Dufte Sommer

Gallery Weekend Was wird von der Kunst der 2010er Jahre einmal bleiben? Bei der elften Leistungsschau der hauptstädtischen Galerien bekommt man davon eine Ahnung
Christine Käppeler | Ausgabe 19/2015

Anfang der 80er wurden in Mailand Möbel entworfen, die aussahen, als hätten sich die Designer nur von Froot Loops und Flutschfingern ernährt. Die Sofas und Frisierkommoden hatte scheinbar jemand aus Bauklötzen und Schwimmringen zusammengesetzt, jede Komponente leuchtete in einer anderen Knallfarbe; Türkis, Rot, Orange, Fuchsia. Memphis-Design war eine Zeitlang angesagt, in den Kunstgewebemuseen finden die Besucher die Sachen heute eher zum Quietschen.

Vielleicht wird es auch künftigen Museumsgängern einmal so gehen, wenn sie im MoMA oder im Centre Pompidou den Raum betreten, in dem die sogenannte Post-Internet-Art der 2010er Jahre ausgestellt wird. Der Gedanke drängt sich auf, wenn man sich anschaut, was Galerien wie Kraupa-Tuskany Zeidler oder auch PSM während des Gallery Weekends zeigen, die ein sehr gutes Gespür für zeitgenössische Positionen haben. Die Installationen von Daniel Keller zum Beispiel. Oder die Videos von Daniel Jackson. Beide bedienen sich plakativ der Techniken, die das digitale Zeitalter hervorgebracht hat. Jackson nutzt für seine Videos sehr einfache Filmprogramme, und die darin enthaltenen Effekte gleich mit. So regnet es rosarote Herzchen in einem Clip, der eigentlich eine Albtraumszene zeigt: Die Hand des Künstlers als graue Klaue greift im Dauerloop ins Leere.

90-50-90

Ähnlich scheußlich ist die Bildwelt, die Keller auf ein Stoffbanner hat drucken lassen: Ein grell blühendes Tal, durch das sich eine stählerne Pipeline schlängelt, die eine künftige Kommune mit Nährstoffen versorgt. Zwei Frauen mit der typischen 90-50-90-Figur, die am Computer offensichtlich automatisch entsteht, stapeln daneben Steine zu kleinen Türmchen auf. Dazu hat Keller in den beiden Räumen von Kraupa-Tuskany Zeidler einen geschlossenen Kreislauf aus sprudelnden Aquarien und Schläuchen angelegt, in dem nach und nach aus Spirulina-Kulturen grüne Algensuppe reift. Der Gedanke, dass es solche Bilder sind, die einmal von den 2010er Jahren bleiben, ist leider nicht total abwegig.

Ein Katzenbild von Martin Eder wird wohl auch in diesem Museumsraum der Zukunft hängen, die Besucher werden irrtümlich denken, dass es sich um irgendein millionenfach geklicktes Youtube-Biest handelt, und vermutlich immer noch streiten, ob das nun Kunstkitsch oder Kunst ist. Eder verfolgt seit einiger Zeit ein anderes Motiv: Those Bloody Colours heißt seine neue Porträtserie, die Frauen zeigt, die aus einer Schlacht kommen, deren Anlass wir nicht kennen. Sie tragen Reste von Rüstungen und Schwerter, sie wirken erschöpft, aber nicht geschlagen, es sind gewaltige Bilder, sehr genau im Detail, noch der blasseste Schimmer einer Ader unter der Haut ist erfasst. Es sind aber ganz klar Frauen von heute, die Nägel der Hand, die das Schwert stützt, sind orange lackiert. Am Abend der Eröffnung steht der Künstler im Eingang seiner Galerie Eigen+Art in Mitte und kann entspannt zusehen, wie die Sammler mit glasigen Augen um seine Bilder tigern.

Wenn 47 Galerien gleichzeitig eröffnen und wenn man möglichst viele von ihnen besucht, stößt man auf Werke, die sich zu kommentieren scheinen. Auf einem Bild von Thomas Bayrle steht zum Beispiel ganz klein mit Bleistift gekritzelt: „3d printing = Da, wo der anspruchsvolle Geist eine platte technische Antwort erhält“, was sich wiederum wie eine Antwort auf manche Werke der Post-Internet-Art liest. Ebenso wichtig wie die Kunst sind aber eh immer auch die Räume, in denen sie gezeigt wird. In diesem Jahr natürlich allen voran Johann Königs Kirche St. Agnes, ein Brutalismusbau aus den 60ern, in den der Architekt Arno Brandlhuber eine Zwischendecke aus Beton eingezogen hat. So sind zwei Ausstellungsräume entstanden, die Betonstützen unten scheinen die ersten Technoclubs zu zitieren, der Saal oben wirkt auf eine sehr protestantische Art sakral, was die bis zu acht Metern breiten, leuchtend bunten Sprühbilder von Katharina Grosse noch verstärken. Ebenso schlau bespielt Isabella Bortolozzi die Wohnung, die ihre Galerieräume am Schöneberger Ufer einmal waren, Calla Henkel und Max Pitegoff zeigen dort Fotografien von Wohnungsbesichtigungen in Berlin, Zürich und London und tauchen die Räume mit in den Fenstern installierten Strahlern in ein vorteilhaftes Abendlicht. Man möchte gar nicht mehr weg, erst als ein Galeriemitarbeiter streng schaut, weil man das Klo benutzt hat, fällt einem wieder ein, dass man hier nicht zu Hause ist. Umso unbeschwerter fühlt man sich in Bortolozzis zweiter Galerie Eden Eden tiefer im Westen. Man betritt ein Schwimmbecken, das nach Sommer duftet, genauer gesagt nach Schaumgummikram vom Freibadkiosk, mit dem die Wände gekachelt sind. Über 30 Jahre ist diese Idee von Aldo Mondino alt, wer weiß, ob er gedacht hätte, dass sie die Menschen 2015 noch ansprechen wird.

In Brooklyn, so war kürzlich im New Yorker zu lesen, gibt es jetzt übrigens ein Memphis-Design-Revival. Anlass war die Nachricht von Hillary Clintons neuer Wahlkampfzentrale im Trendviertel, und die Frage, wie die angemessen zu möblieren sei. Mit Memphis-Design, sagte ein Boutiquenbesitzer, läge sie absolut vorne.

Info

Das 11. Gallery Weekend fand von 30. April bis 3. Mai in Berlin statt. Alle Ausstellungen dauern an

06:00 07.05.2015
Geschrieben von

Ausgabe 13/2020

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