Auf Tauchstation

Kunst Cory Arcangel sammelt Tweets von Menschen, die behaupten, ein Buch zu schreiben. Nun hat er ein Buch daraus gemacht
Christine Käppeler | Ausgabe 33/2014 1

Der New Yorker Cory Arcangel ist seit einigen Jahren schon einer der aufregendsten Vertreter dessen, was man einmal Netzkunst oder auch Digitalkunst nannte. Inzwischen ist von einer neuen Generation die Rede, für die das Label Post-Internet-Art gefunden wurde. Post-Internet-Art ist ein irreführender Begriff. Er meint nicht jenseits des Internets, sondern das exakte Gegenteil: Für die Künstler dieser Generation der nach 1980 Geborenen ist das Internet ein Alltagsmedium, das sie selbstverständlich befragen, dekonstruieren, sich aneignen und als ein Material von vielen verwenden. Es ist ein schwammiger Begriff, der seit 2006 kursiert.

Cory Arcangel ist Jahrgang 1978, einer also, der eine Amiga-Konsole noch als Spielzeug und nicht erst als Retrogerät kennengelernt hat und sich an die pixelige 8-Bit-Figur erinnert, die Super Mario einmal war. Mit Super Mario ist Cory Arcangel als Künstler bekannt geworden, genauer gesagt mit einem Super-Mario-Bros.-Spiel, aus dem er alle Figuren löschte, sodass nur weiße Wolken übrig blieben, die über einen hellblauen Himmel ziehen. Super Mario Clouds (2002) findet sich inzwischen in der Sammlung des Whitney Museum in New York, aber es ist auch ein Open-Source-Werk: Auf seiner Webseite coryarcangel.com erklärt der Künstler Schritt für Schritt, was man mit einer alten Nintendo-Kassette anstellen muss, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Es klingt erstaunlich simpel. Um ein anderes Beispiel zu nennen, das wesentlich aufwendiger nachzumachen wäre: Für Drei Klavierstücke, op. 11 (2009) hat der Künstler Youtube-Videos von Kätzchen, die übers Klavier stolpern, so montiert, dass die einzelnen Töne Arnold Schönbergs Komposition ergeben.

Arcangel ist Hacker und Archivarbeiter, beides sehr zeitgemäße Tätigkeiten. Zuletzt hat er diese Skills angewendet, um gemeinsam mit dem Carnegie Museum und dem Andy Warhol Museum den digitalen Nachlass des Künstlers aufzuarbeiten – Schachteln voller Amiga-Disketten, die Bilder enthalten, die Warhol mit einem einfachen Grafikprogramm gezeichnet hat. Bekannt war bis dahin, dass ein solches Bild von Debbie Harry existierte, das Warhol auf der Pressekonferenz zeichnete, die 1985 den Amiga Commodore einführte. Auf den Disketten fanden sich unter anderem Selbstporträts, Suppendosen und eine Venus mit drei Augen. Mit das Faszinierendste an dieser Entdeckung ist, dass die Warhol-Geschichtsschreibung ihretwegen nicht umgeschrieben werden muss.

Das war im April, dieser Tage nun hat Cory Arcangel ein Buch veröffentlicht, ein Taschenbuch, um präzise zu sein, 144 Seiten im renommierten Penguin-Verlag. Wegen Working on my Novel, so viel vorweg, muss die Geschichte von Cory Arcangel genauso wenig umgeschrieben werden wie die von Andy Warhol wegen einiger Disketten. Das Buch ist das Ergebnis eines Tauchgangs in eines der jüngsten Archive der Menschheit, nämlich Twitter. Cory Arcangel hat dort 2011 einen Account mit dem Titel „Working on my novel“ eröffnet, auf dem er fortan jeden Tweet geretweetet hat, der diese Wortfolge enthielt. Über 600 sind es bislang. Manche haben nur das gepostet: „Working on my novel“ – arbeite an meinem Roman. Aber in den meisten Tweets steht noch mehr, und es zeugt davon, wie weit ihre Urheber davon entfernt sind, ebendas zu tun: … im Schwimmbad … mit einer Schüssel Cornflakes vor dem Fernseher … Einer twittert sogar: „Arbeite an meinem Roman und lese Proust. Wäre nur jeder Tag so.“ Was ist wohl schlimmer für ein Romanprojekt, fragt man sich da: Nebenher Marcel Proust lesen oder nebenher die Sitcom Family Guy schauen, wie ein anderer freimütig zugibt? Arcangels Projekt ist keineswegs nur lustig. Und es fordert auch dazu heraus, den eigenen Zynismus zu überprüfen: Wie vielen prognostiziert man null Chance, allein aufgrund ihrer unter 140 Zeichen? Und bei wem – ganz ehrlich – denkt man das schon nach dem Blick aufs Profilbild?

Im Buch sind die Fotos nicht zu sehen, die Tweets stehen jeweils einzeln auf einer Seite, dazu der Urheber, Tag und Uhrzeit, ansonsten viel Weißraum. Zwischen zwei Buchdeckeln stehen die Namen nun also, aber nicht als Autoren, sondern als Protagonisten der Geschichte eines anderen.

Den ersten eigenen Tweet hat Arcangel auf seinem Account am 3. Oktober vergangenen Jahres abgesetzt: „Working on my novel ;-) #Literally“ und nur fünf Tage später „Working on my novel and listening to Usher :-)“. Der britische Kunstkritiker Jonathan Jones hat Working on my Novel daraufhin mit Andy Warhols A. Ein Roman verglichen. Warhol hatte dafür Gespräche seiner Freunde in der Factory auf Band aufgezeichnet, die meisten von ihnen waren auf Amphetaminen, daher der Titel. Der Impetus beider Künstler-Romanciers war sicherlich ein ähnlicher: etwas dem echten Leben abzuschöpfen, das stranger than fiction ist, wie es im Englischen heißt. Anders als zu Andy Warhols Zeiten wird heute aber sicher keiner mehr die Frage nach der Eigenleistung des Autors stellen. Cory Arcangel wird vielleicht nicht der Einzige in seinem Twitterfeed bleiben, der etwas publiziert. Aber vermutlich der Einzige in einem bekannten Verlag wie Penguin. Am Ende ist doch der eigentliche Clou, dass ein Hacker und Nerd wie Arcangel nicht nur für die Kunstwelt, sondern auch für einen Traditionsverlag heute der wesentlich interessante Autor ist.

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06:00 15.08.2014
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Ausgabe 27/2020

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