„Es ist eine Vergeltung“

Interview Der französische Starautor Édouard Louis steht in Berlin auf der Bühne. Mit der Inszenierung von „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ will er das Publikum verstören
„Es ist eine Vergeltung“

Foto: Christian Werner/ Connected Archives

Edouard Louis hat 2014 ein Buch über seine Herkunft geschrieben, das zum Bestseller wurde. Das Ende von Eddy erzählt von der Gewalt, die er als schwuler Junge aus der Arbeiterklasse in der französischen Provinz allen voran durch den Vater erfuhr, und davon, was es bedeutet, aus dieser Schicht aufzusteigen. Vier Jahre später nahm er in dem Essay Wer hat meinen Vater umgeracht? eine andere Perspektive ein: Der Monolog, in dem er den Vater direkt adressiert, ist eine Anklage des politischen Systems, das seinen Vater „zerstörte“ und „erstickte“. Thomas Ostermeier, der an der Schaubühne in Berlin schon Louis’ zweiten Roman Im Herzen der Gewalt inszenierte, holt auch diesen Stoff ins Theater. Der einzige Darsteller: Louis selbst.

Ostermeier, sagt Edouard Louis, als wir von Bildschirm zu Bildschirm sprechen, habe er schon als Teenager bewundert.

der Freitag: Herr Louis, woher kannten Sie als Junge aus der Arbeiterklasse in einem Dorf in der Picardie den Regisseur Thomas Ostermeier?

Édouard Louis: Das Theater und ich, das ist eine seltsame Geschichte, ein wenig schreibe ich darüber in Das Ende von Eddy. In der Mittelstufe hielten mich die anderen für verweichlicht, für nicht normal, keiner wollte mein Freund sein. Ich wurde als Schwuchtel beschimpft und suchte verzweifelt nach etwas, das dazu führen würde, dass ich geliebt werde. Also besuchte ich alle AGs: die Comic-AG, die Kalligrafie-AG, die Schach-AG, aber das brachte nichts. Irgendwann gab es eine Theater-AG und ich ging auch dahin. Die Lehrerin forderte mich auf, zu improvisieren – und plötzlich applaudierten mir alle. Alle sahen mich an, alle schienen mich zu lieben. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich geliebt fühlte, dass ich mich für etwas anerkannt fühlte. Es war, als sei der Lärm der Beleidigungen durch den Lärm des Klatschens verstummt.

Was spielten Sie vor?

Ich sollte ein Mann sein, der Zeitung liest und von einer Mücke belästigt wird. Mir fiel das leicht. Als schwuler Junge spielte ich ständig eine Rolle, um mich zu schützen. Ich tat so, als sei ich maskuliner, als liebte ich Mädchen, als liebte ich Fußball. Von diesem Tag an wusste ich, das Theater könnte meine Rettung sein. Deshalb ging ich als erster in meiner Familie nach der 9. Klasse aufs Lycée: Weil das Theater ein Ort war, an dem ich existieren konnte. Auf dem Lycée lernte ich etwas über die wichtigsten zeitgenössischen Regisseure, Frank Castorf, Thomas Ostermeier. Und wir gingen ins Theater. Ich sah Ostermeiers Hedda Gabler, als ich 16 war. Für mich war er ein Held der Avantgarde und der Radikalität.

Wie war es für Sie, das erste Mal im Theater zu sein?

Im Theater erkannte ich die Gewalt wieder, die mir widerfahren war, ich verstand, was ich durchlebte. Ich sah das erste Mal Homosexualität auf der Bühne, ich sah häusliche Gewalt. Diese Erfahrung hat mich verstört und verändert. Als ich 16 war, sahen wir uns mit der Schule Angels in America an. Ich war damals voller Scham, ich hatte Fake-Beziehungen mit Mädchen. Und dann sah ich auf der Bühne Männer, die sich küssten, die miteinander schliefen. Ich wusste, das war alles, was ich wollte; alles, was ich war, aber nicht sein wollte. Die Bühne konfrontierte mich mit dem, was ich nicht wahrhaben wollte. Ich stand mitten im Stück auf und sagte: „Ich will diesen Schwuchtel-Kram nicht sehen.“ Und ging raus. Das sagte ich, der schwule Junge, während die Heterosexuellen im Raum einfach nur das Stück anschauten.

Zur Person

Édouard Louis wurde 1991 in Hallencourt in der Picardie geboren. In Paris studierte er an den Elite-Unis ENS und EHESS unter anderem bei Didier Éribon Philosophie und Soziologie. 2018 hielt Louis die Samuel-Fischer-Gastdozentur an der FU Berlin. Im November erscheint von ihm Die Freiheit einer Frau (S. Fischer) über seine Mutter

Sie spielten als Besucher im Theater eine Rolle.

Ich spielte den anderen Homophobie vor, um mich vor Homophobie zu schützen. Was wir mit Thomas Ostermeier mit dieser Inszenierung versuchen: Wir wollen die Leute mit Realitäten konfrontieren, die sie nicht sehen wollen. Wir wollen das Theater nicht zu einem Safe Space machen, sondern zu einem verstörenden Ort. Einem Ort, der Probleme macht, an dem man sich schlecht fühlt, denn wir leben in einer schlechten Welt.

Mit Ihren Büchern erreichen Sie sehr viel mehr Menschen.

Ein Buch kann man weglegen, im Theater kommt man schon aufgrund der Architektur nicht so leicht davon. Wenn man aufsteht und geht, ist es zu spät, das Gefühl ist schon da. Ein Buch kann man zuklappen, bevor man sich schlecht fühlt. Ich stelle die Frage: Was unternehmt ihr gegen diese Gewalt, was unterlasst ihr? Früher hätte ich gesagt, dass Politiker Entscheidungen gegen die Armen treffen, weil sie nicht wissen, was es bedeutet, arm zu sein. Inzwischen glaube ich, sie wissen es und machen es trotzdem. Vor ein paar Tagen war in Frankreich in der Presse zu lesen, dass die Regierung Macron die Sozialleistungen für Arme weiter kürzt.

In Ihrem Essay beschrieben Sie 2018 einen ähnlichen Fall.

Sie kürzen alles weg, was den Armen hilft, zu überleben. Gleichzeitig liest man, dass in den Sozialämtern mehr Security eingesetzt wird. Was bedeutet das? Es bedeutet, sie wissen, dass sie Menschen zerstören werden, sie wissen, dass die Menschen deshalb wütend werden, also investieren sie Geld in Sicherheitsdienste. Sie wissen, was sie tun. Manchmal verliere ich die Hoffnung in die Kunst, wenn ich sehe, wie viele Menschen berührt sind von den Filmen von Ken Loach oder den Dardenne-Brüdern, von meinen Büchern oder denen von Annie Ernaux – und dann doch die Leute wählen, die dieses Elend verursachen, die diese Gewalt erzeugen. Die Menschen, die meinen Vater zerstören.

Was hält Sie am Laufen?

Ich will linke Denker erschaffen, ich will linke Kämpfer erschaffen, eine Crowd, die es noch nicht gibt. Junge Menschen, die das Buch lesen, junge Menschen, die ins Theater gehen, Menschen, die politisch noch nicht festgelegt sind. Und was die anderen betrifft: Wenigstens konfrontiere ich sie damit, was sie sind. Wir werden die Armee, die vor uns steht, nicht in Verbündete verwandeln, aber wir werden dafür sorgen, dass unsere Armee größer ist. Es geht nicht darum, die anderen zu überzeugen. Es geht darum, zu kämpfen.

Dann sitzen vor Ihnen im Theater eine Menge Feinde.

Einerseits ja. Das Theater ist ein privilegierter Ort, aber trotzdem landen dort durch Zufall Leute wie ich und viele Linke sind auch dort. Eine Sache, die wir mit Thomas Ostermeier zeigen wollen, ist, dass für Menschen wie meinen Vater eine Regierungsentscheidung Teil ihres Intimlebens wird. Eine Entscheidung von Sarkozy ist für ihn so intim wie sein erster Kuss oder sein erstes Mal. Denn sie kann bedeuten, dass du nicht in der Lage bist, zum Doktor zu gehen, dass du keine Medizin und kein Essen kaufen kannst. Für die beherrschte Klasse bedeuten politische Entscheidungen: Habe ich zu essen oder nicht. Sie gehen ihnen in Fleisch und Blut über, werden Teil ihres Körpers. Die herrschende Klasse wird davor beschützt. Für sie geht es um rein ästhetische Fragen. Das gilt auch für mich. Ich schreibe Bücher, ich habe Uniabschlüsse. Politik ist nicht mehr Teil meines Körpers. Aber sie ist Teil des Körpers meines Vaters, meiner Schwester, meines Bruders. Damit wollen wir das Publikum konfrontieren: Wenn du wählst, hast du Blut an den Händen.

Ihr Buch fängt so an: „Wenn dies ein Theatertext wäre, müsste er mit den folgenden Worten beginnen: Ein Vater und ein Sohn befinden sich in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum.“ Was bedeutet die physische Abwesenheit Ihres Vaters auf der Bühne für Sie?

Auf Thomas Ostermeiers Bühne ist eine Lücke zwischen dem Stuhl, der die Abwesenheit meines Vaters markiert, und meinem Körper, der herumläuft, der tanzt. Der eine Körper kann sich bewegen, der andere nicht, der eine kann sprechen, der andere nicht. Die Wahrheit über unsere Gesellschaft liegt in dieser Lücke. Zwischen Körpern, die erhalten und unterstützt werden, und solchen, die von der Gesellschaft zerstört werden. Von den Armen wird behauptet, die Gesellschaft unterstütze sie. Aber wenn man beide Seiten kennt, so wie ich, sieht man, dass es die herrschende Klasse ist, die erhalten wird und ständig Benefits erhält. Was für ein seltsamer Mythos, wo doch genau das Gegenteil der Fall ist.

Wie wichtig ist es für Ihre Arbeit mit Ostermeier, dass er selbst aus der Arbeiterklasse kommt?

Das ist für mich irrelevant. Erfahrung ist nicht der einzige Weg, um wieder in der Realität anzukommen. Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben mit die schönsten Zeilen über Armut und die Arbeiterklasse geschrieben. Als schwuler Mann sind mir viele homophobe Schwule begegnet und ich habe Heterosexuelle getroffen, die sehr wichtige Dinge über Homosexualität gesagt haben. Meine Mutter und mein Bruder sind arm, aber sie sind nicht die beste Adresse, wenn es darum geht, Armut zu verstehen. Mein Vater denkt, dass er nicht zur Schule ging, weil er Kinder nicht mochte und Schule nicht männlich genug fand. Er würde nie sagen, es hat etwas mit der Klassenstruktur zu tun. Für mich ist nicht wichtig, wer spricht, sondern was jemand sagt. Die Frage der Repräsentation ist aber noch mal eine ganz andere.

Wer hat die Möglichkeit, zu sprechen?

Warum stehen nicht mehr Frauen, mehr queere Personen, mehr Leute aus der Arbeiterklasse auf der Bühne? Für mich ist es wichtig, diese beiden Fragen voneinander zu trennen. Ich habe Thomas Ostermeiers Vergangenheit nicht überprüft, bevor ich mit ihm gearbeitet habe. Aber auch hier ist es komplexer. Ich würde schon ganz klar sagen, dass sein Verständnis teilweise damit zu tun hat, wo er herkommt. Seine Einsichten in meinen Vater waren mitunter genauer als meine eigenen. Manches verstand er besser als ich. Wie sprichst du mit deinem Vater, wenn du die soziale Klasse gewechselt hast? Wie redest du ihn an? Als ich ein Kind war, fühlte es sich demütigend an, wenn wir im Dorf den Doktor, den Bürgermeister oder einen Lehrer trafen, die kleine Elite. Wir redeten nicht so gewählt wie sie, unser Dialekt war zu breit, wir schämten uns. Für mich als Klassenüberläufer ist die Frage, bin ich dieser Körper geworden, der mich demütigte? Da ist dieser Stuhl, es ist mein Vater, wie spreche ich mit ihm? Verstetige ich die Gewalt gegen ihn, oder kann ich die Gewalt aufheben?

Sie schrieben mal: Wir lehnten die Kultur ab, weil die Kultur uns ablehnte. Ist es für Sie eine Genugtuung, wenn Sie im Theater von Ihrem Vater erzählen?

Eindeutig. Es war nicht vorgesehen. Dass jetzt Thomas Ostermeier, ein Held meiner Jugend, über meinen Vater spricht, fühlt sich wie eine Vergeltung an.

Info

Wer hat meinen Vater umgebracht? Regie: Thomas Ostermeier Schaubühne, Berlin. Premiere ist am 7. Oktober

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06:00 07.10.2021
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Ausgabe 42/2021

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