„Ein hohes Gut“

Interview Matthias Mühling hat im Auftrag der Bundesrepublik Kunst angekauft – aber welche?

Wussten Sie, dass es eine Kunstsammlung gibt, die Ihnen zu einem knappen 80-Millionstel gehört? Es finden sich so bedeutende Werke wie Gerhard Richters Sekretärin (1964) darin. Seit 1971 wird im Auftrag der Bundesregierung Kunst gesammelt, alle fünf Jahre werden fünf Fachleute berufen, die gemeinsam über die Einkäufe entscheiden. Matthias Mühling war von 2012 bis 2016 Mitglied dieser Kommission.

der Freitag: Auf der Webseite der Bundesregierung steht über die Sammlung: „Sie fördert die kritische Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der Zeit und hilft, neue Ansätze und Orientierungen zu finden.“ Was braucht ein Werk, um diesem Anspruch gerecht zu werden?

Matthias Mühling: Zunächst muss es ein interessantes, formal überzeugend umgesetztes Kunstwerk sein. Wir kaufen nichts nur wegen der Botschaft. Und dann muss es für die Kunstproduktion in Deutschland im Augenblick relevant sein. Das dritte Kriterium ist, dass es im weitesten Sinne über die Idee unserer Gesellschaft, über die deutsche Identität oder auch die aktuelle politische Lage reflektiert. Die ersten zwei Kriterien können aber ausreichen. Es gibt sehr gute Gemälde, die aus kunsthistorischen Gründen ausgewählt wurden, einfach weil sie die aktuelle Malerei repräsentieren. Es wäre furchtbar, wenn jedes Kunstwerk ein angestrengtes Nachdenken über das Deutsche wäre.

Das Aufmacherbild der Ausstellung von Eric van Lieshout zeigt die Rückansicht der Quadriga, darunter steht das Wort „Welcome“. Entspricht dieser plakative Gestus dem Zeitgeist?

Wenn eine Ausstellung konzipiert wird, gibt es Teile, die plakativ aufbereitet werden müssen, und es gibt Bereiche, die in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit erzählt werden müssen.

Das Poster und die Einladung gehören immer zu den plakativen Dingen. Ich würde es als ein Statement nehmen, dass diese Sammlung schaut, was der Status quo der Kultur in unserem Land ist, ohne sich auf die engen Grenzen des Nationalstaats zu beschränken. Ein Künstler aus den Niederlanden setzt sich damit auseinander, wie ein politischer Augenblick in Deutschland mit Kunst reflektiert werden kann. Er hat die Arbeit hier entwickelt und er beschäftigt sich mit etwas, das alle in Europa gerade angeht.

Zur Person

Matthias Mühling, 49, ist Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München. Gemeinsam mit Susanne Gaensheimer, Anette Hüsch, Svenja von Reichenbach und Stephan Berg war er von 2012 bis 2016 Mitglied der Ankaufskommission.

Foto: Julian Baumann

Was würden Sie jemandem entgegnen, der kritisiert, dass mit deutschen Steuergeldern Werke ausländischer Künstler gekauft werden?

Ich glaube, niemand kann in Frage stellen, dass Künstlerinnen und Künstler aus dem Ausland, die hier leben, wichtig für die deutsche Kulturproduktion sind. Nehmen Sie Kandinsky, der zwischen 1911 und 1913 seine wichtigsten Bilder malte, in München. Wie wichtig das für unsere Kultur ist, wird sicher niemand hinterfragen.

Manches können vermutlich nur Künstler aus dem Ausland zeigen. „DDR Children Library“ – ein Regal mit Kinderbüchern aus der DDR – ist das Werk eines Israelis und eines Iren. Hätte ein Ostdeutscher das gemacht, würde man sagen: Ostalgie. Bei einem westdeutschen Künstler: Aneignung.

Kunst ist eines der ersten Globalisierungsprojekte seit dem 15. Jahrhundert. Genau das ist die Idee der Sammlung der BRD. Wir sind nicht nur Exportweltmeister von technischen Gütern, sondern auch als Produktionsstandort für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt wahnsinnig attraktiv. Es ist absolut geboten, dass der Bund in seiner Sammlung mit Stolz dieser Form der internationalen Kunstproduktion in Deutschland durch Menschen aus aller Welt ein Denkmal setzt. Das hört sich so pathetisch an, aber es ist ein hohes Gut, in dem sich Demokratie verwirklicht. Es ist auch eine Errungenschaft der Nachkriegszeit, dass man sich nicht mehr darüber mokiert, wenn die Neue Nationalgalerie impressionistische Künstler kauft.

Ihnen standen jährlich knapp 400.000 Euro Ankaufbudget zur Verfügung. Das ist verglichen mit vielen Museen in Deutschland nicht viel.

Finde ich nicht. Wenn ich sehe, was wir davon gekauft haben, finde ich das sogar ziemlich toll. Was wir leider nicht geschafft haben in diesen fünf Jahren, ist, die Post-Internet-Generation ausreichend abzubilden, die seit der letzten Berlin Biennale von DIS auch im Fokus einer breiteren Öffentlichkeit ist. Aber wir haben immerhin einen Grundstein gelegt, mit einem Selbstporträt von Hito Steyerl, Berlin Start-up Case Mod von Simon Denny und einer Leuchtskulptur von Timur Sin-Quin.

Die Sammlung besteht seit 1971. Sie ist also keine gesamtdeutsche Sammlung. Wie wird mit diesen Lücken umgegangen?

Das muss eine Rolle spielen, gar keine Frage. Was man mit 400.000 Euro aber nicht tun kann, ist historisch ausgleichend zu arbeiten. Wir hätten nicht sagen können, wir brauchen jetzt einen wichtigen Willi Sitte. Das kann die Sammlung nicht leisten. Wichtig ist aber die Idee der Repräsentation. Also dass Künstlerinnen und Künstler aus allen Bundesländern berücksichtigt werden, ohne dass das die verwässernde Leitlinie sein darf.

Es gibt keine Proporz-Franken in der Bundeskunstsammlung?

Nein. Aber wir haben darauf geachtet, nicht nur auf die ohnehin starken Standorte wie Berlin, Köln, Dresden und Leipzig zu schauen. Eine große Rolle spielt auch die Geschlechtergerechtigkeit und welche Künstlerinnen schon vertreten sind und welche nicht.

Sie waren auf der Art Cologne, der Art Basel und der Frieze in London, um Kunst zu kaufen. Wie lief das ab?

Ich fand die Kommissionsarbeit eine schöne Form der repräsentativen Demokratie: Fünf Menschen werden für kurze Zeit berufen und müssen einen Kompromiss finden. Man schärft seine Argumente und lernt dazu, das ist wie in einem Parlament. Wir hatten in der Regel zwei Tage Zeit. Zuerst haben wir einzeln oder in kleinen Gruppen einen Rundgang von zwei bis vier Stunden gemacht. Man trifft sich, tauscht sich aus, macht eine zweite Runde, in der man überprüft, was man alleine und was die anderen gesehen haben. Dann trafen wir uns wieder und entschieden final, was wir haben möchten. Und schließlich versucht man, die Sachen noch zu bekommen und auch bezahlen zu können.

Darf man im Auftrag des Bundes feilschen?

Wir hatten sogar die Verpflichtung, den bestmöglichen Preis auszuhandeln, man geht da ja mit Steuergeldern um. Aber die Galeristen und Künstler waren wahnsinnig unterstützend. Eine Präsenz in dieser Sammlung wird als verpflichtende Aufgabe gesehen. Und es hat ja auch etwas, wenn ein Künstler Weihnachten zu Hause erzählen kann, dass er jetzt in der Bundeskunstsammlung ist.

Die Werke können auch von Ministerien ausgeliehen werden. Welches würden Sie dem geplante Heimatministerium von Horst Seehofer empfehlen?

Ein einzelnes Werk möchte ich nicht auswählen. Ich fände es fast gemein, von einer Künstlerin oder einem Künstler zu verlangen, alles, was unsere Welt und Gesellschaft ausmacht und sie belastet, in einem Werk ausdrücken zu müssen. Das würde meiner Vorstellung von Kunst auf das Schrecklichste widersprechen. Aber stellen Sie sich vor, man müsste, um in das Büro des Ministers zu kommen, durch mehrere Räume hindurch. Durch Song of the Germans und Michaela Meliáns Arbeit Speicher, die mit den Mitteln der Videoinstallation das zeitgenössische Pendant zu Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen ist. Zuletzt ein Raum mit Künstlern aus aller Welt, die in Deutschland leben und arbeiten. Eine bessere Vorbereitung auf die Arbeit des Ministeriums mit den Mitteln der Kunst kann ich mir kaum vorstellen.

Die Installation „Song of the Germans“ erstellte der nigerianische Künstler Emeka Ogboh 2015 für die Venedig-Biennale. Ein Chor singt unsere Nationalhymne in zehn afrikanischen Sprachen.

Da kommt im Idealfall alles zusammen: Der Chor ist ein Berliner Chor. Das Lied der Deutschen, mit der ganzen Widersprüchlichkeit der Geschichte, die darin steckt. Und es ist ein international bedeutender Künstler, der sich entscheidet, in Deutschland zu leben und hier seine Kunst zu produzieren. Und damit etwas über uns erzählt, das wir sonst nicht so einfach und charmant verstehen würden.

Info

„Deutschland ist keine Insel“. Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland Bundeskunsthalle, Bonn, 8. März bis 27. Mai

06:00 04.03.2018

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