Die Rückkehr eines Gefühls

FoMO Nun öffnet wieder alles, und schon ist sie wieder da: die Angst, etwas zu verpassen
Die Rückkehr eines Gefühls
Palais de Tokyo in Paris: Streamst du noch oder dreamst du schon?

Foto: Picture Alliance/Hans Lucas/Panayotis Pavleas

„Il vous reste 146 jour(s) pour découvrir l’exposition“, sagt mir die Webseite des Palais de Tokyo in Paris. 146 Tage, das war vergangenen Sonntag. Wenn diese Zeitung erscheint, wird auf der Seite stehen, dass mir noch 142 Tage dafür bleiben, nach Paris zu fahren, wenn ich Anne Imhofs Ausstellung Natures Mortes sehen will. Mit dem Abebben der Pandemie in Europa kehrt ein Gefühl zurück, das keiner vermisst hat und für das Mitte der nuller Jahre von einem amerikanischen Studenten das Kürzel FoMO erfunden wurde: „Fear of Missing Out“, die Angst, etwas zu verpassen. FoMO ist die peinliche Cousine dritten Grades von Bartlebys „I would prefer rather not to“: Wer unter FoMO leidet, möchte unbedingt.

Ich möchte unbedingt diese Ausstellung sehen: weil das von dem Architektenduo Lacaton/Vassal überarbeitete Palais eines der interessantesten Museumsgebäude überhaupt ist. Wegen Imhofs Ausstellung Angst II im Hamburger Bahnhof, die ich als intensive Erfahrung erinnere. (Den Fame nicht zu vergessen: Goldener Löwe 2017 bei der Biennale in Venedig.) „Carte blanche“ heißt das Format, Imhof kann auf den 13.000 Quadratmetern zeigen, was und wen sie will.

Nun ist es nicht so, dass die in den Lockdowns erprobten Wege des Telebesuchs direkt wieder versperrt wären, nur weil man wieder in echt in die Museen kann. Wobei ich mit Telebesuchen seit Beginn der Pandemie so mittelgute Erfahrungen gemacht habe, muss ich gestehen. Da war zum Beispiel ein Samstagnachmittag, an dem ich dachte, ich könnte mir easy-peasy die Beckmann-Ausstellung im Frankfurter Städel Museum von meinem Schreibtisch aus ansehen. Statt im Städel landete ich via Zoom in der (auch sehr schönen) Bibliothek des Liebieghauses, wo ein freundlicher Herr saß, der alsbald seinen Bildschirm mit uns teilte, auf dem er eine Präsentation zu Max Beckmann in Frankfurt öffnete. Mein Dank gilt den wackeren Ehepaaren, die, besser ausgerüstet (Weißwein, Sofa, Füße hoch), mit eingeschalteter Kamera die Stellung hielten, während ich mein Video deaktivierte, um Zeitung lesen zu können. Jedenfalls bietet das Palais de Tokyo auch an, die Ausstellung von Anne Imhof online zu erkunden.

Zu sehen ist zuerst ein Video, in dem Eliza Douglas und ein weiterer Performer in flackerndem Bühnenlicht zu schroffen E-Gitarren-Riffs einen Raum mit brennenden Kerzen durchschreiten. Am Ende kniet Douglas auf dem Boden, wo brennbares Material liegt, zu den titelgebenden Worten „Natures Mortes“ geformt. Der eigentlich schöne Widerspruch zwischen dem Titel und der Tatsache, dass die Bilder, die Anne Imhof erschafft, alles andere als still stehen (was umgekehrt aber auch nicht heißt, dass sie quicklebendig wären; sie muten oft wie zwischen Leben und Tod an), führt dazu, dass die digitale Erkundung der Ausstellung schnell an Grenzen stößt: Neben einer Fotografie von Wolfgang Tillmans oder Bildern von Joan Mitchell und Cy Twombly, die Imhof ausgewählt hat, sind es vor allem gebaute Räume, von denen Ansichten anklickbar sind. Darunter steht dann Text, der erklärt, dass am Deckengerüst Lautsprecher montiert sind, die sich bewegen und interagieren, nicht nur untereinander, sondern auch mit einem Video (außerhalb des Sichtfelds) von Elaine Sturtevant, in dem ein Hund auf die Betrachterin zuspringt. Womöglich wedelt er fröhlich mit dem Schwanz. Ich werde es nicht erfahren, wenn ich nicht in den nächsten 142 Tagen nach Paris fahre.

In der vorerst letzten Staffel der grandiosen HBO-Serie High Maintenance läuft dem Protagonisten, einem New Yorker Dope-Fahrradkurier, ein Hund zu. Er tauft ihn kurzerhand FoMO. Ich finde, das ist eine schlüssige Namenswahl, FoMO hat etwas Hündisches. Ausstellungen in Paris online zu besuchen, fühlte sich nur so lange okay an, wie es auch die Pariserinnen machten.

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06:00 08.06.2021
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Ausgabe 24/2021

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