Bitte weiter aufblasen

Skulptur Die Künstler Ólafur Elíasson, Anish Kapoor und James Turrel fragen mit Gewalt: Ja, was sieht der Mensch denn eigentlich?
Christine Käppeler | Ausgabe 52/2013 3

Die erste Begegnung mit einem Bild von James Turrell kann nachhaltig irritieren. Es kann dazu herausfordern, Dinge zu tun, die in Museen grundsätzlich verboten sind. Es soll Menschen geben, die in Bilder von Turrell hineingeklettert sind, ohne dass man sie aufgehalten hätte. Meist beginnt es so: Der Betrachter steht vor einer vermeintlich monochrom bemalten Leinwand. Er staunt, wie ebenmäßig sie ist, wie intensiv die Farbe leuchtet. Etwas, denkt er, stimmt damit nicht. Er sieht sich vorsichtig um. Ein schneller Schritt nach vorn, die Nase berührt nun fast die Wand. Nur ist da keine Wand. Sein Finger nähert sich dem Farbfeld. Wäre das Bild alarmgesichert, hätte er längst die Sirene ausgelöst. Also stößt er, zack, mit dem Finger in das Rechteck. Kein Widerstand. Mutig schiebt er den Kopf hinterher.

Das Sprengel Museum in Hannover besitzt eines dieser Werke des inzwischen 70-jährigen Kaliforniers, es ist puderrosa. Der Moment, in dem der Kopf in dieses Puderrosa eintaucht, ist schwer zu beschreiben. Es ist wie ein Blick in eine andere Welt. Als befände man sich ohne Flugzeug in einer Wolke. Dann hat sich das Auge an die Lichtverhältnisse gewöhnt, und die Konturen des Raums hinter der Wand werden sichtbar. Schaut man nach oben, sieht man die Farblampen, die den Effekt erzeugen.

Mit solchen optischen Täuschungen arbeitet auch der in Mumbai geborene Brite Anish Kapoor. In seiner Ausstellung Symphony for a Beloved Sun, die von Mai bis November im Gropius-Bau in Berlin zu sehen war, fand sich an einer Wand in etwa zwei Metern Höhe ein kleiner schwarzer Kreis. Ich wäre wohl vorbeigelaufen, hätte nicht just in dem Moment ein anderer Besucher mit Audio-Guide auf den Ohren mir sein Rätsel enthüllt. Grinsend steckte er immer wieder seinen Finger in das Loch, das der schwarze Kreis tatsächlich war. Vorsichtig formuliert: Die Grenze zwischen kindlichem Staunen und kindischen Reflexen ist im Umgang mit Werken von Turrell und Kapoor oft schmal. Ähnliches gilt für den isländisch-dänischen Künstler Ólafur Elíasson, der seit einigen Jahren ein Atelier mit 70 Mitarbeitern in Berlin unterhält. Mit Ai Weiwei startete er im November das Online-Projekt Moon. Unter www.moonmoonmoonmoon.com kann man sich auf einem virtuellen Mond verewigen. Bald schon war von der größten Klowand des Universums die Rede.

Kindergarten-Experimente

James Turrell, mit 70 Jahren der älteste, hat seinen künstlerischen Anspruch einmal so formuliert: „Es geht darum, auf das Sehen einzuwirken.“ Das lässt sich auch auf Elíasson übertragen. Es gibt einen Film, Space is Process, der die Entstehung der vier künstlichen Wasserfälle verfolgt, die er 2008 in New York installiert hat. Zwischen Episoden, die ihn ins Atelier, an den Hudson River und zum Aufbau anderer Ausstellungen begleiten, tritt Elíasson in den White Cube des Monitors für eine kleine Schule des Sehens. Er hält einen orangefarbenen Pappkreis ins Bild, acht Sekunden soll man starren, er nimmt den Pappkreis weg, und es erscheint, vom Auge ergänzt, ein türkisfarbener Kreis. Ein Kindergarten-Experiment, denkt man. Sind seine spektakulären Installationen im Kern am Ende so banal?

Einer, der Elíassons Werke sehr gut kennt, ist der Sammler Christian Boros. Er sah es früher ähnlich. Elíassons Büro, so erzählt er, hatte bisweilen Fotos seiner Licht- und Spiegelarbeiten geschickt. „Für mich“, sagt Boros, „war das Jugend forscht.“ Dann sah er Elíassons Ventilator, der an einem Seil durch einen 30 Meter hohen Raum im ehemaligen Postfuhramt in Berlin flog. 1998 war das, Elíasson stellte auf der Berlin-Biennale aus, damals nannten ihn die Zeitungen noch einen „jungen Künstler“, was selten nur das Alter meint. Boros zückte noch in der Ausstellung sein Handy „in dem Bewusstsein, ich werde die Arbeit nie wiedersehen. Ich werde sie kaufen, verpacken und unters Bett stellen. Aber ich musste sie haben. Ich war so verzaubert“. Was ihn so verzauberte? „Wie subtil sie ist“.

Einige Jahre später baute er den Hochbunker in der Reinhardstraße in Berlin zu seinem Privatmuseum um, seither ist Platz für Werke wie dieses. Für den ersten Ausstellungsraum hat Elíasson eine Auftragsarbeit gemacht. Eine kugelförmige Konstruktion aus mehreren hundert Glasplättchen, die von der Decke hängt. Manche würden es Lampe nennen, aber Berlin Colour Sphere ist wesentlich mehr. Je nach Winkel schaut man auf schnödes Glas, oder die Plättchen leuchten in sämtlichen Spektralfarben, die sich auf den Bunkerwänden als Rautenmuster abbilden. Man kann über die physikalischen Ursachen des Effekts rätseln. Man kann in der Arbeit einen Spiegel der wechselhaften Geschichte des Bunkers sehen. Oder der Stadt, die ihn umgibt. Oder auch, ganz universal, der unabsehbaren Folgen jedes Schrittes, den man so tut. Oder man geht ganz einfach vor der Schönheit des Lichts und der Farben in die Knie.

Seit Boros im vergangenen Jahr einen anderen Teil seiner Sammlung im Bunker zeigt, liegt die Berlin Colour Sphere in einer Kiste. 2015 soll sie in dem strengen Betongebäude gezeigt werden, das der japanische Architekt Tadao Ando für die Langen Foundation auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss entworfen hat.

Wasserfälle und Vulkankrater

Apropos Neuss: Man muss nicht nach Berlin, um Werke von Ólafur Elíasson zu sehen. In München hat der 46-Jährige zum Beispiel für das Atrium des Neuen Lenbachhauses eine Skulptur aus Metall- und Glasplatten geschaffen, die sich einem Tornado gleich acht Meter vom Boden bis zur Decke windet. Ihre Farben verweisen auf den „Blauen Reiter“, die Künstlergruppe um Wassily Kandinski, Franz Marc und August Macke, deren umfassendste Sammlung im Besitz des Hauses ist. Die Form der Skulptur kann man je nach Großwetterlage als dynamisch oder bedrohlich empfinden. In Goslar zeigt das Mönchehaus Museum aktuell die Ausstellung Eine Feier, elf Räume und ein gelber Korridor. Elíasson hat in diesem Jahr den Kaiserring verliehen bekommen, eine Kunstauszeichnung der Stadt. Die Jury preist ihn als Forscher-Künstler in der Nachfolge da Vincis.

So eine landesweite Umarmung muss nicht verkehrt sein. Schwierig ist aber, dass das Publikum, das sich von den Licht-, Farb- und Spiegelexperimenten angezogen fühlt, inzwischen geradezu erwartet, überwältigt zu werden. Elíasson ist wie Kapoor und Turrell vor allem auch für seine spektakulären Großprojekte bekannt. 2003 ließ er in der Turbinenhalle der Tate eine künstliche Sonne scheinen, fünf Jahre später setzte er seine vier künstlichen Wasserfälle in den Hudson River. Anish Kapoor fiel in diesem Jahr mit Ark Nova auf, einem auberginefarbenen, aufblasbaren Opernhaus. Und James Turrell baut seit 1979 in der Wüste von Arizona in einem 180 Meter tiefen Vulkankrater ein Observatorium, das ganz neue, gefilterte Einblicke in das Universum geben soll. Die Nebenwirkung ließ sich in Kapoors Berliner Ausstellung in dem Raum Shooting in the Corner beobachten. In unregelmäßigen Abständen wurde eine Kanone mit einem blutrot eingefärbten Wachsklumpen geladen. Die Klumpen donnerten in die gegenüberliegende Ecke. Es ist eine sehr sinnliche Installation, die blutrote Farbe auf der weißen Wand, der Geruch des Wachses. Nach der Detonation leerte sich der Raum schnell unter enttäuschtem Gemurmel. Wo blieb der Knalleffekt?

Vielleicht täte auch der Kunst am Ende gut, was uns allen seit Jahren angeraten wird: Downsizing. Ólafur Elíasson sagt über seine Installationen: „Die Verantwortung für das, was Sie sehen, liegt bei Ihnen. Es geht nicht um mich, sondern um Sie.“ Das Problem ist nur: Wer aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, sieht nicht so genau hin.

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10:04 02.01.2013
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