Christine Käppeler
Ausgabe 0814 | 24.02.2014 | 06:00 4

Christian Wulff als Film-Film

„Der Rücktritt“ Wiedersehen in Burgwedel: Sat.1 zeigt die letzten 68 Tage der Wulffs im Schloss Bellevue

Man kann nur hoffen, dass keiner auf die wahnsinnige Idee kommt, diesen Film eines Tages auch im Ausland zu zeigen. In den USA zum Beispiel, wo die ebenfalls von Nico Hofmann produzierte TV-Serie Unsere Mütter, unsere Väter neulich erst für Entsetzen gesorgt hat. Der Rücktritt, Hofmanns jüngste Produktion über die letzten 68 Tage von Christian und Bettina Wulff im Schloss Bellevue, die Doku-Material mit fiktionalen Szenen mischt, steht zwar sicher nicht unter Verdacht revisionistisch zu sein, aber blamabel ist sie auch so.

Das fängt mit den Schokoladennikoläusen an, die im Film überall herumstehen müssen, weil Adventszeit ist und weil die Frage, wer den größten hat (die beiden Reporter von der Bild) natürlich ungeheuer doppelsinnig und lustig ist. Und als man denkt, der Schokoladennikolauswitz sei endlich durch, weil der präsidiale Weihnachtsbaum nun aufgestellt ist, da sieht der soeben gefeuerte Wulff-Sprecher Olaf Glaeseker den von Wulff geschenkten Mini-Nikolaus auf seinem Schreibtisch und wirft ihn mit einer Träne im Auge in den Büromülleimer.

Ob dieser Abschied mit Nikolaus zu den erfundenen Elementen des Films gehört oder ein Ergebnis der Hintergrundgespräche ist, die Regisseur Thomas Schadt mit Wulffs Umfeld und diversen Medienmenschen geführt hat, ist eigentlich egal. Aber es gibt andere Szenen im Film, da würde einen das schon brennend interessieren. Wenn Kai Wiesinger und Anja Kling zum Beispiel als Christian und Bettina Wulff in einer Limousine sitzen, die sie in Kuwait zum Staatsempfang bringen soll, und wenn Wiesinger dann sein Handy nimmt und Hans-Jochen Wagner anruft, der als Kai Diekmann in einer Hotel-Lobby sitzt, die in New York sein soll, dann erhofft man sich ein wenig Erkenntis darüber, was diesen Mann dazu brachte, diese vollkommen wahnsinnige Kriegserklärung auf Diekmanns Mailbox zu sprechen. Aber da ist nichts. War da nichts, fragt man sich also, oder hat dieses Filmteam nur einfach nichts gefunden?

Kai Diekmann übrigens, das wurde bei der Premiere am vorigen Montag im Kino International in Berlin denn auch gleich auf der Bühne verkündet, hat via Twitter bereits wissen lassen, dass er Hans-Jochen Wagner als Besetzung einen Witz findet. Grund zur Beschwerde hätte aber eigentlich Bettina Schausten vom ZDF gehabt, die von einer Schauspielerin verkörpert wird, die sie mal eben zehn Jahre älter macht und ihre Stimme um eine halbe Oktave in den Keller jagt. Aber in der Film-Film-Welt von Sat.1, dem ausstrahlenden Sender, gibt es vermutlich nur Sopran oder Alt, und als erfolgreiche Journalistin Ende 40 ist man natürlich Alt. Grund zur Twitter-Beschwerde hätte auch die Residenz in Kuwait gehabt, in der die Wulffs übernachteten. Bei Sat.1 sieht sie aus, wie sich ein deutsches Möbelhaus den Orient vorstellt. Wollte man es für den Film irgendwie positiv drehen, könnte man sagen: In der Film-Film-Welt von Sat.1 ist Burgwedel eben überall.

Als im Kino International nach knapp eineinhalb Stunden die Lichter angingen, schien es kurz so, als sei der Spuk vorüber. Alsbald rutschte der Sitznachbar nervös im Sessel. War das da drüben nicht Gustl Mollath? Seit vergangenem Montag werden hier nun keine Wetten mehr angenommen, welchen Stoff Nico Hofmann als nächstes zurichten wird.

Der Rücktritt Regie: Thomas Schadt Sat.1, Dienstag 25.02., 20.15 Uhr

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/14.

Kommentare (4)

luddisback 25.02.2014 | 09:55

ich fand das alles bereits gestern schlimm, und teamworx schon viel laenger, aber gerade las ich, dass jan fleischhauer am drehbuch mitgewirkt hat. und hier erklaert er deshalb den film:

http://www.spiegel.de/kultur/tv/jan-fleischhauer-ueber-das-sat-1-movie-ueber-wulff-ruecktritt-a-955250.html

und mal ehrlich, das geht doch alles gar nicht mehr klar. nein, ich habe das nicht durchgelesen. ich meine fleischhauer und hofmann. arsch und eimer.

meine mitgefuehl jedenfalls, frau kaeppeler. kulturredakteurin und dann solche termine. dann geht es als naechstes aber garantiert nur aufwaerts.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 27.02.2014 | 15:25

Konnte man überhaupt Lust haben, sich den anzugucken?

Ja schon. Die Perspektive aus seinen Räumen war eigenartig. In meiner Erinnerung zog sich die Affäre quälend lange hin, unerträglich wie die Eingangssequenz von Spiel mir das Lied vom Tod.

Interessant fand ich, wie Anja Kling Bettina Wulff verkörpert hat: als eine liebende Frau, der durch seine in der Krise wohl unausweichliche Ichbezogenheit verletzt die Liebe abhanden kommt. So hab ich sie nicht gesehen. Ich fand sie von Anfang an ein Leichtgewicht und alles was dann passiert ist, wie sie aufgetreten ist, passte so gut dazu, dass ich es nie hinterfragt hab. Ihr Buch war für mich nur eine Bestätigung des bisherigen.

Und was für einen Killerinstinkt man als Journalist hat (haben muss? oder den viele einfach zufällig haben und ihn in ihrem Beruf von der Leine lassen dürfen?), ging mir auch in neuem Licht durch den Film auf. Jörges hat (ich glaub im Anschluss an den Film) dokumentiert und da sah man das gleiche Blitzen in seinen Augen, wie man es von den Bildleuten kennt (obwohl er eher ausgleichend argumentiert hat). Als ob es ihn ergötzen würde. Das fand ich schon fast gespenstisch. Das normale Weichei schreckt ja zurück, wenn es Blut sieht. Ganz unabhängig davon, ob die Verletzung, die blutet, berechtigt zugefügt wurde oder nicht. Aber man empfindet es doch immer als bedauerlich, als unschön, wenn jemand blutet. Bei Journalisten ist das offenbar anders, die freut das, vielleicht weil sie getroffen haben? Weil Gerechtigkeit geschieht? Keine Ahnung. Seltsam ist das.