortrag und Puppenspiel. Vergangenen Dienstag war die Premiere im Rahmen des Foreign-Affairs-Festival im Haus der Berliner Festspiele. Eine deutsche Band bei einem internationalen Festival, das klang erst einmal widersinnig.

Es regnet Glitter

Cosima von Bonin hat zuletzt für das Cover von Pardon My English (2012) die Worte „Love“ und „Hate“ auf eine dünne Holzplatte gedruckt, im Haus der Berliner Festspiele hängt sie nun von der Bühnendecke. Dazu die für sie typischen Stofffiguren, vor allem Meeresgetier. Später am Abend wird es Glitter auf schwarze Schirme regnen und eine traurige rauchende Straßenlaterne wird zum Leuchten gebracht werden. Die Modedesignerinnen Annelie Augustin und Odély Teboul haben entworfen, was die Künstler tragen: Thies Mynther einen schwarz glänzenden Harnisch mit Schleppe, von Lowtzow ein funkelndes schwarzes Hemd. Das scheidende an diesem Spektakel ist: Außer dem Sänger ist nichts auf dieser Bühne von dieser Welt, und so muss es auch sein.

Mynther, der große schwarze Vogel sitzt an seinem schwarzen Flügel, während Lowtzow am Mikrofon die Fäuste ballt und seltsame kleine Tänze aufführt. Drei Lieder lang geht das so, das dritte ist das durchgeknallte Dr. Schadenfreud, dann scheint er angekommen zu sein. Und wie. Dem Auftritt wohnt nun etwas Einzigartiges inne: Eine echte Lust an der Performance, ein Sänger, der sich vor den Augen des Zuschauers vortastet, nicht ohne Eitelkeit, aber ohne sich in eine Bühnenrolle zu flüchten. Der Auftritt des Sängers also ist zugleich höchst artifiziell und höchst authentisch, unheimlich befreiend wirkt das und auch der Festivaltitel Foreign Affairs ergibt auf den Abend gewendet nun Sinn, denn hierzulande ist das ein sehr untypisches Gebaren, leider.

Als ich das erste Mal Tocotronic sah, im Sommer 1996 muss das gewesen sein, da griff der Schlagzeuger Arne Zank zum Mikrofon und sagte: „Könnt ihr bitte den Nebel abstellen? Dirk ist nämlich erkältet.“ Das fanden damals alle natürlich super. Als sich der Abend im Haus der Berliner Festspiele dem Ende zuneigt, wird eine röchelnde Nebelmaschine angeworfen. „Applaus für den Elefanten“, fordert Thies Mynther und Dirk von Lowtzow sagt im ansteigenden Bodennebel mit einer galanten Handbewegung zur ersten Reihe: „Sie haben ja Ihre Fächer.“ Finden natürlich wieder alle super, und das ist es auch. Die schwarzen Fächer sind am Eingang gegen die Hitze verteilt worden. Von Lowtzow krempelt dann die Ärmel seines funkelnden Hemds hoch und schnippt gelassen durch die Gesangspausen des nächsten Songs. Schnipp, Schnipp, immer zwischen „relax“ und „it’s only a ghost“, und jeder Ton sitzt genauso, wie er für diesen Song sitzen musste. Der Abend endet mit einem echten Auf-die-Fresse-Cover, You’re My Mate von Right Said Fred. So viel Albernheit muss sein, um das weiterapplaudierende Publikum in die unbeseelte Berliner Nacht hinauszukomplimentieren.

Retrospectres – Phantoms and Ghosts (1999 – 2014) Weiterer Termine: 19. August 2014, Kampnagel Hamburg

06:00 11.07.2014
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