Bestie in der Bestie

#MeToo Wie sollen Museen mit Werken von Künstlern umgehen, denen Missbrauch vorgeworfen wird?
Bestie in der Bestie

Foto: Gerard Rondeau/Agence VU/laif

Es gibt eine Szene in Ruben Östlunds Kunstwelt-Satire The Square, die durch die Goldene Palme für den Film in Cannes eine gewisse Bekanntheit erlangte: Die Freunde und Sponsoren des Museums sind zu einem Galadinner eingeladen, das von der Performance eines Künstlers namens Oleg begleitet werden soll. Aus dem Off ertönen Dschungelgeräusche, eine Männerstimme erzählt etwas von einem Tier, das auf der Jagd sei, und von der Angst, die es riechen könne. Dieser Oleg mimt eine Art Affenmensch, er hat seine Arme auf zwei kurze Krücken gestützt, so dass er auf allen vieren und doch gleichzeitig auf Augenhöhe mit den Anwesenden um die Tische pirschen kann. Die Kunstfreunde finden das amüsant, bis Oleg sich einer jungen Frau nähert, sie beschnüffelt, betatscht, an den Haaren packt und auf den Boden und unter sich zerrt. Erst als ein Mann eingreift, werden zwei weitere aktiv. Die Szene endet damit, dass sie zu dritt den Performancekünstler vermöbeln.

Verbalattacken, Vergewaltiger

Es handelt sich bei The Square, wie gesagt, um eine Satire. Es geht in dieser Szene nicht um Gewalt gegen Frauen im Museum und schon gar nicht um Zivilcourage. Die drei „Retter“ sind in ihrem Furor so erbärmlich wie der Rest der Gesellschaft. Es geht vielmehr um einen scheinbar geschützten Raum, dessen Wände plötzlich durchlässig werden. Etwas Ähnliches geschieht gerade durch die #MeToo-Debatte. Museen haben sich entschieden, Ausstellungen abzusagen oder zu verschieben, weil gegen die Fotografen und Maler, deren Bilder gezeigt worden wären, Missbrauchsvorwürfe erhoben werden. Die Werke haben ihre Unschuld verloren, weil mit einem Mal die schmutzige Realität in die cleanen Räume der Museen sickert. Einige dieser Häuser wissen sich für den Moment nicht anders zu helfen, als die Schotten dicht zu machen.

Die Vorwürfe gegen die Künstler sind dabei unterschiedlicher Natur. Der Modefotograf Bruce Weber, dessen für Herbst angesetzte Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen vorerst abgesagt wurde, soll männliche Models sexuell genötigt haben. 15 von ihnen haben Journalisten der New York Times ihre Geschichte erzählt, der Fotograf hingegen spricht von „ungeheuerlichen Behauptungen“. Einer der Männer hat im Dezember 2017 bei einem New Yorker Gericht Klage gegen Weber eingereicht. Der Maler Chuck Close, der halbseitig gelähmt ist, soll Aktmodelle verbal attackiert haben. Die National Gallery of Art in Washington hat eine für Mai geplante Werkschau deshalb bis auf Weiteres verschoben. Gleiches gilt für eine für September angesetzte Ausstellung des Fotografen Thomas Roma, der unter anderem seine Position als Direktor des Fotografie-Instituts der Columbia University missbraucht haben soll, um Studentinnen sexuell zu nötigen.

Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow erklärte, sein Haus wolle sich „weder an einer moralischen Vorverurteilung beteiligen noch ein Werk zeigen, das ggf. unter nicht korrekten Bedingungen entstanden ist“. Eine Ausstellung sei zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich, da eine „Trennung von Künstler und Werk in der Debatte nicht gegeben ist“. Man warte das Ergebnis der Gerichtsverhandlung ab. Klingt vernünftig, aber der Gerichtsentscheid wird kaum endgültige Klarheit bringen. Mehrere Fälle können wegen Verjährungsfristen nicht mehr zur Anklage gebracht werden. Und sollte Weber schuldig gesprochen werden –– was dann? Ist sein Werk dann bis auf Weiteres verbrannt? Die Museen spielen also allenfalls auf Zeit.

Philipp Demandt, Direktor von Städel, Liebieghaus und Schirn in Frankfurt, hielt vergangene Woche in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein starkes Plädoyer dafür, umstrittene Bilder nicht abzuhängen und Ausstellungen durchzuziehen. Demandt verwies unter anderem auf die Ernst-Ludwig-Kirchner-Retrospektive 2010 im Städel, in der die zahlreichen Kinderakte des Malers gezeigt, aber kritisch kommentiert wurden. Kirchner ist seit bald 80 Jahren tot, sein Leben und Werk sind gut erforscht, das erleichtert die Einordnung. Tod und Hermeneutik abzuwarten, kann in der aktuellen Debatte aber keine Option sein. Dass Museen sich so schwer damit tun, die aktuellen Vorfälle in ihre Ausstellungen einzubeziehen, anstatt sie auf Eis zu legen, verweist auf ein allgemeines Problem: Eine kritische Auseinandersetzung mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler findet in Museen nur selten statt. Eine Einzelausstellung in einem renommierten Haus entspricht einer Adelung, sie ist so etwas wie ein „Approved by“-Stempel. Umgekehrt kann es für ein Haus einen Imageverlust bedeuten, wenn es für einen fragwürdigen Künstler eine Retrospektive ausrichtet.

Zu den Kernaufgaben eines jeden Museums gehört neben dem Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen auch das Vermitteln. Sollte Vermittlung nicht immer auch eine kritische Reflexion einschließen? Galerien können ihre Künstler gerne feiern, Museen sollten ein umfassenderes Bild liefern; also auch auf Schwächen im Werk hinweisen oder eben, wie im Fall von Weber und Close, Vorwürfe gegen die Urheber thematisieren. Auf die Trennung von Werk und Künstler zu pochen, ist in diesem Zusammenhang nicht hilfreich: Sie ist ohnehin aufgehoben, wenn für eine Ausstellung mit einem prominenten Namen geworben wird. Hinzu kommt, dass die mutmaßlichen Straftaten im Rahmen der künstlerischen Tätigkeit begangen worden sein sollen. Und dass die mutmaßlichen Opfer in diese Situationen geraten sein sollen, weil sie von den Künstlern fotografiert beziehungsweise gemalt werden wollten.

Weber, Close und Roma werden nicht die einzigen Fälle bleiben. Vorwürfe gegen andere Künstler werden folgen, vermutlich auch gegen Galeristen und Kuratoren. Die Museen werden sich darauf einstellen müssen. Es ist verständlich, dass der Intendant der Deichtorhallen schreibt, sein Haus wolle „die Sensationslust nicht bedienen“. Die Frage ist, ob eine Absage der Ausstellung die Sensationslust des Publikums nicht mehr steigert als eine klug kuratierte Ausstellung. Denn wie leicht diese zu triggern ist, haben zwei andere aktuelle Vorfälle gezeigt. Im Dezember wurde über den Verbleib eines Balthus-Bildes im Metropolitan Museum of Art in New York gestritten, nachdem eine Besucherin eine Onlinepetition dagegen gestartet hatte. Und vergangene Woche sorgte die Nachricht für Empörung, dass ein Gemälde mit halbnackten Nymphen aus der Manchester Art Gallery entfernt worden sei (was sich als Kunstaktion entpuppte; aber da waren die Leitartikel schon geschrieben, die „Zensur“ schrien).

Niveau einer Massenkeilerei

Museen sind Orte, die wir als geschützten Raum empfinden. Egal, wie kontrovers, grausam oder abstoßend das Gezeigte ist: Hier bleibt alles im Rahmen. Auf Biennalen und in Museen für zeitgenössische Kunst begeben die Besucher sich in stockdunkle Räume oder in Nebelkammern ohne Sicht, in dem Wissen, dass ihnen nichts geschehen wird. Das ist der Schock in Östlunds Film: Der Künstler, der die Bestie performt, ist womöglich wirklich eine Bestie. Auf die aktuelle Debatte übertragen heißt das: Künstler, die Kinder, junge Männer oder Frauen als Objekte sexueller Begierde malten oder fotografierten, haben diese mutmaßlich gegen ihren Willen im Atelier oder während des Shootings als solche behandelt, womöglich sogar missbraucht.

Wenn wir die Debatte um (Macht-)Missbrauch in der Kunstwelt ernsthaft und nicht auf dem Niveau einer Massenkeilerei führen wollen, muss dieser auch in den Museen thematisiert werden. Das bedeutet nicht, dass sich die Arbeit von Kuratoren an möglichen Empfindlichkeiten des Publikums orientieren sollte. Manchmal ist es notwendig, diese zu strapazieren. Gerne würde man darüber mit dem Experten Hans Ulrich Obrist sprechen, doch der ist in Asien unterwegs und nicht erreichbar.

Eine Detail fällt in den Berichten der Frauen auf, die Chuck Close jetzt beschuldigen: Der prominente Künstler erschien ihnen unfehlbar, deshalb entkleideten sie sich vor ihm. Die Pennsylvania Academy of the Fine Arts, die seit Oktober 2017 eine Ausstellung mit 90 Fotografien von Chuck Close zeigt, will Ende dieser Woche in einem Nebenraum eine Sonderausstellung eröffnen, die sich anhand von Werken aus der Sammlung des Museums mit Machtverhältnissen, Machtmissbrauch und Geschlechterfragen in der Kunstwelt befasst. Wer dadurch die Autonomie der Kunst bedroht sieht, kann kein allzu großes Vertrauen in sie haben.

06:00 09.02.2018

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